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Der Wildschütz – Kapitel 24

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875

Vierundzwanzigstes Kapitel

Das Zusammentreffen am Hochgericht

Die Glocke schlug soeben ein Viertel auf Zwölf, als eine Männergestalt, schwarz wie die Nacht, auf einem abgelegenen Feldweg, welcher zu einer sanften Anhöhe führte, langsam dahinwanderte. Der Himmel war ringsum mit schwarzen Wolken bedeckt und kein Stern blickte in die herrschende Finsternis herab. Der Pfad des nächtlichen Wanderers war von einer Beschaffenheit, die manch anderen abgehalten haben würde, ihn in der Nacht zu betreten. Die Gegend umher war seit den längsten Zeiten übel verrufen und viele blickten mit Abscheu zu dem armen Sünderplatz, auf welchem der Galgen stand und dessen luftiges Gebälk der unheimlichen Gestalt als das Ziel der Wanderung zu gelten schien. Nachdem der Fremde in der Nähe des Hochgerichts angelangt war, blieb er einige Augenblicke stehen, als lausche er in der Nähe. Es blieb jedoch alles ruhig und nur zuweilen rauschte der Wind hohl und schaurig durch das naheliegende Gebüsch.

»In der Tat eine garstige Nacht«, murmelte der Fremde, »und nur ein Interesse von gewichtigen Gründen aufgeregt, konnte mich bewegen, in dieser Teufelsfinsternis zum Galgenberg zu gehen. Man sagt, dass eine geheimnisvolle Zaubermacht darin liegen soll, irgendetwas von einem Hingerichteten bei sich zu tragen. Ich will es erproben, darum vorwärts, ehe die Furcht in dem zagenden Herzen Raum gewinnt!«

Und der Sprechende ging wieder weiter, plötzlich blieb er wieder stehen.

»Horch, was war das?«, fuhr er zusammenschreckend fort. »War es mir doch, als hörte ich jemand seufzen — es ist der Wind und doch scheint es vom Galgen herabzukommen.«

Je näher der Fremde dem Galgen kam, desto deutlicher glaubte er auch die Klagetöne zu vernehmen. Dieser Umstand begann seinen bisherigen Mut zu erschüttern. Er hielt unentschlossen an, nicht wissend, was am besten getan sei, entweder vorwärts gehen oder umzukehren. Das Erstere schien ihm zweckmäßiger zu sein und nicht länger zögernd, schritt er hastig dem Galgen zu, welcher kaum noch hundert Schritte von ihm entfernt stand.

Nachdem er bei dem schauerlichen Monument angelangt war, zog er eine kleine Blendlaterne aus seinem Mantel und zündete Licht an, dann stieg er die Leiter hinauf. Die Hälfte mochte er hinaufgekommen sein, da begann die schwache Leiter zu schwanken und sich heftig zu bewegen. Der Kletternde schaute erschrocken hinab, ohne etwas in der Finsternis zu bemerken.

Endlich war er oben, und zwar dem schwebenden Leichnam gegenüber angelangt. Hastig zog er sein Messer heraus, nahm die Laterne zwischen die Zähne, erfasste die rechte Hand des armen Sünders und war bemüht, mit der größten Geschwindigkeit zwei Finger derselben abzuschneiden.

In diesem Augenblick fühlt er sich fest am Fuß ergriffen, eine Eisenfaust schien ihn erfasst zu haben. Er konnte nicht einen Zoll weder vorwärts noch zurückweichen und mit steigendem Entsetzen starrte er unter sich hinab.

»Wer bist du?«, hörte er nun eine Stimme zu seinen Füßen. »Wer wacht in der Nacht?«

Es erfolgte auf beide Fragen keine Antwort, ein Beweis, dass der Obenstehende das Losungswort nicht kannte. Das fortwährende Schweigen mochte den zuletzt Angekommenen ungeduldig machen. Er begann den oben befindlichen Fremden heftig am Fuß zu schütteln.

»Wer bist du?«, fragte Herr John, denn er war es, sich nun überzeugend, dass es sein Gehilfe Curt nicht sei, der über ihm auf der Leiter stand. »Wenn du nicht antwortest, so schleudere ich dich in dem nächsten Augenblicke hinab!

Herr John hatte kaum seine Drohung ausgesprochen, als eine dritte Gestalt am Fuße des Galgens ankam.

»Wer wacht in der Nacht?«, fragte nun eine Stimme von unten herauf.

»Die Eule!«, antwortete Herr John von oben herab.

»Hoho, das ist der Rechte«, sagte der Scharfrichter in zufriedenem Ton, »komm geschwind, mein Junge«, fuhr er fort, »ich habe soeben einen Vogel in meinem Revier da oben erwischt, dessen Farbe eine sehr zweifelhafte zu sein scheint. Die Raubvögel schwärmen gern um den Galgen, und wer weiß, ob der Bursche nicht ebenso gut einen Strick verdient, wie der arme Teufel, welcher neben ihm im Nachtwind herumschwebt.«

In diesem Moment vernahm man ein geisterhaftes Stöhnen, es schien von dem Leichnam herzurühren, dessen Glieder sich mehr und mehr zu bewegen begannen. Der Körper schien von den Lebensgeistern noch nicht getrennt zu sein.

