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Nick Carter – Das Opfer eines Giftmischers – Kapitel 4

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Das Opfer eines Giftmischers
Ein Detektivroman

Ehrliche Schleichdiebe

Die Geduld der beiden Detektive, welche sich mittlerweile in ihrem Äußeren etwas zurechtgestutzt hatten, um nicht erkannt werden zu können, wurde auf keine allzu harte Probe gestellt. Kaum hatten sie etwa eine Stunde gewartet, als Patsy den Arm seines älteren Gefährten verstohlen ergriff und auf eine schlanke Mädchengestalt deutete, welche mit eiligen Schritten die Straße heraufkam und prüfend nach den Hausnummern sah.

»Dort kommt Mary Brown«, flüsterte Patsy sogleich verstohlen. »Ich lasse mich hängen, geht sie nicht ins Haus!«

Er sollte recht behalten, denn die von ihnen Beobachtete erstieg, ohne sich umzuschauen, die steinerne Freitreppe des von ihnen beschatteten Hauses und setzte den Klingelzug in Bewegung. Bald darauf wurde die Tür geöffnet, und das junge Mädchen trat ein, worauf die Tür ins Schloss zurückfiel.

»Was tun?«, meinte Patsy nun. »Der Vogel ist im Käfig, und ich wette meinen Kopf darauf, dass die hübsche Mary eben schon vertraulich dieses flüchtige Fräulein Myrtle Copeland begrüßt – doch still«, unterbrach er sich, zugleich warnend Chick beim Arm zurückhaltend. »Wir sind nicht allein im Geschäft, da sind noch zwei andere, welche unser Haus gleichfalls höchst eingehend betrachten!«

Damit deutete er verstohlen auf einen Mann und ein junges Mädchen, welche sich fast unmittelbar vor ihnen, ohne sie jedoch deshalb wahrzunehmen, auf dem Trottoir aufpflanzten. Der Mann hatte ein Notizbuch hervorgezogen und in dieses die ihm von seiner Gefährtin zugeflüsterte Nummer des gegenüberliegenden Hauses eingetragen. Dann, anscheinend durch den Erfolg ihrer Tätigkeit zufriedengestellt, gingen sie schnell weiter, um die Minute darauf an der nächsten Straßenecke einzubiegen und aus dem Gesichtskreis der beiden Detektive zu verschwinden.

»Da geht etwas vor, was ich nicht verstehe!«, versetzte Patsy nachdenklich. »Es sieht beinahe so aus, als ob sich das ganze Dienstpersonal vom Athersonschen Haus hier in der 68th Street ein Stelldichein gäbe – das Frauenzimmer ist nämlich die Küchenmagd im Athersonschen Hause und heißt Annie Gallagher.«

»Merkwürdig!«, meinte Chick. »Es hat den Anschein, als ob diese Annie ihrer bisherigen Kollegin Mary nachgeschlichen sei, um sich zu vergewissern, wohin diese sich begeben hat. Ich will dir was sagen, Patsy, wir müssen unter allen Umständen selbst ins Haus zu gelangen versuchen – fragt sich nur, wie und auf welche Weise!«

Während sie noch unschlüssig darüber nachgrübelten, wurde die Tür des ihnen gegenüberliegenden Hauses wiederum geöffnet. Diesmal erblickten sie einen jungen, schlanken Mann in Hut und Überrock, der das Haus zu verlassen sich anschickte, während auf der Türschwelle zugleich auch Mary, nun im Hausgewand und mit vorgesteckter weißer Schürze, auftauchte. Die beiden sprachen etwa noch eine Minute lang miteinander, dann entfernte sich der junge Mann eilig in der Richtung zur Lexington-Avenue, während Mary die Tür wieder verschloss.

»Nun blüht unser Weizen!«, flüsterte Patsy. »Diese Mary scheint sich häuslich in ihrem neuen Heim eingerichtet zu haben, und wir werden gut daran tun, ihr unsere Aufwartung zu machen.«

Es war inzwischen schon dunkel auf der Straße geworden, und diese lag völlig menschenleer.

Mit der größten Kaltblütigkeit erstiegen die beiden Detektive die Freitreppe, und es gelang Chick ohne Schwierigkeit, die Tür mit einem Dietrich unverzüglich zu öffnen.

In der nächsten Sekunde waren die beiden auch schon völlig lautlos und unbemerkt in den Korridor geschlüpft, der ziemlich im Dunkeln lag, und Patsy hatte die Haustür behutsam angelehnt.

Der Flur war völlig leer – nur ein Garderobenständer befand sich in ihm.

Dicht zu ihrer Rechten stand die in den Parlor (Salon) führende Tür halb offen. Sowohl in diesem als auch in dem mit ihm durch eine große, offenstehende Schiebetür verbundenen Nebenraum befand sich niemand, wie in flüchtiger Orientierungsblick die beiden Detektive lehrte. Zögernd blieben sie eine Weile im Korridor stehen, um auf im Haus lautwerdende Geräusche zu lauschen.

Unten im Souterrain musste sich die Küche befinden, denn ein kräftiger Bratengeruch drang angenehm zu ihren Nasen zur Treppe hinauf, und lebhaftes Geräusch verriet, dass unten die letzten Vorbereitungen für die noch ausstehende Abendmahlzeit getroffen wurden.

»Wir müssen zum zweiten Stock hinauf«, raunte Chick seinem Gefährten zu.

»Ich will mich hinaufschleichen«, flüsterte Patsy ebenso leise zurück. »Bleibe du inzwischen hier und halte Wache!«

So rasch und behutsam wie möglich huschte Patsy über die teppichbelegten Treppen. Es gelang ihm, das nächste Stockwerk unbemerkt zu erreichen. In einem der Zimmer, dessen halb offene Ausgangstür zum Korridor mündete, war bereits Licht angezündet. Behutsam pirschte sich der junge Detektiv bis an den Türspalt heran und lugte durch diesen ins Zimmer.

Sein Blick fiel auf ein junges, bildschönes Mädchen, welches mit seltsam träumerischem wie abwesend anmutendem Gesichtsausdruck in einem Schaukelstuhl ruhte und leise vor sich hinsang.

Ihre von schneeigen Hausgewändern umflossene, zarte, schlanke Gestalt wurde von einer Fülle entfesselter goldblonden Locken umspielt. Sie sah wie eine Märchenprinzessin aus, ging es Patsy durch den Sinn. Er zweifelte umso weniger daran, dass er Myrtle Copeland wirklich aufgefunden hatte, als die ihm von dieser gemachte Beschreibung dem im Zimmer befindlichen Mädchen auf das Genaueste entsprach.

Sofort zog sich Patsy ebenso behutsam, wie er gekommen war, wieder zur Treppe zurück. Eben wollte er sich mit Chick wieder vereinigen und diesem ein Zeichen geben, möglichst schnell und geräuschlos das Haus mit ihm zu verlassen, als sie auch schon zu ihrer Bestürzung einen Schlüssel im Türschloss sich drehen hörten und fast in derselben Sekunde noch in der hurtig geöffneten Tür derselbe junge Mann auftauchte, dessen Fortgehen sie kurz zuvor beobachtet hatten.

»Hilfe! Diebe! Einbrecher!«, schrie der Ankömmling beim Anblick der beiden verdächtigen Gestalten alsbald. Er hatte die Tür offenstehen lassen, und die gerade vor dem Haus stehende Straßenlaterne leuchtete hell genug in den Korridor, um die Gestalten der darin Befindlichen genau zu erkennen.

Bevor jener indessen weiterkam, hatte sich Patsy auch schon auf ihn geworfen, ihm geschickt ein Bein gestellt und ihn der Länge nach auf den Boden geschleudert. Geistesgegenwärtig hatte Chick just in derselben Sekunde die auf dem Garderobenständer hängenden Kleidungsstücke und Hüte gepackt und sie ziemlich unsanft auf den jungen Menschen geschleudert. Ehe dieser sich aus dem Wust der verschiedenen Kleidungsstücke wieder zurechtfinden konnte, waren die beiden flinken Detektive natürlich längst schon über alle Berge.

