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Der Wildschütz – Kapitel 6

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875
Sechstes Kapitel

Die Gefangennahme

Nachdem der Wildschütz die Umgebung von Martins Wohnung verlassen hatte, wählte er einen fast unbetretenen Fußpfad, welcher sich von dem Dörfchen abwärts wandte und nach einer abgelegenen Holzung führte, die man gewöhnlich mit dem Namen der Moor­grund bezeichnete.

Hier stand unter den schützenden Zweigen einiger uralten Tannen eine armselige Bauernhütte, bewohnt von einer beinahe 70-jährigen Frau, der Erzieherin des berüchtigten Wilddiebes.

Wir versetzen den Leser in das Innere der einsamen Wohnung, deren Fenster sorgfältig geschlossen waren.

Die alte Frau saß am Spinnrocken und drehte fleißig das schnurrende Rad. Dabei sang sie mit einer Stimme, welche vor Alter zitterte, ein Abendlied, dem Schöpfer zum Dank, dem sie mit warmer Verehrung diente. Nach einiger Zeit stellte sie ihr Tage­werk zur Ruhe, um noch einige Angelegenheiten ihrer kleinen Haus­haltung zu besorgen. Ein leises Pochen an der Tür zog jedoch ihre Aufmerksamkeit auf sich und Mutter Elisabeth ging hinaus, um die geschlossene Tür zu öffnen.

Nach Verlauf von wenigen Minuten kehrte sie in Begleitung des Wildschützen zurück. Das Erscheinen desselben machte einen heftigen Eindruck auf die alte Frau. Mit starrem Blick und gefalteten Händen stand sie ihm mehrere Sekunden lang schweigend gegenüber.

»Um des Himmels Willen sage mir, wo kommst du her? Ein Wunder muss dich vor ihnen gerettet haben«, rief sie endlich. »Ach Gott, was habe ich heute schon um deinetwillen ausgestanden!«

„Nun und weshalb denn?«, fragte Curt lächelnd. »Sprecht, Mütterchen, was hat Euch so sehr beunruhigt?«

»Denke dir«, begann die Alte hierauf, »vor etwa zwei Stunden war der Oberförster des Grafen, der alte Valentin, hier und trat in Begleitung mehrerer von seinen Untergebenen herein. Als er nach dir fragte, sagte ich ihm, dass du nicht anwesend seiest und dass du schon seit acht Tagen nicht mehr nach Hause gekommen wärest. Der alte Brummbär murmelte hierauf etwas in den Bart, stieß dann ein paar fürchterliche Flüche aus und sagte: ›Warte nur, wir wollen den Schuft schon noch erwischen, und dann Gnade Gott seinem glatten Fell! Wir wollen es gerben, dass er genug haben soll.‹ Auf diese Drohung fragte ich den Förster, was er denn gegen dich habe, worüber dieser so aufgebracht wurde, dass er mich bei­nahe mit der Hundepeitsche geprügelt hätte.

›Alte Eule‹, rief er wütend, ›stellst dich noch so unschuldig, trotzdem dass du die besten Bälge von den fetten Böcken ziehst, welche der verdammte Spitzbube erlegt, um deine Küche mit Fleisch und seinen Beutel mit Geld zu versehen.‹

Ich wollte ihm auf diese Grobheit antworten, allein er verbot mir den Mund. Nachdem seine Begleiter fast die ganze Wohnung nach dir durchsucht hatten, entfernten sie sich. Ach Gott«,”« fuhr Mutter Elisabeth nach einer kleinen Pause fort, »was habe ich für Kummer gehabt, denn wenn sie dich getroffen hätten, so würde die Drohung des alten Valentin gewiss an dir in Erfüllung gebracht worden sein. Doch nun mache mir ferner keine Zurückhaltungen, sprich, was ist vorgefallen zwischen dir und den Leuten des Grafen? Du schweigst, etwas muss doch gewesen sein.«

»Mutter, ich bitte Euch, erlasst mir die Beantwortung Eurer Frage. Ich bin mir nichts bewusst, was mich Eurer Liebe unwürdig machen könnte. Mehr kann und werde ich nicht sagen. Ich habe Mut«, fuhr er fort, »und es wird ihnen schwer werden, ehe sie sich rühmen sollen, mich gefangen zu haben. Ihr seid bisher unbekannt mit der erbärmlichen Ursache gewesen, welche meine Gegner antreibt, mich wie einen Mörder zu verfolgen. Ihr sollt es auch ferner bleiben, und ich bitte, sprechen wir nicht mehr davon. Ich will diese Nacht hier schlafen«, fügte er hinzu, »denn schon längst habe ich kein Auge zugetan, und da wir heute sicher nicht noch einen Besuch von dem alten Valentin erhalten werden, so will ich mir es einmal bequem machen.«

