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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel XVIII

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XVIII. Der Schotte, treulos gegen Eid und Ehr, gibt seinen König um einen Pfennig her

Und nun müssen unsere Leser den Standard ruhig, nicht gegen London, wohin d’Artagnan und Porthos zu gehen glaubten, sondern gegen Durham schwimmen lassen, wohin Briefe, welche Mordaunt während seines Aufenthaltes in Boulogne erhielt, diesen beschieden hatten und uns in das royalistische Lager an der Tyne, unweit von der Stadt Newcastle, folgen.

Hier, zwischen zwei Flüssen, an der Grenze von Schottland, aber auf englischem Boden, breiten sich die Zelte eines kleinen Heeres aus. Es ist Mitternacht. Männer, die man an ihren nackten Beinen, an ihren kurzen Röcken, an ihren buntscheckigen Plaids und an der Feder, welche ihre Mütze ziert, als Hochländer erkennt, halten nachlässig Wache. Der Mond beleuchtet, durch dicke Wolken gleitend, bei jedem Zwischenräume, den er auf seinem Wege findet, die Musketen der Schildwachen und hebt kräftig die Mauern, Dächer und Türme der Stadt hervor, die Karl I. den Truppen des Parlaments übergeben hat, gerade wie Oxford und Newors, welche Städte, in der Hoffnung auf einen Vergleich, noch an ihm hielten.

An einem der Enden dieses Lagers, bei einem ungeheuren Zelt, das voll von Offizieren ist, die unter dem Vorsitz des alten Grafen von Lewen, ihres Anführers, beratschlagen, schläft ein Mensch in Reitertracht auf dem Rasen, die Hand an sein Schwert gelegt.

Fünfzig Schritte von da plaudert ein anderer Mensch, ebenfalls in Reitertracht, mit einer schottischen Wache, und obwohl ein Fremder, scheint er doch hinreichend an die englische Sprache gewöhnt, um die Antworten zu verstehen, die ihm der andere im Patois der Grafschaft Perth gibt.

 

Als es ein Uhr des Morgens in der Stadt Newcastle schlug, erwachte der Schläfer, und nachdem er alle Gebärden eines Menschen gemacht hatte, der die Augen nach tiefem Schlaf öffnet, schaute er aufmerksam um sich her, stand auf, da er sich allein sah, machte einen Umweg und ging an dem Reiter vorbei, der mit der Schildwache plauderte. Dieser hatte seine Fragen beendet, denn nach einem Augenblick nahm er Abschied von der Wache und schlug, als ob es absichtslos geschehen wurde, denselben Weg ein, den wir den ersten Reiter haben gehen sehen.

Im Schatten eines an der Straße aufgeschlagenen Zeltes erwartete ihn der andere.

»Nun, mein lieber Freund?«, sagte er im reinsten Französisch, das je von Rouen bis Tours gesprochen worden ist.

»Mein Freund, es ist keine Zeit zu verlieren, man muss den König benachrichtigen.«

»Was geht denn vor?«

»Es wäre zu lang, um es Euch zu sagen. Überdies werdet Ihr es sogleich hören. Hier gesprochen, kann das geringste Wort alles verderben. Wir wollen Mylord von Winter aufsuchen.«

Und beide wanderten zu dem entgegengesetzten Ende des Lagers. Da aber das Lager nicht mehr als eine Oberfläche von fünfhundert Quadratschritten bedeckte, so waren sie bald bei dem Zelt desjenigen, welchen sie suchten, angelangt.

»Schläft Euer Monsieur, Tomy?«, fragte in englischer Sprache einer von den zwei Reitern den Diener, der in einer als Vorzimmer benutzten ersten Abteilung des Zeltes lag.

»Nein, Monsieur Graf«, antwortete der Lakai, »ich glaube nicht, es müsste denn erst seit ganz kurzer Zeit der Fall sein, denn er ist mehr als zwei Stunden, nachdem er den König verlassen hatte, umhergegangen, und das Geräusch seiner Tritte hat vor kaum zehn Minuten aufgehört; übrigens könnt Ihr selbst sehen«, fügte er, den Vorhang aufhebend, bei.

Von Winter saß vor einer wie ein Fenster angebrachten Öffnung, welche die Nachtluft eindringen ließ, und folgte schwermütig mit den Augen dem, wie wir so eben sagten, unter schweren, schwarzen Wolken hineinziehenden Mond.