Sie bogen gerade um die nächste Straßenecke, als sie den also unhöflich bei seiner Heimkunft von ihnen Begrüßten auf der Freitreppe erscheinen sahen und ihn aus Leibeskräften nach der Polizei rufen hörten.

Natürlich wurde es sofort in der Straße lebendig, und die beiden Detektive hielten es für ratsam, einen gerade an der Straßenecke vorüberkommenden 3rd Avenue Straßenbahnwagen zu besteigen und mit ihm eine Strecke weiterzufahren.

Schon an der 59th Street stiegen sie wieder ab, nahmen die Crosstown Car und fuhren bis nach Central Park West, in dessen Nachbarschaft sich das von Nick Carter bewohnte Privathaus befand.

Sie fanden den Detektiv zu Hause, und natürlich war dieser nicht wenig erfreut, als er das Gelingen des kecken Streiches seiner beiden jungen Gehilfen, vernahm.

»Ihr könntet euch für Geld sehen lassen«, scherzte er. »Großartig, nun werdet ihr gar noch für Schleichdiebe gehalten – na, seid nur froh, dass euch keiner von unseren Blauröcken beim Kragen gekriegt hat!«

Sie lachten sämtlich fröhlich – dann aber meinte Nick Carter, schnell wieder ernst werdend: »Nun, Boys, wir wissen jetzt, wo der schöne Flüchtling weilt und werden uns sofort gemeinschaftlich zum Haus begeben – das werdet ihr wohl wagen können, ohne als Schleichdiebe festgehalten zu werden, was?«

»Natürlich, Meister«, meinte Patsy zuversichtlich. »Wir ließen dem jungen Menschen zu unserer Beaugenscheinigung nicht viel Zeit, und zudem hatten wir uns zurechtgemacht.«

»Umso besser, denn dann sind wir den Leuten keine Erklärung schuldig«, meinte Nick Carter. »Ich bin begierig, deren Bekanntschaft zu machen. Die ganze Sache hat sich einfach genug herausgestellt. Ich glaube nicht fehl in der Annahme zu gehen, dass Mrs. Thompson und diese Mary Bryan ein abgekartetes Spiel getrieben und das junge Mädchen nach reiflich vorher erwogenem Plan entführt haben. Doch damit ist meine erste Annahme hinfällig geworden, und handelt es sich nicht um eine Gelderpressung, oder es müsste mich denn meine ganze Menschenkenntnis im Stich lassen. Diese Mrs. Thompson ist eine menschenfreundliche, durchaus vertrauenswürdige alte Dame und keines Verbrechens fähig. Auch Mary Bryan scheint mir, wenn auch vielleicht etwas leicht veranlagt, eine ehrliche Haut zu sein – nein, nein, ich bin schon jetzt davon überzeugt, diese beiden Frauen haben kein selbstsüchtiges Interesse an der Entführung ihrer Schutzbefohlenen gehabt, sondern handelten nur, um diese irgendeiner bedrückenden Lage zu entziehen.«

»Vielleicht auch einer Gefahr, Nick«, warf Ida ein, die gerade beim Erscheinen der beiden jungen Gehilfen im Begriff gestanden hatte, zum Athersonschen Haus aufzubrechen und bisher schweigsam in der Sofaecke gesessen hatte. »Was Mrs. Boughton uns vor dem Ende ihrer Schwester und dem ganzen Charakter ihres Stiefneffen berichtet hat, das hat mir nur recht mäßig gefallen.«

»Auf mich hat dieser Mann mit dem Doppelnamen auch gerade keinen erfreulichen Eindruck gemacht«, gab Nick Carter zu, nachdenklich die Hände im Schoß gefaltet und vor sich ins Leere starrend. »Mag sein, ich tue dem Mann unrecht, doch die Auskunft seines Hausarztes, des Dr. Rullmann, hat mich vollends stutzig gemacht – und was mir da«, er unterbrach sich, Patsy fragend anschauend, »sagtest du nicht, Kleiner, du habest in Mary Bryans Hand einen Briefumschlag mit dem Namensaufdruck dieses Arztes, gesehen?«

