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Slatermans Westernkurier 01/2024

Auf ein Wort, Stranger, hast du je von der Blechhut-Brigade aus Texas gehört?

Man nannte ihn nicht nur den Wilden Westen, er war auch wirklich wild. In manchen Städten jenseits des Mississippi wie Deadwood, Abilene, El Paso oder auch San Francisco waren Tod und Gewalt an der Tagesordnung. Fort Griffin am Brazos River in Texas war da keine Ausnahme. Seltsamerweise ist das heute kaum noch bekannt, obwohl dieser Ort zu den wildesten, wenn nicht gar zu den wildesten Towns des Wilden Westens zählte.

Fort Griffin war zunächst nur der Name eines Armeepostens, den die US-Kavallerie 1867 im Nordwesten des Jack County errichtete, um die Siedler vor Überfällen der Comanchen und Kiowa zu schützen.

Der auf den sanft geschwungenen Hügeln zwischen dem West Fork des Trinity Rivers und dem Clear Fork des Brazos Rivers errichtete Posten lag in einem Gebiet, das die Indianer seit jeher als ihr Jagdrevier betrachteten. Obwohl in der Umgebung bereits 1840 die Armeestützpunkte Fort Belknap, Phantom Hill und Camp Cooper zum Schutz der Siedler errichtet worden waren, reichten diese nicht mehr aus, um die immer zahlreicher ins Land strömenden Siedler vor den Indianern zu schützen.

Obwohl die Baupläne bereits seit Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts vorlagen, verzögerte der Bürgerkrieg den Bau des Forts um mehrere Jahre. Erst im Sommer 1867, als Lieutenant Colonel Samuel mit vier Kompanien Kavallerie in das Land zwischen West Fork und Clear Fork beordert wurde, konnte mit dem Bau begonnen werden.

Camp Wilson, wie der Posten zunächst hieß, wurde auf einem Hügel mit direktem Blick auf den Brazos River errichtet. Später wurde der Name in Fort Griffin geändert, in Gedenken an den verstorbenen Major General Charles Griffin, Kommandeur des Texas Army Departments, der die Pläne für den Bau des Forts entworfen hatte.

Bei seiner Fertigstellung bot das Fort Platz für bis zu sechs Kompanien Soldaten mit ihren Offizieren. Es bestand aus einem Verwaltungsgebäude, einem Krankenhaus, einem Wachhaus, einer Bäckerei und einem Pulvermagazin sowie fünf Lagerhäusern, Futterställen, einer Wäscherei, einer Werkstatt und insgesamt elf Kasernengebäuden und Offiziersunterkünften.

Unmittelbar nach der Fertigstellung ließen sich die ersten Siedler am Fuße des Hügels nieder und gründeten eine Siedlung namens The Bottom, die später in The Flat und dann in Hidetown umbenannt wurde, bevor sie den bis heute gültigen Namen des Forts, Fort Griffin, erhielt. Die Siedlung wuchs schnell, da sich die Menschen unter dem Schutz der Soldaten sicher fühlten und die große Zahl der Soldaten gute Geschäfte ermöglichte.

Doch der immer größer werdende Zustrom der Siedler rief auch zunehmend die Indianer auf den Plan, die um ihre Jagdgründe fürchteten. Die Auseinandersetzungen eskalierten schließlich im Red-River-Krieg, der erst 1874 endete, als die Soldaten die Kiowa und Comanchen in der Schlacht am Palo Duro Canyon vernichtend schlugen.

In der Zwischenzeit wurde die Siedlung Fort Griffin von immer mehr Gesetzlosen überrannt. Das gleichnamige Fort war wegen des Indianerkrieges kaum noch besetzt, und die Verbrecher nutzten die Abwesenheit der Soldaten, die bis dahin für Recht und Ordnung gesorgt hatten, um sich hier niederzulassen und das ganze County mit Überfällen, Viehdiebstählen und Morden zu überziehen.

Männer und Frauen wie Doc Holliday, Big Nose Kate, der Revolverheld John Wesley Hardin, Pat Garrett, der Mann, der später Billy the Kid hinterrücks erschoss, und die berüchtigte Spielerin Lotti Deno gaben sich in Fort Griffin die Klinke in die Hand. Die ehrlichen Pioniere, die sich hier einst angesiedelt hatten, um Ackerbau, Handel und Viehzucht zu betreiben, konnten nur noch tatenlos zusehen, wie ihre Stadt allmählich im Sumpf des Verbrechens versank.