Die zwei Freunde näherten sich dem Lord, der den Kopf auf seine Hand gestützt den Himmel anschaute. Er hörte sie nicht kommen und verharrte in derselben Haltung bis zu dem Augenblick, wo er fühlte, dass eine Hand auf seine Schulter gelegt wurde.

Dann wandte er sich. um, erkannte Athos und Aramis und reichte ihnen die Hand.

»Habt Ihr bemerkt«, sagte er zu ihnen, »wie der Mond diesen Abend blutfarben ist?«

»Nein«, erwiderte Athos, »er kam mir wie gewöhnlich vor.«

»Schaut ihn an«, versetzte Lord Winter.

»Ich gestehe Euch«, antwortete Aramis, »es geht mir wie dem Grafen de la Fère, ich sehe nichts Besonderes daran.«

»Graf«, sprach Athos, »in einer so prekären Lage, wie die unsere ist, muss man die Erde prüfend betrachten, und nicht den Himmel. Habt Ihr unsere Schottländer beobachtet und seid Ihr derselben sicher?«

»Die Schottländer?«, fragte Lord Winter, »welche Schottländer?«

»Die unseren, bei Gott! Diejenigen, welchen der König sich anvertraut hat. Die Schotten des Grafen von Lewen.«

»Nein«, erwiderte von Winter und fügte dann bei: »Sagt mir, Ihr seht also nicht, wie ich, die rötliche Tinte, welche den Himmel bedeckt?«

»Ganz und gar nicht«, antworteten gleichzeitig Athos und Aramis.

»Sagt mir«, fuhr der Lord, stets mit demselben Gedanken beschäftigt, fort, »ist es nicht eine Sage in Frankreich, dass am Vorabend des Tages, an welchem er ermordet wurde, Heinrich IV., der mit Monsieur von Bassompierre Schach spielte, Blutflecken auf dem Schachbrett sah?«

»Ja«, sprach Athos, »der Marschall hat es mir oftmals selbst erzählt.«

»So ist es«, murmelte von Winter, »und am anderen Tag wurde Heinrich IV. ermordet.«

»Aber in welchem Zusammenhang steht diese Vision von Heinrich IV. mit uns, Graf?«« fragte Aramis.

»In keinem, Messieurs, und ich bin in der Tat ein Tor, dass ich Euch mit solchen Dingen unterhalte, während Euere Erscheinung in meinem Zelt zu dieser Stunde mir ankündigt, dass Ihr irgendeine wichtige Neuigkeit zu überbringen habt.«

»Ja, Mylord«, versetzte Athos, »ich wünschte den König zu sprechen.«

»Den König? Er schläft.«

»Ich habe ihm Dinge von großem Belang mitzuteilen.«

»Lässt sich die Sache nicht auf morgen verschieben?«

»Er muss es sogleich erfahren, und vielleicht ist es bereits zu spät«

»Gehen wir hinein, Messieurs.«

Das Zelt von Lord Winter war neben dem königlichen. Eine Art von Korridor führte von dem einen in das andere. Dieser Korridor wurde nicht von einem Soldaten, sondern von einem vertrauten Diener von Karl I. bewacht.

»Diese Messieurs gehören zu mir«, sprach der Lord.

Der Lakai verbeugte sich und ließ sie vorübergehen.

Auf einem Feldbett liegend, ein schwarzes Wams auf dem Leibe, seine langen Stiefeln an den Beinen, den Gürtel los, den Hut neben sich, war König Karl wirklich, einem unwiderstehlichen Bedürfnis nachgebend, eingeschlafen. Die drei Männer schritten vorwärts, Athos, welcher vorausging, betrachtete einen Augenblick still das edle, so bleiche Antlitz, umrahmt von langen schwarzen Haaren, welche der Schweiß eines unruhigen Schlummers an seine Schläfe klebte, und marmorartig durchzogen von dicken blauen Adern, die unter seinen müden Augen von Tränen aufgeschwollen zu sein schienen.

Athos stieß einen tiefen Seufzer aus; dieser Seufzer erweckte den König, einen so leichten Schlaf schlief er.

Er schlug die Augen auf.

»Ah!«, sagte er, sich auf den Ellenbogen erhebend, »Ihr seid es, Graf de la Fère?«

»Ja, Sire«, antwortete Athos.

»Ihr wacht, während ich schlafe, und Ihr bringt mir irgendeine Neuigkeit?«

»Ach! Sire«, erwiderte Athos, »Euere Majestät hat richtig erraten.«

»Dann ist die Nachricht schlecht«, sprach der König schwermütig lächelnd.