»Gewiss, Meister!«

»Nun, da haben wir ja schon das fehlende Verbindungsglied«, versetzte Nick Carter mit der Hand an der Stirn. »Auch Dr. Rullmann misstraut diesem Mann mit dem Doppelnamen. Der Arzt ist ein Ehrenmann, das lehrt schon der erste Blick – er behandelt Myrtle Copeland schon seit fünf Jahren und steht der Tatsache, dass ihr Zustand sich immer mehr verschlimmert statt besser wird, vollkommen ratlos gegenüber. Mit anderen Worten, als langjähriger Zeuge des allmählichen Hinwelkens des Mädchens würde er selbst nichts Auffälliges darin finden können, stürbe seine Patientin vielleicht nach Verlauf von ein oder zwei Jahren, also noch vor erreichter Volljährigkeit.«

»Also gerade das, was Mrs. Boughton befürchtet«, betonte Ida.

»Selbstverständlich«, fuhr Nick nachdenklich fort. »Ich habe mich ziemlich offen mit Dr. Rullmann ausgesprochen, und er stimmt mit mir in der Meinung überein, dass es einem geschickten Chemiker nicht überaus schwerfallen mag, geruchs- und geschmacklose Schleichgifte etwa in Speisen und Getränken einer Kranken ohne deren Vorwissen zuzuführen – und leider haben wir Schleichgifte, welche, wie schon ihr Name besagt, ganz heimtückisch und allmählich die Lebenskräfte ihres Opfers unterwühlen, bis sie schließlich den Tod herbeiführen, ohne dass auch nur ein Verdachtssymptom oder eine Spur von ihrem Vorhandensein in der Leiche nachgewiesen werden könnte. Wie mir Dr. Rullmann auseinandersetzte, können derartige Pflanzengifte aber nicht fertig bezogen, sondern sie müssen von Fall zu Fall immer frisch bereitet werden, da sie nur in ganz frischem Zustand in der erwarteten Weise wirken.«

»Eine Frage, Nick«, schaltete Ida, die aufmerksam zugehört hatte, jetzt ein. »Meinte Dr. Rullmann etwa, dass durch derartige Schleichgifte auch der Geisteszustand einer Kranken störend beeinflusst werden könnte?«

»Das ist es ja gerade, was mir zu denken gibt«, entgegnete der Detektiv kopfnickend. »Dr. Rullmann ist nicht nur ein anständiger, sondern auch ein vorsichtiger Mann, und so sprach er keinerlei Verdacht aus, sondern warf nur ganz nebensächlich ein, dass als Nebenwirkung der Beibringung derartiger Schleichgifte die zunehmende Verblödung eines solchen Opfers häufig schon beobachtet worden sei. Ich meine nun, er hat es nicht mehr länger mit ansehen können, dass die unter seiner Behandlung Stehende all seiner ärztlichen Kunst ungeachtet von Jahr zu Jahr immer mehr geistig und körperlich abnahm. Da mag es zwischen ihm und Frau Thompson zu einer heimlichen Verständigung gekommen sein und deren Folge eben in der mit großem Geschick in Szene gesetzten Entführung des unglücklichen Mädchens gegipfelt haben.«

»Mit anderen Worten, Nick«, fiel Chick nun mit blitzenden Augen ein, »du hältst diesen Atherson für einen hartgesottenen Schurken, der aus schnöder Gewinnsucht und gestützt auf seine chemischen Kenntnisse das Leben seiner jungen Stiefschwester kaltblütig zu zerstören trachtet?«

»Mein lieber Chick, wenn dieser Verdacht nicht in mir lebte, so wäre der Fall jetzt für uns zu Ende, und es bedürfte nur einer bloßen Anzeige an Mr. Atherson und Mrs. Boughton. Aber Verdacht ist noch lange keine Gewissheit – und um uns diese zu verschaffen, werden wir gut daran tun, uns erst einmal ausführlich mit Miss Myrtle Copeland und deren bisheriger Wärterin auszusprechen. Wer weiß, was wir da alles an interessanten Neuigkeiten erfahren werden!«

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