 

*

 

1874, nach dem Ende des Indianerfeldzuges, kehrten die Soldaten ins Fort zurück. Als der Festungskommandant die gleichnamige Siedlung so verwahrlost und gesetzlos vorfand, stellte er sie unter seine Kontrolle, verhängte das Kriegsrecht und zwang viele Gesetzesbrecher zum Verlassen der Stadt.

Doch diese Maßnahmen waren einigen Bewohnern nicht streng genug. Eine Gruppe entschlossener Männer gründete eine Bürgerwehr, die Tin Hat Brigade, und beschloss, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.  Um das Leben und das Eigentum der ehrlichen Bewohner von Jack County zu schützen, kam die Tin Hat Brigade nach langen Diskussionen zu dem Schluss, dass schnelle Gerechtigkeit weitaus wirksamer sei als die Androhung von Haftbefehlen und Gefängnisstrafen.

Schon bald wurde eine zweistellige Zahl von Pferdedieben, Mördern und Betrügern an den Bäumen entlang des Brazos River erhängt aufgefunden. Aber es gab noch eine andere Gruppe von Einwohnern, bibel- und gesetzestreue Menschen, die das Treiben in Fort Griffin nicht länger mit ansehen konnten und deshalb beim Jack County Court einen neuen Bezirk und eine neue Stadtgründung beantragten, um Fort Griffin, das inzwischen über die Grenzen hinweg als Babylon am Brazos bekannt war, mit juristischen Mitteln von der Landkarte zu tilgen.

Im September 1874 wurde dem Antrag stattgegeben und ein neues County zu Ehren von Dr. Jack Shackelford, einem texanischen Revolutionshelden, unter dem Namen Shackleford County gegründet.

Am 8. November 1874 gründeten die Bewohner des neuen Countys die Stadt Albany, die kurze Zeit später Fort Griffin als Kreisstadt ablöste. Doch das war nicht der einzige Tiefschlag, den die neue Stadt der alten Kreisstadt Fort Griffin, die zu diesem Zeitpunkt mehr als tausend Einwohner zählte, versetzen musste. Was sich schon lange abgezeichnet hatte, wurde 1881 endlich Wirklichkeit. Die Büffelbestände in den Plains waren inzwischen so stark zurückgegangen, dass die Büffeljäger, die in Fort Griffin lebten und Handel trieben, nach und nach abwanderten. Auch die Indianer waren inzwischen entweder alle nach Westen abgedrängt oder in Reservationen zusammengepfercht worden. Die Soldaten wurden nicht mehr gebraucht, und so wurde am Morgen des 31. Mai 1881 zum letzten Mal die US-Flagge über dem Fort gehisst. Nun fehlte der Stadt nicht nur die Kaufkraft der vielen Soldaten, sondern auch das Geld der unzähligen Büffeljäger.

So dauerte es nicht lange, bis die ersten Geschäfte nach Albany zogen.

Als die Bürger der neuen Stadt dann auch noch 50.000 Dollar sammelten, um die Eisenbahn nach Albany zu locken und die Texas Central Railroad tatsächlich ihre Gleise nach Albany verlegte, war dies der Todesstoß für die Siedlung und den Armeeposten Fort Griffin.

Heute erinnert nur noch ein sogenannter Historical Park an die glorreichen Zeiten dieser gesetzlosen Stadt.

Aber genug davon, zurück zum eigentlichen Thema dieser Kolumne. Schließlich geht es um die Blechhut-Brigade und nicht um Fort Griffin, auch wenn die Geschichte beider eng miteinander verwoben ist.

 

*

 

Im Jahre 1874 trat ein Mann namens John Larn der Blechhut-Brigade bei und erwarb sich durch sein entschlossenes Auftreten und sein konsequentes Vorgehen gegen die Gesetzlosen des Countys schnell den Respekt der Bürgerwehr und der Bevölkerung. So war es für niemanden eine Überraschung, als Larn im April 1876 zum Sheriff des neu gegründeten Shackelford County gewählt wurde. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass man mit seiner Wahl sprichwörtlich den Bock zum Gärtner gemacht hatte. Denn er war alles andere als ein unbescholtener Bürger.

