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Der Hexer Band 35

Robert Craven (Wolfgang Hohlbein)
Der Hexer, Band 35
Die seelenlose Killer

Horror, Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 05. August 1986, 64 Seiten, 1,70 DM, Titelbild: Rafael López Espi

»Er ist tot, Howard. Sie haben ihn umgebracht!« Die Augen des großen, rothaarigen Mannes waren verquollen von Tränen, sein Gesicht war rot und verzerrt und zu einer Grimasse geworden, über die er längst jede Kontrolle verloren hatte. »Er ist tot.« Immer und immer wieder stammelte er diese Worte, begleitet von einem ruckhaften, schmerzerfüllten Schluchzen, dass seinen Körper wie eine Folge schrecklicher Krämpfe schüttelte. »Robert ist tot!«

Leseprobe

Die Welt des Hexers

Sarim de Laurec – einst ein Master des Templerordens, verfügt über erschreckende, geheimnisvolle Kräfte – die Macht über mechanische Puppen. Einst rettete er seinen Orden bei der Durchführung eines gefahrvollen Experiments: Ein Kristallhirn der GROßEN ALTEN sollte durch den Inneren Zirkel der Templer unter Kontrolle gebracht werden, doch die bösen Kräfte des Hirnes nahmen Einfluss auf die Männer und wollten sie zwischen die Dimensionen zerren. Damals konnte allein Sarims beherztes Handeln den Orden retten – er spaltete das Kristallhirn mit seinem Schwert in zwei Teile.

Doch seine Tat blieb nicht ohne Folgen. Ein Splitter des Hirnes drang in Sarims Schläfe und gewann die Kontrolle über den Templer. Seitdem gehorcht Sarim de Laurec den Einflüsterungen der GROßEN ALTEN. Von seinen Brüdern wurde sein Zustand falsch gedeutet. Erst hielt man ihn für wahnsinnig, als er sich gegen den Orden stellte, dann für apathisch und nunmehr für ungefährlich, als er von Robert Craven besiegt wurde. Doch während Robert und seine Freunde glaubten, den Puppet-Master endgültig vernichtet zu haben, lebte Sarim weiter – wenn auch unter der strengen Bewachung seiner ehemaligen Brüder im Ordenskapitel von Paris.

Bis er schließlich – unter Mithilfe einer seiner Puppen, die dem Hexer wie ein Zwilling glich – befreit wurde. Die Tempelritter machten natürlich Robert Craven für diese Tat verantwortlich und verfolgen ihn seither als Feind des Ordens.

Sarim de Laurec hingegen tauchte unter – für lange Zeit. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Rache an den beiden Menschen, die ihm seine größte Niederlage zufügten: an Robert Craven und Howard Lovecraft.

Monatelang feilte er an seinem Plan, baute eine perfekte Falle auf, in deren feingewobenen Netzen Robert sich verstricken musste. Inspektor Cohen von Scotland Yard – ein alter »Freund« Cravens – trug nicht einmal die Schuld daran, dass er den Hexer schließlich als gemeingefährlichen Massenmörder entlarvte und dem Gericht überantwortete. Auch er wurde, einer Marionette gleich, von de Laurec auf die richtigen Schlussfolgerungen gestoßen. Aber damit nicht genug – um das Risiko eines fairen Urteils auszuschließen, setzte de Laurec seine mechanischen Puppen ein; auf seine ganz spezielle Art und Weise.

Sein Plan ging auf. Nach einer Farce von Verhandlung wurde Robert Craven zum Tode durch den Strang verurteilt. Und starb nur wenige Stunden später.

Aber noch ist Sarim de Laurecs Rache nicht vollkommen …

 

*

 

Howard reichte Rowlf mit zitternden Händen das siebente oder achte Glas Cognac – vielleicht waren es auch schon weit mehr, er hatte gar nicht erst versucht, sie zu zählen – aber der rothaarige Riese schüttete auch diesmal den Alkohol wie Tee in sich hinein, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und die Wirkung, auf die Howard gehofft hatte, blieb ebenso aus wie bei den Gläsern zuvor. Ganz im Gegenteil schien sie – wenn überhaupt möglich – Rowlfs Verzweiflung nur noch zu verschlimmern. Seit drei Stunden, seit Gray mit der Nachricht von Robert Cravens bei Sonnenaufgang erfolgter Exekution gekommen war, weinte der sieben Fuß große Gigant wie ein kleines Kind. Zum ersten Mal, seit Howard ihn vor so langer Zeit kennen und schätzen gelernt hatte, war er es, der Rowlf zu beruhigen versuchte und einen klareren Kopf behielt, und nicht umgekehrt.

Auch wenn dies vielleicht nur äußerlich war. Ihn selbst hatte die Nachricht von Roberts Tod – obgleich nicht unvorbereitet – möglicherweise noch härter getroffen. Aber es war ein Schmerz ganz anderer Art, den er verspürte, etwas, das sehr viel tiefer ging und Zeit brauchen würde, um zu wirken. Die Ruhe, die er im Moment verspürte, erschreckte ihn beinahe selbst. Aber es war wohl eher Betäubung als Ruhe, eher Lähmung als Gelassenheit. Der wirkliche Schmerz würde später kommen, und er würde entsetzlich sein. Fast beneidete er Rowlf darum, weinen zu können.

»Du musst dich zusammenreißen, Rowlf«, sagte Gray ruhig. Er saß noch immer auf dem Stuhl unter dem Fenster, auf dem er sich vor drei Stunden niedergelassen hatte, und die fünf Worte waren die ersten überhaupt, die er seither hören ließ. Auch Gray schien eine Art von Betäubung zu spüren, dachte Howard. Er wusste, dass der greise Rechtsanwalt und Notar Robert auf seine Art ebenfalls geliebt hatte. Es war seltsam – zu Lebzeiten schien Robert Craven ein Mann ohne Freunde gewesen zu sein, aber jetzt, da er tot war, fiel Howard erst auf, wie viele Menschen ihn gemocht, ja mehr noch, wie einen Bruder oder Sohn geliebt hatten.

»Zusamm’reiß’n?« Rowlf zog geräuschvoll die Nase hoch, schenkte sich selbst einen weiteren Cognac ein und starrte Gray mit unverhohlener Feindseligkeit an. »Un was nutzt dem Kleinen das jetz’ noch?«, fauchte er. »Wenn Sie’n bißchen bessere Arbeit geleistet hätt’n …«

»Rowlf!«, sagte Howard scharf.

Rowlf verstummte schuldbewusst, aber Gray winkte nur ab und schüttelte betrübt den Kopf. »Lass ihn, Howard. Er hat ja recht. Ich mache mir schwere Vorwürfe. Ich habe versagt.«

»Unsinn!«, sagte Howard ärgerlich. »Das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Sie hatten keine Chance. Cohens sogenannte Beweise …«

»Waren nicht den Atem wert, den er brauchte, sie vorzutragen«, unterbrach ihn Gray. »Ich hätte sie in der Luft zerreißen müssen. Ich hätte zumindest das Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe umwandeln müssen, verdammt. Dann hätten wir Zeit gehabt, die wahren Schuldigen zu finden. Aber es ging alles so schnell.«

»Außerdem war’s gesetzesverboten!«, fauchte Rowlf. »Ne Hinrichtung gleich am anderen Morg’n! Das tuts doch gar nich’ geb’n!«

Gray nickte. »Ich weiß. Vermutlich könnte ich Darender und Ruthel daraus einen schönen Strick drehen.« Er lachte, aber es klang eher wie ein Schrei. »Ich denke, ich werde es tun«, fuhr er nach einer Pause fort. »Die beiden Herrschaften werden wohl frühzeitig ihren Abschied einreichen müssen.«

»Das macht Robert auch nicht wieder lebendig«, sagte Howard düster. »Rache hat noch niemandem genutzt«.

»Ich weiß«, antwortete Gray. »Aber sie tut verdammt gut.« Er stand auf, ging zum Fenster und zog die Gardinen ein Stück zur Seite, um auf die Straße hinauszublicken. »Sie sind noch immer da.«

»Cohens Männer?«

Gray nickte. »Ja. Sie geben sich nicht einmal Mühe, unauffällig zu sein. Du solltest auf meinen Rat hören und die Stadt verlassen. Besser noch das Land.« Er drehte sich herum, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in lässiger Haltung gegen die Wand. »Es wäre wirklich besser. Ich traue diesem Cohen nicht. Jetzt, nachdem er Robert erledigt hat, wird er alle Hebel in Bewegung setzen, dich auch noch zu kriegen.«

»Ich geh’ runter un’ schlag ihn’ die Schädel ein!«, verkündete Rowlf. »Denen werd ich’s zeigen, uns …«

»Nichts wirst du ihnen zeigen, Rowlf«, sagte Howard ruhig. »Darauf wartet Cohen doch nur. Du wirst etwas anderes tun.«

»Un’ was?«

Howard zögerte. Für einen Moment zerbrach die Maske der Beherrschung, die auf seinem Gesicht lag, und für die Dauer von zwei, drei Atemzügen war der innerliche Kampf, den er durchstand, deutlich auch seinen Zügen abzulesen. Dann gab er sich einen Ruck, ging zum Schreibtisch und kritzelte eine Adresse auf einen von Roberts Briefbögen. Gray kam neugierig näher und versuchte über Howards Schulter hinweg einen Blick auf das Papier zu werfen, aber Howard faltete das Blatt schnell zusammen, drehte sich herum und reichte es Rowlf. »Du gehst zu dieser Adresse«, sagte er. »Und dort fragst du nach Viktor.«

»Viktor wer?«

»Nur Viktor«, beharrte Howard. »Sag ihm, dass ich seine Hilfe brauche.«

»Sonst nix?«

»Sonst gar nichts«, antwortete Howard betont. »Sag ihm nicht, was hier geschehen ist, hörst du? ›Howard braucht Ihre Hilfe‹, das ist alles, was er wissen muss. Und«, fügte er nach sekundenlangem Zögern hinzu, »pass auf, dass dir niemand folgt. Wenn Cohens Männer sich an deine Fersen heften, schüttele sie ab – irgendwie. Aber bitte keine Gewalt.«

Rowlf wirkte ein bisschen enttäuscht, griff aber gehorsam nach dem Blatt und verstaute es in seiner Jackentasche, während er sich mit der anderen Hand die Tränen aus dem Gesicht wischte. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Salon. Wenige Augenblicke später hörten die beiden Männer unten die Haustür ins Schloss fallen.

»Viktor?«, wiederholte Gray fragend, als sie allein waren. »Wer soll das sein?«

»Ein alter Freund von mir«, antwortete Howard ausweichend. »Eigentlich kein Freund, sondern eher ein guter Bekannter. Er schuldet mir einen Gefallen.«

»Aber du willst mir nicht sagen, welchen«, vermutete Gray. Er klang ein ganz kleines bisschen beleidigt.

»Ganz recht, Doktor«, sagte Howard. »Je weniger Sie wissen, desto besser. Es ist nichts Ungesetzliches, wenn es das ist, was Sie befürchten.«

»Genau das ist es, Howard«, sagte Gray ernst. »Ich fühle mich für dich und Rowlf verantwortlich. Im Augenblick seid ihr vor lauter Kummer nicht mehr ganz zurechnungsfähig, weiß du? Ich fürchte, dass du Dinge anstellst, die du hinterher bereuen würdest. Cohen wartet nur darauf, dass du ihm einen Vorwand gibst, dich in den Tower zu werfen und den Schlüssel wegzuschmeißen.«

Howard lächelte flüchtig, wurde aber sofort wieder ernst.

»Nur keine Sorge, Doktor«, sagte er. »Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen ein wahrer Musterbürger sein. Ich werde nicht einmal auf den Gehsteig spucken, ohne Inspektor Cohen vorher um Erlaubnis gefragt zu haben.«

»Das hoffe ich, Howard«, sagte Gray. »Das hoffe ich sehr.« Er seufzte, klaubte seinen Spazierstock vom Stuhl auf und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Tür.

»Wenn du mich nicht mehr brauchst …«

»Gehen Sie ruhig, Doktor«, sagte Howard. »Im Moment können wir ja doch nichts tun.«

Gray sah ihn noch einmal sehr zweifelnd an, dann aber wandte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging, während sich Howard umwandte und zum Fenster treten wollte.

Aber er führte die Bewegung nicht zu Ende, sondern blieb plötzlich mitten im Schritt stehen und starrte dorthin, wo Gray zuvor gestanden hatte.

Es war sonderbar, und Howard fand absolut keine zufriedenstellende Erklärung dafür, so sehr er sich auch anstrengte, aber Dr. Gray, der – wenn es hoch kam – hundert Pfund auf die Waage bringen mochte – hatte zwei deutliche Fußabdrücke im Parkettboden hinterlassen.

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