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Varney, der Vampir – Kapitel 60

Thomas Preskett Prest
Varney, der Vampir
oder: Das Blutfest

Ursprünglich als penny dreadful von 1845 bis 1847 veröffentlicht, als es zum ersten Mal in Buchform erschien, ist Varney, der Vampir ein Vorläufer von Vampirgeschichten wie Dracula, die es stark beeinflusst hat.

Kapitel 60

Das unterbrochene Frühstück bei Sir Francis Varney

Ungeachtet aller gegenteiligen Bemerkungen von Mr. Chillingworth hatte der Admiral tatsächlich vor, mit Sir Francis Varney zu frühstücken.

Der würdige Doktor konnte eine Zeit lang nicht glauben, dass der Admiral ernst war, als er in diesem Ton sprach. Aber er wurde sehr bald vom Gegenteil überzeugt, als der Admiral tatsächlich hinausging und Mr. Chillingworth erneut fragte, ob er mitkommen wolle.

»Das war entscheidend«, sagte der Arzt.

»Nun, Admiral, das erscheint mir zwar als eine ziemlich verrückte Laune, aber da ich das Abenteuer mit Ihnen begonnen habe, werde ich es auch mit Ihnen beenden.«

»Das ist richtig«, entgegnete der Admiral. »Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht, Doktor. Also kommen Sie mit. Zum Teufel mit diesen Vampiren! Ich weiß selbst nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll. Ich denke, Sir Francis Varney ist doch eher Ihr Fachgebiet als meines.«

»Was meinen Sie damit?«

»Könnten Sie ihn nicht davon überzeugen, dass er krank ist und Medizin braucht? Das würde ihn schnell zur Ruhe bringen, wissen Sie.«

»Ihn zur Ruhe bringen!«, sagte Mr. Chillingworth. »Ich möchte anmerken, dass die Dosis der Medikamente, die ich ihm geben würde, sehr zu seinem Vorteil wäre. Meiner Meinung nach ist diese Einladung zum Frühstück letztendlich jedoch nur ironisch gemeint. Wenn wir in Walmesley Lodge ankommen, werden wir ihn wahrscheinlich nicht sehen, sondern feststellen, dass es sich um einen Streich handelt.«

»Das würde mir natürlich gefallen, aber es ist trotzdem einen Versuch wert. Der Kerl hat sich wirklich so außergewöhnlich verhalten, dass ich mich mit ihm einigen werde, wenn ich kann. Und es gibt eine Sache, Doktor, von der ich glaube, dass wir sie entdeckt haben.«

»Und was könnte das sein? Dass man sich eines Vampirs nicht zu sicher sein sollte, selbst wenn man ihn am Wickel hat?«

»Nein, das ist es nicht, obwohl das in gewisser Weise sehr richtig ist. Aber es ist einfach so: Sir Francis Varney – wer oder was er auch ist – ist hinter Bannerworth Hall her und nicht hinter der Familie Bannerworth. Wenn Sie sich erinnern, Mr. Chillingworth, habe ich in unserem Gespräch immer auf dieser Tatsache bestanden.«

»Das haben Sie, und mir scheint, dass dies durch die Ereignisse der Nacht vollständig bestätigt wurde. Da haben wir es also, Admiral: das große Rätsel. Was kann er in Bannerworth Hall wollen, dass er sich so viel Mühe macht und so viele furchtbare Risiken eingeht, um es zu bekommen?«

»Das ist in der Tat das Rätsel. Wenn er diese Einladung zum Frühstück ernst meint, werde ich ihn direkt danach fragen. Gleichzeitig werde ich ihm sagen, dass es für ihn vielleicht am besten ist, ehrlich zu sein, auch wenn er ein Vampir ist, um sein Ziel zu erreichen.«

»Aber Admiral, Sie glauben doch nicht immer noch an diesen törichten Aberglauben, dass Sir Francis Varney in Wirklichkeit ein Vampir ist?«

»Ich weiß es nicht und kann es nicht sagen. Wenn mir jemand eine Beschreibung einer seltsamen Fischart geben würde, die ich noch nie gesehen habe, würde ich mir nicht anmaßen zu sagen, dass es so etwas nicht gibt. Und Sie würden das auch nicht tun, Doktor, wenn Sie wirklich die vielen seltsamen Exemplare gesehen hätten, denen ich zu verschiedenen Zeiten begegnet bin.«

