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Die Virginier Erster Band – 7. Kapitel

William Makepeace Thackeray
Die Virginier
Erster Band
Wurzen, Verlags-Kontor, 1858
7. Kapitel

Vorbereitungen zum Krieg

Sicher gibt nichts einem Mann mehr Anspruch auf Sym­pathie, als wenn er tapfer, jung, hübsch und unglücklich ist. Madame Esmond mochte zwanzig Söhne haben und besaß dennoch ein Recht, ihren jungen Krieger zu bewundern. Mr. Washingtons Zimmer in ihrem Haus gehörte jetzt mehr denn je Mr. Washington. Sie schwärmte von ihm und pries ihn in allen Gesellschaften. Mehr denn je stellte sie ihren

Söhnen seine Vorzüge als Muster hin, indem sie seine verglich (der wilde Junge!) und mit Georges unjugendlichem Sinnieren über seinen Büchern. George war nicht geneigt, Mr. Washington wegen der überschwänglichen Lobeserhebungen seiner Mutter nun mehr zu lieben. Ernährte den Dämon der Eifersucht in seinem Inneren, bis er eine wahre Plage für ihn selbst und seine Umgebung gewesen sein muss. Er machte so hintergründige Witze, dass seine einfältige Mutter sie überhaupt nicht verstand, sondern verwirrt von seinen Sar­kasmen dasaß und nicht wusste, was sie von seiner übel­launigen, mürrischen Stimmung halten sollte.

Indessen gingen öffentliche Ereignisse vor, die das Geschick der ganzen uns vertrauten Familie beeinflussen sollten. Der Hader zwischen französischen und englischen Nordameri­kanern war von einem provinziellen zu einem nationalen Streit angewachsen. Verstärkungen aus Frankreich waren schon in Kanada angekommen und englische Truppen wur­den in Virginia erwartet.

»Ach, mein teurer Freund!«, schrieb Madame la Présidente de Mouchy aus Quebec an ihren jungen Freund George Warrington. »Wie widrig uns das Schicksal ist! Ich sehe Euch eine angebetete Mutter ver­lassen, um Euch in die Arme Bellonas zu stürzen. Ich sehe Euch verwundet nach blutigen Schlachten. Fast zögere ich, unseren Lilien den Sieg zu wünschen, wenn ich Euch unter den Bannern des Leoparden weiß. Es gibt Feindschaften, die das Herz nicht anerkennt – unsere halten ganz gewiss Frieden inmitten dieses Aufruhrs. Wir alle hier lieben und grüßen Euch sowohl als Monsieur Bärenjäger, Euren Bruder (diesen kalten Hippolyt, der die Jagd der sanften Plauderei unserer Damen vorzog!). Euer Freund und Feind, der Chevalier de la Jabotiere, brennt darauf, seinem edlen Rivalen auf dem Feld des Mars zu begegnen. M. du Quesne sprach gestern beim Abendessen von Euch. M. du Quesne und mein Gemahl senden ihrem jungen Freund die wärm­sten Grüße, mit denen sich stets verbinden die Eurer ergebenen Présidente du Mouchy.«

