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Nach Amerika! – Zweiter Band – 03 – Teil 2

Friedrich Gerstäcker
Nach Amerika!
Zweiter Band
Leipzig, Berlin, 1855

Das Schiff
Teil 2

Jeder der Passagiere wollte seine Sachen zuerst hinaufgereicht haben, jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein. Die einen schrien hinauf, die anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Übertragen des Gepäckes selbst in die Hand nehmen konnte. Hei, wie die Schachteln und Körbe da flogen und wie die Frauen kreischten, wenn irgendwo in einem Korb eine Flasche zerbrach und auslief oder irgendein Topf oder Geschirr knackte und splitterte.

»Nehmen Sie sich in Acht, da ist Glas drin – Sie stehen ja in meiner Hutschachtel – passen Sie auf, das Bett fällt über Bord – Herrgott, da sind meine sämtlichen Provisionen drin!« Tausend ähnliche Aufkreische der Angst und Sorgfalt, ebenso oft vergebens, denn die Seeleute kümmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnun­gen, füllten die Luft, bis die Unmasse Gepäck, indessen die Pas­sagiere ihre eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brach­ten, glücklich an Deck gelandet war, und nun ebenso rasch und rücksichtslos in das Zwischendeck hinunterbefördert wurde. Da hinein regnete es ordentlich Hutschachteln, Reisesäcke und Matratzen, mit riesigen kistenähnlichen Holzkoffern. Um die Verwirrung, wenn das irgend möglich gewesen wäre, noch größer zu machen, riss inmitten dieser Beschäftigung der eiserne Henkel eines solchen Collies aus, die Kiste fiel auf der Luken­wand auf, brach und streute nun ein Hagelwetter von Klei­dern, Wäsche, Schuhwerk, Zwieback, Würsten und allen mög­lichen und unmöglichen anderen Effekten über die unten schon aufgehäuften Sachen, über die sich der glückliche Eigentümer nun mit einem lauten Gebrüll der Verzweiflung warf, um gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahrsten Sinn des Worts bedeckt zu werden.

War die Verwirrung aber an Deck schon groß gewesen, so wurde sie nun im inneren Raum des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen wollten gleich auch ihre Kojen wissen und belegen, fanden aber alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich jedoch hartnäckig weigerten, noch irgendjemanden in einem Raum aufzunehmen, in dem sie, wie sie erklärten, kaum sel­bst Platz hätten. Hier wie überall sollte der Steuermann entscheiden. Von allen Seiten aber gerufen und gequält, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld aus. Er fluchte und schwor, er wolle verdammt sein, wenn er solch ein Gelärm schon in seinem ganzen Leben gesehen habe, und er­klärte endlich, sie möchten sich erst einmal ordentlich durchein­anderschütteln und würgen, und wenn sie dann ein wenig zu Verstand gekommen wären, wolle er hinuntergehen, eher aber keinen Schritt.

Er tat auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang hätte tun können und ging, so wie nur erst einmal sämt­liches Gepäck an Bord genommen und der Lichter klar geworden war, in die Kajüte zurück, sein Mittagsessen zu verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem anderen, dass sie sich unten im Zwischendeck prügelten und mit Messern und Pistolen droh­ten. Er ließ sich nicht stören und antwortete nur vollkommen gleichmütig, es wäre das Beste, wenn sie erst eine Weile ein­ander totschlügen, denn dann bekämen die anderen gewiss Platz – die Toten würfen sie über Bord und die Mörder steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffung schon in den letzten zwölf Jahren, jedes Jahr we­nigstens zweimal mit durchgemacht und wusste, dass eine ge­wisse Zeit dazu gehörte, bis sich die Masse erst setzen und ord­nen konnte. Der erste Ansturm musste vorüber sein, eher war kein vernünftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch alles leicht und ruhig vonstatten. Da für jeden Platz da war, fand sich auch für jeden zuletzt der rechte.

Im Zwischendeck sah es indessen böse aus. Einen ernstlichen Zusammenstoß der verschiedenen Parteien verhinderte wohl nur der Umstand, dass niemand einen bestimmten Gegner fand, an den er sich halten konnte. Dann war der Kapitän selbst nicht an Bord, der ein Endurteil fällen sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen werden können, hinunterzugehen. Zu­gleich hinderte das, einem Wall gleich aufgeschichtete Gepäck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die, die schon Kojen belegt hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie wussten, dass sie augenblicklich von anderen in Besitz ge­nommen würden, während die Neugekommenen ihr Augen­merk auf eine oder die andere bestimmte Koje gerichtet hielten und diese förmlich belagerten.

Nur einige wenige der Letztgekommenen waren so glück­lich gewesen, schon einen Platz für sich zu erbeuten. Zu diesen gehörte Eltrich, der trotz seiner sonstigen Bescheidenheit, hier doch für Frau und Kind zu sorgen und diese gleich am An­fang mit seinem Gepäck auf dem Kahn zurückgelassen hatte, vor allen Dingen eine gute Koje für sie zu finden. Dass immer drei Personen eine Koje bekommen mussten, wusste er. Sein Kind bezahlte halbe Passage, musste aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere Schlafstelle, in der Nähe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne Weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte, sich aus jedem Gedränge fernzuhalten, den Weg zu ihm finden würde. Es war das Klügste, was er hatte tun können.

Steinert fand ebenfalls den für ihn belegten Platz. Zu gleicher Zeit, so wie er nur den Fuß in das Zwischen­deck setzte, hatte sich auch der wunderliche Mann mit dem affenähnlichen Gesicht, sein Gepäck ganz rücksichtslos im Stich lassend, eine obere Koje ausgefunden, in der allerdings schon Betten lagen, die er aber doch für sich geeignet hielt, und wo­hinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Koje, Re­becca, Frau des ehrsamen Krämers Moses Löwenhaupt, am Rockschoß und wollte ihn mit einer Flut von Verwün­schungen zurückziehen. Der Mann wandte aber nur den Kopf nach ihr um und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen Augen unter den buschigen Brauen so feindlich an und zeigte ihr dabei die beiden Reihen weißglänzender und fehlerfreier Zähne, dass sie ihn erschreckt wieder losließ. Der Usurpator saß denn auch, keine halbe Minute später, mit untergeschlage­nen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf, der niedri­gen Koje wegen, gerade in deren Mitte und blies den Qualm aus seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend in der Tasche gehabt haben musste, in solchen Stößen um sich her, dass ihn derselbe in kurzer Zeit ganz verhüllte und wie eine Wolke unheimlich und schwer die Koje füllte.

In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den geschei­telten Haaren in die andere Koje, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen mürrischen und finsteren Gesellen, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belästigt zu werden. Der Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden zu sein, drehte sich wenigstens auf die andere Seite und ließ ihn sogar ungehindert einen kleinen Handkoffer, den er bei sich führte und in der ersten Eile vor die Koje gestellt hatte, nach­ziehen. Der Mann mit den gescheitelten Haaren hatte dadurch vollständig Besitz ergriffen.

»Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein«, brummte der Erstbewohner des Schlafplatzes übrigens, als der junge Literat, der sich Theobald nannte, nach außen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn her ein Gespräch anknüpfte.

»Also bekommen immer zwei und zwei eine Koje?«, fragte dieser rasch, und wie es schien, sehr befriedigt.

»Nein, drei«, erwiderte der Mann.

»Drei? Und wer ist der Dritte hier drin?«

»Meine Frau!«, lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere Gespräch abschnitt, denn Theobald war zu bestürzt darüber, auch nur noch eine Silbe erwidern oder weiter fragen zu können.

Endlich, nach einem Zeitraum, der den dabei Beteiligten eine Ewigkeit geschienen, kam der Steuermann, in Abwesen­heit des Kapitäns, die oberste Behörde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem großen Mast in das Zwischendeck füh­rende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren Stufen stehen, als ihm hier schon sämtliche Passagiere mit ihren Klagen und Forderungen laut durcheinanderschreiend entgegendrängten.

