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Der Hexer Band 36

Robert Craven (Hans Wolf Sommer)
Der Hexer, Band 36
Das Hirn von London

Horror, Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 19. August 1986, 64 Seiten, 1,70 DM, Titelbild: Gabriel

Das Heulen des Windes klang wie das Wehklagen verfluchter Seelen, für immer den schrecklichen Qualen des Höllenfeuers ausgesetzt. Der Sand, vom Sturm hochgewirbelt und tanzend wie ein Schwarm aufgeschreckter Insekten, legte sich einem Schleier gleich vor das rote Auge der sinkenden Sonne und ließ die Wüste grau und düster erscheinen. Dennoch war es nicht dunkel genug, um die Verfolger von ihrer Spur abzubringen. Im Gegenteil: Näher und näher kamen sie heran, unbeugsame Entschlossenheit in den harten Gesichtern und den Tod im Blick …

Leseprobe

Die Welt des Hexers

Die älteren Fans mögen mir verzeihen, wenn ich nun – für alle Neuleser, die mit diesem Band zur Serie stoßen mögen – die ganze Saga um den HEXER noch einmal in Kurzform bringe: Robert Craven, Sohn eines mächtigen Magiers aus Salem, wird im Jahre 1884 ohne sein Zutun in einen Kampf verwickelt, der schon seit Äonen tobt: Die GROßEN ALTEN (GA), uralte dämonische Götter aus dem All, beherrschten einst mit ihren Dienerkreaturen, den Shoggoten, die Erde, bis ihr Tun andere, noch mächtigere Wesen auf den Plan rief: die ÄLTEREN GÖTTER, die die GA in einer gewaltigen Schlacht besiegten und zwischen den Dimensionen einkerkerten. Denn töten kann man die GA nicht, und so schlafen sie bis heute, von ihren Körpern getrennt, und träumen ihre Wiederkehr herbei. Durch eine unselige Beschwörung der Hexer von Salem, zu denen auch Roberts Vater Roderick Andara gehörte, wurde aber der Geist von dreizehn der GA geweckt, die seitdem versuchen, das Tor zu ihrem Kerker zu zerbrechen, um erneut ihre Herrschaft über die Erde anzutreten. Auch sind sie in der Lage, durch die Macht ihres Geistes neue Shoggoten zu erschaffen, die ihre Auferstehung vorbereiten sollen. Andara erkannte die ungeheure Gefahr, in die seine ehemaligen Brüder und Schwestern die Menschheit gestürzt hatten, und er nahm den Kampf gegen die Knechte der GA auf. Ein Kampf, der nur wenige Jahre währte. Dann fiel Andara seinen Feinden zum Opfer, und sein Sohn, gerade 26 Jahre alt, trat sein Erbe an. Doch Robert Craven wehrt sich gegen die Mächte, die in seinem Inneren schlummern, gegen den Fluch, der ihn auf seinem Weg begleitet; der Fluch, anderen Menschen Unglück zu bringen, um andererseits gegen die GA bestehen zu können. Und der ihm den verhassten Namen »HEXER« einbrachte. Nur wenige Menschen stehen Robert zur Seite: Howard Lovecraft, ein guter Freund seines Vaters; Rowlf, dessen Leibdiener; Priscylla, deren Geist jedoch verwirrt ist und die über ein Jahr lang unter dem Einfluss des NECRONOMICON, dem Buch des Bösen, stand.

Und Robert hatte einen mächtigen Gegenspieler: Necron, den Alten vom Berge, dessen Ziel es war, die GA aus ihrem Kerker zu befreien, mithilfe von SIEBEN SIEGELN DER MACHT, die über die ganze Erde verteilt sind. Aber Robert konnte Necron vernichten und vier der Siegel an sich nehmen.

Und noch eine weitere Gruppe bedroht den Hexer: die Tempelritter, fanatische Christen, die in Robert eine Kreatur des Bösen sehen und ihn vernichten wollen. Der innere Zirkel der Templer besteht aus den sogenannten Mastern, zu denen auch Howard Lovecraft einst gehörte; er besitzt die Fähigkeit, die Zeit zu beeinflussen. Und so steht Robert zwischen den Fronten, während die GA mehr und mehr an Kraft gewinnen und sich vorbereiten, ihr Gefängnis zu verlassen …

 

*

 

Während er sein Pferd antrieb, wandte Henry Baskerville immer wieder den Kopf und versuchte, den Abstand abzuschätzen, der ihn und seinen arabischen Diener Chalef noch von den Dharan trennte. Es war nicht eigentlich Furcht oder gar Todesangst, die ihn erfüllten, wohl aber doch mehr als einfaches Unbehagen. Mit diesen Söhnen der Wüste war nicht zu spaßen, und sofern er Chalef glauben durfte, war sein Leben ernsthaft in Gefahr, wenn er den Beduinen in die Hände fiel.