»Das Banner des Leoparden«, von dem Georges schöne Briefschreiberin sprach, wehte tatsächlich im Wind, und eine Anzahl von des Königs Soldaten sammelte sich darum. Man beschloss, den Franzosen alle Eroberungen zu entreißen, die sie auf britischem Territorium gemacht hatten. Zwei Regimenter wurden in Amerika vom König aufgestellt und bezahlt, und eine Flotte mit zwei weiteren unter einem erfahrenen Kommandeur wurde von Hause abgesandt. Im Februar 1755 ankerte Kommodore Keppel mit dem berühm­ten Schiff CENTURION, auf dem Anson seine Reise um die Welt gemacht hatte, in Hampton Roads, mit zwei Kriegs­schiffen unter seinem Kommando, und mit General Braddock samt seinem Stab und einem Teil seiner Truppen an Bord. Mr. Braddock war vom Herzog ernannt worden. Hundert Jahre zuvor wurde der Herzog von Cumberland in England der Herzog par excellence genannt – wie man seither einen anderen berühmten Krieger bezeichnet. Sicher war dieser Fürst nicht ein so großer Herzog, wie seine Partei glaubte, und sicher nicht so schlecht, wie seine Feinde ihn darstellten. Eine Transportflotte folgte eilig dem General Prinz Wilhelms und brachte Lebensmittel, Soldaten und Geld in Fülle. Der große Mann landete seine Truppen in Alexandria am Potomac und wandte sich nach Annapolis in Maryland, wohin er die Gouverneure der verschiedenen Kolonien beorderte, um mit ihnen Rat zu pflegen. Er drängte jeden, seine Provinz aufzufordern, dass sie in dieser Notlage die gemeinsame Sache unterstütze.

Die Ankunft des Generals und seiner kleinen Armee rief mächtige Aufregung in allen Provinzen hervor, und nirgends größere als in Castlewood. Harry war augenblicklich fort, um die Truppen in Alexandria unter Segel zu sehen. Der Anblick ihrer Linien und die anfeuernde Musik ihrer Trommeln und Pfeifen berauschte ihn. Er machte im Nu Bekanntschaft mit den Offizieren beider Regimenter; er wollte zu gern mit in den Feldzug, für den sie bestimmt waren, und wurde in ihrer Messe als willkommener Gast begrüßt.

Madame Esmond gefiel es, dass ihre Söhne Gelegenheit finden sollten, den Umgang mit Gentlemen vornehmer Lebensart aus England zu genießen. Sie zweifelte nicht daran, dass diese Gesellschaft veredelnd wirkte, dass die englischen Herren ganz anders wären als die virginischen Landjunker, zu denen sich Master Harry zu gesellen pflegte, mit ihren Pferderennen und Hahnenkämpfen, und als die An­wälte, Winkeladvokaten und Speichellecker an des Vizegouverneurs Tafel. Madame Esmond hatte ein sehr scharfes Auge dafür, Schmeichler in anderer Leute Haus zu ent­decken. Besonders über die kleine Gruppe Staatsbeamter in Williamsburg ergoss sie ihren Spott und ließ keine Milde walten bei ihren Etikettefragen und Rangstreitigkeiten.

Was die Gesellschaft von des Königs Offizieren betraf, so lächelten Mr. Harry und sein älterer Bruder, als ihre Mama den Anstand und die feine Sitte der Herren aus dem Lager rühmte. Wenn die tugendhafte Dame nur alles gewusst hätte, wenn sie nur die Späße und die Lieder gehört hätte, die sie bei Wein und Punsch sangen, und wenn sie gesehen hätte, in welcher Verfassung viele von ihnen ins Quartier geschafft wurden – sie würde diese Gesellschaft ihren Söhnen kaum so eifrig empfohlen haben. Mannschaften und Offiziere schwadronierten im Land umher und erschreckten die friedlichen Bewohner der Farmen und Dörfer durch ihre Ausschreitungen. Der General wetterte und tobte gegen seine Truppen wegen ihrer mangelnden Zucht, gegen die Provinzbevölkerung wegen ihrer verräterischen Knauserei; die Soldaten ergriffen Besitz von dem Land, als ob sie es erobert hätten. Sie verachteten die Provinzler und benahmen sich schmählich selbst gegen die Frauen ihrer indianischen Verbündeten, die sich den englischen Kriegern bei ihrer Ankunft in Amerika angeschlossen hatten, um gemeinsam mit ihnen gegen die Franzosen zu marschieren. Der General war gezwungen, den Indianerfrauen das Betreten des Lagers zu verbieten. Bestürzt und tief beleidigt zogen sich ihre Ehe­männer ebenfalls zurück, und schon wenige Monate später, als ihr Beistand höchst wertvoll gewesen wäre, fehlten dem General ihre Dienste.

Einige Gerüchte über die Gentlemen aus dem Lager mochte Madame Esmond gehört haben, aber sie gab nichts darauf. Soldaten waren nun mal Soldaten, das wusste jeder. Die Offiziere, die auf ihrer Söhne Einladung nach Castlewood kamen, waren jedenfalls die höflichsten Gentlemen. Und das stimmte auch tatsächlich. Die Witwe empfing sie sehr liebenswürdig und bot ihnen die beste Jagd im Land. Bald sandte der General selbst artige Botschaften an die Herrin von Castlewood. Sein Vater hatte mit dem ihren gemeinsam unter dem ruhmreichen Marlborough gefochten, und Oberst Esmonds Name war in England noch bekannt und geachtet. Mit Ihrer Gnaden Erlaubnis würde General Braddock sich die Ehre geben, ihr in Castlewood seine Aufwartung zu machen, um der Tochter eines so hochverdienten Offiziers seine Ehrerbietung zu erweisen.

Vielleicht wäre Madame Esmond nicht so entzückt von seinen Komplimenten gewesen, wenn sie den Grund für Mr. Brad­docks Artigkeiten gekannt hätte. Der Oberkommandierende hielt in Alexandria Levees, und unter den Kavalieren des Landes, die ihm die Ehre erwiesen, befanden sich auch unsere Zwillinge aus Castlewood. Sie versahen sich mit ihren besten Gäulen und modernsten Anzügen aus London, und mit zwei Negerboys in schmucker Livree als Gefolge, ritten sie in vollem Staat, dem großen Mann aufzuwarten. Da er auf die Kavaliere der Provinz ärgerlich und böse war, nahm er kaum Notiz von den jungen Herren und fragte nur beim Diner beiläufig seinen Adjutanten, wer die beiden jungen Gimpel in Blau und Gold mit roten Westen wären.

Mr. Dinwiddie, der Vizegouverneur von Virginia, dazu der Beauftragte Pennsylvanias und ein paar andere Herren

speisten zufällig bei seiner Exzellenz.

»Oh«, rief Mr. Dinwiddie, »das sind die Söhne der Prinzessin Pocahontas«, worauf der General mit einem fürchterlichen Fluch fragte, wer zum Henker das nun wieder sei.

Dinwiddie, der sie nicht eben liebte, da er tatsächlich hundert Herausforderungen von der herrschsüchtigen kleinen Dame eingesteckt hatte, entwarf nun ein lächerliches und wenig respektvolles Bild von Madame Esmond, machte sich über das Pomphafte ihres Wesens und ihre ungeheuerlichen Anmaßungen lustig und unterhielt General Braddock mit Anekdoten über sie, bis seine Exzellenz entschlummerte.

Als der General erwachte, war Dinwiddie gegangen, aber der Gentleman aus Philadelphia saß noch am Tisch, lebhaft in ein Gespräch mit den anwesenden Offizieren vertieft. Der General nahm die Unterhaltung bei dem Thema auf, das sie vor seinem Nickerchen behandelt hatte, und sprach von Madame Esmond in rauen, unehrerbietigen Ausdrücken, so wie es Soldaten in jenen Tagen zu tun pflegten, und fragte nochmals nach dem Namen der alten Närrin, von der Din­widdie erzählt hatte. Dann machte er seiner Wut und Verachtung gegen die Kavaliere und das Land im Allgemeinen in heftigen Worten Luft.

