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Der Märkische Eulenspiegel 5

Der Märkische Eulenspiegel
Seltsame und kurzweilige Geschichten von Hans Clauert in Trebbin
Niedergeschrieben von Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Leipzig, 1847
Überarbeitete Ausgabe

Hans Clauert, Schlosser aus Trebbin

Wie Clauert Sturm bläst, als Pest and Ofen gestürmt wurde

So zog nun Hans Clauert mit der Trompete herum. Die Kriegsleute aus Ungarn aber brachten immer wenig Geld mit sich, und deshalb konnte Clauert auch nicht viel von ihnen bekommen. Da kam er endlich in eine Stadt, in welcher zwei Wirtshäuser waren. Er fragte, welches das beste von diesen zwei sei. In dieses ging er dann und bat um Herberge.

Die Wirtin entschuldigte sich damit, dass sie in Abwesenheit ihres Mannes niemanden beherbergen dürfe. Je heftiger er um Herberge nachsuchte, desto mehr und ungestümer verweigerte sie ihm dieselbe, sodass er zuletzt davonzugehen Willens war. Gleichwohl aber dachte er bei sich selbst, dass, wenn er in einer schlechten Herberge einkehren sollte, wohin nur schlechte Leute kämen, die wenig Geld hätten, sein Beutel ihm wohl ebenso leer bleiben würde, wie er vorher gewesen war.

Während er nun so zur Stubentür hinaustrat, sah er dieser gegenüber im Haus ein kleines Stübchen ein wenig offen stehen, in welchem ein wohlbereitetes Bett stand. In dieses Stübchen verkroch er sich unter das Bett und wartete dort in der Meinung, dass vielleicht etliche Gäste in das Wirtshaus kommen könnten, zu denen er sich heimlicherweise gesellen und von welchen er dann seine freie Zehrung erhalten könnte.

Ehe aber die Gäste kamen, wurde Clauert unter dem Bett die Zeit sehr lang. Da kam unvermutet die Wirtin in das Stübchen und führte ihren guten Freund mit sich hinein. Dieser legte seinen braunen Mantel ab und die Wirtin trug ihm das beste Essen und Trinken auf. Dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch nieder und scherzte freundlich mit ihm. Beide aßen und tranken und kosten nach Genügen miteinander. Da fing zuletzt der gute Freund an, von der neuen Zeitung aus Ungarn zu reden und zu erzählen, wie der Türke Pest und Ofen gestürmt und eingenommen hätte.

Die Wirtin, die noch nichts von der Bestürmung einer Stadt gehört hatte, fragte ihren Freund, wie das wohl zuginge, wenn eine Stadt gestürmt und erobert würde.

Als dieser es ihr erklären wollte und sie dabei zärtlich umfasste, fing Clauert mit Ungestüm an, unter dem Bett hervor Sturm zu blasen.

Da dachten beide nicht anderes, als dass der leibhaftige Teufel vorhanden wäre. Sie liefen vor Schreck davon, vergaßen dabei Essen und Trinken und ließen die noch übrigen Speisen und Getränke stehen, und der gute Freund vergaß selbst seinen Mantel mitzunehmen.

Clauert konnte es sich nicht besser wünschen, wie es ihm begegnete; er setzte sich hin, aß, was ihm schmeckte, und schenkte ein und trank aus bis an den lichten Morgen. Da hing er dann des guten Freundes braunen Mantel um, band in demselben einen Ärmel zu und steckte die zwei besten silbernen Becher hinein; dann warf er die Trompete über den Mantel und ging damit in das andere Wirtshaus, welches in jener Stadt war. Dort legte er sich auf eine Bank, bis der Wirt aufstand, welchen er sodann um Herberge bat. Dieser nahm ihn auf, obgleich sowohl der Wirt selbst als auch andere Leute nicht anderes glaubten, als dass er ein Narr wäre.

Als nun Clauert bei dem Mittagsmahl Wein forderte, wollte ihm der Wirt keinen reichen lassen, außer wenn er ihn vorher bezahlt hätte. Da aber Clauert kein Geld hatte, so suchte er den einen von den zwei Bechern hervor und wünschte einiges Geld auf denselben zu haben. Der Wirt erkannte sogleich an dem Merkzeichen dieses Bechers, dass derselbe seiner Nachbarin gehörte. Er schickte deshalb heimlich zu der Wirtin, wo Clauert jene Becher bekommen hatte, und ließ sie fragen, ob sie nicht etliche Becher verloren hätte; ihm sei nämlich einer derselben in die Hände gekommen.

Die Wirtin lief unbesonnen dahin und warf Clauert vor, dass er ihr den Becher gestohlen habe.

Darauf erwiderte Clauert: »Ich habe niemandem etwas gestohlen, sondern ich habe die Becher bekommen, als man Pest und Ofen stürmte, denn ich habe dort zum Sturm geblasen.« Er bat auch die Wirtin, sie möchte ihn mit solchen Worten fernerhin verschont lassen, und sagte, wofern ihr die Becher beliebten, so könnten sie ihr um eine billige Bezahlung wohl abgelassen werden.

Die Wirtin wusste sich schuldig, da sie wider ihre Ehre gehandelt hatte; deshalb winkte sie Clauert, er möchte zu ihr hinauskommen. Clauert verstand wohl, wie diese Kreide schrieb, und ging zu der Frau hinaus. Er empfing von derselben fünfzig Taler und stellte ihr dagegen die beiden Becher zurück. Deshalb war er nun auch viel fröhlicher als zuvor und sprang und tanzte mit dem braunen Mantel und der Trompete, welche er über denselben gehängt hatte, auf der Gasse herum, um zu versuchen, ob auch jemand diesen Rock kennen würde. Da wurde jenem guten Mann, welchem der Mantel gehörte, sehr bange. Er begab sich deshalb heimlich zu Clauert, schenkte ihm dreißig Taler für den Mantel und bat ihn inständig, er möge nur um Gotteswillen niemandem etwas davon sagen.

Clauert versprach es wohl zu tun, wer es aber halten würde, dafür ließ er den guten Freund sorgen; daher weiß auch niemand etwas davon zu sagen, als Kinder und alte Leute.