Und warum? Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte er gelacht, wenn er an das Verbrechen dachte, das er begangen hatte. Getrieben von nichts anderem als der neugierigen Wissbegierde eines Forschungsreisenden, hatte er im Nomadenlager der Beduinen ein Frauenzelt betreten, um die Schönen des Stammes einmal in unverschleiertem Zustand betrachten und studieren zu können. Dass dieses für ihn als aufgeklärten Europäer des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts völlig harmlose Tun in den Augen der Araber einer gar schändlichen und unverzeihlichen Untat entsprach, war ihm erst in dem Augenblick bewusst geworden, in dem mehrere Beduinenkrieger mit unverblümter Mordlust im Blick auf ihn losgingen. Nur die überstürzte Flucht aus dem Nomadenlager hatte ihn davor bewahrt, gleich an Ort und Stelle umgebracht zu werden.

Aber mit der Flucht allein war die Angelegenheit leider nicht aus der Welt geschafft – ganz und gar nicht. Der halbe Stamm war hinter ihm her.

Mindestens.

»Wenn … uns …werden sie … töten!«

Die Worte Chalefs, der mit verbissenem, von Furcht geprägtem Gesicht an seiner Seite ritt, wurden halb vom Heulen des Windes verschluckt, ließen jedoch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und langsam fing Henry Baskerville an, die Unkenrufe seines Dieners ernst zu nehmen. Als Einheimischer kannte sich Chalef mit den Sitten und Gebräuchen des Landes aus. Er wusste wohl, was er sagte. Und die Hartnäckigkeit der Dharan, die trotz des immer heftiger werdenden Sandsturmes offenbar nicht im Traum daran dachten, die Verfolgung aufzugeben, sprach für sich.

Henry Baskerville stieß einen Fluch aus und griff nach dem Gewehr, das im Sattelholster seines Pferdes steckte. Er entsicherte die Waffe, wandte abermals den Blick und feuerte dicht hintereinander mehrere Schüsse ab. Natürlich bestand nicht die geringste Chance, einen der Verfolger zu treffen, aber das war auch gar nicht seine Absicht. Er wollte die Beduinenkrieger erschrecken, nicht verletzen oder gar töten.

Aber seine schwache Hoffnung, die Dharan einschüchtern zu können, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil. Die Schüsse schienen die Beduinen nur noch zorniger zu machen. Fernes Wutgebrüll, so laut, dass es selbst das Heulen des Windes übertönte, erscholl als Antwort auf seine Salve. Und die verschwommenen Silhouetten der Beduinen schienen wieder ein bisschen größer zu werden. Baskerville steckte die Waffe ins Holster zurück und konzentrierte sich darauf, sein Pferd zu noch schnellerem Galopp anzutreiben. Chalef hatte Mühe, nicht den Anschluss an seinen Herrn zu verlieren.

Trotz allen Bemühens jedoch, trotz des wütenden Sturms, trotz des dunkler und dunkler werdenden Himmels schmolz sein Abstand zu den Verfolgern zusehends. Inzwischen waren sie so nahe herangekommen, dass eine Gewehrkugel jetzt vielleicht doch Aussichten gehabt hätte, ihr Ziel zu treffen. Dennoch machte Henry Baskerville keine Anstalten, abermals nach dem Gewehr zu greifen. Auch wenn er möglicherweise sein Leben aufs Spiel setzte, widerstrebte es ihm zutiefst, auf Männer zu schießen, die letzten Endes nur den Gesetzen ihrer Kultur gehorchten.

Die Dharan machten allerdings ebenfalls keinen Gebrauch von ihren Feuerwaffen. Ein gutes Zeichen? Wohl eher ein böses, dachte Baskerville düster. Offenbar wollten ihn die Beduinen lebend in die Hände zu bekommen. Und was sie dann mit ihm anstellen würden…

Er beugte sich tief über den Hals seines Reittiers, um dem Wind möglichst wenig Widerstand entgegenzusetzen und das Fortkommen zu verbessern.

Aber es war aussichtslos. Die Wüstensöhne hatten anscheinend die besseren Pferde und waren fraglos auch die besseren Reiter. Dichter und dichter schlossen sie auf. Schon war deutlich ihr heiseres Triumphgeschrei zu vernehmen. Sie wähnten sich ihres Opfers völlig sicher.

