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Deutsche Märchen und Sagen 179

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

237. Der sprechende Bock

Ein Bauer kam in einer hellen Nacht durch den Beveren-Polder und wollte nach Hause zu. Ermüdet setzte er sich unterwegs nieder, um ein wenig auszuruhen. Es war an den Ruinen des alten Schlosses von Beveren (Waesland). Da hörte er plötzlich ein jämmerliches Blöken nahe bei sich. Er stand auf, ging darauf zu und fand ein blutjunges Böckchen, welches noch keine Stunde alt sein konnte.

»Armes Tierchen«, sprach er bei sich, »wie liegst du hier so verlassen!«

Er nahm das Böckchen auf den Rücken und schritt munter weiter.

Je mehr er aber seiner Wohnung nahte, umso schwerer und größer wurde das Böckchen. Es dauerte nicht lange und es hatte bereits die Größe eines Kalbes. Der Bauer schwitzte, dass er keinen Faden am Leib mehr trocken hatte, doch ging er mutig fort. Aber nun schien das Tier mit jedem Schritt mehr zu wachsen, denn die Vorderbeine ragten immer weiter über des Bauern Haupt, während die Hinterbeine immer mehr auf dem Boden schleiften.

Eine Viertelstunde lang hatte der arme Mann schon an dem Tier geschleppt. Da scholl mit einem Mal hinter ihm eine Stimme, wie von ganz fern, die rief: »Wo gehst du denn hin?«

Der Bauer zitterte wie ein Espenblatt, wagte aber keine Antwort zu geben.

Da fragte die Stimme zum anderen Mal: »Wo gehst du denn hin?«

Und der Bock antwortete, wie mit hohlem Gebrüll: »Ich gehe nicht, er trägt mich.«

In Todesangst warf der Bauer den Bock hin und lief wie der Wind nach Hause. Der Bock war der Kludde gewesen.