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Slatermans Westernkurier 10/2023

Auf ein Wort, Stranger, kennst du noch Whispering Smith?

Wahrscheinlich nicht, denn Whispering Smith, der mit bürgerlichem Namen James L. Smith hieß, ist außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika so gut wie unbekannt. Dass er dennoch ein Thema dieser Kolumne ist, liegt daran, dass er als Paradebeispiel dafür gilt, wie ein Groschenromanschreiber der damaligen Zeit mit wenigen Heftchen aus jedem x-beliebigen Mann, und sei er noch so verkommen, schlecht und abgrundtief böse, eine Legende machen konnte. Ned Buntline zum Beispiel hat es mit Buffalo Bill und Wild Bill Hickok fertiggebracht und John H. Flood mit Wyatt Earp, aber diese Männer waren wenigstens noch Persönlichkeiten.

Frank Spearman jedoch gelang es, der Leserschaft einen Killer, der nachweislich mehr als ein Dutzend Menschen ermordet hatte, als einen strahlenden Helden zu präsentieren. Das machte er so perfekt, dass sein 1906 erschienenes Buch Whispering Smith ein Bestseller wurde, der sogar den Weg bis nach Hollywood fand. Mehrere Filmstudios machten aus diesem Stoff bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein fünf Kinofilme mit so bekannten Schauspielern wie dem Westernfilmstar Alan Ladd und 1961 sogar noch eine Fernsehserie daraus, durch die dieser Mörder, was bis heute noch unfassbar ist, auf die Stufe einer Westernikone gehoben wurde.

 

*

 

Über die jungen Jahre von James L. Smith ist relativ wenig bekannt. Zum ersten Mal wird er namentlich in einem Armeebericht erwähnt, wo über ihn zu lesen ist, dass er im Bürgerkrieg in der US-Marine während des Mississippi Feldzuges an Bord eines eisernen Kanonenbootes diente. Nach dem Krieg blieb er als Plantageninspektor für das Freedmen’s Bureau in dieser Gegend und untersuchte im Auftrag des Nordens Verbrechen gegen ehemalige Sklaven.

Als 1868 die New Orleans Metropolitan Police gegründet wurde, ernannte man ihn zum Detektiv.

Eine Tätigkeit, die er mehrere Jahre ausübte, bis er in eine Schießerei verwickelt wurde, deren Folgen in einem handfesten Skandal ausuferten, der ihn zwang, nicht nur die Stadt, sondern sogar den Bundesstaat Louisiana zu verlassen.

Er floh mit seiner Frau nach Omaha in Nebraska und nahm dort eine Anstellung bei der Union Pacific Railroad Company als Eisenbahndetektiv an. Seltsamerweise wurde in allen späteren Berichten über ihn seine Frau nie mehr erwähnt, geschweige denn, ob er Kinder hatte. Der Job führte ihn später auch nach Cheyenne und in die Gegend der Black Hills. In dieser Zeit, in der er zwei Gegner erschoss und am Lynchmord an zwei weiteren Männern beteiligt war, erhielt er seinen Spitznamen Whispering Smith.

Die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts waren im Westen Amerikas gewiss eine wilde Zeit, aber ein Eisenbahndetektiv, der, statt Verbrecher zu verhaften, innerhalb kürzester Zeit vier von ihnen tötete, war selbst der Union Pacific zu wild. Man fürchtete um den guten Ruf und entließ Smith dann Knall auf Fall.

Whispering Smith zog es daraufhin erneut gen Süden, diesmal bis nach New Mexiko, wo er im Mescalero Indianerreservat die Stelle des Chefs der Indianerpolizei annahm. Er beteiligte sich trotz seines Amtes als Chief aktiv an der Verfolgung von gesetzeslosen Stammesmitgliedern und erschoss dabei zwei von ihnen, nachdem er und ein paar andere Polizisten ein Lager von Viehdieben umstellt hatten. Als er dann auch noch aus Geltungssucht, er wollte unbedingt ein berühmter Westmann werden, Pat Garrett, den Mann der Billy the Kid erschossen hatte, zum Duell forderte, hatten die Behörden genug von seiner Art, das Amt des Chefs der Indianerpolizei zu führen. Kurz nachdem bekannt wurde, dass nicht nur Pat Garrett, sondern auch die Öffentlichkeit ein Duell aus Gründen der Geltungssucht ablehnten, entließen sie ihn dann.

Gekränkt kehrte Smith wieder nach Cheyenne zurück, wo er bei der Wyoming Stock Growers Association eine Stelle als sogenannter Aktiendetektiv annahm. Durch den geheimnisvollen Charakter dieses Jobs wurde sein Tun und Wirken nie so richtig öffentlich bekannt. Hinter vorgehaltener Hand wurde jedoch erzählt, dass es als sicher galt, dass er in Ausübung seiner Tätigkeit ebenso in eine große Anzahl von Schießereien verwickelt war als auch an mehreren Lynchmorden. Nachdem öffentlich bekannt wurde, dass Smith den Auftragsmord an einem nach Mexiko geflohenem Viehdieb arrangierte, wurde er verhaftet. Er wurde nur deshalb nicht verurteilt, weil der Gesetzlose einen seiner Kollegen getötet hatte und sich Smith deshalb auf das im Westen ungeschriebene Gesetz der Rache berufen konnte.