Mr. Franklin aus Philadelphia wiederholte den Namen der Witwe, gab ein ganz anderes Bild ihres Charakters als Mr. Dinwiddie, und schien eine Menge über sie, ihren Vater und ihren Besitz zu wissen, wie er tatsächlich über jeden Menschen oder Gegenstand Bescheid wusste, auf den die Rede kam. Er erklärte dem General, dass Madame Esmond Rinder und Pferde und Lebensmittel in Fülle habe, die im gegenwärtigen kritischen Moment sehr nützlich sein könnten, und empfahl ihm, die Dame auf jeden Fall zu gewinnen. Der General hatte bereits erkannt, dass Mr. Franklin ein sehr intelligenter, geschickter Mann war und befahl einem Adju­tanten gnädig, die beiden jungen Leute für den nächsten Tag zum Dinner einzuladen. Als sie erschienen, gab er sich sehr gutmütig und freundlich, und die Herren seiner Um­gebung machten viel Aufhebens von ihnen. Sie benahmen sich, wie es Personen ihres Namens zukam, mit Anstand und wohlerzogen; sie kehrten nach Hause zurück, entzückt von dem Empfang; und ihre Mutter war nicht weniger angetan von der Höflichkeit, die seine Exzellenz ihren Jungen erwiesen hatte. Um Braddock zu antworten, schrieb Madame Esmond ein Billett in ihrem besten Stil, dankte ihm für seine Freundlichkeit und bat seine Exzellenz zu bestimmen, wann sie die Ehre haben würde, ihn in Castlewood begrüßen zu dürfen.

Die Ankunft der Armee und der bevorstehende Feldzug bildeten beständig das Gesprächsthema in der Familie. Sich diesem Unternehmen anzuschließen, war Harrys heißester Wunsch im Leben. Er träumte nur noch von Krieg und Schlacht, er scheuerte und putzte und polierte alle Gewehre und Degen im Haus; er erneuerte die Freuden seiner Kind­heit und drillte die Neger. Seine Mutter, die einen uner­schrockenen Sinn hatte, wusste, dass nun die Zeit gekommen war, da einer ihrer Jungen sie verlassen und dem König dienen musste. Sie wagte kaum daran zu denken, welchen dies Schicksal treffen würde. Sie bewunderte und achtete den Älteren, aber sie fühlte, dass sie den Jüngeren mit aller Leidenschaft ihres Herzens liebte.

So begierig Harry war, Soldat zu werden, und mit seinem ganzen Denken auf diesen glorreichen Plan erpicht, so wagte doch auch er kaum an das Thema zu rühren, das ihm so am Herzen lag. Ein- oder zweimal, als er es George gegenüber anschnitt, nahmen dessen Züge einen unheilkündenden Aus­druck an. Harry hing mit Lehnsmannstreue an dem älteren Bruder; er verehrte ihn mit außerordentlicher Hochschätzung und gab ihm in allen Dingen als dem Häuptling nach. Und Harry sah zu seinem unendlichen Schrecken, wie George auf seine ernste Art sich ebenfalls mit soldatischen Dingen beschäftigte. Er hatte die Kriege Marlboroughs und Prinz Eugens vom Bücherbord heruntergeholt, alle militäri­schen Fachbücher seines Großvaters und die kriegerischsten von Plutardis Lebensbeschreibungen. Er und Dempster übten wieder mit dem Florett. Der alte Schotte war in die Kriegskunst eingeweiht, obgleich etwas zurückhaltend dar­über, wo er sie erlernt hatte.

Madame Esmond ließ ihre beiden Jungen die Antwort auf seiner Exzellenz Botschaft überbringen und begleitete ihren Brief mit so großzügigen und hübschen Geschenken für den Stab des Generals und die Offiziere der zwei königlichen Regimenter, dass der General sich veranlasst sah, Mr. Frank­lin mehr als einmal dafür zu danken, dass er durch seine Vermittlung diese willkommenen Verbündeten in das Lager gebracht hatte.

Der General fragte, ob nicht einer der jungen Herrn den Feldzug gern mitmachen möchte. Ein Freund, der oft von ihnen sprach, nämlich Mr. Washington, der bei dem Unternehmen im vorigen Jahr so wenig erfolgreich gewesen war, hatte bereits versprochen, sich ihm als Adjutant anzuschließen; und seine Exzellenz würde sich freuen, noch einen jungen virginischen Herrn in sein Gefolge aufzu­nehmen. Harrys Augen strahlten, und sein Gesicht erglühte bei diesem Angebot. Von ganzem Herzen gern würde er mit­gehen, rief er aus. George, der seinen jüngeren Bruder scharf ansah, erwiderte, dass einer von ihnen stolz sein würde, seiner Exzellenz zu folgen, während es des andern Pflicht wäre, für ihre Mutter zu Hause zu sorgen. Harry überließ es dem Älteren, für beide zu sprechen. Selbst jetzt noch unterwarf er seinen Willen Georges Absichten. Wie sehr er auch zu gehen wünschte, er würde es nicht aus­sprechen, ehe George sich nicht erklärt hatte. Er sehnte sich so nach dem Feldzug, dass dieses starke Verlangen ihn schüchtern machte. Auf dem Heimweg wagte er nicht, die Sache mit George zu erörtern. Sie ritten meilenweit schwei­gend oder versuchten, über gleichgültige Dinge zu reden, da jeder wusste, was in dem anderen vorging und sich scheute, die furchtbare Frage zur Entscheidung zu bringen.

Bei ihrer Ankunft erzählten die Jungen ihrer Mutter von General Braddocks Aufforderung.

»Ich wusste, es musste kommen«, sagte sie, »in solcher Bedrängnis des Landes muss unsere Familie hervortreten. Habt ihr … habt ihr schon beschlossen, wer von euch mich verlassen soll?« Und sie blickte ängstlich von George zu Harry und fürchtete eben­so sehr, den einen Namen zu hören wie den anderen.

»Der Jüngste muss gehen, Mutter, natürlich muss ich gehen!«, rief Harry und wurde sehr rot.

»Natürlich muss er«, bestätigte Mrs. Mountain, die zugegen

war.

»Da, Mountain sagt es auch! Ich sagte es dir schon!«, rief Harry wieder, mit einem Seitenblick auf George.

»Das Haupt der Familie muss gehen«, sagte George betrübt.

»Nein, nein! Du bist krank und hast dich nie ganz von deinem Fieber erholt. Muss er gehen, Mountain?«, fragte Harry verzweifelt.

»Du würdest den besten Soldaten abgeben, das weiß ich, liebster Hal. Du und George Washington, ihr seid große Freunde und könntet gut zusammen reiten; und aus mir macht er sich nichts, noch ich mir was aus ihm, wie sehr man ihn auch in unserer Familie bewundert. Aber, siehst du, es ist das Recht der Ehre, lieber Harry.« (Hier sprach er zu seinem Bruder in einem Ton außerordentlicher Freund­lichkeit und Liebe.) »Es hat mich tief bekümmert, dass ich deinen Wunsch nicht erfüllen kann. Aber ich muss gehen. Hätte das Schicksal dir diese halbe Stunde Lebens mir vorausgegeben, so wäre es dein Los; und du würdest dein Recht, als Erster zu gehen, behaupten, das weißt du selbst.« »Ja, George«, gab der arme Harry zu, »ich gestehe, das würde ich.«

»Du wirst zu Hause bleiben und dich um Castlewood und unsere Mutter kümmern. Wenn mir etwas zustößt, bist du hier, um meinen Platz auszufüllen. Ich würde gern vor dir zurücktreten, so wie du, mein Lieber, das weiß ich, dein Leben für mich opfern würdest. Aber jeder von uns muss seine Pflicht tun. Was würde unser Großvater sagen, wenn er hier wäre?«

Die Mutter sah mit Stolz auf ihre beiden Söhne. »Mein Papa würde sagen, dass seine Jungen Gentlemen sind«, stammelte sie und verließ die jungen Männer, vielleicht, weil sie die Bewegung ihres Herzens nicht zeigen wollte. Unter der Dienerschaft sprach es sich schnell herum, dass Mr. George ins Feld ziehen würde. Dinah, Georges Pflegemutter, stimmte ein klägliches Geheul an, dass sie ihn verlor; Phillis, Harrys alte Kinderfrau, jammerte ebenso laut, weil Master George wie üblich ihrem Master Harry vorgezogen würde.

