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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 30

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman, Zweiter Band
XXX. Ein Plan

Während der Oberst Staelswerd den rechten Mann für seine Absichten aufsuchte und gewann, erschien im Gouvernementsgebäude dieselbe Frau wieder, welche der Baronin durch ihren scheinbar an den Tag gelegten Wohltätigkeitssinn hier näher stand.

Dieselbe brachte ein kleines Billett von dem Kapitän Jacobson, in welchem er die Damen um eine neue Zusammenkunft, wenn möglich oder gefällig an dem bewussten Ort bat.

Die Baronin sagte ohne Weiteres sofort zu, schickte die Frau zurück, kleidete sich um und teilte ihrer Zofe mit, dass sie sich zu einer Freundin begebe.

Diese Vorsicht schien der Dame nötig, weil sie glaubte, dass die Dienerin von ihrem Gemahl erkauft sei. Doch war dies nicht so und hier der seltene Fall eingetreten, dass die Dienerin, trotz des Ansinnens des Obersten, ihrer Dame treu geblieben war.

Bei der Freundin weilte die Baronin nur so lange, als nötig war, sich zu überzeugen, dass sie nicht verfolgt werde, und wendete sich dann, nachdem sie jene verlassen hatte, dem Knieger Tor zu.

Wie früher erwartete Jacobson die Dame schon und beide begaben sich wie bei ihrem ersten Zusammentreffen in das Gewölbe.

Der Kapitän war aufgeregt, und dies aus dem Grund, weil er durch den Schließer, mit dem er eine Zusammenkunft gehabt hatte, den ganzen Umfang der den Damen zugefügten nichtswürdigen Behandlung erfahren hatte.

»Es kann dies nur auf Befehl oder Veranlassung Ihres Gemahls geschehen sein, gnädige Frau!«, rief er am Schluss aus.

»Ich zweifle daran keinen Augenblick!«, sagte jene.

»So werden Sie es auch natürlich finden, wenn ich denselben gelegentlich deswegen zur Verantwortung ziehe.«

»Ach was dies betrifft, mein lieber Kapitän, »so legen Sie sich in keiner Hinsicht und namentlich nicht meinetwegen Zwang auf.«

»Der Mensch ist zwar unschädlich gemacht!«, fuhr Jacobson fort, »doch wer bürgt dafür, dass nicht ein noch Ärgerer an seine Stelle tritt; die Damen müssen deshalb noch in dieser Nacht frei werden.«

»Darüber werden Sie zu bestimmen haben, mein Herr!«

»Ich bin darüber bereits mit mir einig, gnädige Frau, doch es stellen sich mir verschiedene Schwierigkeiten entgegen, zu deren teilweisen Überwindung ich Ihre Unterstützung beanspruchen möchte.«

»Dieselbe ist Ihnen bereits zugesagt!«

»Ich rechnete mit Bestimmtheit auf diese Zusage. Meine eigentliche Absicht war, die Damen ohne Wissen des gewonnenen Gefängnisaufsehers halb durch List, halb durch Gewalt zu befreien, denn ich traue niemals käuflichen Seelen.«

»Ich kann dieser Ansicht nur beipflichten. Indessen habe ich meine zu dem Unternehmen nötigen Leute erst auf übermorgen Abend bestellt, es war deshalb nötig, aus der Not eine Tugend zu machen, und den Menschen in meine Absichten einzuweihen.«

»Vielleicht entspricht er dem ihm geschenkten Vertrauen.«

»Hoffen wir es, gnädige Frau!«, fuhr Jacobson fort, wenn ich meinen ersten Plan ausführen konnte, würden die Damen des Morgens die Kustodie verlassen haben, um sofort unter guter Bedeckung das Tor zu passieren und dann schnell weiter befördert zu werden. Eine Division der preußischen Truppen von der Grenze aus würde sie aufgenommen haben, und das Ganze ziemlich ohne Gefahr beendet worden sein; doch dieser Teil des Planes muss jetzt einer Änderung unterliegen; ich habe gegenwärtig nur zwei Gehilfen am Ort.«