Im Spätherbst 1887 beauftragte ihn die Stock Growers Association damit, den Versuch der Siedlerinteressengemeinschaften in Nebraska zu sabotieren, die dort per Wahlen Zaungesetze erlassen wollten, um ihr Land mit Stacheldraht vor den freilaufenden Rindern der Viehzüchter zu schützen. Land, das die Rancher seit Jahr und Tag benutzten, um sich immer größere Herden zu halten und damit immer mehr Gewinn zu erwirtschaften.

Dabei gehörte es ihnen eigentlich nicht, sondern der Regierung. Sie konnten sich lediglich auf das Gewohnheitsrecht berufen, das aber hinfällig war, seit Washington das Heimstätten-Gesetz beschlossen hatte. Damit konnte jeder Siedler 64,8 Hektar Land abstecken und es in Besitz nehmen, wenn er es fünf Jahre lang bewirtschaftete und eine geringe Gebühr an die Regierung entrichtet hatte. Im Umkehrschluss bedeutete das für die Viehzüchter immer weniger Land und damit immer weniger Verdienst, ein Umstand, der sogar bis in den Ruin führen konnte.

Deshalb galt es, den Versuch der Siedler in Nebraska von Anfang an zu unterbinden, da bei einem Erfolg damit zu rechnen war, dass diese Gesetze auch bald in Wyoming und anderen Staaten gelten würden. Smiths Aufgabe war es, in Wyoming und Nebraska nach Rancharbeitern zu suchen, die er bis zur Abstimmung im Winter in die Wahlbezirke bringen sollte, damit diese durch ihre Stimmen die Gesetzgebung für ein ja für die Zäune vereitelten.

Aber der Versuch scheiterte.

 

*

 

Durch die Schneestürme des Winters, der einer der schlimmsten der vergangenen 20 Jahre war, erfror das Vieh zu Hunderten auf den Weiden und brachte die gesamte Viehwirtschaft fast an den Rand des Ruins.

Smith sah in der Landwirtschaft und Viehzucht, über deren Erfolg oder Misserfolg einzig und allein das Wetter entschied, ein zu großes Risiko, kündigte seinen Job und heuerte bald darauf wieder als Eisenbahndetektiv an, diesmal bei der Northern Pacific Railway.

Doch auch diese Anstellung war nur von kurzer Dauer. Ein Bekannter, mit dem er sich während seiner Tätigkeit bei der Wyoming Stock Growers Association angefreundet hatte, bot ihm ein deutlich höheres Gehalt, wenn er in seine Dienste trat. Dieser Mann, Alexander H. Swan, der Viehkönig von Cheyenne, war finanziell an einem Kurzstreckenbahnunternehmen in Ogden, Utah, beteiligt und wollte Smith engagieren, um einen Mitarbeiter zu überführen und zu verhaften, der ihn regelmäßig betrog. Smith willigte ein und begann Beweise gegen John Middlemiss, den Täter, zu sammeln. Um genug Hinweise zu bekommen, versendete er an die Polizeibehörden von Utah und Kalifornien Untersuchungsschreiben. Middlemiss wurde zwar angeklagt und ins Gefängnis gesteckt, aber auch Smith kam vor Gericht.

Seine Briefe galten als Verleumdung, da Middlemiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht verurteilt war und so die Unschuldsvermutung galt. Eine Jury befand ihn für schuldig und der Richter verurteilte ihn zu einer Geldstrafe, die aber Swan bezahlte.

Smith jedoch hatte genug von all den juristischen Findigkeiten und Winkelzügen, die mit dem sogenannten Fortschritt des hereinbrechenden 20. Jahrhunderts immer mehr ausarteten und zog sich von der Zivilisation zurück, um in den Bergen von Utah nach Mineralien zu suchen, die er dann gewinnbringend an irgendeine Bergwerksgesellschaft verkaufen wollte, um seinen Lebensabend zu finanzieren.

Der ständige Ärger mit den Behörden, der Umzug von einem Bundesstaat in den anderen, der dauernde Aufenthalt in den Hotels und das Essen in Restaurants, da er kein Zuhause besaß, hatten dafür gesorgt, dass er außer ein paar Dollars, einem Pferd mit Sattel, seinen Waffen und den Kleidern, die er am Leib trug, nichts besaß. Für einen Mann über sechzig, der nicht krank werden durfte, weil er kein Geld hatte, die Arztrechnung zu bezahlen, verdammt wenig.

Doch er hatte Glück. 1891 entdeckte er mehrere Mineralvorkommen und verkaufte, nachdem die Besitzansprüche geklärt waren, die Grundstücke gewinnbringend an die Pleasant Valley Cole Company in Castle Gate. Nachdem die Firma von seinem Ruf erfahren hatte, stellte sie Smith sogar als Sicherheitsbeauftragten ein.