»Ja, Sire.«

»Gleichviel, der Bote ist willkommen, und Ihr könnt nicht bei mir erscheinen, ohne mir stets Vergnügen zu machen, Ihr, dessen Ergebenheit weder Vaterland noch Unglück kennt, Ihr, der Ihr mir von Henriette geschickt seid … was auch die Nachricht sein mag, die Ihr mir überbringt, sprecht unumwunden.«

»Sire, Monsieur Cromwell ist in dieser Nacht in Newcastle eingetroffen.«

Ah!«, rief der König, »um mich zu bekämpfen.«

»Nein, um Euch zu kaufen.«

»Was sagt Ihr?«

»Ich sage, dass man dem schottischen Heer viermal hunderttausend Pfund Sterling schuldig ist.«

»An rückständigem Sold, ja, ich weiß es. Seit beinahe einem Jahr schlagen sich meine braven und getreuen Schotten für die Ehre.«

Athos lächelte.

»Wohl, Sire, obwohl die Ehre etwas Schönes ist, so sind sie doch müde geworden, sich für dieselbe zu schlagen, und haben Euch in dieser Nacht für zweimal hunderttausend Pfund Sterling verkauft, das heißt für die Hälfte von dem, was man ihnen schuldig war.«

»Unmöglich!«, rief der König, »die Schotten verkaufen ihren König nicht um zweimal hunderttausend Pfund Sterling!«

»Die Juden haben ihren Gott um dreißig Silberlinge verkauft.«

»Und wer ist der Judas, der diesen schändlichen Handel gemacht hat?«

»Der Graf von Lewen.«

»Wisst Ihr es gewiss?«

»Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.«

Der König Hieß einen tiefen Seufzer aus, als ob sein Herz brechen wollte, und ließ sein Haupt in seine Hände fallen.

»Ah! die Schotten!«, rief er, »die Schotten, die ich meine Treuen nannte! Die Schotten, denen ich mich anvertraute, während ich nach Oxford fliehen konnte! Die Schotten, meine Landsleute! Die Schotten, meine Brüder! Seid Ihr Eurer Sache auch gewiss, Monsieur?«

»Hinter dem Zelt des Grafen von Lewen, dessen Leinwand ich aufhob, scheinbar im Schlaf liegend, habe ich alles gesehen, alles gehört.«

»Und wann soll dieser abscheuliche Handel vollzogen werden?«

»Heute, diesen Morgen. Es ist daher, wie Eure Majestät sieht, keine Zeit zu verlieren.«

»Warum handeln, da Ihr sagt, ich sei verkauft?«

»Um über die Tyne zu setzen, um Schottland zu erreichen, um zu Lord Montrose zu gelangen, der Euch nicht verkaufen wird.«

»Und was soll ich in Schottland tun? Einen Parteigängerkrieg anfangen? Ein solcher Krieg ist eines Königs unwürdig.«

»Das Beispiel von Robert Bruce spricht Euch frei, Sire.«

»Nein! Nein! Ich kämpfe schon zu lange; haben sie mich verkauft, so mögen sie mich ausliefern und die ewige Schmach ihres Verrates falle auf sie zurück.«

»Sire«, sprach Athos, »vielleicht soll ein König so handeln, nicht aber ein Gatte und Vater. Ich bin im Namen Eurer Gemahlin und Eurer Tochter gekommen, und im Namen Eurer Gemahlin und Eurer Tochter und der zwei anderen Kinder, welche Ihr noch in London habt, sage ich Euch: Lebt, Sire, Gott will es.«

Der König stand auf, zog seinen Gürtel fest, schnallte seinen Degen um und trocknete mit einem Taschentuch seine von Schweiß befeuchtete Stirn ab.

»Nun«, sagte er, »was ist zu tun?«

»Sire, habt Ihr beim ganzen Heer ein Regiment, auf das Ihr Euch verlassen könnt?«

»Winter, baut Ihr auf die Treue des Eurigen?«, fragte der König.

»Sire, es sind nur Menschen, und die Menschen sind sehr schwach oder sehr bösartig geworden. Ich glaube an ihre Treue, aber ich stehe nicht dafür; ich würde ihnen mein Leben anvertrauen, aber ich zögere, ihnen das Eurer Majestät anzuvertrauen.«

»Wohl!«, sprach Athos, »in Ermangelung eines Regiments sind wir drei ergebene Männer, und das genügt. Eure Majestät steige zu Pferde, begebe sich in unsere Mitte, wir setzen über die Tyne, erreichen Schottland und sind gerettet.«

»Ist das auch Eure Meinung, Winter?«, fragte der König.

