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Jimmy Spider – Folge 10

Jimmy Spider und die geheime Treppe

Ein Fall zum Erholen hatte mein Chef gesagt, als er mir den Fall in Deutschland angedreht hatte. Allerdings wäre mir ein Erholungsurlaub auf den Malediven lieber gewesen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich die letzten drei Tage auf einem mit argentinischen Feinkostwaren beladenen Frachter, dessen Besatzung mich rein zufällig aus dem Meer gefischt hatte, verbracht hatte, war mein Boss wohl der Ansicht, ich hätte genug Urlaub gehabt.

Tja, jetzt stand ich hier, mitten im Frankfurter Zoo, an einem Ort, den wahrscheinlich nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Im Hintergrund hörte ich nur undeutlich das Grunzen der Gnus, das Wiehern der Paviane und das Schnattern der äthiopischen Meereslangusten. Ganz alleine. Nun ja, zumindest fast.

Begleitet wurde ich von einem einheimischen Polizisten, der sich mir als Kommissar Olo vorgestellt hatte und nach eigenen Angaben für eine geheime Abteilung des BKA arbeitete.

Der Mann war etwas kleiner als ich, besaß einen nicht unerheblichen Bauchvorbau, trug einen grünen Schlapphut, einen braunen Ledermantel (mitten im Sommer) und abgenutzte Jeans, denen die weißen Turnschuhe in nichts nachstanden. Olo musste so um die 40 Jahre alt sein, was man ihm aber weniger ansah als einer Faultierdame die Schwangerschaft.

Der Grund, warum man mich alarmiert, oder besser gesagt, zum Erholen geschickt hatte, war einfach: Bei Bauarbeiten in diesem weniger genutzten Bereich des Zoos, in denen noch alte Bäume unberührt von den exotischsten Tieren seelenruhig ihr Dasein fristeten, war ein (so vermutete man) uralter Geheimgang entdeckt worden. Eine Treppe schien hinunter in das absolute Nichts zu führen. Einer der Bauarbeiter hatte sich dennoch getraut, dort hineinzusteigen. Man sah ihn nie wieder …

Und nun standen wir vor eben jener Öffnung, die mit einigen Absperrbändern gesichert war.

Olo schielte kurz zu mir herüber. »Und, was denken Sie?«

»Bis jetzt noch gar nichts.«

»Immerhin etwas.«

Jetzt schielte ich ihn an. »Haben Sie auch eine Taschenlampe?«

Er griff in seinen Mantel und holte eine recht große Leuchte hervor. »Damit könnte ich selbst Blinde blenden.« Dabei legte sich ein feistes Grinsen auf sein rundliches Gesicht.

»Wollen wir hoffen, dass es so weit nicht kommt.« Ich zog ebenfalls meine Spezial-Taschenlampe, die zwar eher aussah wie ein überdimensionaler Bleistift, aber ebenso gut leuchtete wie Olos Gerät.

Gemeinsam stiegen wir die Treppe hinab, heraus aus den Strahlen der Mittagssonne, hinein in die Finsternis. Der Kommissar ging voraus, und es schien, als würde ihm die doch recht unheimliche Atmosphäre dieses Ganges überhaupt nichts ausmachen. Wollte er mir etwa Konkurrenz machen?

Der ganze Gang, selbst die nach unten führende Treppe, schien direkt aus dem Fels gehauen worden zu sein. Kaum eine glatte Ebene war zwischen den hervorspringenden, messerscharfen Kanten zu erkennen.

Was mochte uns am Ende dieses Gangs erwarten? Finstere Morlocks, eine Geheimstation grausamer Superschurken oder gar das Imperium der Maulwürfe? Bald würden wir es hoffentlich erfahren.

Doch die Treppe schien kein Ende zu nehmen. Immer tiefer führte sie, stets gerade aus, in den Untergrund hinein. Langsam wurde ich ungeduldig. Wenn wir nicht bald das Ende erreichen würden, konnten wir hier drin ein Picknick machen. Doch soweit wollte ich es nicht kommen lassen.

»Stopp!«

Kommissar Olo hatte gerufen, und ich ging seiner Bitte nach.

»Was ist los?«

Olo drehte sich zu mir herum. »Ich glaube, wir haben das Ende der Fahnenstange erreicht.«

Er wies mit seiner rechten Hand auf das Ende der Treppe. Tatsächlich, hier war also das Ende dieses wunderlichen Geheimganges – oder doch nicht?

Nach der letzten Treppenstufe befand sich noch ein wenig flacher Boden.