»Hier Herr Obersteuermann, die wollen mich in keine Koje lassen – Herr Obersteuermann, wir haben unseren Platz so gut bezahlt wie die anderen – Und meinen Koffer haben sie wieder rausgeworfen – Ich schlage dem Hund ein Bein ‘entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme – Und meine Frau ist krank und muss einen guten Platz haben – Gottes Wun­der, was geht uns die Frau an, wir haben alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; was heißt kranke Frau – Hier, Herr Obersteuermann, kommen Sie nur einmal her und sehen Sie, wie sie meine Hutschachtel zertreten haben – Mir muss der Kapitän den Schaden ersehen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Tabak und mein Zwieback sind alle untereinander gekommen!«

So schrie und tobte es um ihn her. Der Steuermann hielt sich die Ohren zu, schloss die Augen und blieb, halb abgedreht von den Wütenden, so lange regungslos stehen, bis diese doch einsahen, dass sie auf solche Art ihren Zweck unmöglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas beru­higten.

»So«, sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte, den Lärm mit der eigenen Stimme übertönen zu können, »hat nun jeder seinen Plag?«

Nein – nein«, schrie es wieder von allen Seiten.

»Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die – Frie­den«, lautete die Antwort, »oder ich gehe an Deck zurück und Ihr mögt Euch hier meinetwegen die Köpfe blutig schla­gen, nach Herzenslust.«

Die Passagiere, denen daran gelegen war, dass der Steuer­mann ihre Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selbst ein, dass sie ihn gewähren lassen müssten, machten ihm also Platz. Einzelne, die Vernünftigeren der Schar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen, wo sie ihre Matratzen un­terbringen oder die, die Familie hatten, mit diesen zusammen einquartiert werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und der Steuermann, auf dessen Wink nun noch zwei Matrosen mit Laternen herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder und begann die verschiedenen Kojen, an der rechten Seite anfangend, zu visitieren.

»Wen haben wir hier?«, begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Koje, in welche dieser nun die junge Frau mit dem Kind platziert hatte und so lange Wache davor hielt, bis alles geregelt sein würde.

»Mann, Frau und Kind!«, erwiderte der junge Mann »ich heiße Eltrich.«

»Alles in Ordnung!«, sagte der Steuermann, mit einem Stück Kreide, das er in der Hand hielt, eine 1 über die Koje malend. »So, und nun wollen wir die Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen«, setzte er hinzu, seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend. Zu dem Licht der Laternen haltend: »Koje 2. Wer ist hier drin?«

Auch diese Koje war durch die Familie des Tischlermei­ster Leupold besetzt. Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern einquartiert hatten und keinen wei­teren Zuspruch gestatten wollten. Der eine, ein breitstämmiger Bursche mit ledernen Hosen und nagelbeschlagenen Schuhen, der vornweg der Länge lang darin lag, erklärte auch dabei ganz ruhig und bestimmt, das sei ihr Platz, sie wären zuerst gekommen, brauchten, was sie hätten, und gedächten es zu behalten.

»Wer hat noch keinen Platz?«, fragte der Steuermann, ohne weiter etwas darauf zu erwidern, die Passagiere. »Halt, nicht alle auf einmal schreien. Es muss eine einzelne Person sein.«

Wald meldete sich. Der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den Namen des neu Zutretenden notiert hatte: »So, da rückt einmal zu, Ihr da; drei und drei ge­hören immer in eine Koje, und dann habt Ihr noch Platz übrig.«

»Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, na­chens is es noch immer Zeit«, erwiderte aber der eine Bauer trotzig.

»Wollt Ihr in Frieden Platz machen?«, fragte der Steuer­mann vollkommen freundlich.

»Ne«, lautete die einzige Antwort.