Der zunächst stehende Fremde erklärte, nun seinen Platz verlassen zu wollen, wenn man ihn ungehindert abziehen lasse.

»Das wird sich finden«, entgegnete Herr John, »doch zuvor will ich wissen, was dich bewog, um Mitternacht hierherzukommen. Doch jetzt steig herab, mein Gefährte und ich wollen dafür sorgen, dass du uns nicht entwischst.«

Herr John stieg nun herab, ihm folgte der Fremde langsam nach, und kaum hatte er einen Fuß auf den Erdboden gesetzt, als ihn Curt mit kräftiger Hand bei der Schulter gefasst hielt. Herr John nahm ihm die Blendlaterne aus der Hand und beleuchtete sein Gesicht, es war ihm jedoch völlig fremd und eben stand er im Begriff, neue Fragen an ihn zu richten, als Curt mit den Zeichen der größten Überraschung ausrief: »Herr John, wir haben den leibhaftigen Teufel gefangen! Ich kenne diesen Menschen, und glauben Sie mir, es ist ein Auswurf der Hölle, sein Name ist Berthold, und ich vermag es, ihn durch ein gegründetes Zeugnis an den Galgen zu bringen, wohin er gehört!«

»Dachte ich’s nicht«, sagte hierauf Herr John, »dass der Bursche ein Schwarzfuß sei, denn außer mir kommt nicht so bald eine ehrliche Christenseele auf den Einfall, bei Nacht auf den Zinnen des Galgens umherzuklettern. Es müsste von einem Mondsüchtigen geschehen, und ein solcher kannst du unmöglich sein.«

Der berüchtigte Berthold sah sich nun plötzlich in Gefahr, seine Freiheit zu verlieren, und dies war für ihn so viel wie dem Tod verfallen. Dieser Gedanke trieb ihn an, alles zu wagen und sich im schlimmsten Fall selbst zu entleiben, wenn kein anderer Ausweg für ihn übrig bleiben sollte.

Im Nu riss der Verbrecher ein Pistol heraus, um es auf Curt abzufeuern. Der Letztere wich jedoch geschickt aus und die Kugel pfiff neben seinem Ohr vorüber.

»Schurke, das soll dir übel bekommen!«, rief Herr John, aufgebracht über das meuchlerische Benehmen des Gauners, der in demselben Moment ein zweites Pistol hervorzog und gegen sich selbst richtete.

»Noch habt Ihr mich nicht!«, rief er. Damit krachte der Schuss und Berthold stürzte schwer getroffen zu Boden.

Beide Männer standen wie von Schrecken gelähmt neben dem Umgesunkenen, der sich röchelnd in seinem Blut wälzte.

Endlich ermunterte Herr John seinen Gehilfen mit den Worten: »Eile, eile, der läuft uns nicht davon; wir haben noch etwas Wichtiges zu tun, folge mir.«

Curt gehorchte dieser Aufforderung, und nachdem der Scharfrichter die Leiter erstiegen und sich auf einen der starken Querbalken geschwungen hatte, woran der Hingerichtete befestigt hing, befahl er dem jungen Mann, ihm zu folgen.

All dies geschah in wenig Augenblicken. John löste die Schlinge und durch eine geschickte Wendung wurde der Leichnam auf den Boden herabgelassen.

Man überzeugte sich bald, dass der Verurteilte noch Lebenskräfte genug besaß, und Herr John bemühte sich, dieselben von Neuem zu erwecken. Es gelang ihm auch und nach vielen Bemühungen schlug der Delinquent die Augen auf.

Wir dürfen nicht unbemerkt lassen, dass es nur durch einen Kunstgriff, den der Scharfrichter angewandt hatte, möglich geworden war, den Unglücklichen am Leben zu erhalten. Seine Geschicklichkeit hatte über den augenscheinlichen Tod den Sieg davongetragen.

Die beiden Männer trugen den Geretteten zum nicht weit gelegenen Wäldchen, wo sie ihn in einer kleinen Höhlung des steinigen Bodens verbargen. Herr John hüllte den Erstarrten in seinen eigenen Mantel und füllte ihm dann einige stärkende Substanzen in den Mund, die er auch hinunterschluckte. Das Sprechen fiel ihm jedoch noch zu schwer, und man bedeutete ihm, sich hier so lange ruhig zu verhalten, bis man ihn abholen werde.

Hierauf entfernten sich beide, um nach dem Ort zurückzukehren, wo der verwundete Berthold noch lag. Derselbe hatte, wie es schien, die Besinnung verloren, er murmelte unverständliche Worte und stieß zuweilen fürchterliche Flüche aus. Man überlegte, wie der Verbrecher auf das Leichteste fortzubringen sei, und beschloss endlich, den Verwundeten zu den zunächst gelegenen Häusern der Stadt zu tragen und ihn von dort auf einem Wagen ins Hospital zu fahren.

Diese Maßregeln wurden auch in Ausführung gebracht und eben schlug die Glocke zwei Uhr, als der Wagen vor dem Krankenhaus ankam. Berthold wurde vom Fuhrwerk heruntergehoben und in das Innere des Gebäudes getragen, worauf sich die Pforte wieder schloss. Der Wagen rollte fort und die gewöhnliche Ruhe trat wieder ein.