Langsam schritten wir der Felswand entgegen. Nichts deutete darauf hin, dass es hier auf irgendeine Art weiterging.

Plötzlich geriet der Kommissar vor mir ins Straucheln und fiel ungebremst auf seinen gut gepolsterten Bauch. Fluchend stand er wieder auf. »Verdammt, was zum … oh … Oh!«

Ich hob meine rechte Augenbraue. »Was oh Oh?«

»Sehen Sie doch!”

Olo leuchtete auf einen am Boden liegenden Gegenstand. Nein, es war kein Gegenstand, es waren menschliche Beine. Ich leuchtete nun ebenfalls in diese Richtung und fand auch den Rest des Körpers, der in einer verdeckt liegenden Felsnische lag.

»Erkennen Sie etwas, Kommissar Olo?«

Olo beugte sich über ihn. »Sieht ganz nach einem Herzinfarkt aus. Der Kerl war wohl auch nicht mehr der Jüngste.« Er kratzte sich an seinem Hut.

»Ach, und nennen Sie mich ruhig Hans – Hans Olo.«

»Jimmy Spider, aber das wissen Sie ja schon.«

Olo nickte mir zu. Dann drehte er sich wieder zur Felswand, die uns den Weg versperrte. Ich ging noch etwas weiter auf ihn zu, bis ich direkt hinter seinem Rücken stand.

Der Kommissar ging einen Schritt zur Seite und ließ mir den Vortritt. »Tut mir Leid, hier bin ich überfragt.«

Ich gab nur ein »Hm« von mir, bevor ich begann, die Wand abzutasten. Und wahrhaftig, nach nicht einmal dreißig Sekunden hatte ich eine runde Ausbuchtung in der Wand gefunden. Als ich mit den Fingern darüber hinweg fuhr, hatte ich das Gefühl, Plastik zu streicheln. Ein Knopf vielleicht? Hatten wir hier etwa doch eine geheime Gangsterbasis entdeckt?

Hans Olo tippte mir auf die Schulter. »Was haben Sie?«

Ich zeigte es ihm. »Eine Art Knopf oder so.«

»Und was haben Sie jetzt vor?«

»Angeln gehen, Hans.« Olo schaute mich schief an, bevor ich fortfuhr. »Nein, drücken natürlich.«

»Sind Sie sicher?«

»Todsicher.«

»Wie Sie meinen.« Er setzte seinen Hut ab und tupfte mit einem Taschentuch etwas Schweiß von seinem kahlen Kopf. »Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.«

Ich zuckte nur mit den Schultern und drückte den Knopf tief in die Wand. Etwas machte Ping, während sich vor uns die Felswand auseinander schob. Zum Vorschein kam – eine Aufzugkabine.

Etwas genervt schielte ich zu meinem deutschen Kollegen hinüber. Olo grinste nur verlegen, hob entschuldigend die Hände und atmete tief durch. »Na ja, vielleicht ein Relikt eines Bau- und Planungsfehlers von Anno Dazumal.«

»Wie Sie meinen.«

Gemeinsam stiegen wir in die hell erleuchtete Metallkabine. Auf dem Armaturenbrett waren nur drei Buchstaben zu sehen – ein DT und ein K. Ich vermutete einfach mal kühn, dass diese Lettern Dachterrasse und Keller bedeuten sollten. Also drückte ich auf DT.

»Ich hab immer noch ein ganz mieses Gefühl.«

Ich verdrehte die Augen. »Vielleicht trügt Sie ihr Gefühl ja einfach.«

Olo schüttelte nur den Kopf, während sich die Aufzugtüren schlossen und die Kabine sich in Bewegung setzte.

Lange brauchten wir nicht zu warten, bis der Aufzug zum Stillstand kam. Schließlich öffneten sich die Türen wieder.

Schon auf den ersten Blick sah ich, dass dies ganz sicher nicht die Dachterrasse war. Und als plötzlich schreiend Frauen und Mädchen vor uns wegliefen, während ich die Kabine verließ, wusste ich, dass ich die Damentoilette gefunden hatte.

Kurz nach dieser Erkenntnis holte ich mir eine Zigarre heraus und steckte sie an, in der Hoffnung, der Qualm würde mein Gesicht zumindest etwas verdecken.

Hans Olo hingegen blieb hinter mir in der Kabine stehen. Er winkte mir noch kurz zu, dann drückte er auf das K. »Ich nehme lieber den Hinterausgang.«

So viel also zum Thema Erholung …

Copyright © 2008 by Raphael Marques