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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 02

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

3. Der Turmsprung

Der Burgherr auf dem Kynast gab einst dem Herzog Ludwig II. von Liegnitz und dessen schöner Gemahlin Elisabeth, Tochter des Burggrafen von Zollern, ein Fest. Eine Menge Ritter und Edeldamen waren zu demselben erschienen und dem Festgelage folgten Turnier und Tanz. In ausgelassener Freude schlug ein Ritter vor, die Herren sollten ein jeder von hohem Standpunkt den Namen ihrer Herzallerliebsten in den Wald schreien. Mit Jubel ging man auf diese Idee ein. Die meisten der bespornten Recken aber verstanden die Kunst des Kletterns schlecht; nur wenige klommen zu ansehnlicher Höhe an den Schlossmauern empor.

Ein Page jedoch (Franz von Chila) stieg bis auf die Turmspitze hinauf und klammerte sich an die Wetterfahne. Der Burgherr ließ ihm durch den Turmwart einen mit Wein gefüllten Becher auf einer Stange reichen und der Herzog forderte den knabenhaften Wagehals auf, seine Liebste zu nennen.

Da schwang der Page den Becher in der Luft und rief:

Wär’ Frevel es und Sünde
Und würd’ ich zum Gespött’,
Ich lieb’ aus ganzer Seele
Fürstin Elisabeth!

Den goldenen Becher schleuderte der Verwegene vor die Füße des Herzogs und vor den Augen aller stürzte er sich hinab in die Tiefe, wo seine zerschmetterte Leiche aufgefunden wurde. Die Herzogin wurde ohnmächtig in das Schloss getragen und verfiel in eine Geisteskrankheit, welcher nach Jahresfrist auch ihr schöner Körper erlag.

4. Die Flucht des Gefangenen

Um das Jahr 1490 hielt der Burgherr des Kynast (Gotsche Schof) in dem Turmzimmer der Burg einen Ritter gefangen, der wiederholt das Kynast’sche befehdet hatte. Die Gemahlin des Gefangenen bat wiederholt den Burgherrn fußfällig um Freilassung ihres Mannes. Aber vergebens.

Nun ersann dieselbe eine List, ließ Stricke, Säge und Feilen in ein Osterbrot backen und erhielt von dem Burgherrn die Erlaubnis, ihrem Gatten zu dem Fest Brot und Wein durch den Turmwart zu senden. Der Gefangene hatte in ohnmächtigem Zorn schon oft an den Eisenstäben der Fensterlücke gerüttelt und sich die Fäuste an den dicken Mauern wund geschlagen. Seine Freude über die entdeckten Fluchtgeräte in dem Osterbrot war daher eine unbeschreibliche.

Als die Nacht hereinbrach und draußen der Sturm mit wildem Toben die alten Bäume peitschte, begann er in seiner Zelle zu sägen und zu feilen. Das starke Eisengitter wich seinen Bemühungen und fiel polternd hinab in den Grund. Der beherzte Mann befestigte sofort den Strick an den Überresten der Eisenstäbe und schwang sich zum Fenster hinaus. Glücklich erreichte er die Außenmauer und den Waldsaum, an welchem die treue Gattin mit dem Knappentross seiner harrte.

Der Turmwart fand des anderen Morgens die Zelle leer und an der Wand stand mit Blut geschrieben:

Die Frauenlieb’ und Frauentreu’
Erschließen alle Wege!
Es ebnet Gottes Fingerzeig
Für sie geheime Stege;
Aus Kerkers Nacht
Führt ihre Macht
In freies Luftgehege.

Das Fenster mit dem zerbrochenen Gitter wird noch heute gezeigt.