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Der Welt-Detektiv – Band 9 – 3. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 9
Der geheimnisvolle Schoner
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

3. Kapitel

Was Sherlock Holmes in Puerto Rico erreichte

Sherlock Holmes’ Erwartung, seinen treuen jungen Freund und Helfer Jonny Buston im Hotel anzutreffen, erfüllte sich nicht. Jonny war noch unterwegs. Wie eine Katze schlich er hinter dem Mörder Rodriges Alsalsas her, der, um seine Spur zu verwischen, Trinidad kreuz und quer durcheilte, seitdem er den Schauplatz seines Verbrechens über die Feuerleiter verlassen hatte.

Er ahnte nicht, dass er just hierbei von Sherlock Holmes und seinem Helfer beobachtet worden war. Der Weltdetektiv hätte nur die Hand ausstrecken brau­chen, um ihn zu verhaften. Dass er es nicht tat, hatte seine guten Gründe.

Sherlock Holmes wusste nämlich, dass dieser Halun­ke nur das willige Werkzeug einer ganzen Verbrecherbande war, die seit einiger Zeit die Kleinen Antillen unsicher machte.

In den Antillen war es schon seit Monaten nicht recht geheuer. Schiffe verschwanden spurlos, und wenn man je wieder etwas von ihnen sah, dann waren es nur Trümmer, die hier und da an Land gespült wurden. Eine große New Yor­ker Versicherungsgesellschaft, bei der die Schiffe hoch versichert waren, wurde misstrauisch. Gewiss, die An­tillen waren wegen ihrer schweren, oft unvermuteten ausbrechenden Stürme gefürchtet, aber dennoch schien nun die Unzahl der Schiffsunfälle nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Die Gesellschaft hegte den Verdacht, dass die venezuelanischen Reeder ihre Hand dabei im Spiel hatten, um sich in den Besitz der hohen Versi­cherungssumme zu bringen.

Sie wandte sich an Sherlock Holmes, der sich just vorübergehend in den Vereinigten Staaten aufhielt, und ersuchte ihn, Licht in das mysteriöse Dunkel zu bringen. Sie unterstützte diese Bitte mit der Zusicherung eines außergewöhnlich hohen Honorars und atmete auf, als der Weltdetektiv seine Hilfe zusagte.

Seit dieser Zeit hielt sich Sherlock Holmes mit Jon­ny in den Antillen auf, ohne dass irgendein Mensch Kenntnis von ihrer Anwesenheit besaß.

Anfangs schien die Aufgabe kaum lösbar, denn im­mer wieder stellten sich ihnen schier unüberwindliche Hindernisse in den Weg. Zahlreiche Spuren, die an­fangs sichere Hoffnung auf Erfolg verhießen, verliefen im Sande. Es gehörte wirklich die ungeheure Energie und Hartnäckigkeit eines Sherlock Holmes dazu, die Nachforschungen nicht einfach einzustellen.

Aber gerade seine ungeheure Zähigkeit war es, die ihn dann eines Tages doch auf die rechte Fährte brach­te. Wochenlang trieb er sich an Bord eines kleinen Kut­ters in den Antillen umher. Er hatte Gelegenheit, Hun­derte von Menschen zu sprechen, Hunderte von Hafen­kneipen aufzusuchen, Hunderte von Gerüchten zu prü­fen – und als er schließlich zwei Monate später nach Trinidad zurückkehrte, wusste er zwar nicht alles, doch genug, um sich ein ungefähres Bild über die geheim­nisvollen Vorgänge machen zu können.

Er spürte hier noch verschiedenen Personen nach und flog dann nach Puerto Rico. Dort gelang es ihm, in ei­nem Hafenspeicher 32 Tonnen aufzufinden, die Che­mikalien enthielten. Das wäre an sich nichts Außerge­wöhnliches gewesen, aber die Tatsache, daß diese 23 Tonnen zu der Fracht gehörten, die die untergegange­ne CRIOLLA an Bord gehabt hatte, stellte doch einen starken Erfolg für den unermüdlichen Kriminalisten dar.

Natürlich wiesen die Tonnen andere Signaturen auf, aber durch solche Tricks ließ sich ein Mann wie Sher­lock Holmes nicht irritieren. Tag und Nacht verfolgte er die hier aufgegriffene Spur mit dem Resultat, dass sich das Dunkel mehr und mehr lüftete. Er stieß auf einen Kapitän namens George Mixton und auf drei verrufene Kaufleute, die seine Freunde waren. Er stellte schließlich auch fest, dass dieser George Mixton einen eigenen Schoner besaß, mit dem er Fahrten in die An­tillen unternahm. Angeblich für einen Holzgroßhänd­ler.

Sherlock Holmes spürte weiter. Der Schoner lag ei­nes Nachts im Hafen von Puerto Rico vor Anker. Die Gelegenheit ließ sich der Weltdetektiv nicht entgehen.

Er kletterte von einem kleinen Boot aus an Deck und ließ keinen Winkel des Schiffes undurchsucht. In der Kapitänskajüte hielt indessen George Mixton mit sei­nen drei Freunden und einer weiteren Mannsperson eine Konferenz ab. Leider fand die Unterhaltung in stark venezuelanischem Dialekt statt, sodass Sherlock Holmes nur Bruchstücke aufschnappen konnte. Im­merhin verstand er soviel, dass die Leute beratschlag­ten, wie sie wohl ein bestimmtes Dokument in die Hände bekommen könnten. Es war von der Reederei Alsalsa und Mendoza in Trinidad wie auch von Goldbarren und Millionenbeute die Rede. Schließlich wurde der Mann, der der Unterhaltung beiwohnte und den Sherlock Holmes bisher noch nicht gesehen hatte, auserkoren, nach Trinidad zu fahren, um das Ge­wünschte herbeizuschaffen – mit Gewalt, wenn es nicht anders möglich sei.

Um was ging es hier? Sherlock Holmes war ent­schlossen, die geheimnisvollen Dinge restlos zu klären. Er folgte dem fremden Mann, als dieser das Schiff verließ, und stellte fest, dass es ein Amerikaner war, der unter dem Namen Joe Trynn in einer kleinen Fremden­pension wohnte.

Wirklich reiste dieser Joe Trynn schon am nächsten Tag ab. In Trinidad angekommen, nahm er – wieder unter einem anderen Namen – in einem Hotel Woh­nung und unternahm gar nichts.

Sherlock Holmes ließ sich aber nicht täuschen. Er und Jonny umlauerten den Mann stündlich, denn es stand für den Kriminalisten fest, dass dieser Joe Trynn nur nach Trinidad gekommen war, um im Auftrag des Kapitäns und seine Freunde ein Verbrechen zu begehen.

das mit einem Dokument zusammenhing, in dessen Besitz man sich unter allen Umständen setzen wollte.

Einige Tage waren dahingegangen, ohne dass das Geringste geschehen wäre. Bis Joe Trynn heute das Hotel verlassen hatte, um sich schnurstracks zum Ge­bäude der Reederei Alsalsa und Mendoza zu begeben. Sherlock Holmes und Jonny ließen ihn natürlich auch auf diesem Weg nicht aus den Augen. Hing dieser Besuch mit dem geheimnisvollen Dokument zusam­men?

Der Weltdetektiv wusste es nicht. Da er aber nicht annahm, dass Trynn am hellen Tage ein Verbrechen begehen würde, beschränkte er sich darauf, das Gebäu­de der Reederei so lange zu beschatten, bis der Ge­heimnisvolle wieder zum Vorschein kam. Aber plötz­lich geschah etwas, das Sherlock Holmes nicht erwartet hatte: Ein Mann erschien auf der Feuerleiter und klet­terte daran in wilder Hast in die Tiefe. Es war Joe Trynn! Teufel, es war also in dieser Stunde doch etwas geschehen! Etwas, das vielleicht mit dem Dokument zusammenhing. Hatte Trynn es geraubt?

Der Weltdetektiv fasste blitzschnell seine Entschlüs­se.

»Lauf dem Kerl nach!«, flüsterte er Jonny zu. »Lass ihn nicht aus den Augen. Es kann sein, dass er in sein Hotel zurückkehrt. Vielleicht hat er aber auch andere Ziele. Wir müssen unbedingt wissen, wo er bleibt!«

Jonny huschte davon. Sherlock Holmes aber stieg kurz entschlossen die Leiter hinauf, um Sekunden spä­ter an Alsalsas Leiche zu stehen. Was sich dann ereig­nete, wissen wir bereits. Nun aber wartete Sherlock Holmes ungeduldig auf Jonnys Rückkehr.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn erst gegen sieben Uhr abends erschien der Erwartete müde und abgespannt im Hotel. Aber seine Augen blitzten: Was er vollbracht hatte, war eine kriminalistische Glanzleistung. Er berichtete.

Nachdem Joe Trynn – immer unbemerkt von ihm, durch Jonny verfolgt – kreuz und quer Trinidad durchstreift hatte, betrat er schließlich eine kleine spanische Weinstube, die sich in einer ziemlich versteckt liegen­den Seitenstraße befand.

Ewa eine Stunde später betrat ein alter, weißhaariger Kreole das Lokal.

»Wissen Sie, wer das war, Mr. Holmes?«, rief Jonny erregt.

»Nun?«

»Der Prokurist der Reederei!«

Der Weltdetektiv stieß einen Pfiff der Überraschung aus.

»Der Prokurist?«, murmelte er. »Du hast dich wirk­lich nicht getäuscht?«

Jonny protestierte lebhaft.

»Ich kenne ihn doch!«, erwiderte er bestimmt, um dann in seinem Bericht fortzufahren. »Beide Männer tu­schelten zusammen. Was sie sprachen, konnte ich nicht verstehen, aber der Teufel soll mich frikassieren, wenn sie sich nicht über die Maßnahmen der Polizei unter­hielten. Dabei grinsten beide. Anscheinend haben sie vor den venezuelanischen Behörden wenig Respekt. Später verließen sie die Weinstube. Jeder natürlich für sich. Ich heftete mich an Joe Trynns Fersen. Er ging zum nächsten Postamt und telegrafierte an Kapitän George Mixton in Puerto Rico!«

»Woher weißt du das?«

Jonny lächelte verschmitzt.

»Weil ich mich sofort bei dem Postvorsteher melden ließ, ihm meinen Ausweis zeigte und ihn ersuchte, mir den Wortlaut der Depesche mitzuteilen, die soeben an einen gewissen Kapitän Mixton in Puerto Rico aufgege­ben worden sei. So erfuhr ich, was Trynn seinen Kom­plizen gedrahtet hatte. Hier ist die Abschrift des Tele­gramms!«

Der Weltdetektiv nahm das Blatt und las:

Kauf perfekt. Empfehle sofortige Vorbereitungs­maßnahmen zum Empfang der Fracht. Joe.

Sherlock Holmes runzelte die Stirn. Zweimal, drei­mal las er die wenigen Worte. Dann nickte er und steckte das Papier zu sich.

»Und Trynn?«, fragte er.

»Der war natürlich verschwunden, als du aus der Post kamst?«

»Ja«, antwortete Jonny, »aber er ist, wie ich soeben er­fahren habe, in sein Hotel zurückgekehrt.«

Sherlock Holmes knackte mit den Gelenken seiner Hand. Dann richtete er sich drohend auf und griff zur Mütze.

»Komm, Jonny«, sagte er, »wir wollen zu Señor Mendoza gehen. Taxiere, dass wir ihm allerlei zu erzäh­len haben.«