Noch zehn Pferdelängen, acht, sechs, vier …

Henry Baskerville war schon im Begriff, sein Reittier zu zügeln und schlichtweg aufzugeben, als es geschah.

Plötzlich zuckte ein gleißender Blitz nieder, begleitet von einem krachenden Donnerschlag, der den Männern fast die Trommelfelle platzen ließ, und schlug genau in der Mitte zwischen Verfolgern und Verfolgten in den Wüstensand ein. Doch es war kein Blitz, wie er bei einem normalen Gewitter vorkam – ein solches hatte den Sandsturm auch gar nicht begleitet. Es war ein Blitz, wie er weder Henry Baskerville und Chalef noch den Beduinen jemals zu Augen gekommen war. Grell zwar und schmerzhaft für die Netzhaut des menschlichen Auges, aber nicht lichtweiß, sondern von einem krankhaft leuchtenden Rot, das unwillkürlich an … Blut denken ließ. Und er ließ in seiner gleißenden Säule scharf umrissene Konturen erkennen!

Die Gestalt eines tanzenden Derwischs, eines Dschinns oder eines rächenden Engels.

Sekundenlang hing der geheimnisvolle Blitz wie zu Eis erstarrt zwischen Himmel und Erde. Die Pferde der Beduinenkrieger bäumten sich auf, als seien sie gegen eine Wand geprallt, und mehr als eines warf seinen Reiter ab und ging schlichtweg durch. Die Dharan, nicht weniger erschrocken als ihre Reittiere, zerrten heftig an den Zügeln, rissen die Pferde herum und jagten in wilder Flucht in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Sie schienen Baskerville und seinen Diener völlig vergessen zu haben.

Die grellroten Linien des Blitzes verblassten. Und fast so, als ob das Verschwinden der Leuchterscheinung ein geheimes Zeichen an die Natur gewesen wäre, kam auch der Sturm zum Erliegen. Die hochgepeitschten Sandkörner sanken zu Boden, mit einem Male ihrer Kraft beraubt, das Heulen des Winds wurde zu einem Säuseln, der Schleier vor der untergehenden Sonne zerriss. Plötzlich lag eine friedvolle Wüste im sanften Abendrot vor Henry Baskerville und seinem Diener.

Die beiden brauchten eine ganze Weile, um sich von dem Schock zu erholen. Chalef war der erste, der wieder Worte fand.

»Allah hat uns gerettet«, sagte er und deutete zum Himmel hinauf. »Er hat uns einen Dschinn gesandt, um die Dharan zu vertreiben.«

»Einen Dschinn?« Wiederholte Baskerville verwirrt. »Nun, ich würde eher sagen, dass es ein guter Engel war.« Dann erst kam ihm recht zu Bewusstsein, was er da von sich gegeben hatte, und er lachte laut auf.

Dschinns?

Engel?

Er glaubte weder an das eine noch an das andere. Er war ein nüchterner, aufgeklärter Mensch, der mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen stand. Für übernatürliche Dinge war in seinem Denken kein Platz. Sie gehörten in den Bereich von Ammenmärchen, Aberglauben und krankhafter Einbildung.

»Alles Unsinn«, sagte er. »Es war ein Blitz, sonst gar nichts!«

Chalef schüttelte heftig den Kopf. »Kein Blitz! Die riesenhafte Gestalt, die wir gesehen haben …«

»Eine Luftspiegelung«, erklärte Baskerville überzeugt. »So etwas wie eine Fata Morgana. Schließlich befinden wir uns in der Wüste, nicht wahr?«

»Das war keine Fata Morgana«, widersprach Chalef. »Ich habe schon mehr als eine gesehen. Und wie ist es zu erklären, dass der Sturm so plötzlich abbrach? Eine höhere Macht hat ihm Einhalt geboten!«

»Jeder Sturm geht einmal zu Ende.«

»Aber nicht von einem Augenblick zum anderen«, beharrte Chalef im Brustton der Überzeugung. »Nur eine höhere Macht …«

»Allah!« Baskerville grinste.

Chalef erwiderte das Grinsen nicht. Im Gegenteil; er wurde noch ernster und nickte nur bekräftigend.

Henry Baskerville verspürte keine Neigung, die fruchtlose Diskussion fortzusetzen. Er kannte seinen Diener gut genug, um zu wissen, dass er den braven Burschen doch nicht überzeugen konnte. Chalef war so abergläubisch wie eine irische Waschfrau.