Sady, Georges Diener, traf Vorbereitungen, seinem Herrn zu folgen und prahlte unermüdlich mit den Heldentaten, die er vollbringen würde; während Gumbo, Harrys Boy, ein Gewimmer darüber vortäuschte, dass er zurückbleiben müsse, obwohl Gumbo daheim alles andere als ein Feuerfresser war.

Aber von ganz Castlewood war Mrs. Mountain am ärgerlichsten über Georges Entschluss, ins Feld zu ziehen. Sie hatte keine Nachsicht mit ihm. Er wusste nicht, was er tat, indem er sein Heim verließ. Sie bettelte, flehte, bestand darauf, dass er seine Entscheidung ändere und schwor, dass nichts als Unheil aus seinem Fortgang entstehen würde.

George war überrascht von der hartnäckigen Opposition der guten Dame. »Ich weiß, Mountain«, sagte er, »Harry eignet sich besser zum Soldaten, aber schließlich ist es meine Pflicht, zu gehen.«

»Zu bleiben ist deine Pflicht!«, rief Mountain und stampfte mit dem Fuß auf.

»Warum war meine Mutter nicht dieser Meinung, als wir eben jetzt über die Sache sprachen?«

»Deine Mutter!«, sagte Mrs. Mountain mit düsterem, hämi­schem Lachen. »Deine Mutter – mein armes Kind!«

»Was bedeutet diese Trauermiene, Mountain?«

»Es mag sein, dass deine Mutter dich wegwünscht, George!«, fuhr Mrs. Mountain fort, den Kopf wiegend. »Es mag sein, mein armer, betrogener Junge, dass du einen Stiefvater vor­findest, wenn du wiederkommst.«

»Was beim Himmel meint Ihr?«, schrie George, dem das Blut ins Gesicht schoss.

»Denkst du, ich habe keine Augen und sehe nicht, was vor­geht? Ich sage dir, Kind, Oberst Washington wünscht eine reiche Frau. Wenn du fort bist, wird er deine Mutter bitten, ihn zu heiraten, und du wirst ihn hier als Herrn und Meister finden, wenn du zurückkehrst. Das ist der Grund, warum du nicht gehen solltest, du armer, unglücklicher, einfältiger Junge! Siehst du nicht, wie sehr sie ihm zugetan ist? Wie viel Aufhebens sie von ihm macht? Wie sie ihn dir und Harry und jedem, der herkommt, als Muster vorhält?«

»Aber er zieht doch auch in den Krieg«, rief George.

»Er zieht in den Ehekrieg, Kind«, beharrte Mrs. Mountain.

»Nein, General Braddock selbst erzählte mir, dass Mr. Wa­shington die Ernennung zum Adjutanten angenommen hat.«

»Eine List! Ein Kunstgriff, um dich zu täuschen, mein armer Junge!« rief Mountain. »Er wird verwundet werden und zurückkommen – du wirst schon sehen. Ich habe Beweise für das, was ich sage – Beweise von seiner eignen Hand – sieh hier!« Und sie holte ein Stück Papier mit Mr. Washing­tons wohlbekannter Schrift aus der Tasche.

»Wie kommt Ihr zu diesem Papier?«, fragte George und wurde geisterbleich.

»Ich … ich fand es in des Majors Zimmer!«, erwiderte Mrs. Mountain mit schamhaftem Blick.

»Ihr lest die Privatbriefe eines Gastes in unserem Haus?«, schrie George. »Pfui! Ich will das Blatt nicht ansehen!« Und er schleuderte es von sich in das Kaminfeuer.

