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Mörder und Gespenster – Band 1 – 17. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 7

Die Dame, die unseren Raufbold, Kapitän Krummbuckel, aus bizarrer Laune – denn einen anderen Grund lässt sich kaum denken – bei nächtlicher Weile empfing, bewohnte ein großes Hotel am Ende der Marktstraße. Hinter dem Hotel erstreckte sich ein weitläufiger Garten, der von einer nicht sehr hohen Mauer umgeben war.

Wie durch Eingebung wandte Franz seine Schritte in Richtung dieses Gartens und tatsächlich fanden die Treffen der beiden in einem der zahlreichen Pavillons statt, die in den Boskets verstreut lagen.

Franz lief eine Weile entlang der Mauer, um zu sehen, wo sich ihm eine geeignete Stelle bieten würde, um sie zu überklettern. Die Sache schien bedenklich. Er kannte die Örtlichkeit gar nicht. Es konnten Wächter oder Hunde da sein. Er konnte auf Fallen mancherlei Art stoßen. Seine Lage war so, dass er, statt einer großen Gefahr zu entgehen, einer anderen so richtig in die Arme laufen konnte. Doch sein innerer Zustand gestattete ihm keine Ruhe. Durch das Wegräumen des Advokaten schien ihm die drohende Gefahr nur verdoppelt: Solange der Kapitän atmete, stand ihm das Verderben in noch grässlicherer Gestalt und noch näher gegenüber als zuvor. Eine innere Stimme raunte ihm zu: »Eile, eile, triff ihn gut! Dann hast du die Erbschaft, sonst mordet er dich!«

Während der Schäfer, getrieben von dieser inneren Angst, noch immer den Zustand der Mauern untersuchte und nicht wusste, wie er den Ort ausfindig machen sollte, an dem sich das verliebte Pärchen aufhielt, kam ihm der Zufall zu Hilfe. An der einen Ecke des Gartens, die am unteren Ende liegt und am weitesten vom Hotel entfernt ist, stieß er auf eine Menschenmenge, die sich seltsam bewegte. Die meisten von ihnen sahen aus, als wären sie gerade aus den Betten aufgestanden. Sie trugen Nachtmützen und Tücher auf dem Kopf, teils an den Fenstern, teils unter den Haustüren. Alles war beleuchtet, als gälte es den Einzug einer fürstlichen Person oder eine sonstige große Sehenswürdigkeit.

»Was gibt es?«, fragte der Schäfer einen alten Bürger, der mit einem großen Stock bewaffnet unter seiner Haustür stand.

»Ha, was wird’s geben?«, antwortete dieser. »Wir glaubten schon, dass der Feind uns überfiele, so ein Spektakel war es. Da ist es nun aber nicht weiter, als dass der verteufelte Krummbuckel mit seinem Schatz wieder einmal zankt.«

»So, so! Aber wo sind sie denn beide?«, hakte der Schäfer nach.

»Seid ihr denn taub? Dort, in jenem schönen Lusthaus, das an die Gartenmauer lehnt. Wo das chinesische Dach auf den vergoldeten Kröten so prächtig durch die Nacht glitzert. Hört ihr denn nicht den Tumult? Da muss der Teufel los sein.«

Kaum hatte der Bürger diese Worte gesprochen, erscholl in der Tat erneut der Ruf: »Zu Hilfe! Mörder! Eilt herbei!« Dies waren Worte, die der Schäfer bis dahin nicht vernommen hatte, weil vielleicht der Waffenstillstand zu Ende gegangen war und die Feindseligkeiten wieder begonnen hatten. Man vernahm auch zugleich einen Lärm, als ob Möbel zertrümmert würden, und dazwischen die raue Stimme des Kapitäns: »Ich will dich lehren, mir so zu kommen! Ungetreuer! Du mir das bieten? Da hast du die Antwort?« Dann klagte und wimmerte wieder eine Frauenstimme, immer schwächer und schwächer: »Ich sterbe! Kommt herbei! Rettet mich!«

Das Volk und der Schäfer an der Spitze hatten sich nun ganz nahe zur Tür des Pavillons gedrängt, die zum Gässchen führte.

