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Die Gespenster – Dritter Teil – 41. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Einundvierzigste Erzählung

Eine Zerbsterin macht einen Jäger sprachlos und jagt ihn in die Flucht

Dass auch Manner, deren Beruf Mut und Herzhaftigkeit zu fordern und zu geben scheint, wenn Vorurteil und Aberglaube sie beherrscht, doch durch die Kleinigkeit, die wir einen Geist nennen, erschreckt und außer Fassung gebracht werden können, das beweist unter anderen folgender Vorfall:

Im Herbst des Jahres 1782 besuchte eine Dame aus Zerbst Herrn Major von Katte zu Zolchow bei Genthin im Magdeburgischen, dessen Hauslehrer ich damals war. Niemand wusste, dass diese Zerbsterin die ganz eigene Gabe habe, selbst ohne ihr Vorwissen und wider ihren Stilen eine furchtbare Gespenstererscheinung zu veranlassen. Desto größer war der Schrecken, welchen sie gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft verursachte. Man freute sich in der Wohnstube im frohen Kreis der Familie des Wiedersehens und setzte sich dann zu Tisch, um zu Abend zu essen. S…r, der Jäger des Herrn von Katte, hatte in dem Schlafzimmer der fremden Dame, welches ihr nach dem Garten hinaus, neben dem großen Saal, angewiesen war, noch einige Bequemlichkeiten in Ordnung zu bringen. Plötzlich vernahm die speisende Gesellschaft, dass man auf dem Hausflur ungewöhnlich rasch und laut hin und her lief.

Hierauf rief eine Magd ganz bestürzt und unvorsichtig genug in die Wohnstube die Neuigkeit hinein: »Der Jäger will sterben.«

Man hatte den Jäger soeben erst bei Tisch gesehen. Alles sprang daher erschrocken auf und eilte zur Gesindestube, wo man ihn an Farbe einer Leiche gleich und fast sprachlos fand.

Auf die Frage, was ihm begegnet sei, stotterte er, indem er mit der Hand zum Schlafzimmer der Zerbsterin hinwies, die paar Worte hervor: »Die gnädige Frau.«

Man versuchte den Jäger wieder zur Besinnung zu bringen, und es gelang endlich. Nun erzählte er, dass, indem er mit einem Licht in der einen und dem Waschbecken in der anderen Hand, in das Schlafzimmer der fremden Dame getreten sei, er die Frau von Katte, die er doch soeben erst in der Gesellschaft beim Essen zurückgelassen hatte, hier leibhaftig, auf einem Stuhl sitzend, wieder gefunden habe. Der gutmütige S…r war über diese Erscheinung vorzüglich darum so erschrocken, weil er in dem Wahn stand, dies bedeute den nahe bevorstehenden Tod dieser, von einem jeden im Haus hochgeschätzten Dame. Wirklich war die Frau Majorin damals hoch schwanger und erwartete ihre nahe Entbindung.

Nachdem der Jäger seine Erzählung beendet hatte, begab man sich in das Zimmer des Schreckens, und siehe, das Gespenst saß noch unverrückt auf dem eingenommenen Stuhl. Die Zerbsterin hatte hier ihre Reisekleidung abgelegt und der Zufall gab ihnen eine schreckliche Gestalt und Form. Vor einem Stuhl mitten im Zimmer, der Tür gerade gegenüber, sah man ein Paar Damenschuhe, deren Spitzen unter einem Damenrock, welcher vom Sitz des Stuhles herabhing, hervorsahen. Den Rock bedeckte ein um die Stuhllehne herum und vorn übereinandergeschlagener seidener Pelzmantel. Oben auf der Lehne hing ein Kopfputz, gerade so vorüberstehend, als ob die anscheinende Dame vor Betrübnis oder Müdigkeit das Haupt auf die Brust herabhangen ließe. Man lachte herzlich und bewunderte den Zufall, der unbegrenzt in seinen oft spukhaften Schöpfungen ist. Nur das bedauerte man, dass er hier dem armen Jäger einen gewaltigen Schrecken gemacht hatte. Glücklicher weise blieb indessen das Ereignis ohne alle der Gesundheit merklich nachteilige Folgen.