»Ich konnte nichts dafür George, es war ein Zufall; ich gebe dir mein Wort, ein purer Zufall. Du weißt, Gouverneur Din­widdie soll des Majors Zimmer haben, und das Staatszimmer ist für Mr. Braddock hergerichtet, und wir erwarten so viel Gesellschaft, und ich musste die Sachen, die der Major immer hierlässt – er tut doch so, als ob das Haus schon sein eigenes wäre – in sein neues Zimmer bringen; und dieser halbe Bogen fiel aus seiner Schreibmappe. Ich sah nur einmal drauf, durch bloßen Zufall, und als ich sah, was da stand, war es meine Pflicht, es zu lesen.«

»Oh, Ihr seid ein Märtyrer der Pflicht, Mountain!«, sagte George finster. »Ich versichere Euch, Frau Blaubart hielt es auch für ihre Pflicht, durch das Schlüsselloch zu gucken.«

»Ich habe niemals durchs Schlüsselloch gesehen, George. Es ist eine Schande, so etwas zu behaupten. Wo ich dich gehütet und gewartet und gepflegt habe wie eine Mutter; wo ich ganze Wochen bei dir gewacht habe in deinen Fieberanfällen und dich in diesen Armen von deinem Bett zum Sofa getragen habe. Geh weg! Jetzt ist mir nicht zärtlich zumute! Meine liebe Mountain! Wahrhaftig! Erzähl mir nichts! Du gerätst so in Wut und beschimpfst mich und ver­wundest meine Gefühle, und ich habe dich immer geliebt wie deine Mutter! Wie deine Mutter? Ich hoffe nur, dass sie dich wenigstens halb so sehr liebt! Das muss ich sagen, ihr Männer seid alle undankbar. Mein Mr. Mountain war ein Schurke, und ihr seid alle genauso schlecht!«

Es glimmten nur ein oder zwei Scheite im Kamin, und ohne Zweifel bemerkte Mountain, dass ihr Papier nicht in Gefahr war, weil es in der Asche lag. Sonst hätte sie es ergriffen, auf das Risiko hin, sich die Finger zu verbrennen, ehe sie diese leidenschaftliche Verteidigung ihres Verhaltens vom Stapel ließ. Vielleicht war George zu sehr in seine düsteren Gedanken vertieft, vielleicht überwältigte ihn seine Eifer­sucht, denn er widerstrebte nicht länger, als sie sich bückte und das Blatt herausfischte.

»Du solltest deinen Sternen danken, Kind, dass ich den Brief gerettet habe«, rief sie aus. »Sieh, hier stehen seine eigenen Worte in seiner großen, dicken Handschrift, wie von einem Buchhalter. Es war nicht meine Schuld, dass er sie schrieb, oder dass ich sie fand. Lies selbst, George Warrington, sage ich, und sei dankbar, dass deine arme alte Mounty über dich wacht!«

Jedes Wort und jeder Buchstabe auf dem unseligen Blatt waren vollkommen deutlich. Georges Augen konnten gar nicht anders, als den Inhalt des ihm vorgelegten Dokumentes auf­nehmen.

»Kein Wort von dieser Sache, Mountain«, sagte er und warf ihr einen fürchterlichen Blick zu. »Ich … ich werde dieses Schriftstück Mr. Washington zurückgeben.«

Mountain erschrak bei seinem Ausdruck, bei dem Gedanken, was sie angerichtet hatte und was daraus folgen mochte. Als seine Mutter ihn beim Dinner beunruhigt fragte, was ihm fehle, weil er so bleich sei, füllte er sich selbst ein großes Glas voll Wein und erwiderte: »Glaubt Ihr, Madame, dass eine so liebevolle Mutter zu verlassen mir nicht grausamen Schmerz bereitet?«

Die gute Dame verstand weder den Sinn seiner Worte noch seine seltsam wilden Blicke oder das noch seltsamere Lachen. Er verspottete alle an der Tafel, rief die Diener, lachte sie aus und trank immer mehr und mehr. Jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wurde, drehte er sich um; und dasselbe tat Mountain, in einem gewissen Schuldgefühl, Mr. Washington könnte eintreten.

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