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Deutsche Märchen und Sagen 183

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

243. Neckgeist zu Gent

Eine Frau musste abends spät noch um Doktor gehen und den zu einem Kranken rufen. Auf dem Wege kam sie über die alte Ajujnlei und da fand sie etwas auf der Straße liegen, wovon sie meinte, dass es ein Betrunkener sei, denn es runkte und schnarchte, wie jemand, der in einem tiefen Schlaf liegt. Sie näherte sich und wollte den Trunkenbold wecken, aber da sprang der auf und rammelte grässlich mit Ketten. Die Frau lief der Predigerherrenbrücke zu, der Spuk folgte, und zwar bis auf die Mitte der Brücke, da sprang er unter lautem Gelächter ins Wasser und verschwand.

244. Der Seemann

In der Nähe eines Polderdorfes findet sich ein alter Arm der See, der aber nun von dem Meer abgeschnitten und am Eingang versandet ist. Rund um das Wasser sieht man schöne Weiden. Auf einer derselben weideten einst zwei Mädchen die Kühe. Es war im Sommer und sie hatten Essen und Trinken mit sich genommen, und auch ein Körbchen voll Kartoffeln. Diese wollten sie sich gern braten und machten darum ein groß Feuer an. Zudem sie nun so neben dem Feuer saßen, kam plötzlich ein alter Mann über das Wasser gegangen, der eine sehr altfränkische Kleidung trug. In der Hand hielt er eine Landmesserstange und einen gut gefüllten Geldbeutel. Die Mädchen hatten große Angst, als sie ihn sahen. Um ihn sich geneigt zu machen, riefen sie ihm zu: »Baschen, wollt Ihr nicht eine Kartoffel mitessen?« Baschen aber gab keine Antwort, sondern streckte ihnen nur seine Börse entgegen. Da konnten es die Mädchen vor Schreck nicht mehr aushalten und sie liefen fort und nach Hause. Da erzählten sie alles, was ihnen mit dem Seemann begegnet war, und alle, die zugegen waren, liefen auf der Stelle hin zu dem Seearm, ob sie den Seemann noch finden würden, denn die prall gefüllte Börse lag ihnen im Kopf. Der Seemann war aber weg und die grüne Börse mit und er hat sich nie wieder sehen lassen.