»Es ist nicht der Mühe wert, so großen Anteil zu nehmen«, sagte der alte Bürger. »Die Sache ist stets dieselbe. Wie man die Hand umdreht, werden sie wieder versöhnt sein, um morgen von Neuem anzufangen. So etwas ist schon öfter vorgekommen: Er schreit: ›Ich schlage dich tot‹, sie: ›Ich sterbe!‹, aber es ist nie wahr geworden. Am anderen Tag lebten sie noch, um dieselbe Komödie zu spielen.«

Während der Mann dies sagte, vernahm man jedoch einen durchdringenden Schrei, dem unmittelbar ein schwerer Fall folgte. Dann wurden die Lichter ausgelöscht und es herrschte große Stille im Haus und auch draußen, denn alle waren plötzlich von einem mächtigen Schrecken ergriffen. Man fühlte, dass hier ein großes Verbrechen geschehen sein musste. Die augenblickliche Erstarrung löste sich jedoch schnell wieder mit umso größerer Lebhaftigkeit auf. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff man, wie verabredet, Balken und Steine, um die Tür zu sprengen. Franz war einer der Ersten, der einer Frau das Licht aus der Hand riss und in den Saal trat, aus dem zuvor der Lärm gekommen war.

Hier war niemand zu sehen, aber alles zeigte eine furchtbare Zerstörung. Die Trümmer eines üppigen Mahles lagen neben Flaschen und anderem Geschirr am Boden, die Tapeten waren zerstochen, die Vorhänge zum Teil abgerissen und hier und da sah man Spuren von Blut.

Franz, der nur von einem einzigen Willen beseelt war, stürmte durch diesen Raum und öffnete die Tür einer angrenzenden Alkoven, in der er die Lösung des Rätsels vermutete. Das Schauspiel, das ihn hier erwartete, hielt ihn jedoch auf der Schwelle gefesselt.

Eine Dame lag am Boden, bleich und entstellt, mit zerrauftem Haar. Die Kleidungsstücke, die ihren Busen umhüllten, waren voller Blut. Neben ihr lag der scheußliche Kapitän. Er hatte Entsetzen im Gesicht, sprach gute Worte und hatte die früher so laute Stimme plötzlich tief herabgestimmt.

Er bemerkte die Eintretenden nicht sogleich, so sehr war er mit seiner eigenen Lage und dem Gegenstand, der ihm am nächsten lag, beschäftigt.

»He, kleine Schelmin!«, flüsterte er. »Spiele doch nicht die Tote! Warte, ich will dich zurechtsetzen! Wie schön bist du doch, so bleich …«

Dabei hob er sie auf, um sie auf das Bett zu legen. Sie plumpste indessen steif und schwer hinein wie ein toter Körper. Dies fiel dem Kapitän schwer aufs Herz und er sah ein, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als sich hier so schnell wie möglich aus dem Spiel zu ziehen. Da gab ihm der Teufel eine List ein, um das Leben in dem Leichnam wieder anzufachen.

»Arme Frau«, sprach er, »wie konnte ich dich, die ich so sehr liebte, nur so schmählich zurichten? Ja, ich habe sie getötet. Mein Engel, das Licht meines Lebens, ist tot und erloschen. Wenn sie noch leben würde, wäre dieses Fleisch nicht so verwelkt, diese Brust nicht so hängend. Ha, wie der Tod diesen schönen Körper doch plötzlich so entstellt und hässlich gemacht hat!«

Diese Worte wirkten. Die Dame fühlte sich wie elektrisiert, öffnete die Augen und neigte unmerklich den Kopf zur Seite, um in den Spiegel zu schauen und zu sehen, ob sie denn wirklich schon so hässlich geworden war. Da sie sah, dass ihr Fleisch noch keineswegs welk, sondern üppig und fest war, erwachte sie wieder zum kräftigsten Leben. Dies gab sie durch eine derbe Ohrfeige kund, die sie dem noch immer neben ihr stehenden Kapitän mit voller Kraft verpasste. »Das hast du dafür, den Toten Übles nachzusagen«, sprach sie dabei lächelnd.