»Ja, Sire.«

»Und die Eurige, Monsieur d’Herblay?«

»Ja, Sire.«

»Es geschehe also, wie Ihr wollt. Gebt Befehl, Winter.«

Der Lord entfernte sich; der König kleidete sich mittlerweile vollends an. Die ersten Strahlen, des Tages begannen durch die Öffnungen des Zeltes zu dringen, als Lord Winter zurückkehrte.

»Alles ist bereit«, meldete er.

»Und wir?«, fragte Athos.

»Grimaud und Blaisois harren Eurer mit den gesattelten Pferden.«

»Dann wollen wir keinen Augenblick verlieren«, sprach Athos.

»Lasst uns gehen«, versetzte der König.

»Sire«, sagte Aramis, »benachrichtigt Eure Majestät nicht ihre Freunde?«

»Meine Freunde!«, erwiderte Karl I. traurig den Kopf schüttelnd, »ich habe noch Euch drei … einen Freund von zwanzig Jahren, der mich nie vergessen hat, zwei Freunde von acht Tagen, die ich nie vergessen werde. Kommt, Messieurs, kommt.«

Der König verließ das Zelt und fand sein Pferd wirklich bereit. Es war ein isabellfarbiges Ross, das er seit drei Jahren ritt und ungemein liebte.

Das Tier wieherte vor Vergnügen, als es ihn sah.

»Ah!«, sprach der König, »ich war ungerecht: Hier ist, wenn auch nicht ein Freund, doch ein Wesen, das mich liebt. Du wirst mir treu sein, nicht wahr Arthus?«

Und als hätte das Pferd diese Worte verstanden, näherte er seine rauchenden Nüstern dem Gesicht des Königs, hob seine Lippen auf und zeigte voll Freude seine weißen Zähne.

»Ja, ja«, sprach der König, das schöne Tier mit der Hand streichelnd, »ja, es ist gut, Arthus, ich bin zufrieden mit dir.«

Und mit der Behändigkeit, die aus dem König einen der besten Reiter Europas machte, schwang sich Karl in den Sattel und sagte, sich gegen Athos, Aramis und den Grafen von Winter umdrehend: »Nun, Messieurs, ich erwarte Euch.«

Aber Athos blieb unbeweglich, seine Hand und seine Augen nach einer schwarzen Linie gerichtet, welche dem Tyne folgte und sich doppelt so lang als das Lager ausstreckte.

»Was für eine Linie ist dies?«, sprach Athos, dem die letzte Dunkelheit der Nacht, kämpfend mit den ersten Strahlen des Tages, nicht gut zu unterscheiden gestattete. »Was bedeutet diese Linie? Ich habe sie gestern nicht gesehen.«

»Ohne Zweifel ist es der Nebel, der vom Fluss aufsteigt«, erwiderte der König.

»Sire, es ist etwas Gedrängteres als ein Dunst.«

»In der Tat, es gleicht einer rötlichen Barriere«, versetzte Winter.

»Es ist der Feind, der von Newcastle aufzieht und uns umschließt«, rief Athos.

»Der Feind!,« sprach der König.

»Ja, der Feind. Es ist zu spät. Schaut! Dort unter jenem Sonnenstrahls auf der Seite der Stadt, seht Ihr die eisernen Rippen glänzen?«

So nannte man die Kürassiere, aus welchen Cromwell seine Leibwachen gemacht hatte.

»Ah!«, sprach der König, »wir werden erfahren, ob es wahr ist, dass mich die Schotten verraten.«

»Was wollt Ihr tun, Sire?«, rief Athos.

»Ihnen Befehl zum Angriff geben und diese elenden Rebellen mit ihnen niedermachen.«

Und der König gab seinem Pferd die Sporen und jagte auf das Zelt des Grafen von Lewen zu.

»Folgen wir ihm«, sprach Athos.

»Vorwärts!«, rief Aramis.

Sollte der König verwundet sein?«, fragte der Graf von Winter. »Ich sehe Blutflecken auf dem Boden.« Und er sprengte den zwei Freunden nach. Athos hielt ihn zurück.

»Sammelt Euer Regiment«, sagte er, »ich sehe, dass wir desselben sogleich bedürfen werden.«

Der Lord wandte sein Pferd um und die zwei Freunde setzten ihren Weg fort. In zwei Sekunden hatte der König das Zelt des Grafen von Lewen, des Obergenerals der schottischen Armee, erreicht. Er sprang zu Boden und trat ein.

Der General befand sich mitten unter den vornehmsten Hauptleuten.

»Der König!«, riefen sie ausstehend und sich anschauend.

Karl stand vor ihnen, den Hut auf dem Kopf, die Stirn gefaltet und mit seiner Reitpeitsche an seine Stiefeln klopfend.

»Ja«, sprach er, »der König, der Rechenschaft von Euch über das fordert, was vorgeht.«

»Was geht denn vor, Sire?«, fragte der Graf von Lewen.

»Messieurs«, sprach der König, der sich vom Zorn fortreißen ließ, »der General Cromwell ist diese Nacht in Newcastle angekommen. Ihr wusstet es und ich bin davon benachrichtigt. Der Feind zieht aus der Stadt und versperrt uns den Übergang über die Tyne. Euere Wachen mussten diese Bewegung sehen und ich bin davon in Kenntnis gesetzt. Ihr habt mich durch einen schändlichen Vertrag um zweimal hunderttausend Pfund Sterling an das Parlament verkauft, aber dieser Vertrag ist mir wenigstens bekannt. Das geht vor, Messieurs, antwortet und rechtfertigt Euch, denn ich klage Euch an.«

»Sire«, stammelte der Graf von Lewen, »Sire, Euere Majestät wird durch einen falschen Bericht getäuscht worden sein.«

»Ich habe mit meinen eigenen Augen das feindliche Heer zwischen mir und Schottland sich ausbreiten sehen«, versetzte Karl, »und ich kann beinahe sagen: Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die Bedingungen des Vertrags beraten wurden.«

Die schottischen Hauptleute schauten sich ebenfalls die Stirn faltend an.

»Sire«, murmelte der Graf von Lewen, gebeugt unter dem Gewicht der Schande, »Sire, wir sind bereit, Euch jeden Beweis zu geben.«

»Ich verlange nur einen einzigen«, sprach der König. »Stellt das Heer in Schlachtordnung auf, und wir marschieren dem Feind entgegen.«

»Das kann nicht sein, Sire«, erwiderte der Graf.

»Wie! Es kann nicht sein! Und warum kann es nicht sein?«, rief Karl I.

»Eure Majestät weiß wohl, dass Waffenstillstand zwischen uns und dem englischen Heer stattfindet«, antwortete der Graf.

»Wenn Waffenstillstand stattfindet, so hat ihn das englische Heer dadurch gebrochen, dass es die Stadt gegen die Übereinkunft verließ. Ich aber sage Euch, Ihr müsst Euch mit mir durch dieses Heer schlagen und nach Schottland zurückkehren, und wenn Ihr es nicht tut, nun so wählt zwischen den zwei Namen, die den Menschen der Verachtung und dem Fluch der andern Menschen überantworten: Entweder seid Ihr feige oder Ihr seid Verräter.«

Die Augen der Schottländer flammten, aber sie gingen, wie dies so oft bei solchen Gelegenheiten geschieht, von der äußersten Scham zu der äußersten Frechheit über und zwei Clans-Hauptleute schritten von zwei Seiten auf den König zu.

»Nun wohl, ja«, sagten sie, »wir haben versprochen, Schottland und England von demjenigen zu befreien, der seit fünfundzwanzig Jahren das Blut und das Gold von Schottland und England trinkt. Wir haben es versprochen und halfen unser Versprechen. König Karl Stuart, Ihr seid unser Gefangener.«

Beide streckten zu gleicher Zeit die Hand aus, um den König zu ergreifen, aber ehe die Spitze ihrer Finger seine Person berührten, stürzten beide, der eine tot, der andere ohnmächtig, nieder.

Athos hatte den einen mit der Kolben seiner Pistole zu Boden geschlagen, Aramis hatte dem anderen den Degen durch den Leib gerannt.

Als sodann der Graf von Lewen und die andern Hauptleute erschrocken vor dieser unerwarteten Hilfe, die demjenigen, welchen sie bereits für ihren Gefangenen hielten, vom Himmel zuzufallen schien, zurückwichen, zogen Athos und Aramis den König aus dem meuterischen Zelt, in das sie sich so unkluger Weise gewagt hatten, und alle drei schwangen sich auf die Pferde, welche die Lakaien bereithielten, und ritten im Galopp zum königlichen Zelt zurück.

Im Vorüberreiten gewahrten sie den Grafen von Winter, der an der Spitze seines Regimentes herbeieilte. Der König gab ihm ein Zeichen, sie zu begleiten.

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