»Nun gut, Admiral, ich gehöre sicherlich nicht zu jener philosophischen Schule, die das Unmögliche für das erklärt, was sie nicht versteht. Es mag Vampire und Geister geben, obwohl ich nichts davon weiß. Ich bezweifle diese Dinge nur, weil ich denke, dass sie, wenn sie wahr wären, inzwischen durch wiederholte Fälle ohne Zweifel oder Einwände als Naturphänomene bestätigt worden wären.«

»Nun, da ist etwas dran, aber wie weit müssen wir jetzt noch gehen?«

»Nicht weiter als bis zu jener Einfriedung, wo Sie diese parkähnlichen Tore sehen und jene Zeder, die ihr dunkelgrünes Laub so weit auf die Straße ausbreitet. Das ist Walmesley Lodge, wohin Sie eingeladen wurden.«

»Und Sie, mein gelehrter Freund, denken Sie daran, dass auch Sie eingeladen wurden. Sie sind also kein Eindringling in die Gastfreundschaft von Varney, dem Vampir.«

Als sie das Tor erreichten, fuhr Mr. Chillingworth fort: »Admiral, Sie wissen, dass es nicht ganz angebracht ist, einen Mann an seinem eigenen Frühstückstisch als Vampir zu bezeichnen. Tun Sie mir also den Gefallen und versprechen Sie mir, keine solche Bemerkung gegenüber Sir Francis zu machen.«

»Das ist doch wohl unwahrscheinlich!«, sagte der Admiral. »Er weiß, dass ich weiß, was er ist, und er weiß, dass ich ein geradliniger Mann bin, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich werde jedoch höflich zu ihm sein, mehr kann ich nicht versprechen. Ich muss ihm, wenn möglich, entlocken, was aus Charles Holland geworden ist und was er selbst eigentlich will.«

»Nun gut, geraten Sie nicht mit ihm aneinander, solange wir seine Gäste sind.«

»Nicht, wenn ich es vermeiden kann.«

Der Arzt läutete an der Torglocke von Walmesley Lodge. Nach wenigen Augenblicken öffnete eine Frau und fragte nach dem Grund ihres Besuchs.

»Ist Sir Francis Varney hier?«, fragte der Doktor.

»Oh ja«, antwortete sie. »Sein Haus ist niedergebrannt. Aus irgendeinem Grund – ich weiß wirklich nicht, warum – von irgendwelchen Leuten – ich weiß wirklich nicht, von wem. Da das Torhaus zu vermieten war, haben wir ihn aufgenommen, bis er etwas Passendes gefunden hat.«

»Ah! So ist das also?«, bemerkte der Admiral. »Sagen Sie ihm, dass Admiral Bell und Dr. Chillingworth hier sind.«

»Sehr gerne«, erklärte die Frau. »Sie können hereinkommen.«

»Vielen Dank, Sie sind sehr zuvorkommend, gnädige Frau. Gibt es etwas zum Frühstück?«

»Ja, ich bereite ihm gerade etwas zu, aber er hat nicht gesagt, dass er Besuch erwartet.«

Die Frau öffnete das Gartentor und sie gingen durch einen gepflegten Garten zu der Hütte, die von außen wie ein Cottage aussah, aber innen mit allem Komfort eines geräumigen Hauses ausgestattet war.

Sie ließ sie in einem kleinen Raum neben der Eingangshalle zurück und war etwa fünf Minuten lang abwesend. Als sie zurückkam, sagte sie nur, dass Sir Francis Varney seine Grüße übermittelte, und bat sie, nach oben zu gehen. Sie ging ihnen voraus eine schöne Treppe hinauf, die zum ersten Stock des Hauses führte.

Bis zu diesem Moment hatte Mr. Chillingworth mit irgendwelchen Ausreden gerechnet, denn trotz allem, was er über Sir Francis Varney gehört und gesehen hatte, konnte er nicht glauben, dass auch nur ein bisschen Frechheit ausreichen würde, um Leute als Gäste zu empfangen, mit denen er sich doch im Krieg befand.

Es war eine seltsame Situation, und vielleicht war die Annahme der Einladung unter den gegebenen Umständen durch den Admiral das Einzige, was der kühlen Unverschämtheit der Einladung entsprach.

Sir Francis Varney hatte die Einladung vielleicht als Scherz gemeint, aber wenn dem so war, dann war offensichtlich, dass er sich nicht mit seinen eigenen Waffen schlagen lassen würde.

Der Raum, in den sie geführt wurden, war lang und schmal. Eine sehr breite Tür führte hinein; sie lag am Ende, das der Treppe am nächsten war. Am anderen Ende befand sich eine ähnliche Tür, die zu anderen Räumen des Hauses führte.