»Das ist wenig!«

»Einesteils ja!«, meinte Jacobson. »Alsdann kann den Damen nicht zugemutet werden, die Festung auf dem Wege zu verlassen, welchen ich oder meine Leute häufig wählen, wenn die Tore verschlossen sind. Es ist also nötig, dass dieselben sich bis zur freigegebenen Passage innerhalb der Stadt verbergen.«

»Das begreift sich leicht!«

»Ich meine nun, gnädige Frau, dass man dieselben in Ihrer Wohnung am wenigsten suchen. würde.«

»Ich glaube dies selbst! Bringen Sie dieselben zu mir, ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, sie bei mir zu sehen, und für ihre Bequemlichkeit nach den herben Leiden zu sorgen.«

»Sie sind wirklich sehr gütig!«

»Freunde müssen sich gefällig sein!«

Der Kapitän ergriff die Hand der Dame und führte sie an die Lippen. Jene seufzte wieder, sagte aber nichts.

Da Jacobson Eile hatte, wurde hiermit die Unterhaltung beendet und er schickte sich an, die Baronin zu begleiten.

Diese lehnte es jedoch ab, die Begleitung weiter als bis zum Tor anzunehmen, und dort trennte man sich. Jacobson schritt schnell über den Wall und den Exerzierplatz fort durch das nächste Tor und von hier zur Offenreiherstraße, wo er in einer Taverne verschwand. In derselben traf er mit den beiden Leuten zusammen, welche gestern so derbe den Kustodie-Inspector verbläut hatten, und wies den einen derselben an, sich zum Gefängnisgebäude zu begeben und dasselbe zu beobachten. Er selbst blieb mit dem anderen noch zurück, bis die sogenannte Bürgerstunde die Schließung des Lokals erwarten ließ, und hieß dann auch jenem zweiten Mann dem Ersten folgen.

Bald darauf verließ auch er die Tabagie und begab sich an Ort und Stelle, wo sich die beiden Leute möglichst im Schatten platziert hatten.

»Hast du Verdächtiges bemerkt?«, fragte er den einen.

»Nein«, lautete die Antwort!

Jacobson ging weiter.

»Hast du Bewegung oder sonst Verdächtiges bemerkt?«, fragte er auch diesen.

»Der Schließer ist vor Kurzem zurückgekehrt!«, antwortete derselbe.

»Das wäre!« ,murmelte der Kapitän. »Und du bist sicher, dich nicht geirrt zu haben.« »Gewiss nicht!«

»Nun, wir werden bald wissen, woran wir sind!«, fügte der Kapitän noch hinzu, »haltet Eure Waffen in Bereitschaft!«

Er selbst fühlte nach seinen Pistolen und schritt dann eilig über die Straße zu dem Tor des kalten düsteren Hauses, an welches er leise, aber in bezeichnender Weise, pochte.

Es dauerte einige Zeit, bis sich etwas hören ließ, und Jacobson wurde bereits ungeduldig. Da jedoch drang der Schall von Tritten aus dem Flur hervor und die Tür wurde geöffnet.

Es war der Schließer, der schüchtern vortrat und spähende Blicke umherwarf. »Draußen ist alles sicher!«, sagte der Kapitän, »wenn es nur innen nicht an der nötigen Vorsicht fehlt!«

»Nein, nein!«, antwortete der Schließer.

»Sind die Damen benachrichtigt?«, fragte der Kapitän.

»Ja!«, flüsterte der andere, blieb aber in der Tür stehen.

»Nun«, sagte der Kapitän, »was zögert Ihr? Vorwärts, Euren Lohn erhaltet Ihr, so-bald ich mit den Damen die Schwelle überschreite.«

Der Schließer trat zurück, ließ aber die Tür geöffnet und ging dem Kapitän voran der Zelle zu, in welcher sich die Damen befanden. Auch die Öffnung dieser Tür nahm mehr Zeit in Anspruch, als wohl eigentlich nötig gewesen wäre, und Jacobson musste den Schließer abermals zur Eile mahnen.

Als derselbe die Tür aufgezogen hatte, zeigte sich, dass die Zelle finster war.

»Wer ist da!«, fragte die Stimme der Mutter.