«Smiet mi mal den Döskopp da ruth«, lautete da der ebenso ruhig gegebene Befehl an die beiden Matrosen, die zuerst vorsichtig ihre Laternen beiseitesetzten und dann so plötzlich und mit so eisernem Griff den Widerspenstigen pack­ten, dass dieser auch im Nu aus seiner Koje und auf den Boden flog. Hier sprang er aber ebenso rasch in die Höhe und schien nicht übel Lust zu haben, sich auf den Steuermann zu werfen. Oben durch die Luke schauten aber noch drei oder vier stämmige Burschen von Matrosen, die nur eines Winks be­durft hätten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu sein.

Der Steuermann sagte freundlich: »Wullt du noch wat?«

Widerstand unter solchen Umständen war hoffnungslos, und der Bauerbursche brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, dass er sich über solche Behandlung beim Ka­pitän beschweren würde.

»Dat stat di frie, myn Junge!«, sagte aber der Steuer­mann, der stets platt sprach, wenn er grob wurde, gleichgültig und wies nun Wald an, seinen Platz einzunehmen, wie seine Sachen, die er unterwegs bei sich zu behalten wünsche, vor die Koje zu stellen.

Das Beispiel, gerade an einem der Stärksten und Stäm­migsten der Schar gegeben, hatte aber geholfen. In den nach­folgenden Kojen zeigten sich nicht die geringsten Schwierig­keiten mehr, und wo noch Platz war, fügten sich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerspruch in das Unabänderliche. Nur den polnischen Juden mit seinem schmut­zigen Kaftan wollten sie nirgends einnehmen, und selbst einer seiner Glaubensgenossen, der gerade unter Steinerts, Mehlmeiers und Schulzes Schlafplatz eine Koje für sich selbst in Beschlag genommen, und nun mit dieser Einquartierung be­droht wurde, zog es vor, auszuräumen und sich woanders Raum zu suchen. Zu dem dritten Platz in des Polen Koje fand man niemanden als den armen jungen Burschen, für den an der Landung in Bremen noch gesammelt wor­den war, dass er sein Reisegeld zusammen bekam. Der wagte keine Widerrede und ließ sich hinstecken, wo es den anderen gefiel.

Ziemlich am Ende der ganzen Anordnung kam der Steuermann auch nun endlich zu Löwenhaupts Koje, von der der große Unbekannte, wie ihn Steinert nannte, Besitz genommen hatte und aus seiner Tabackswolke auch noch nicht wieder zum Vorschein gekommen war.

»Hallo Mosje! Sie da drin in dem Qualm«, schrie der Steuermann, »stecken Sie das Schiff nicht in Brand – Du­sendslag, wo hett denn de Permission kregen syn Duynerwehers stinkigen Toback to smöken?«

Die Wolke stand einen Augenblick, und nicht weiter genährt, zog sie sich allmählich nach oben, nun zum ersten Mal die Gestalt des wunderlichen Mannes enthüllend. »Harpunen und Seekrebse«, brummte aber der Steuer­mann, der sich niederkauerte, einen Blick unter dem Qualm fort in das Gesicht des Mannes zu bekommen, gegen den schon, als er kaum den Fuß an Bord gesetzt hatte, eine Menge Klagen eingelaufen waren. »Wo heet den de Heer hier in de smallkragigen Rock mit de grooten linnen Taschen – Sie da, wo heet hey?«

»Sehr würdiger Seemann«, erwiderte ihm aber hierauf mit großer Ruhe und in wohlgesetzter Rede der Gefragte, »es tut mir unendlich leid, dass ich keine Silbe dieser nordischen Sprache, die Sie hier, wenn ich nicht irre, plattdeutsch nennen, verstehe und durchaus in reinem Hochdeutsch angesprochen werden muss, befriedigende Antworten zu erwarten.«

»Na nu wird’s Tag!«, rief der Steuermann verwundert, »dei spreekt wie en Buk – Sie da also mit den empfindlichen Ohren, wie heißen Sie und wo sind sie her?« »Zachäus Maulbeere aus Halle.«

»Maulbeere«, murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liste suchend »Maulbeere – Maulbeere!«

»Nein, nur einmal Maulbeere!«, sagte Zachäus.