Die Leute, die sich bis dahin als ergriffene Zuschauer in ruhiger Entfernung gehalten hatten, traten nun zum Teil näher, zum Teil entfernten sie sich.

»Jetzt stehen sie auf dem Punkt, wo sie oft schon gestanden haben«, stellte der alte Bürger fest. »Die Versöhnung ist da und die Komödie ist aus. Wir haben für diesmal nichts weiter zu tun. Wenn wir gefällig sein wollen, schicken wir ein paar Bedienstete her, um die Wirtschaft aufzuräumen.« Damit verließ er mit vielen das Zimmer.

Der Schäfer näherte sich jedoch seinem Vetter und sagte leise zu ihm: »Eine Todesangst hatte unseren Onkel ergriffen, und er hat mich beauftragt, euch aufzusuchen, koste es, was es wolle. Durch Zufall gelang es mir, euren Aufenthaltsort zu erfahren. Jetzt entdeckt mir, Mann des Unglücks, weshalb Ihr hier so Schreckliches begonnen habt und was Ihr nun zu tun gedenkt?«

Der Kapitän war überrascht, den Schäfer an diesem Ort zu sehen, schien dies jedoch als gutes Zeichen zu deuten. Er zog ihn rasch in eine Ecke, so weit weg von den Leuten, wie es ihm möglich war, und sprach leise zu ihm: »Guter Franz, der Onkel lebt uns allen zu lange. Wenn er nicht bald stirbt, bin ich verloren. Dieses Weib hat mich und sich selbst durch tolle Verschwendungen zugrunde gerichtet. Jetzt, nachdem ich ihr alles geopfert habe, will sie sich einem Reichen in die Arme werfen.«

»Ist es weiter nichts«, erwiderte eilig der Schäfer, »so kann ich Rat und Hilfe schaffen.« Daraufhin beugte er sich zum Ohr des Kapitäns, der kleiner war als er, und fügte leise hinzu: »Wenn ihr wüsstet, dass dreißigtausend schön geprägte Goldstücke im Schatten eines alten Baumes vergraben lägen, ohne von einem Drachen bewacht zu werden, würdet ihr dann zögern, euch zu bücken, um sie auszugraben?«

»Was schwatz du da für Zeug?«, rief der Kapitän, sich und den Ort, an dem er sich befand, vergessend und nicht wahrnehmend, dass sich die Leute neugierig um ihn versammelt hatten.

»Ich sage Euch alles im Augenblick, doch sorgt vor allen Dingen, dass die Leute auf schickliche Weise entfernt werden.«

In seiner Freude befahl der Kapitän einigen Dienern, die inzwischen hinzugekommen waren, die Tische im Saal wieder aufzustellen und sie reichlich mit Wein und Speisen zu besetzen, um die guten Leute zu bewirten, die durch sein Verschulden um ihre Nachtruhe gekommen waren. Kaum war dieser Befehl ergangen, wurde Hand ans Werk gelegt und schneller, als der Priester braucht, um sein Dominus vobiscum zu sagen, war alles vom Schrecken zur Fröhlichkeit übergegangen. Die Leute klirrten mit den Gläsern und schnitten herzhaft in Braten und Schinken, wo kurz zuvor noch Zank und blutiger Streit regiert hatten. Dies war charakteristisch für die geheimen Liebeshändel einer erst kurz entschwundenen Zeit: Man liebte zärtlich und hatte doch die Waffe gleich zur Hand. Dem Liebesgeflüster war der blutige Mord nahe gestellt, doch dem wilden Tumult folgte der heitere in der stillen Verschwiegenheit von vier Mauern einer abgelegenen Behausung. Doch das sind Dinge, von denen die heutige Welt nichts mehr weiß.