»Curt, höre noch ein Wort«, begann nochmals die besorgte Mutter, »und dann mag es genug sein bis zu der Zeit, wo dir der Glaube in die Hände kommen wird, oder besser gesagt, wo Du es einsehen wirst, dass dein Lebenswandel bisher nicht ohne Tadel ge­wesen ist. Ich habe es schon längst bemerkt, dass du dir Freiheiten erlaubst, welche das Gesetz verbietet. Wer nun dagegen handelt, verfällt in Strafe: Das Letztere wird bald mit dir geschehen. Die Auslassungen des Försters brachten mich auf diese Vermutung. Gebe Gott, dass sie falsch sein mag.«

Curt schwieg und die alte Frau fuhr fort: »Bedenke, wie nach­teilig es für dich sein kann, wenn dich der Förster einmal mit der Büchse trifft, die du immer mit dir trägst. Versprich es mir, nie wieder mit dem Gewehr die Waldung zu betreten und entferne die Waffe für immer aus unserer Hütte, wo dieselbe für mich ein Gegenstand der Furcht ist. Befleiße dich irgendeiner Arbeit, welche dir redliches Brot gewährt, damit du nicht erröten darfst, wenn dir fleißige und nützliche Menschen ins Angesicht schauen.«

Während Elisabeth noch sprach, zog eine finstere Wolke über die Stirn ihres Pflegesohnes. Er atmete schwer auf und als sie schwieg, sagte er in gekränktem Ton: »Also das war es, was Ihr mir zu sagen Euch gedrungen fühltet? Bei Gott, wenn nun auch noch diejenige mit meinen Fein­den übereinstimmt, welche mir noch bisher vor allem teuer war, wie könnte ich es dann noch irgendjemand auch nur einen Augenblick verdenken, mich für den nichtswürdigsten Menschen zu halten? Alles schimpft auf mich; man nennt mich einen Tagedieb, einen Vaga­bund, der sich vor der Arbeit scheut und aus Liebe zum Nichtstun planlos umherschlendert, der sich danach umschaut, wo etwas für ihn zu ergattern übrig bleibt, und mit dieser Ansicht tragt auch Ihr Euch! Nun, es sei, ich will es unterlassen, etwas zu meiner Rechtfertigung zu sagen. Wir wollen uns nicht miteinander streiten und ich will nur so viel bemerken, dass ich Euch noch in dieser Viertelstunde für immer verlassen werde.«

Mit diesen Worten ergriff er seine Büchse, setzte sich den Hut auf und wollte fort. »Halt, so wollen wir nicht voneinander gehen!«, rief Mutter Elisabeth voll Bekümmernis, ihn am Arm festhaltend. »Ich bin alt und schwach und es kann dem Höchsten gefallen, mich bald ab­zurufen aus den Sorgen und Sünden dieser Welt. Ich will nicht, dass es geschehe, ohne mit allen versöhnt zu sein, besonders aber mit denen, auf deren Liebe ich mir durch Ausübung treuer Pflege ein Anrecht erworben habe. Darum versündige dich nicht durch Undank an mir, denn ich habe dich geliebt, wie kaum eine Mutter den Lieb­ling ihrer Seele zu lieben vermag.«

Curt stand gerührt der alten rechtschaffenen Frau gegenüber. Er wagte sie fast nicht anzusehen. Endlich erfasste er ihre Hand, indem er zugleich ausrief: »Verzeihung, Mutter! Gott weiß es, wie sehr ich mich jetzt über mein Betragen schäme. Lass es gut sein, ich gehe nun nicht fort; aber ich bitte dich, Mütterchen, zürne nicht wegen meines ungestümen Wesens.«

