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Sagen der mittleren Werra 85

Vom Hohlenstein bei Altenstein

Eine der schönsten Zierden des Naturparks um Altenstein ist der riesige Dolomitpfeiler, der sich am oberen Rand des Berges erhebt, an dessen Fuß sich die bekannte Glücksbrunner Höhle befindet. Es ist dies der Hohlenstein, dessen Gipfel ein kleines, von dem verstorbenen Herzog Georg er­bautes japanisches Häuschen krönt und eine weite Rundsicht über die herrliche Gegend gewährt. Seinen Namen hat er von einer nach Osten offenen tiefen Höhlung, die sich nach Westen bis auf eine enge Felsenspalte schließt. Hier ist eine Windharfe angebracht.

Ein Greis aus Schweina teilte mir nachstehende, fast verklungene Sage über den Hohlenstein so mit: »Unsere Alten«, begann er, »haben immer erzählt, zu der Zeit, als der Werragrund und auch die Gegend bei Schweina und noch gar weithin alles ein großer wilder See gewesen sei und die Menschen nur auf den Bergen gewohnt hätten, da wären die Lust- und Wassergeister einmal uneins gewor­den und sei eine so schreckliche Zeit gekommen, dass die Men­schen sich selbst auf den höchsten Bergen vor der argen Auf­regung der Gewässer nicht mehr sicher geglaubt hätten. Da sollen sich denn nun die, welche hier oben auf dem Berg wohnten und noch nicht vom Wasser mit fortgerissen waren, in ihrer Not auf den Hohlenstein geflüchtet und an den Berggeist gewandt haben, dass er sich ihrer erbarme. Und der Berggeist, der mächtiger ist als die anderen, erhörte ihr inbrünstiges Flehen, stieg aus der Tiefe empor, gebot dem Sturm und den Gewässern und schlug mit seinem Demant­fäustel das Loch in den Felsen droben, und das Wasser stürzte alsbald in das Innere des Berges. Da drinnen steht es nun noch als ein gewaltiger See, festgebannt von dem Geist. Aber auch die Gewässer hier unten in den Tälern gehorchten seinem Gebot und brachen zum Werratal durch.«

»Aber gut ist es, lieber Freund«, fuhr der Greis fort, »dass wir hoffentlich dann nicht mehr da sein werden, wenn die Prophezeiung, von der unsere Alten auch erzählt haben, einmal in Erfüllung gehen wird, dass der Bann, der die Ge­wässer fesselt, sich einst lösen, der Berg samt dem Hohlenstein einstürzen und das wilde Wasser wieder durchbrechen werde; dann geht alles, die herrliche Landschaft mit Men­schen und Vieh, alles wieder zu Grunde. Und kommen wird dies ganz gewiss, denn unsere Jugend hat keinen Respekt mehr vor dem Alter und keinen mehr vor dem lieben Herrgott!«

Nach einer andern Sage soll der Hohlenstein vor un­vordenklichen Zeiten der Aufenthaltsort eines scheußlichen Drachens gewesen sein und das Ungeheuer sich in den Berg zurückgezogen haben.

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