Nachdem die Dame – noch immer auf dem Bett liegend – mit Franz und dem Kapitän in der Alkoven allein geblieben war, sagte der Letztere: »Jetzt sprich, Freund! Was wolltest du mit deinen dreißigtausend Goldstücken? Hattest du Lust, mich zu spotten, so schlage ich dich tot wie einen Hund. Ist es aber wahr, und kannst du mich zu dem vergrabenen Schatz führen, so will ich alles tun, was du begehrst. Du darfst über mich schalten und gebieten. An Mut gebricht es mir nicht …«

»Dafür braucht man keinen Mut«, fiel ihm der Schäfer ins Wort, »hört mich an. Auch ich habe zuweilen meine verliebten Stunden, so gut wie ihr. Hoch hinauf kann ich nicht meine Blicke senden, ich muss mich mit geringer Speise begnügen. Im Haus des reichen Juden, der unweit von unserem Oheim wohnt, sah ich nun ein hübsches Christenmädchen, das in seinen Diensten ist. Durch sie erfuhr ich, dass der Alte diesen Morgen eines Handels wegen über Land reiste. Zuvor aber vergrub er, um sich abzusichern, wie es seine Gewohnheit war, das Kostbarste, was er im Haus hatte, unter dem alten Apfelbaum hinter seinem Haus. Wie gewöhnlich tat er dies in der frühen Morgenstunde nach seinem Gebet und glaubte, dass ihn bei seiner Arbeit niemand als die Engel sahen. Zufälligerweise hatte mein Liebchen nun aber wegen heftiger Zahnschmerzen nicht schlafen können. Sie hatte sich in ihrem Dachkämmerchen ans Fenster gelegt, um sich an der frischen Morgenluft zu erholen. So hatte sie den alten Burschen bemerkt, als er einen Scheffel voll Goldstücke in die Erde versenkte. Am Abend, nachdem der Oheim zu Bett gebracht worden war, sah ich sie und sie erzählte mir alles. Wenn Ihr mir nun meinen Anteil an dem Fund sichern wollt, will ich Euch gern meine Schultern leihen, um in den Garten des Juden zu klettern und unter dem Baum, der nächst der Mauer steht, nachzugraben. Sprecht jetzt und sagt mir, was Ihr von dem Vorschlag haltet.«

»Ich kann dir nur sagen, dass du ein ehrlicher und ganz vortrefflicher Mensch und mein liebster Vetter bist«, versetzte der Kapitän, während er ihn umarmte. »Wenn du jemals einen Dienst von mir willst, so gebiete ohne Umstände. Wenn du dich von jemandem befreien willst, der dir im Wege ist, leih ich dir meinen Arm und mein Schwert. Ich stoße ihn nieder, selbst wenn er mein Freund wäre. Nicht mehr dein Vetter, nein, sondern dein Bruder bin ich!«

Darauf wandte er sich der Dame zu, die noch immer ohnmächtig dalag, und sagte zu ihr: »Erheitere dich, mein Kind, alles wird gut. Morgen überhäufe ich dich mit Schätzen. Du sollst mehr zurückerhalten, als ich je ausgegeben habe. Ich lasse die Keller öffnen, um meinen lieben Vetter und seine Freunde da drinnen angemessen zu bewirten. Ich möchte das ganze Haus aus den Fenstern werfen lassen, überzeugt, dass wir morgen dennoch alles wiederfinden werden. Auf, mein Herz, meine Geliebte! Coelmna moza! Sei getrost, du siehst mich deiner würdig wieder!«

In dieser Stimmung trat der Kapitän mit seinem Vetter an der Hand in den Saal, in dem die Leute noch saßen und es sich gut gehen ließen. Er schenkte selbst dem Schäfer ein, der ganz in bäuerlicher Weise das edle, schäumende Getränk in vollen Zügen die Kehle hinuntergoss. Der Kapitän aber, der ihn für völlig betrunken hielt und befürchtete, er könne alles verraten, zog ihn mit sich fort. In der festen Absicht, wenn es ans Teilen gehen sollte, wollte er den Magen des guten Franz mit seinem Degen untersuchen, so wunderbar kam es ihm vor, dass er eine solche Menge Flüssigkeit aufnehmen konnte.

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