Frau Elisabeth war sofort wieder ausgesöhnt. Sie reichte dem jungen Mann die Hand und man sprach kein Wort mehr von dem Vorgefallenen. Die beiden Hüttenbewohner, welche sich bald darauf zur Ruhe begaben, konnten wohl beinahe drei Stunden geschlafen haben, als sie durch einen heftigen Schlag, mit voller Kraft gegen die Tür geführt, aufgestört wurden. Curt erwachte zuerst und sprang aus dem Bett, um nach der Ursache des Lärmes zu fragen. Kaum aber hatte er die Treppe erreicht, als er auch schon die Stimme der Försters Valentin erkannte, welcher sofort Einlass verlangte. Unterdessen war auch Mutter Elisabeth aus ihrem Schlafzimmer herausgekommen. Sie hatte einen brennenden Kienspan in der Hand und wollte den gefährdeten Curt aufwecken. Als sie jedoch das Lager bereits leer fand, stieg sie die Treppe hinab, wo sie bald darauf mit Curt zusammentraf.

»Aufgemacht!«, schrie unterdessen der Förster Valentin von außen, »lasst Euch nicht länger bitten, sonst lasse ich die Tür einschlagen.«

Curt stand unentschlossen neben dem verschlossenen Eingange, welcher ihn von seinen Verfolgern trennte. Der Förster fluchte und tobte und Frau Elisabeth fühlte sich zu unvermögend, ein Wort sprechen. Sie sank ermattet auf eine Bank und schloss die Augen.

Mittlerweile hatte der Förster Valentin seine Leute rings um das Haus postiert; mehrere Jagdhunde umkreisten überdies die Wohnung. Es war für Curt fast unmöglich, ein Mittel zu seiner Befreiung zu finden, außer wenn er durch einen kühnen Ausfall die Flucht zu ergreifen wagte. Das Unternehmen war allerdings schwierig, obwohl es von der Nacht begünstigt wurde. Leise schlich er daher zu einem kleinen, in der Nähe befindlichen Stall, um von hier durch ein niedri­ges Fenster ins Freie zu flüchten. Das soeben Gesagte war binnen wenig Minuten ausgeführt; aber kaum hatte Curt einen Fuß auf den Boden gesetzt, als er sich von den scharfen Zähnen eines unge­heuren Fanghundes gefasst fühlte, welcher ihn nicht wieder losließ. Der Wildschütz verlor jedoch den Mut nicht. Er versetzte dem Hund einen heftigen Schlag mit dem Griff seines Messers auf den Schädel, dass derselbe betäubt zur Erde sank. Allein in diesem Momente traten zwei Jägerburschen des alten Valentin um die Ecke der Hütte, die nun sofort auf ihn eindrangen und ihn an den Kleidern festhielten.

Curt wollte sich durchaus nicht ergeben; er leistete einen hart­näckigen und kräftigen Widerstand und es begann ein Kampf, dessen Ausgang vor der Hand zweifelhaft blieb. Die beiden jungen Leute waren nicht imstande, sich ihres Gegners zu bemächtigen. Das Erscheinen Valentins mit noch mehreren Begleitern gab jedoch der Sache endlich eine für Curt nachteilige Entscheidung. Es war für den Einzelnen etwas Unmögliches, um noch längeren Widerstand leisten zu können. Er wurde mit Gewalt niedergerissen und mit Stricken gebunden.

»Das ist ein Fang, potz Blei und Schrot!«, rief der Förster Valentin vergnügt. »Wie wird sich der gnädige Herr freuen über diese Nachricht, dass wir den Schurken nun endlich einmal haben. Warte Kerl«, fuhr er gegen Curt gewendet fort, ihn mit der Hundepeitsche ins Gesicht schlagend, dass das Blut aus den Striemen floss. »Es soll dir eine gebührende Belohnung für deine Räuberei zuteilwerden. Wir haben lange genug auf dich gelauert und der Henker soll uns holen, wenn du unter zehn Jahren wieder eine Büchse unter die Hände bekommst. Vorwärts Ihr Burschen«, fügte er hinzu, »bringt ihn zum Schloss des Grafen. Dort ist er vor­läufig am sichersten aufgehoben.«

Curt folgte willig seinen Führern und schwieg bei den Misshandlungen, die er wiederholt erdulden musste. Der Weg zum abgelegenen Schloss war höchst beschwerlich. Man konnte nur langsam weiterkommen, sodass es bereits sehr spät geworden war, als man an dem zum Berg hinaufführen­den Weg kam. Nach erfolgter Anmeldung rasselten die Schlösser und das schwere Tor öffnete sich den Ankommenden. Nachdem es wieder geschlossen worden war, da war dem Gefangenen zumute, als habe er für immer von der Außenwelt Abschied genommen.

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