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Jim Buffalo – 24. Abenteuer – Kapitel 1

Jim Buffalo,
der Mann mit der Teufelsmaschine
Veröffentlichungen aus den Geheimakten des größten Abenteurers aller Zeiten
Moderner Volksbücher-Verlag, Leipzig, 1922
Das 24. Abenteuer Jim Buffalos
Die Banditen der Sierra-Callo
1. Kapitel

Ein grausiger Fund

Auf der schmalen Gebirgsstraße der Sierra-Callo, einem kleine Gebirgszug im Westen von Texas, keuchte unter lautem Knattern des Motors ein Auto hinauf.

Öde und kahl reckten die senkrecht aufstrebenden, wildzerklüfteten Felswände ihre zackigen Häupter zum grauen, regendrohenden Himmel empor, während zur linken Seite der Straße eine tiefe Schlucht aufgähnte.

Jim Buffalo, der Herr der Teufelsmaschine, hatte einen früheren Freund, der als Kommandant eines der Grenzforts befehligte, besucht und befand sich wieder auf dem Heimweg nach dem Norden.

Sehr aufmerksam musste Jim Buffalo ausspähen, denn wenn es auch sonst keine Hindernisse für die vortrefflich gebaute Maschine gab, so lagen doch überall große Felsquadern umher, die die Stürme herabgeweht hatten, und die zu umgehen die ganze Aufmerksamkeit des Führers erforderte.

Jim Buffalo hatte in stundenlanger Fahrt fast das Ende des kleinen Gebirgszuges durchquert und bereits begann sich die Straße wieder abwärts zu senken, als sein Aufmerksamkeit auf einen Punkt gelenkt wurde.

Zwei gewaltige Raubvögel, Aasgeier, waren hoch oben in der Luft zu sehen; doch mussten ihre scharfen Augen bereits eine Beute erspäht haben, denn immer kleiner zogen sie ihre Kreise, bis sie sich plötzlich mit widerlichem Geschrei auf einem am Rande der Schlucht stehenden Baum niederließen.

Interessiert hatte Jim Buffalo dem Beginnen der Vögel zugeschaut.

Bei dem Baum angekommen, verließ er sein Gefährt, trat an den Rand der Schlucht und blickte hinunter, ohne dass sich die beiden Aasgeier entfernt hätten.

Sie schienen ihrer Beute sicher zu sein.

Jim Buffalos scharfe Augen hatten sofort erspäht, dass hier ein Unglücksfall, wenn nicht gar ein Verbrechen geschehen war.

Der Boden am Schluchtrand war zertrampelt, als ob hier ein Kampf stattgefunden habe, einige Felsstücke hatten sich losgelöst und wahrscheinlich den Verunglückten, der hier gestanden, mit in die schauerliche Tiefe gerissen.

Obwohl der Grund der Schlucht fast in Dunkel gehüllt war, bemerkte er scharf hinunterblickend doch bald den unten liegenden Kadaver eines abgestürzten Maulesels, während er von dem Besitzer des Tieres noch nichts zu sehen vermochte.

Suchend glitten seine Blicke an der Schluchtwand hin und her, und nun hatte er den Verunglückten erblickt. Eine hervorstehende Baumwurzel hatte seinen Sturz aufgehalten und sich in die Falten des weiten Ponchos hineingespießt.

Trotzdem hing der Abgestürzte so unglücklich und völlig frei über dem Abgrund, dass er sich weder zu rühren noch zu regen vermochte. Es war ein Wunder, dass der leichte Mantel die schwere Last des Körpers hielt und nicht schon lange durchgerissen war.

Der in solch gefährlicher Lage Hängende schien überdies verwundet und ohnmächtig zu sein, denn deutlich zeichneten sich von der hellen Kleidung dunkle Flecke ab, die von Blut herrühren mussten.

Jim Buffalo war sofort entschlossen, dem Verunglückten zu helfen.

Mithilfe seines Lassos, den er an seinem Auto befestigt hatte, kletterte er den Abhang hinunter, sodass er dicht neben dem Verunglückten zu hängen kam.

Der noch junge Mann blutete aus einer Brustwunde, musste also überfallen worden sein.

Doch nach den näheren Umständen zu forschen war jetzt keine Zeit.

Das Loch in dem leichten Poncho hatte sich durch die Schwere des Körpers immer mehr erweitert und die Gefahr lag nahe, dass auch das letzte Ende reißen könne.

Es galt also, schnell und vorsichtig zu handeln.

Es war eine gefährliche Arbeit, den Leblosen aus seiner Lage zu befreien, zumal Jim Buffalo nur eine Hand dazu gebrauchen konnte, während er sich mit der anderen selbst festhalten musste.

Doch das tollkühne Wagnis gelang und es war auch die höchste Zeit, denn kaum hatte er den jungen Mann mit dem freien Arm umschlungen, da gab das leichte Tuch plötzlich nach und rettungslos wäre der Arme in die Tiefe gestürzt.

Was aber nun beginnen? Wie sollte er mit der einen Hand wieder nach oben gelangen? Und nicht ein Stützpunkt zeigte sich in der Felswand, wo er hätte festen Fuß fassen können. Sollte er den Geretteten wieder fallen lassen? Er vermochte sich nicht zu bewegen, und die doppelte Last hatte den dünnen Lederriemen zum Bersten gespannt.

Da durchblitzte ihn ein rettender Gedanke.

Mit aller Kraft seiner Muskeln zog er sich so weit wie nur möglich mit dem einen Arm nach oben und biss sich mit den Zähnen in dem Lasso fest.

Nun hatte er beide Hände frei.

Blitzschnell schlang er das untere Ende des Lassos um den Leblosen, der nun freischwebend und doch sicher unter ihm hing.

Wohl dehnte sich der Lasso unter der doppelten Last, aber der zähe Lederriemen hielt, und langsam begann Jim Buffalo wieder emporzuklettern.

In Schweiß gebadet kam er oben an, doch gönnte er sich keinen Augenblick Ruhe, bis er auch den Geretteten heraufgezogen hatte.

Nur einen Augenblick verschnaufte er nach der furchtbaren Anstrengung, dann begann er sich schon wieder mit dem Ohnmächtigen zu beschäftigen. Glücklicherweise erwies sich der Bruststich nur als eine tiefe Fleischwunde, die keine edleren Teile verletzt hatte.

Eine Untersuchung des Herzens ergab, dass es noch leise schlug.

Jim Buffalo wusch und reinigte die Wunde, verband sie und flößte hierauf dem Ohnmächtigen einige Tropfen starken Weines ein, indem er mithilfe seines Bowiemessers die fest zusammengebissenen Zähne auseinanderpresste.

Endlich hatte er die Freude, seine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sehen.

Über das bleiche Gesicht huschte eine leichte Röte, die Lippen zuckten wie im verhaltenen Schmerz, ein Zittern durchlief den Körper, und plötzlich schlug der junge Mann die Augen auf, um entsetzt und verwundert zugleich um sich zu blicken.

»Wo bin ich?«, hauchte er mit kaum vernehmbarer Stimme.

»In guten Händen und vor allen Dingen in Sicherheit!«, gab Jim Buffalo zurück. »Doch nehmt zuvor erst einen kräftigen Schluck, erzählen könnt Ihr später, wer Euch in eine solche gefährliche Lage gebracht hat.«

Mit gierigen Zügen trank der junge Mann den dargereichten Becher leer. Und mit den wieder erwachenden Lebenszeichen schien ihm auch die Besinnung an das Erlebte zu kommen, denn sein Körper schüttelte sich vor Entsetzen, und mit einem leichten Aufstöhnen, – ein leichtes Wundfieber schien im Anzüge zu sein, – griff er nach der Brustwunde.

Doch wohl weniger dieser galten seine hastigen Handbewegungen, als vielmehr einem Gegenstand, den er früher quer über die Brust getragen haben mochte, und der nun nicht mehr vorhanden war. Das verriet sein jähes Zusammenschrecken.

»Mein Gott, das Kästchen ist weg! Ich bin bestohlen worden!«, ächzte er.

»Well, das konnte ich mir denken!«, versetzte Jim Buffalo. »Umsonst lauert man keinem harmlosen Wanderer auf, sticht ihn nieder und wirft ihn dann in die Schlucht hinunter. Doch erzählt mir. Mann! Vielleicht ist es möglich, den Räubern ihren Raub wieder abzujagen. Und wertvoll muss er gewesen sein, wenn man Menschenblut um seinetwillen vergießt.«

»Das Leben von Hunderten von Menschen, das Wohl und Wehe eines ganzen Stammes hängt von der Wiedererlangung des Kästchens ab!«, stieß der junge Mann wild hervor. »O, hättet Ihr mich lieber hängen und abstürzen lassen, dann brauchte ich nicht als Wortbrüchiger zurückzukehren, denn bei meinem Leben hatte ich geschworen, das Kästchen sicher abzuliefern.«

»Well, an einem Faden hing es allerdings nur noch, als ich dazu kam, ein Handgriff zu spät – und Ihr läget jetzt unten, neben Eurem toten Tier. Aber nun erklärt Euch deutlicher, vielleicht lässt sich aus dem Wert des Kästchens auf seine mutmaßlichen Räuber schließen?«

Und stockend berichtete der junge Mann.

Er war ein Abgesandter der Regierung der Vereinigten Staaten in Washington und beauftragt gewesen, dem Häuptling der Irokesen, einem Stamm, der seinen Wohnsitz an den Abhängen der Sierra-Callo hatte, das Kästchen mit den Verträgen zu überbringen, die den Irokesen auf weitere zehn Jahre das bisher inngehabte Gebiet zusicherte.

Der Häuptling hatte die Verträge seinerzeit selbst überbracht, doch war damals der betreffende Territorialbeamte nicht anwesend gewesen und hatte die Angelegenheit bis zur letzten Minute liegen lassen.

Und die Irokesen gehörten zu denjenigen Stämmen, die bisher mit der Regierung immer im besten Einvernehmen gelebt hatten. Letztere hatte also keine Ursache, die Rothäute von einem Gebiet zu verweisen, das wegen seines durchaus bergigen Terrains zu anderen Kulturzwecken gar nicht geeignet war.

Zogen aber die Irokesen ab, so lag die Gefahr nahe, dass von Mexiko herüber die räuberischen Otomi in das Land einfielen, wie sie es schon mehrfach versucht hatten, von den Irokesen aber mit blutigen Köpfen heimgeschickt worden waren.

»Ich kann mir gar nicht erklären«, schloss der Beamte seine Erzählung, »wer ein Interesse an dem Fortzug der Irokesen haben könnte, zumal die Abmachungen zwischen ihnen und der Regierung völlig geheim gehalten wurden.«

»Well, so muss eben irgendeiner von dem Ausbleiben der Verträge Wind bekommen haben und vielleicht hat man dem Mann mit dem Kästchen schon wochenlang aufgelauert, bis er eben kam. Dass man von seiner Bedeutung unterrichtet war, das zeigt deutlich sein so gewaltsames Verschwinden und die feste Absicht, die Rothäute zum Aufgeben ihrer Wohnstätten zu veranlassen. Dass die Otomi ihre Hand dabei im Spiel haben sollten, glaube ich kaum, weit eher, dass hier irgendein Geheimnis obwalten muss, das noch zu ergründen wäre. Man munkelt so viel von verborgenen Indianerschätzen. Warum sollten nicht auch die Irokesen einen solchen besitzen? Und heutzutage wissen die Rothäute schon besser, was sie mit dem sonst verachteten Gold anfangen können.«

»Alle Wetter, wenn Ihr recht hättet, dann fände der heimtückische Überfall ja die schnellste Lösung. Aber was soll ich nun ohne das Kästchen beginnen?«

Jim Buffalo sann einen Augenblick nach.

»Well, junger Mann, ich habe Euch das Leben gerettet und es gern getan; weil es meine verdammte Pflicht war. Aber das war nur halbe Arbeit und die bin ich nicht gewöhnt. Das Kästchen muss wieder zur Stelle, um jeden Preis! Mein Vorschlag wäre daher, dass wir uns zusammen zu den Irokesen begeben und dem Häuptling den Raub des Kästchens mitteilen. Vielleicht gelingt es uns, dabei das Geheimnis zu lösen, da im Boden des von unbekannter Seite so heiß begehrten Territoriums ruht. Dann soll es uns nicht schwer werden, den Kästchenräuber zu ermitteln.«

»Mit Dank angekommen!«, versetzte der junge Mann, in die dargebotene Hand Jim Buffalos einschlagend.

»Ich habe Euch ja schon so viel zu danken, würde aber glücklich sein, meinem Chef wieder ruhig unter die Augen treten zu können.«

»Well, was in meinen Kräften steht, soll gern geschehen«, beruhigte Jim Buffalo den jungen Mann.

Wenige Minuten später setzte das Teufelsauto seinen Weg wieder fort.