»In Ordnung«, sagte er deshalb. »Danken wir also Allah für unsere wundersame Rettung vor dem heiligen und gerechten Zorn der Wüstenkrieger.«

Und vor diesem Zorn waren sie in der Tat jetzt sicher. Die Dharan hatten sich in ihrer Panik so schnell davongemacht, dass sie längst am Horizont verschwunden waren. Nichts sprach dafür, dass sie ihren Sinn noch ändern und zurückkommen würden.

Erst jetzt wurde sich Henry Baskerville bewusst, dass ihn die wilde Hetzjagd viel von seiner Kraft gekostet hatte. Auch die Pferde ließen erschöpft die Köpfe hängen, flockiger Schaum stand vor ihren Nüstern. Ihnen allen konnte eine Rast nur guttun. Außerdem würde es jetzt sehr schnell dunkel werden. Und mit der Dunkelheit kam die Kälte, die in der Wüste auf sehr unangenehme Grade fallen konnte. Henry Baskerville richtete sich kurz im Sattel auf und ließ seinen Blick über die endlose Weite schweifen.

»Wie weit ist es bis zum nächsten Wasserloch?« fragte er seinen Diener.

»Mehrere Stunden«, antwortete Chalef sofort. Baskerville sah ihn kritisch an, die Antwort kam ihm etwas zu schnell. Aber er hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Chalef kannte sich in der Arabischen Wüste bestens aus, das hatte er schon des öfteren bewiesen.

»Schön«, sagte Baskerville. »Weiterreiten hat also keinen Sinn. Bleiben wir gleich an Ort und Stelle und suchen uns einen Platz für das Nachtlager.«

Er war nicht einmal undankbar dafür, dass die nächste Wasserstelle außer Reichweite lag. Man konnte nie wissen, welches Gesindel sich nachts an diesen Lebensadern der Wüste einfand, und wonach ihm der Sinn stand. Da sie jedoch ihre Wasservorräte im Zeltdorf der Dharan aufgefüllt hatten, würden sie in dieser Beziehung keinen Mangel leiden müssen.

Chalef erhob keine Einwände gegen Baskervilles Vorschlag. Auch er war davon überzeugt, dass von Seiten der Beduinen keine Gefahr mehr drohte. Mit erhobener Hand deutete er zu einer Düne hinüber, die kaum hundert Yards entfernt lag.

Wenig später hatten die beiden Männer den Fuß der Düne erreicht und stiegen aus den Sätteln. Während Baskerville daran ging, die Pferde aus einem der mitgeführten Wasserschläuche zu tränken, begann Chalef, das Zelt aufzubauen.

Der arabische Diener hatte noch nicht die zweite Zeltstange in den Wüstensand gerammt, als er einen kurzen, angsterfüllten Schrei ausstieß.

Baskerville hob den Kopf und blickte zu ihm hinüber. Chalef stand da, wie zur Salzsäule erstarrt. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Gesichtsausdruck, in dem sich alle Schrecken dieser Welt widerspiegelten, starrte er auf den Boden zu seinen Füßen.

»Was ist passiert?« Fragte Baskerville.

Chalefs Mund bewegte sich, aber es kamen nur unartikulierte Töne hervor.

Laute eines Entsetzens, das sich nicht in Worte kleiden ließ.

Aufs höchste alarmiert, wandte sich Henry Baskerville von den beiden Pferden ab und trat an die Seite seines arabischen Dieners. Weitere Fragen waren überflüssig. Er sah mit eigenen Augen, was Chalef so entsetzt hatte. Und er musste zugeben, dass auch ihn selbst ein eiskalter Schauder überlief.

Vor ihm lag, halb vom Wüstensand begraben, ein … Mensch. Er war tot, schon seit langer, langer Zeit. Ganz offensichtlich hatte er all die Jahre über völlig vom Sand bedeckt dagelegen und war erst jetzt durch den Sturm wieder ans Tageslicht gebracht worden. Die Sandschichten hatten seinen Körper völlig mumifiziert, sodass er aussah wie gegerbtes Leder oder Pergament. Dennoch ließ sein verschrumpeltes Gesicht auch jetzt noch einen Ausdruck erkennen, der dem Chalefs auf erschreckende Weise ähnlich sah: Entsetzen, Schrecken und Todesangst hatten sich in seine vertrockneten Züge gegraben.

Der Mann war ermordet worden. Ein Pfeil hatte seinen Hals durchbohrt und seinem Leben ein Ende gesetzt.

Henry Baskerville kratzte sich nachdenklich am Kinn, als er auf den Toten hinabblickte. Der Mann war kein Araber gewesen, sondern ganz eindeutig ein Europäer, doch seine Kleidung war so bizarr, dass Baskerville sich zu dieser Schlussfolgerung nur mühsam durchringen konnte. Er trug einen weißen, weit geschnittenen Umhang, auf dessen Brustteil ein rotes, gleichschenkliges Balkenkreuz prangte. Auf dem Kopf trug er einen metallenen Helm, und in einer Scheide an seiner Seite steckte ein Schwert. Baskerville war ein gebildeter und belesener Mensch, und nach den ersten Sekunden der Verwirrung dämmerte es ihm, wen er hier vor sich hatte.

Der Tote war ein Templer. Ein Angehöriger jenes sagenumwobenen geistlichen Ritterordens, den die Kreuzfahrer Anfang des zwölften Jahrhunderts gegründet hatten.

Eine gewisse Ehrfurcht überkam Henry Baskerville, als er sich bewusst wurde, dass der ehemalige Tempelherr wahrscheinlich seit länger als achthundert Jahren hier lag, in seinem sandigen Grab gefangen …

Er sah auf und wandte sich wieder an Chalef, der den Toten nach wie vor mit starrem Blick und offenkundigem Entsetzen betrachtete. Fast so, fuhr es Baskerville durch den Sinn, als befürchte er, der Templer könne jeden Augenblick von den Toten auferstehen und ihm an die Gurgel fahren.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er. »Der Mann ist seit vielen Jahrhunderten tot.«

»Seit vielen Jahrhunderten?« Wiederholte Chalef fast tonlos. Dann schüttelte er bedächtig den Kopf. »Nein, er ist vielleicht erst vor wenigen Tagen oder …« Er brach ab und – blickte sich gehetzt nach allen Seiten um, wobei sich der angstvolle Ausdruck in seinen Zügen noch verstärkte.

Henry Baskerville lachte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass sein Diener keine Furcht vor dem Toten hatte, sondern vor demjenigen, der den Templer einst ermordet hatte. Dass dieser Mörder ebenfalls schon vor Jahrhunderten das Zeitliche gesegnet haben musste, begriff er in seiner Einfalt gar nicht.

»Ja, pass nur gut auf«, spottete Baskerville, noch immer lachend. »Vielleicht sitzt der Killer … da oben?« Er deutete zum Gipfel der Düne empor, die gut dreißig Yards in die Höhe ragte.

Chalef folgte dem Blick seines ausgestreckten Zeigefingers. Offenbar hielt er es tatsächlich für möglich, dass dort oben jemand lauerte, der seinen Pfeil schon auf die Bogensehne gelegt hatte und bereit war, ihn jeden Augenblick losschnellen zu lassen.

Baskerville achtete nicht weiter auf seinen Diener. Der Tempelherr interessierte ihn im Augenblick ungleich mehr. Er ging in die Knie und beugte sich zu dem mumifizierten Gesicht des Toten herab. Natürlich war kein Leichengeruch wahrzunehmen, was er nach achthundert Jahren wohl auch kaum erwarten konnte. Er wagte nicht, den Leichnam zu berühren. Nicht etwa, weil er Ekel oder gar Angst davor verspürt hätte. Nein, seine Bedenken waren rein wissenschaftlicher Natur. Er konnte nicht ausschließen, dass der Mumifizierte bei einer Berührung zu Staub zerfiel. Und das wäre ihm wie ein Sakrileg erschienen. Seit unvorstellbar langer Zeit hatte der Tempelritter körperlich nahezu unversehrt hier im Wüstensand geruht, und Baskerville wollte nicht die Ursache dafür sein, dass dieser Zustand ein so abruptes Ende fand. Dennoch drängte es ihn danach, irgendetwas von dem Toten in seinen Besitz zu bringen, diesmal allerdings nicht so sehr aus wissenschaftlicher Neugier, sondern mehr aus dem Wunsch heraus, ein Souvenir zu bekommen, das ihn nach der Rückkehr in sein Heimatland England an diese ungewöhnliche Begegnung erinnern würde.