Das Gebiet um Castle Gate wimmelte zu dieser Zeit von Gesetzlosen und der Sheriff von Carbon County, Gus Donant, galt als korrupt. Als dieser versuchte, Gunplay Maxwell, einen berüchtigten Rustler, zu seinem Stellvertreter zu ernennen, startete die Pleasant Valley Cole Company mit Smith an der Spitze eine Kampagne, um dies zu verhindern und um Donants Absetzung zu erreichen. Trotz der Unterstützung der beiden bekannten Anwälte J. Warf und M. Braffet wurde Donant schließlich nach mehreren Verhandlungen verurteilt und musste ins Gefängnis. Ein Umstand, den die beiden Anwälte Smith nie verziehen und der zu einem fast einem Jahr lang andauernden Konflikt zwischen ihnen und Smith führte, in denen Beleidigungen und Gewalttätigkeiten beinahe zur Tagesordnung gehörten. Das Ganze gipfelte dann in Utah am Bahnhof von Price in einer Schießerei, nach der Smith wegen versuchten Mordes angeklagt und im Februar 1898 vor Gericht gestellt wurde.

Er wurde zwar freigesprochen, aber kurz darauf von der Pleasant Valley Company entlassen.

Nach dieser Konfrontation nahm Smith in Colorado im Gefängnis von Buena Vista eine Stellung als Gefängniswärter an. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 72. Aber auch diese Stellung war nicht von langer Dauer. Als einer der Gefangenen zu entkommen drohte, forderte ihn Smith mit dem Colt in der Hand nicht auf, stehenzubleiben und sich zu ergeben, sondern erschoss ihn einfach, ohne ihn anzurufen.

Damit war Smiths Revolverkarriere endgültig beendet. Gesundheitlich angeschlagen zog er sich nach Denver zurück. 1914 war er durch seine Krankheit mittellos geworden und entschied sich, ein Verbrechen zu begehen, um ins Denver County Gefängnis zu kommen, wo den Insassen kostenlose medizinische Hilfe gewährt wurde.

Aber sein Plan schlug fehl. Er wurde zwar inhaftiert, aber nicht medizinisch versorgt, nachdem man festgestellt hatte, dass er ein hoffnungsloser Fall war. Smith beging am 27. August 1917 in seiner Zelle Selbstmord, um den immer stärker werdenden Schmerzen zu entgehen. Er wurde anschließend auf dem Riverside Cemetery, Abschnitt 2, Lot 205, Block 12 beigesetzt.

 

*

 

Whispering Smith wäre eigentlich in Vergessenheit geraten, hätte es da nicht einen unbekannten Autor Namens Frank H. Spearmen gegeben. Dieser bis dato erfolglose Schreiberling sah seine letzte Chance zu Ruhm, Ehre und vor allem zu Geld zu kommen darin, dass er auf den Erfolgszug von Buntline, Flood und Co aufsprang, die mit Geschichten über wahre Westmänner bekannt und berühmt geworden waren.

Aber wo einen neuen Helden finden?

Das Feld der Revolverhelden, Abenteurer, Gesetzeshüter, Trapper und Entdecker war schon von der Konkurrenz abgegrast. Also musste etwas Neues her, dazu ein Umfeld, das jeder kannte und das er auch beschreiben konnte, ohne kostspielige Reisen in den Westen zu unternehmen, um sich dort die Umgebungen anzusehen.

Die Eingebung kam dann über Nacht. Natürlich, die Eisenbahn, ein Umfeld, das er praktisch vor der Haustüre vorfand, womit die Leute etwas anfangen konnten und was Stoff für unzählige Storys bot. Die Geschichte der Eisenbahn war schließlich voller Abenteuer, Unglücke und Überfällen durch weiße und rote Männer. Als er dann durch Zufall von Whispering Smith hörte, zog er Erkundigungen über Eisenbahndetektive ein und stieß dabei auf Timothy Keliher und Joe LeFors.

Diese beiden Männer waren bekannte Eisenbahndetektive und so vereinbarte Spearmen ein Gespräch mit ihnen.

Basierend auf ihren Geschichten verfasste er einen Roman über einen Helden, den er Whispering Smith nannte, da ihm die Namen Keliher und LeFors zu banal und überhaupt nicht heldenhaft klangen. Spearmen wusste nichts über das Leben von James Smith und traf ihn auch nie und dieser, Tausende von Meilen von ihm entfernt, erfuhr auch nie, dass er mit seinem Namen als Held für einen Westernroman herhalten musste.

Man kann also sagen, dass Spearmen die Abenteuer zweier Eisenbahndetektive unter dem Namen eines Gewaltverbrechers, und das war Smith eindeutig, veröffentlichte und so einem dutzendfachen Mörder zu landesweitem Ruhm verhalf, den Hollywood auch noch jahrelang befeuerte.

Es dauerte schließlich bis zum Juli 2007, bis Allen P. Bristow in seinem bei Sunstone Press Neu Mexiko erschienenen Buch Whispering Smith. His Life and Misadventures mit diesen ganzen Lügen aufräumte und die Legende von Smith demaskierte.

Quellenhinweis: