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Berliner Polizei- und Kriminalgeschichten in humoristischer Färbung – 2. Geschichte – Teil 3

Jodocus Donatus Hubertus Temme
Berliner Polizei- und Kriminalgeschichten in humoristischer Färbung
Verlag von A. Hofmann & Comp., Berlin 1858

Ein tragisches Ende

Eine Kriminalgeschichte und doch keine

Kapitel III

Die Vorbereitungen zur Rache

Les anciens militaires finissent par radoter, sagt Friedrich der Große. Der große König muss es verantworten, wenn es nicht wahr ist. Er hat ohnehin schon genug zu verantworten. Und andererseits kann ihm das Pressgesetz nicht beikommen.

Von den alten Kriminalisten sagt man, dass sie zuletzt tiefsinnig und meist menschen­feindlich und menschenscheu, dabei zänkisch, boshaft, Plagegeister für ihre Umgebung werden. Ein finsterer kriminalistischer Geist gehe mit ihnen überall, schlafe mit ihnen, stehe mit ihnen auf, esse und trinke mit ihnen. Ein verzweifeltes Verhängnis! Der Verbrecher wird nach einer philosophischen Anschauung durch die erlittene Strafe gereinigt, gesühnt. In den alten Kriminalrichter, der ihm die Strafe auferlegt hat, zöge der Fluch hinein! So werfen ita­lienische Banditen auf stürmender See den Mönch, nachdem sie ihm ihre Sünden ge­beichtet und von ihm die Absolution erhal­ten haben, als einzigen im Schiff noch vorhandenen, den Sturm des Himmels provozierenden Sündenbock, gemütlich über Bord.

Es gibt indessen auch alte Kriminalisten, die anders sind.

Zu ihnen gehörte der Kriminalgerichtsrat Pannemann in Berlin.

Er war immer ein braver, treuer und tätiger Beamter gewesen, auch ein gerechter Richter.

War er auch kein großer Geist, so war zu jener Zeit auch in Preußen die Kriminalrechtspflege eine sehr einfache. Die Wissenschaft hatte zwar schon angefangen, das einfache Recht und Rechtsbewusstsein zu verlassen und absolute philosophische Systeme aufzustellen, nach denen ein Fall wie der andere, trotz aller menschlichen und moralischen Verschiedenheit jedes einzelnen, beurteilt und nur durch abstrakte logische Haarspalterei Unterschiede herbeigeführt werden sollten. Aber die praktische Rechts­pflege hatte ihren einfachen, gerechten, die Strafwürdigkeit des einzelnen Falles erforschenden Weg noch nicht verlassen. So war es denn in Preußen Grundsatz geworden, zu Kriminalrichtern nur die sogenannten schwächeren Subjekte zu bestellen. Für verwickeltere, für schwierige Fälle waren noch immer ein paar ausgezeichnete Talente da, die Karriere machen wollten und sich deshalb zu den talentleeren Kriminalrichtern hatten versetzen lassen. Sie drängten sich nach solchen causes celèbres. Zu einer gewissen Zeit rannten sie sich beinahe die Füße ab nach Unter­suchungen gegen die Demagogen und demagogischen Umtriebe. Wer da­mals namentlich in Berlin in das Vorzimmer eines Gerichtspräsidenten oder gar des Justizministers kam, der konnte dort stets eine Anzahl junger Männer finden, in eleganter Kleidung, in gemessener Haltung, mit freund­lichen, submissen und sehr verschwiegenen Gesichtern, nur unter sich zu­weilen eifersüchtige, feindliche Blicke wechselnd. Es waren junge Räte oder Assessoren, die um die Rolle eines Inquirenten, Dezernenten oder Referenten oder um sonst eine Funktion in einer Demagogenuntersuchung supplizierten, um die Leiter zu künftigen Geheimrats- und Präsidenten zu stellen. Nichts Neues unter der Sonne, wird der jüngere geneigte Leser sagen.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann war mit dem alten Kriminalwesen verwachsen. Als infolge der Revolution zu Beginn des Jahres 1849 ein neues, das französische Strafverfahren eingeführt wurde, konnte er in das neumodische Wesen sich nicht finden. Und als die Einführung auch eines neuen Strafgesetzbuches in Aussicht stand, nahm er seinen Abschied. Er sagte, es sei eine Gewissenssache für ihn, ferner einem Systeme zu dienen, das seinen Ansichten von Gerechtigkeit so geradezu widersprach.

Er war ein Berliner Kind. Er hatte einiges ererbtes Vermögen, er hatte durch einfaches Leben von seinem Gehalt sich ein hübsches Kapital dazu gespart. Er besaß ein eigenes Haus in der Köpenicker Straße, mit einem Garten, der bis an die Spree ging.

Er war Junggeselle!

Wie angenehm konnte er bei dem allen in Berlin leben! Er hatte früher schon trotz seiner Einfachheit und Sparsamkeit recht angenehm gelebt. Zweimal die Woche hatte er das Theater besucht, an den anderen Aben­den ging er zu Weißbier. Die übrige Zeit des Tages brachte er, die paar Stunden für das Kriminalgericht abgerechnet, zu Hause zu, mit Frühstück, Mittagessen und Nachtessen, mit seiner alten Haushälterin, seinen Blumen und einem Affen sich beschäftigend.

So lebte er im Ganzen weiter, nachdem er seinen Abschied ge­nommen hatte. Freilich mit einigem Unterschied. Die Revolution von 1848 war, auch abgesehen von jenen Veränderungen in der Strafrechtspflege, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er hatte sie verabscheut als eine Untergrabung aller bestehenden Verhältnisse; besonders auch der Kreditverhältnisse. Die Revolution mit ihrem Umstürzen hatte im ersten Augenblick ihm sein so lange und sorgsam erspartes Vermögen in Gefahr ge­bracht. Er wurde seitdem ängstlich dafür besorgt. Wo alles, der ganze Staat selbst, in Gefahr war, umgestürzt zu werden, da konnten auch Bankierhäuser fallen; er zog all seine bei Bankiers ausstehenden Kapitalien zurück. Ja selbst andere, die soliden steinernen Häuser in der großen Steinmasse Berlin konnten einfallen. Er kündigte alle Hypothekenkapitalien, die er auf Berliner Häusern stehen hatte. Er konnte nicht wagen, das Geld wieder auszuleihen. So musste er es in seinem Haus verwahren. Er bewachte es ängstlich. Ein ängstlicher Geldverwahrer wird ein Geizhals. Er wurde ein großer, misstrauischer Geizhals, zum Kaffee trank er keinen Zucker, zum Nachtessen keinen Wein mehr. Er ging weder mehr in das Theater noch zu Weißbier. Er ging nicht mehr aus dem Haus.

Er lebte in diesem allein mit seiner Haushälterin und seinem Affen. Er lebte mit beiden ein sonderbares Leben. Während er mehr und mehr darbte, hatten die beiden Überfluss. Aus alter Gewohnheit hatte er nie gewagt, ihnen von dem, was sie immer gehabt hatten, auch nur das Ge­ringste zu entziehen. Dazu kam Folgen­des. Die alte Haushälterin keifte fort­während mit ihm, und er hätte mehr als Keifen riskiert, wenn er ihr etwas entzogen hätte. Der Affe dagegen be­darf näherer Erwähnung.

Etwas Wahres muss doch wohl daran sein, dass alte Kriminalisten zuletzt wenigstens zänkisch werden. Der Kriminalgerichtsrat Pannemann war es sogar schon vor seiner Pensionierung geworden. ER war es zugleich mit jener Katzennatur geworden, die gleichfalls ein alter Inquirent sich so leicht aneignet, und mit der er schon bei jener Urtelspublikation den armen Piepritz hatte zappeln lassen. Mit seiner Haushälterin konnte er nicht zanken; sie war selbst so zänkisch. Da hatte er eines Tages vor seiner Tür einen herumziehenden Affen gesehen, und wie das Tier geneckt wurde von seinem Herrn, von Straßenjungen, von Vorüberge­henden, wie es sich darüber erboste, aber immer klug und liebenswür­dig blieb, und geduldig und gehorsam gegen seinen Herrn, und nur wenn dieser es ihm erlaubte, einen Straßenjungen in die Haare fiel und Ohrfeigen gab und den Kopf zerzauste. Das war etwas für ihn. Er kaufte den Affen. In den ersten vierzehn Tagen prügelte er ihn regel­mäßig jeden Morgen eine halbe Stunde durch. Als alter Kriminalrichter war er Menschenkenner; er kannte also auch die Affennatur. Nachdem er sich so zum Herrn und Meister des Tieres gemacht und der Geduld und Unterwürfigkeit desselben sich versichert hatte, begann er mit ihm zu zanken. Im Allgemeinen, wie man Affen zu necken und zu zanken pflegt. Im Besonderen aber liebte er es, vollständige Kriminaluntersuchungen mit ihm aufzuführen. Die diebische Natur des Tieres gab ihm die Gelegenheit dazu. So wurde der Affe in seiner Wohnung arretiert; es wurde nach dem gestohlenen Gut bei ihm Hausdurchsuchung ge­halten; er wurde in die Stadtvoigtei gebracht, zum Verhör vorgeführt, mit den Strafen offenbarer Lügen vor Gericht bekanntgemacht, verhört, wegen frecher Lügen gezüchtigt, überführt und zu Strafarbeit verurteilt, jedes Mal nur außerordentlich, da das verstockte Tier nicht eingestehen wollte, manchmal auch freigesprochen. Es war eine Freude, wie verständig sich der Affe dabei benahm.

Das Gerücht ging, dass der Kriminalgerichtsrat Pannemann, seitdem er den Affen hatte, im Inquirieren sich bedeutend vervollkommnet habe, und ein bekannter Berliner Kriminalist soll, angesichts der jungen Kammergerichtsassessoren, die immer gelehrter, aber immer schlechtere Inquirenten wurden, einmal in allem Ernst den Vorschlag gemacht haben, für die jungen Herren solche Affenuntersuchungsschulen zu errichten.

So lebte der Kriminalgerichtsrat Pannemann in seinem Haus in der Köpenicker Straße in Berlin.

Von seinem Leben war manches bekannt geworden. Seine Affenliebhaberei, sein Reichtum und sein Geiz waren schon lange allgemein bekannt. Nur wo er sein Geld hatte, das wusste bloß er und sein Affe. Die verschwiegene Haushälterin erriet es vielleicht. Mancher Berliner Dieb dachte gewiss darüber nach.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann saß in seiner Wohnstube, deren Fenster auf die Straße führten. Hinter ihr lag seine Schlafstube, mit den Fenstern nach dem Garten hin. Beide Stuben waren durch Türen verbunden. Neben der Wohnstube war, gleichfalls durch eine Tür mit dieser verbunden, eine geräumige Kammer; sie war lediglich für den Aufenthalt des Affen bestimmt. Sie war für das Tier niedlich eingerichtet, mit lebenden Bäumen in Kübeln und toten Bäumen, die durch eiserne Klammern in den Boden befestigt waren. Der Affe konnte springen und klettern nach Herzenslust. In einer Ecke stand ein großer, fester, eiserner Käfig mit einem weichen Lager darin.

Es war Nachmittag.

Die Türen zu der Schlafstube des Rats und zu der Kammer des Affen standen offen. Der Rat saß am Fenster und las die Vossische Zeitung. Er las sie lange mit großer Ruhe. Auf einmal wurde er unruhig. Er war zu den vermischten Nachrichten gekommen.

»Ei, ei«, sagte er. »Das ist fatal, recht fatal.«

Er las die Stelle, die er gelesen hatte, noch einmal leise; dann laut.

Ein erfreuliches Zeichen der wohltätigen Folgen unseres ver­besserten Gefängniswesens und besonders auch des frommen Eifers un­serer Gefängnisbeamten ist Folgendes: Vorgestern Abend ist nach Verbüßung einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe ein Individuum in die Residenz zurückgekehrt, das zu seiner Zeit zu den verwegensten, ge­fährlichsten und berüchtigtsten Dieben unserer Residenz gehörte. Frühere Gefängnis- und Zuchthausstrafen hatten ihn nie zu bessern vermocht. Gegenwärtig ist er aber als ein so gebesserter, reumütiger und christlich gesinnter Mensch zurückgekehrt, dass er nicht nur gestern sofort bei der Polizei, sondern auch ganz aus freiem, innerem Antrieb bei dem Verein für die entlassenen Sträflinge und bei zwei Missionsgesellschaften sich ge­meldet und um Arbeit, beziehungsweise um die Erlaubnis gebeten haben soll, an den gemeinschaftlichen Betstunden mit teilnehmen zu dürfen. Gern ist seiner Bitte willfahrt worden.

»Vorgestern?«, sagte der Kriminalrat. »Gerade vorgestern? Fünf­zehn Jahre! Gerade fünfzehn Jahre! Es ist leider richtig. Das ist der Piepritz! Kein Zweifel! Und ich sollte an ihn denken, wenn er zurückkomme! Wie schnell gehen doch so fünfzehn Jahre um! Und fromm ist der gefährliche Mensch gar zurückgekommen! So fromm! Das ist sehr fatal, sehr fatal!«

Aber das kommt alles von diesen nichtswürdigen neuen Gesetzen. Alles soll jetzt anders sein, französisch, französisches Recht, französische Jurisprudenz. Darum keine Besserung und auch keine Besserungsdetention mehr. Sonst hätte der Mensch noch seine anderthalb Jahre ge­bessert werden müssen.

Man sieht, wie der alte Kriminalgerichtsrat in seinem besonderen Ärger und allgemeinen Vorurteil der neuen Gesetzgebung Unrecht tat.

Aus der Kammer nebenan kam der Affe des Kriminalrats. Es war ein großes, aber zierliches Tier, schon etwas alt und daher gräm­lich aussehend, aber auch klug, falsch und gewandt. Die Züge des Al­ters abgerechnet, hätte man viele Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Affen Leonhard Piepritz den Jüngeren finden können.

Er hatte seinen Herrn sprechen hören. Er steckte neugierig den Kopf durch die Tür. Als er den Rat nachdenklich sah, kam er näher zu ihm, legte ihm den Kopf auf die Knie, und sah ihn wie fragend an.

»Braves, armes Tier«, sagte der Rat wehmütig. »Du bleibst mir noch mit deinem Diebesgelüste, deinem Mut und deinen Krallen. Du wirst uns alle beschützen.«

Unter den uns allen verstand er wohl nur sich und seine Schätze.

»Ach«, fuhr er fort, »es wäre jetzt die Zeit unserer gewöhnlichen Promenade im Garten. Aber heute wirst du sie allein machen müssen. Wenn der gefährliche Mensch wieder frei ist und gar Betstunden besucht, dann kann man sein bisschen Armut nicht sicher genug verwahren.«

Der Rat war sehr betrübt. Er ging in sein Schlafzimmer, öffnete ein Fenster, gab dem Affen einen Wink, und das kluge, gut ge­wöhnte Tier war mit einem Satz draußen im Garten.

Der Garten des Rats war zwar nicht sehr breit, aber er erstreckte sich in einer ziemlichen Länge bis unmittelbar an die Spree. Er war über­all mit Obstbäumen, frei und in Spalieren, besetzt, fast überladen, sodass man auch vom Haus aus ihn nicht übersehen konnte.

Der Affe des Rats mochte die Mitte des Gartens zurückgelegt haben, als er plötzlich seine Schritte anhielt.

Nicht weit von sich sah er, unmittelbar vor einem dichten Spalier von Birnbäumen, einen anderen Affen, der sein Zwillingsbruder hätte sein können, wenn er nicht ein jüngeres, behänderes Aussehen und beson­ders ein lebhafteres Auge gehabt hätte.

Der fremde Affe war ungeniert damit beschäftigt, von den kleinen Birnbäumen die unreifen Früchte abzulesen und sie in einem großen lei­nenen Sack zu stecken, den er neben sich an der Erde liegen hatte. Manch­mal kroch er selbst in den Sack hinein, als ob er nachsehen wolle, wie viele Birnen er schon gesammelt habe; er verschwand in dem großen Sack ganz.

Der Affe des Kriminalgerichtsrats hatte bei seinem Anblick ge­stutzt; dann war er über den frechen Diebstahl empört. Er wollte ent­rüstet auf den unverschämten Dieb zuspringen.

In demselben Augenblick sah dieser ihn, erschrak, erschrak heftig und nahm feige Reißaus hinter das Spalier, seinen Sack im Stich lassend.

Desto kühner und stolzer ging der Affe des Kriminalrats auf den Sack zu, besah, befühlte und beroch ihn zuerst von außen, machte ein sehr grämliches und zorniges Gesicht, als er sich überzeugte, dass der Sack schon beinahe halb voll war, und kroch dann hinein, um noch ge­nauer den verübten Diebstahl zu konstatieren.

Als er in dem Sack verschwunden war, wurde dieser mit einer starken Schnur, die um seine Öffnung lief, und die der arme Affe nicht gewahrt hatte, durch eine unsichtbare Gewalt zusammengezogen.

Gleich darauf kehrte der fremde Affe hinter dem Spalier zurück, besah den zugezogenen Sack, das Zappeln des gefangenen Affen darin, lachte und sagte verächtlich: »Schafskopf, du willst ein Affe sein!«

Dann kamen auch der alte Leonhard Piepritz und Friedrich Schulz hinter dem Spalier hervor, nahmen schweigend den Sack auf und ent­fernten sich damit, von dem lachenden Affen gefolgt, zum Wasser zu.

Nach wenigen Augenblicken sah und hörte man nichts mehr von ihnen.

Etwa eine Stunde später war der Kriminalgerichtsrat mit dem Nachsehen der Schlösser, Türen und Fensterladen fertig. Er ging an die Tür seines Zimmers, die auf den Flur führte.

»Rieke!«, rief er durch die Tür.

Vor der Tür erschien seine alte Haushälterin, mager, verdrießlich, keifend, wie alle Haushälterinnen alter Junggesellen; nur sehr sauber.

»Rieke, hole Sie doch den Balthasar aus dem Garten.«

Wie könnte eine solche alte Haushälterin einen Befehl empfangen, ohne zu knurren?

»Es ist eine Sünde«, knurrte sie, »dass der Mensch auch noch den Diener eines Tieres machen muss.«

»Na, na, Rieke, ich kann ihn auch selbst holen.«

»Habe ich gesagt, dass Sie das sollen? Aber eine Schande ist es und bleibt es.«

Sie ging.

Aber nach zehn Minuten kam sie mit erschrockenem Gesicht zurück.

»Herr Stadtgerichtsrat, der arme Affe …«

»Der Balthasar? Was ist mit ihm?«

»Tot!«

»Rieke, Sie redet doch nicht in der Tat irre?«

»Tot, Herr Stadtgerichtsrat, mausetot. Ich durchrannte den ganzen Garten, ich rief seinen Namen in alle Gänge, in alle Spaliere in alle Baume hinauf. Er war nicht zu sehen, nicht zu hören. Ich rief in die Nachbargärten hinüber; keine Antwort. Da kam ich auf einen schrecklichen Gedanken. Ich laufe an die Spree. Da liegt er am Ufer; alle viere weit von sich gestreckt, die Zunge weit …«

»Höre Sie auf, Rieke. Tot! Das ist ein schrecklicher Tag für mich! Gerade heute tot! Das erlebe ich nicht.«

Der alte Mann war sehr niedergeschlagen. Er war in seinen Sessel zurückgesunken. Man musste Mitleid mit ihm haben.

Selbst der Alten verging das Keifen.

»Trösten Sie sich, Herr Stadtgerichtsrat; ein Affe ist wieder zu bekommen.«

»So einer nicht, Rieke.«

Er verfiel in ein finsteres Grübeln.

Aber ein alter Kriminalist bleibt Kriminalist.

Er erhob sich, mühsam genug.

»Begleite Sie mich in den Garten, Rieke. Wir müssen seinen Tod konstatieren.«

Sie gingen zusammen in den Garten.

Unterwegs war er still und nachdenkend.

Die Haushälterin wollte ihn trösten.

»Lass mich in Ruhe«, sagte der Stadtgerichtsrat. »Ich denke darüber nach, ob der Balthasar sich etwa selbst könne ums Leben ge­bracht haben. Die Selbstmorde sind seit einiger Zeit häufig in Berlin.«

»Aber ein unvernünftiges Tier, Herr Stadtgerichtsrat.«

» Es kann auch an die kommen, Rieke! Bei diesen neuen Gesetzen …«

»Aber kann man sich selbst den Hals umdrehen, Herr Stadt­gerichtsrat?«

»Mir ist noch kein Fall vorgekommen. Aber das war unter dem allgemeinen Landrecht. Also der Hals ist ihm umgedreht worden?«

»Von vorn nach hinten.«

»Dann ist ein gewaltsamer Tod durch fremde Hand verübt, also ein Verbrechen!«

Sie war von dem Anblick so ergriffen, dass sie nicht einmal laut zu sprechen wagte.

Er schüttelte abwehrend mit dem Kopf, zugleich bezeichnend, dass er allein sein wolle.

Sie musste gehen.

Er lag lange in seinem hinfälligen, völlig apathischen Zustand.

Auf einmal wurde er lebendig. Er horchte plötzlich auf; sein Kopf richtete sich empor; seine Augen leuchteten.

Draußen auf der Straße, unmittelbar unter seinem Fenster, wurden die Töne eines Instruments laut, das eine Art von Dudelsack zu sein schien. Schnalzen mit der Zunge begleitete die Töne. Dazwischen rief eine etwas fremdartig sprechende Stimme: »Allons, Melchior! Lustig, mein Braver. Mache deine Kunststücke vor den verehrten Herrschaften.«

Lautes jugendliches Gelächter folgte.

Alles, was er hörte, brachte schnell neue Lebenskräfte in den Kriminalgerichtsrat. Er musste auch sehen. Er sprang auf, an das Fenster. Welch ein Schauspiel hatte er!

Ein kleiner hässlicher Mensch mit einem Buckel ließ einen großen, hübschen, gewandten Affen tanzen. Die gesamte Straßenjugend der Köpenicker Straße hatte sich schnell als Publikum, als Herrschaften, um ihn versammelt.

»Den schickt mir der Himmel!«, rief der Kriminalgerichtsrat. »Und so gerade zur rechten Zeit. Was hätte ich heute Nacht allein anfangen sollen? Wer hätte wachen, wer hätte mich beschützen sollen? Der Mensch hat einen festeren Schlaf als das schläfrigste Tier! Und welchem Menschen kann man trauen? Zumal jetzt, seit der Revolution!«

Er nahm sich nicht einmal die Zeit, die zierlichen Sprünge und hübschen Kunststücke des Affen zu bewundern. Er riss hastig das Fenster auf.

»Versteht Er Deutsch?«, rief er dem Führer des Affen zu.

»Ein wenig, gnädigster Herr!«, radebrach der Kerl.

»Ist Ihm der Affe verkäuflich?«

»Für gute Bezahlung verkaufe ich alles.«

»Komme Er mal zu mir herein; mit dem Affen.«

Der Affenführer und der Affe kamen in das Haus.

Die Straßenjugend machte lange Gesichter hinter ihnen her.

Wie zwinkerten und lachten Affe und Führer einander zu, als sie allein und unbemerkt in dem Hausflur waren.

Der Kriminalgerichtsrat ließ sie in seine Stube treten. Er besah den Affen genauer.

Der Geselle hatte so feine, zarte Knochen, einen so graziösen Körper, eine so reine, glatte Haut; seine Augen waren so klug, und doch so treu, und beinahe ordentlich bescheiden. Die Schelmerei in diesen Augen, wenn sie einmal auf die Seite blickten, sah der Kriminalgerichtsrat nicht. Der alte Mann wurde entzückt.

»Wie heißt das Tier?«, fragte er.

»Melchior, Euer Gnaden.«

»Melchior? Meiner hieß Balthasar. Auch das ist eine gute Vor­bedeutung. Wie alt ist er?«

»Drei Jahre.«

»Er kann also noch lange leben?«

»Fünfzig bis sechzig Jahre wenigstens.«

»Ist er bösartig?«

»Tout doux, gnädiger Herr. Sie können ihn befühlen, wie Sie wollen. Er tut Ihnen nichts.«

Der Kriminalrat befühlte ihn auch. Der Affe hielt still, wie mit Wohlbehagen.

Welch ein reizendes Tier, sagte der Kriminalrat, aber leise für sich, um den Preis nicht zu verderben. Und wie konnte er vorhin springen; auch Kraft muss er haben.

»Er wäre also nicht abgeneigt, das Tier zu verkaufen?«

»Für gutes Gelb verkaufe ich ihn.«

»Was fordert Er?«

»Gnädiger Herr, der Affe kann partoutement alles, was Sie wollen, das heißt, was man vernünftigerweise von einem vernünftigen Affen verlangen kann. Er kann tanzen, zu Tisch sitzen, bei Tisch aufwarten, aus einem Glas trinken, die Violine spielen …«

»Genug; sage Er mir, was Er für das Tier verlangt.«

»Er bringt mir des Tags seine drei Taler ein, das macht des Jahrs, die Sonntagsfeier abgerechnet, neunhundert Taler bar; also ein Kapital von ungefähr zwanzigtausend Talern.«

»Redet Er irre?«, fragte der Kriminalgerichtsrat erschrocken.

»Zwanzigtausend Taler wäre er unter Brüdern wert. Aber da in dieser Welt das Verdienst nie belohnt wird, so will ich ihn Euer Gnaden für fünfhundert Taler lassen.«

»Er ist ein Narr.«

»Bedenken Euer Gnaden, was dieser ausgezeichnete Affe versteht. Er kann zu Tisch sitzen, aufwarten …«

»Das kann jeder Affe.«

»Die Violine spielen auch?«

»Fordere er vernünftig.«

»Vierhundert Taler denn.«

»Keine dreihundert?«

»Dreihundert. Aber keinen Groschen billiger. Es ist mein letztes Wort.«

Der Mensch machte Miene zu gehen.

Der Rat wurde ängstlich.

»Die Ricke ist ja nicht da«, sagte er »und ich brauche ihr nicht zu sagen, wie viel ich bezahlt habe. Dreihundert Taler! Es ist schweres Geld. Aber es bringt sich wieder ein. Doppelt!«

Er ging in seine Schlafstube und kam nach einer Minute mit drei Kassenanweisungen, jede zu hundert Talern, zurück. Er legte sie dem Affenführer hin.

Dieser strich sie ein.

»Ein schlechtes Geschäft«, sagten sie dann beide seufzend, aber beide im Herzen lachend.

»Wohin befehlen Euer Gnaden das Tier?«, fragte der Führer.

»Vorläufig in den Käfig dort, bis wir uns näher kennengelernt haben.«

Er führte den Mann und den Affen in die Kammer, neben der Wohnstube und dort zu dem großen eisernen Käfig.

In diesen wurde der Affe eingesperrt.

Darauf nahm der Führer Abschied von seinem Tier, einen wahr­haft väterlichen, der auch den Rat rührte.

»Betrage dich hier immer ordentlich, mein teurer Melchior, und sei treu und redlich gegen deinen neuen Herrn, bei dem du es gut haben wirst. Und nun gehab dich wohl.«

Er reichte dem Affen die Hand. Der Affe legte zierlich seine rechte Vorderpfote hinein. Seine Augen waren betrübt.

Der Führer ging mit seinen dreihundert Talern.

Der Rat war glücklich. Er schien alle Sorgen und Angst vergessen zu haben.

»Welch ein schönes Tier! Und wie stark und wie klug. So ordentlich menschlich kluge Augen. Man kann sich nicht satt an ihm sehen.«

Die Haushälterin kam. Sie musste teil an seiner Freude nehmen.

»Nicht wahr, Rieke, ein herrliches Tier? Der arme Balthasar war doch schon zu alt geworden. Und nur fünfzig Thaler kostet er. Spottwohlfeil.«

Die Alte freute sich, dass ihr Herr wieder wohlauf war.

»Gottlob, Herr Stadtgerichtsrat, nun ist ja alles wieder gut.«

Sie ging mit leichterem Herzen an ihre Geschäfte.

Auch der Affe schien sich behaglich zu fühlen. Er hatte in seinem Käfig sich bald eingerichtet, als ob er darin zu Hause gehöre. Er machte sich sein Lager zurecht, kletterte und sprang an den Stangen auf und ab; er aß Birnen, knackte Nüsse, pfiff, schnitt Gesichter.

Der Rat wollte sich ausschütteln vor Lachen und vor Freude.

Aber auf einmal machte er ein sehr ernstes und strenges Gesicht.

»He, Bursche«, sagte er mit ebenso ernster und strenger Stimme. »Jetzt müssen wir in einem anderen Ton miteinander reden. Deine Verbrechen dürfen nicht länger ungestraft bleiben.«

Er holte aus einer Ecke eine ungeheure Peitsche hervor, vollkommen von der Gestalt und dem Kaliber jener Peitsche, welche bis zum Jahre 1848 zur Züchtigung der Sträflinge gebraucht wurde. Damit kehrte er zu dem Käfig zurück.

Der Affe hatte verwundert das plötzlich ernste und strenge Gesicht des Rats gesehen. In seinen Augen zeigte sich einige Besorgnis, als er ihn mit der schweren Peitsche zu sich zurückkehren sah.

Dem Rat entging das nicht. Er lachte vergnügt.

»Wie heißt du, Bursche?«

Dem Affen brach unnatürlich genug und doch so natürlich, der Angstschweiß aus. Er musste die Augen niederschlagen.

»Oh, mein Sohn, du kannst mich nicht ansehen? Ja, ja, ich glaube es wohl! Das ist das böse Gewissen, Leonhard Piepritz!«

Der Affe fuhr bei dem Namen zusammen, als ob ihn etwa ein toller Hund gebissen habe.

In einer ähnlich bedenklichen Lage war der Affe wohl noch nicht gewesen und wenn er, wie seine ängstlichen Augen und der perlende Angstschweiß auf seiner grauen Stirn es in der Tat anzuzeigen schienen, ein denkender Affe war, so musste er es klar genug einsehen. Er war allein, ohne Hilfe; in einem fremden Haus; eingeschlossen in einen festen Käfig, den ein Löwe nicht hätte erbrechen können; gegenüber einem Mann, der trotz seines Alters noch kräftig genug aussah und zudem mit jener fürchterlichen Peitsche bewaffnet war; zur Not stand dem Alten die Haushälterin mit ihrem keifenden Aussehen und ihren langen Nägeln zur Seite; andere Domestiken waren gewiss auch noch im Haus. Welches Los erwartete ihn, wenn er erkannt war. Von Affeninquisitionen wusste der Affe nichts.

»Da bin ich schön in der Patsche«, knurrte er zwischen den Zähnen. »Wer vor dem Halleschen Tor wäre und sich da könnte bessern lassen.«

»Hast du verstanden?«, wiederholte der Inquirent strenger.

»Ja!«, wollte es dem Affen entfahren. Aber er zog ein unartikuliertes Geheul vor.

»Hole der Teufel die Schufte, die mich in die Patsche gebracht haben«, brummte er zwischen den Zähnen.

»Was sagst du da?«, rief der eifrige Inquirent. »Sprich deut­licher!«

Der Affe wischte mit beiden Händen sich den Schweiß von der Stirn.

»Nun, wird’s bald?«

Der Rat erhob drohend seine Peitsche.

»Ich bin entdeckt!«, knurrte der Affe.

Er war überzeugt, dass er verraten, entdeckt sei.

Nur Trotz konnte ihm, wie er meinte, noch helfen. Er wies dem Rat trotzig die Zähne.

Mancher Bursche hat in solcher Weise schon seinen Inquirenten dekontenanziert. Der alte Veteran Pannemann in der Holzmarktstraße ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

»Aha«, sagte der Rat, »du willst keine Antwort geben? Das wird dir nicht helfen, Bursche.«

Und ein entsetzlicher Peitschenhieb folgte diesen Worten.

Der Affe flog vor Schmerz in die Höhe.

»Bin ich entdeckt? Ist der Kerl ein Verrückter?«

Es war gleichgültig. Der Käfig war verschlossen. Er war unter allen Umständen in der Gewalt des alten Mannes.

Trotz half ihm hier nicht mehr. Er machte ein trauriges, flehent­lich bittendes Gesicht; er fuhr mit der Hand durch die Augen, wie um Tränen wegzuwischen.

Der Kriminalgerichtsrat wurde vergnügt, in seine Freude mischte sich Rührung.

»Endlich«, sagte er, »und gerade wie der gute Balthasar. Ganz so. So ist es recht, mein Bursche, du fühlst Reue, du bist auf dem Weg, wieder ein besserer Mensch zu werden. Morgen wollen wir das Verhör fortsetzen.«

Er war von den Ereignissen des Tages sehr angegriffen; er musste sich in seine Stube zurückbegeben, um auf dem Sofa auszuruhen.

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