Von den furchtsamen Blicken Chalefs begleitet, streckte er die rechte Hand aus, um nach dem Schwert des Templers zu greifen. Wenn es ihm gelang, die Klinge ganz vorsichtig aus der Scheide zu ziehen…

Schnell merkte er, dass das Schwert festsaß. Er würde Gewalt anwenden müssen, um es aus der Scheide zu lösen, und den Toten dabei letzten Endes wohl doch in eine Häufchen Staub verwandeln. Er ließ von der Waffe ab und überlegte noch, ob er das Risiko eingehen sollte, als sein Blick auf einen kleinen, eigenartig geformten Gegenstand fiel, der halb unter dem Umhang des Tempelherren verborgen lag. Ohne zu zögern, griff Baskerville nach dem Ding und zog es unter dem brüchigen Stoff hervor.

Es war eine … Rose! Eine Rose aus Sand!

Verblüfft zog Henry Baskerville die Augenbrauen hoch. Was für eine seltsame Laune der Natur war dies? Wie hielt die Rose zusammen? Als er sie in die Hand nahm, hätte sie zwischen seinen Fingern zerbröckeln müssen. Aber davon konnte keine Rede sein. Obgleich er keinen Moment daran zweifelte, dass sie tatsächlich aus purem Wüstensand bestand, war ihre Struktur so fest gefügt, als würde es sich bei dem Material um soliden Fels handeln. Und als Baskerville die Rose mit aller Kraft zusammenpressen wollte, stöhnte er vor ungläubiger Überraschung auf. Die Form des Objekts veränderte sich nicht um den Bruchteil eines Zolls! Allenfalls seine Finger schmerzten – ganz so, als habe ihn die Rose gestochen.

Baskerville wandte sich seinem Diener zu. »Chalef, hast du eine Ahnung, was es mit diesem Ding hier auf sich hat?« Er hielt dem Araber die Sandrose hin.

Chalef zuckte zurück, als würde ihm eine hochgiftige Viper entgegenzüngeln. Die Angst in seinen Zügen schien sich noch zu steigern. Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und machte mit der Hand eine Gebärde, die wohl sinngemäß dem Kreuzzeichen eines Christen entsprach.

»Was?« Fragte Henry Baskerville leicht gereizt. Die völlig unbegründete Furcht seines Dieners ging ihm langsam, aber sicher auf die Nerven.

»Sill el Mot«, flüsterte Chalef. »Sill el … what?«

»Sill el Mot«, wiederholte Chalef nur. Er schien sich nicht weiter über dieses Thema auslassen zu wollen.

Die Arabischkenntnisse Baskervilles waren ziemlich unterentwickelt. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte er ja auf die Dienste eines einheimischen Dieners zurückgreifen müssen. Mit dem Begriff »Sill el Mot« konnte er nicht das Geringste anfangen.

»Wer oder was soll das sein?« erkundigte er sich.

Wieder murmelte Chalef etwas vor sich hin, das unverständlich blieb. Und Henry Baskerville war eigentlich auch gar nicht mehr interessiert daran, was sein Diener da zum Besten gab. Die Angst Chalefs, die nur von albernem Aberglauben genährt werden konnte, ärgerte ihn über alle Maßen.

»Bau das Zelt weiter auf«, wies er den Araber mit scharfer Stimme an, steckte die geheimnisvolle Sandrose in die Tasche und ging dann wieder zu den Pferden hinüber, um sie weiter zu tränken.

Eine gute halbe Stunde später hatten die beiden Männer ihr Abendessen verzehrt und sich im Zelt zum Schlafen niedergelegt. Was nicht etwa bedeutete, dass sie wirklich hätten einschlafen können. Baskerville hörte, wie sich Chalef unruhig auf seiner Decke hin und her warf, glaubte ein paarmal sogar, ein Zähneklappern seines Dieners wahrnehmen zu können. Doch auch er, dass musste er sich selbst widerwillig eingestehen, fühlte sich mittlerweile unbehaglich. Immer wieder kreisten seine Gedanken um den toten Tempelritter draußen vor dem Zelt. Und um den geheimnisvollen roten Blitz. Wenn er recht darüber nachdachte, musste er zwangsläufig zu der Erkenntnis gelangen, dass er und Chalef ohne diesen Blitz niemals auf den mumifizierten Leichnam gestoßen wären. So albern er auch war – der Gedanke, dass vielleicht doch eine höhere Macht am Werk gewesen war, wurde für Henry Baskerville zur fixen Idee.

Schließlich, nach Stunden unruhigen Wachens, glitt er doch noch in die dunklen Gefilde des Schlafes hinab. Aber auch noch im Halbschlaf wurde er die Vorstellung nicht los, dass ihn die toten Augen des Templers durch die Zeltwände hindurch drohend anstarrten.

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