Geboren wurde John M. Larn am 1. März 1849 in Mobile, Alabama. Als Jugendlicher zog er nach Colorado, arbeitete dort als Rancharbeiter und erschoss noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag seinen Chef, als dieser ihn beim Pferdediebstahl erwischte. Danach floh er nach New Mexico und tötete dort einen Sheriff, weil er glaubte, dass der Gesetzeshüter ihn wegen der Sache in Colorado verfolgte. Im Jahr 1871 erschoss er zwei Mexikaner und einen Schäfer auf einem Viehtrieb nach Trinidad. Mit der Aufnahme in die Tin Hat Brigade und der Wahl zum Sheriff hatte er den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Als die Bürgerwehr unter seiner Führung in den nächsten Monaten zwei Pferdediebe erschoss und sieben weitere am nächsten Baum aufhängte, sahen die Menschen in ihm den Mann, der das Land befrieden konnte. Von nun an standen ihm in der Grafschaft alle Türen offen.

Doch er wurde gierig und damit leichtsinnig.

Larn freundete sich mit John Selman an, dem Mann, der später John Wesley Hardin hinterrücks erschoss, und machte ihn zu seinem Stellvertreter. Aufgrund ihrer kriminellen Vergangenheit erkannten die beiden schnell, dass man mit Viehdiebstahl schneller und vor allem viel mehr Geld verdienen konnte als mit einem Job als Sheriff. Als Gesetzeshüter und Mitglied der Tin Hat Brigade wusste man zudem, wo und wann man zuschlagen konnte, ohne erwischt zu werden.

Doch das viele Geld machte Larn leichtsinnig. Er begann, Fehler zu machen. Sein erster Fehler war, dass er am 7. März 1877, nicht einmal ein Jahr nach seiner Wahl zum Sheriff, sein Amt niederlegte, um sich ganz dem Viehdiebstahl zu widmen. Nur einen Monat später wurde sein Stellvertreter William Cruger zu seinem Nachfolger ernannt. Sein zweiter Fehler war, dass er nun immer gieriger wurde und begann, sich das Vieh nicht mehr heimlich, sondern offen und rücksichtslos anzueignen. Viehzüchter wurden niedergeschlagen, ihre Pferde erschossen und auf Farmen und Ranches wurde geschossen, um die Bewohner einzuschüchtern.

Anfang Juni 1878 ertappte ein Viehzüchter namens Treadwell die Bande beim Diebstahl seiner Rinderherde. Er wurde entdeckt und von Larn angeschossen. Der Viehzüchter erstattete Anzeige, und nach Prüfung der Beweise erließ das Gericht einen Haftbefehl gegen Larn. Sheriff William Cruger wurde beauftragt, seinen ehemaligen Chef zu verhaften, was ihm am 22. Juni 1878 auch gelang.

Da Cruger befürchtete, Larn könnte von seiner Bande befreit werden, ließ er den örtlichen Schmied kommen und ihn mit Ketten und Eisenmanschetten an den Boden seiner Zelle fesseln. Doch es waren nicht seine Leute, sondern maskierte Mitglieder der Tin Hat Brigade, die in der Nacht zum 23. Juni das Gefängnis stürmten. Als sie merkten, dass sie Larn wegen der eisernen Fesseln nicht lynchen konnten, erschossen sie ihn kurzerhand.

Sein Partner John Selman entkam der Verhaftung, indem er wenige Stunden später nach New Mexico floh.

Mit dem Tod von John Larn hörten die Viehdiebstähle schlagartig auf und auch die Tin Hat Brigade trat nicht mehr in Erscheinung. Kurz nach Larns Ermordung verschwand William C. Gilson, der Townmarshal von Albany. Als er nach Wochen immer noch nicht aufgetaucht war, machten Gerüchte die Runde, die sich immer mehr verdichteten.

Gilson sei getötet worden, weil er Mitglied der Tin Hat Brigade gewesen sei und zu viel über die Bürgerwehr und die Namen ihrer Mitglieder gewusst habe. Eine Behauptung, die nach heutigem Kenntnisstand sehr wahrscheinlich ist.

Quellenhinweis: