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Die Gespenster – Vierter Teil – 8. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Achte Erzählung

Ein Poltergeist verscheucht also Reisenden aus dem Weißen Ross zu Osterwieck

Als der Besitzer des Gasthofes Zum weißen Ross zu Osterwieck verstorben war, entschloss sich seine hinterbliebene Witwe, in Verbindung mit ihrem erwachsenen Sohn die Wirtschaft fortzusetzen, weil sie bis dahin ihr gutes Auskommen dabei gefunden hatten. Anfangs befanden sie sich auch ganz wohl dabei; aber einige Zeit danach ließ sich ein schrecklicher Poltergeist in diesem Haus hören, der durch ein furchtbares Gerassel mit Ketten, Nacht für Nacht, alle vernünftigen und unvernünftigen Bewohner des Hauses, mithin auch die armen Reisenden, die hier einkehrten, in ihrer Ruhe störte. Dadurch kam nun das Wirtshaus bald in einen so üblen Ruf, dass aller Verkehr in demselben aufhörte, und alle Nahrung von ihm wich.

Die Wirtin entschloss sich daher, den Gasthof, für welchen Preis es auch sei, feilzubieten und teilte diesen ihren notgedrungenen Vorsatz mit nassen Augen und ängstlicher Besorgnis für ihren künftigen Lebensunterhalt einigen beherzten Männern dieses Städtchens mit. Diese einsichtsvollen und redlichen Freunde rieten ihr, sich nicht zu übereilen, und fassten sogleich den Entschluss, zuvor erst noch das Gespenst näher in Augenschein zu nehmen, und des­halb eine Nacht in der Residenz des Höllengeistes ihr Quartier aufzuschlagen. Bloß der Frau des Hauses eröffneten sie unter dem Siegel der streng­sten Verschwiegenheit dies ihr Vorhaben, weil sie mit Recht der Meinung waren, nur so eines guten Erfolges gewiss sein zu können. Gegen Abend ver­fügten sich also diese Männer, drei an der Zahl, in den benannten Gasthof und verplauderten – wie das auch sonst wohl zu geschehen pflegte – einige Stunden bei einem Glas Bier und einer Pfeife Tabak. Um zehn Uhr entfernten sie sich und wünschten den wieder von dem Unfug des Unbändigsten aller Poltergeister. Endlich war es nun auf dem Hausflur so ganz in der Nähe der beiden verwegenen, in die Enge getriebenen Bürger. So standhaft und entschlossen sie auch noch immer geblieben waren, so konnten sie doch nicht verhindern, dass das Geklirre der Ketten ihnen Mark und Bein durchdrangen.

Sie hatten A gesagt und mussten nun auch B sagen. Eine Wahl blieb ihnen nicht übrig, daher war denn der nämliche Augenblick, wo sie sich dies recht lebhaft dachten, auch der Augenblick, in welchem das Teufelsspiel sein Ende erreichte. Einer von den Wächtern, der sich in einer Kammer neben der Stubentür verborgen hatte und sich auf seine nervichte Rechte ganz verlassen konnte, sprang schnell hervor, packte den Höllengeist sehr unsanft, warf ihn mit Heftigkeit zu Boden und schlug in der ersten Hitze einige Male blind auf ihn ein. Die Hetzpeitsche geschwungen vom kräftigem Arm, verwandelte nun das vorhin so furchtbare Geheul in Schmerz verratende Klagetöne und demütige Bitten. Alle Bewohner des Hauses eilten zitternd auf das Angstgeschrei des Höllengeistes herbei.

Beim Licht betrachtet, war das Gespenst ein in diesem Haus wohlbekannter Taugenichts, der das seine verschwendet hatte und nun den Kobold machte, um mit dem geringen Überrest seines Ver­mögens diesen Gasthof für ein Spottgeld an sich zu bringen, nachdem er ihn wie ein echter Betrüger durch sein Gaukelspiel in üblen Ruf gebracht hatte. Dieser böse Geist spukt nun, anderen zum Exempel, am hellen Tag vor den Türen der Leute und lebt von Almosen.