Sir Francis Varney saß mit dem Rücken zu dieser zweiten Tür. Ein Tisch mit einigen Stühlen und anderen Möbelstücken war so vor ihm angeordnet, dass sie achtlos an ihrem Platz standen, aber tatsächlich eine ziemlich gute Barriere zwischen ihm und seinen Besuchern bildeten.

Der Admiral war jedoch zu sehr darauf bedacht, Varney zu sehen, um diese Vorbereitungen zu bemerken. Er betrat schnell den Raum.

Und dort war es tatsächlich: das viel gefürchtete, lästige, hartnäckige und seltsam aussehende Wesen, das der Familie Bannerworth so viel Ärger bereitet und den Frieden der ganzen Gegend gestört hatte. Es war das Unglück dieser Gegend, ihn als Einwohner zu haben.

Wenn überhaupt, sah er dünner, größer und blasser aus als sonst. Er schien leicht nervös zu sein, als er langsam den Kopf in Richtung des Admirals neigte. Das war nicht ganz verständlich.

»Nun«, begann Admiral Bell, »Sie haben mich und meinen gelehrten Freund zum Frühstück eingeladen, und hier sind wir.«

»Keine zwei Menschen«, erwiderte Varney, »könnten meiner Gastfreundschaft willkommener sein als Sie und Dr. Chillingworth. Ich bitte Sie, nehmen Sie Platz. Wie angenehm ist es doch, nach den Mühen und Kämpfen dieses Lebens gelegentlich in der liebenswerten Gesellschaft so lieber Freunde zu sitzen.«

Während er sprach, verzog er das Gesicht zu einer grässlichen Grimasse und der Admiral sah aus, als wäre er in diesem frühen Stadium des Gesprächs schon geneigt, einen Streit anzufangen.

»Liebe Freunde!«, setzte er hinzu. »Nun gut, es hat keinen Sinn, sich über ein oder zwei Worte zu streiten, aber ich sage Ihnen eins, Mr. Varney, Sir Francis Varney oder wie Sie sonst heißen mögen …«

»Warten Sie, mein lieber Herr«, sagte Varney, »wenn Sie so freundlich wären … nach dem Frühstück.«

Während er sprach, läutete er eine Handglocke. Die Haushälterin brachte ein reichlich gedecktes Tablett herein. Sie stellte es auf den Tisch, und die verschiedenen Speisen, die darauf dampften, zeugten zweifellos von ihren kulinarischen Fähigkeiten.

»Deborah«, sagte Sir Varney in sanftem Ton, »bring weiterhin Essen, bis dieser alte, brutale Seeräuber seinen widerlichen Appetit gestillt hat.«

Der Admiral riss die Augen weit auf, sah Sir Francis Varney an, legte beide Fäuste auf den Tisch und holte tief Luft.

»Haben Sie diese Bemerkungen an mich gerichtet, Sie blutsaugender Vagabund?«, sagte er schließlich.

»Wie bitte?«, gab Sir Francis Varney zurück und schaute über den Kopf des Admirals hinweg, als sähe er etwas Interessantes an der Wand dahinter.

»Mein lieber Admiral«, wandte sich Mr. Chillingworth an ihn, »kommen Sie mit.«

»Ich werde dich zuerst sehen, du …!«, fauchte der Admiral. »Nun, Mr. Vampyre, kein Ausweichen. Haben Sie diese Bemerkungen an mich gerichtet?«

»Deborah«, erklärte Sir Francis Varney mit klarer Stimme, »Sie können dieses Tablett wegbringen und das nächste bringen.«

»Nicht, wenn ich es verhindern kann«, widersprach der Admiral.

»Ich bin zum Frühstück gekommen und werde es auch einnehmen. Nach dem Frühstück ziehe ich Ihnen an der Nase, ja, selbst wenn Sie fünfzig Vampire wären, würde ich es tun.«

»Dr. Chillingworth«, wandte sich Varney an den Arzt, »Sie essen nichts. Sie müssen von Ihren nächtlichen Anstrengungen erschöpft sein. Ein Mann in Ihrem Alter kann sich nicht ungestraft wie ein Narr in einer Pantomime herumwälzen und herumtollen. Denken Sie nur, was für eine Katastrophe es wäre, wenn Sie erkranken würden. Ihre Patienten würden alle krank bleiben, verstehen Sie?«

»Sir Francis Varney«, sagte Mr. Chillingworth, »wir sind Ihre Gäste. Wir sind auf Ihre Einladung hin hierhergekommen, um an einer Mahlzeit teilzunehmen.  Sie haben uns beide grundlos angegriffen. Ich muss wohl nicht sagen, dass Sie damit Ihren eigenen Geschmack und Ihr Urteilsvermögen weitaus mehr in Verruf bringen als uns.«

»Hervorragend formuliert«, befand Sir Francis Varney und klatschte in die Hände, woraufhin der Admiral erneut zusammenzuckte. »Nun, alter Bell, ich werde mit Ihnen kämpfen, wenn Sie sich benachteiligt fühlen, während der Doktor auf Fairness achtet.«

»Alter wer?«, rief der Admiral.

»Bell, Bell – heißen Sie nicht Bell? Ein Familienname, nehme ich an, wegen des höllischen Klapperns, das so sinnlos ist und für Ihre Art so charakteristisch ist.«

»Sie wollen sich mit mir duellieren?«, sagte der Admiral und sprang auf.

»Ja, wenn Sie mich herausfordern.«

»Bei Gott, das tue ich natürlich.«

»Dann nehme ich die Herausforderung an. Wie Sie wissen oder wissen sollten, kann der Herausgeforderte seine eigenen Bedingungen für den Kampf festlegen.«

»Legen Sie fest, was Sie wollen, es ist mir egal. Sagen Sie nur, dass Sie kämpfen werden, das reicht mir.«

»Gut«, stimmte Sir Francis Varney mit feierlicher Stimme zu.

»Nein, nein«, unterbrach ihn Mr. Chillingworth, »das ist kindische Torheit.«

»Halten Sie den Mund«, befahl der Admiral, »und lassen Sie uns hören, was er zu sagen hat.«

»In diesem Herrenhaus – denn es ist ein Herrenhaus, auch wenn es den unscheinbaren Namen einer Lodge trägt – gibt es einen großen Raum. Er wurde ursprünglich von einem wissenschaftlich interessierten Besitzer des Anwesens für mikroskopische und andere Experimente eingerichtet, die völlige Dunkelheit erforderten. Eine Dunkelheit, die man fast greifen kann: spürbar, dicht und undurchdringlich wie die Dunkelheit eines Grabes. Und ich weiß, wie das ist.«

»Das glaube ich Ihnen aufs Wort!«, sagte der Admiral. »Es ist auch feucht dort, nicht wahr?«

»Der Raum?«

»Nein, das Grab.«

»Oh! Ungewöhnlich nach den Herbstregenfällen. Aber um fortzufahren – dieser Raum ist groß, hoch und vollkommen leer.«

»Nun?«

»Ich schlage vor, dass wir zwei Sensen besorgen.«

»Zwei was?«

»Sensen mit langen Stielen und praktischen Griffen.«

»Nun, ich werde gelyncht! Was schlagen Sie als Nächstes vor?«

»Sie werden vielleicht geköpft. Als Nächstes schlage ich vor, dass wir beide mit diesen Sensen in den dunklen Raum gebracht werden. Die Tür wird geschlossen und doppelt verriegelt, und zwar für eine Stunde. Dann tun wir unser Bestes, um uns gegenseitig in zwei Teile zu schneiden. Wenn es Ihnen gelingt, haben Sie gewonnen. Aber ich hoffe, dass ich Sie dank meiner überlegenen Beweglichkeit überwältigen kann.«

Hier sprang Sir Francis auf seinen Stuhl und setzte sich auf dessen Rückenlehne. Wie gefällt Ihnen der von mir vorgeschlagene Plan? Entspricht er Ihren Wünschen?«

»Verflucht sei Ihre Unverschämtheit!«, blaffte der Admiral, legte die Ellbogen auf den Tisch und stützte verwundert das Kinn auf die Hände.

»Nein«, unterbrach ihn Sir Francis, »Sie haben mich herausgefordert, und außerdem haben Sie die gleichen Chancen, das wissen Sie. Wenn es Ihnen gelingt, mich zuerst zu schlagen, gehe ich zu Boden, und wenn es mir gelingt, Sie zuerst zu schlagen, gehen Sie zu Boden.«

Während er sprach, streckte Sir Francis Varney seinen Fuß aus und schloss eine kleine Klammer, die die Klappe des Tisches festhielt, auf der sich der Admiral stützte. So fiel der Admiral mitsamt dem Teetablett und allem anderen zu Boden.

Mr. Chillingworth eilte herbei, um ihm aufzuhelfen. Als beide wieder auf den Beinen waren, stellten sie fest, dass sie allein waren.

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