Ein­

zelne lachten, die Familie Löwenhaupt aber, deren Herr und Stamm sich in einem kleinen winzigen Männchen, mit einer furchtbar großen, wie eingehakten Habichtsnase zeigte, begann wieder aufs Neue ihre Klagen über den Einbruch in ihre Rechte.

»Ruhe da!«, rief aber der Steuermann, »und Sie da, wer hat Ihnen denn eigentlich Erlaubnis gegeben, im Zwi­schendeck zu rauchen, und noch dazu solchen Giftknaster? Wenn Sie das Schiff nicht in Brand stecken, verpesten Sie es. »Der eine liebt Rosen, der andere Teufelsdreck«, sagte Zachäus ruhig, »ich liebe Rosen.«

»Kann ich mir denken«, meinte der Steuermann, »wer aber hat die Koje von allem Anfang an innegehabt?«

»Ich – wir«, schrien die Eheleute Löwenhaupt.

»Wie viel sind Sie?«

»Nu, wie viel sollen mer sein?«, fragte Madame Löwenhaupt beleidigt, »ich und der Itzig.«

»Ja, dann kann ich Ihnen nicht helfen«, sagte der See­mann achselzuckend, »dann müssen Sie noch irgendjemand darin aufnehmen.«

»Aber doch nicht den Menschen?«, rief Herr Löwenhaupt rasch und erschreckt. »Bieten Sie mir einen Tausch an, vielleicht lasse ich mich bewegen und ziehe aus!«, sagte Zachäus, dem die Gesellschaft, als er sie etwas näher besah, vielleicht selbst nicht gefallen mochte.

»Na, das machen Sie unter sich aus«, sagte aber der Steuermann, sich mit seiner Laterne wieder den anderen zuwen­dend, »immer drei gehören eben in eine Koje, und je fried­licher Ihr Euch hier darin vertragt, desto besser ist es für Euch. Geraucht wird aber hier unten nicht«, wandte er sich noch einmal gegen die Koje um, aus der Zachäus schon wie­der dicke Wolken blies.

»Wer rauchen will, geht mit seinem Stummel an Deck, verstanden?«

Ein dumpfes Brummen tönte als einzige Antwort von der Koje herüber, die Frauen aber besonders dankten Gott, dass sie den Qualm und Gestank, wie sie es nannten, da unten in dem überdies engen Raum loswürden.

Die Regulierung der Kojen war danach bald beendet, und als nur erst jeder einmal seinen Platz angewiesen bekommen und bestätigt hatte, durften sie auch daran denken, ihr Gepäck zu ordnen, damit es die Matrosen dann um die Mittelstützen herum und an den verschiedenen Kojen befestigen konnten. Mit dem Gepäck fand sich hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die besonders in der unzweckmäßigen Verpackung der Sachen lag und von den Auswanderern, trotzdem dass sie ihnen so oft an das Herz gelegt wurde, doch so selten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes nicht be­kannt sind, können sich auch gewöhnlich gar keine Vorstellung machen, wie beschränkt der Raum doch natürlich in einem Fahrzeug sein muss, das Hunderte von Personen in Monate langer Reise über See schafft, und für diese Zeit nicht allein Wasser und Proviant mitnehmen muss, sondern mit seinem Haupt­erwerb auch auf die Fracht angewiesen ist. Dabei denken die Auswanderer gewöhnlich nur an sich selbst, der Nachbar und Reisegefährte existiert nicht für sie, und sie müssen dann erst eine Weile durcheinandergeschüttelt werden und eigene Erfahrung sammeln, bis sie lernen, sich an Bord zu be­helfen.1

Show 1 footnote

  1. Es ist leicht einzusehen, dass nicht jeder sein ganzes Gepäck, was er aus dem alten Vaterland mitnimmt, auch bei sich im Zwischendeck behalten kann, bald in der, bald in jener Kiste herumzustöbern, je nach­dem er gerade dies oder jenes braucht oder zu brauchen glaubt. Wo der Raum für einen jeden nach einer bestimmten Anzahl von Kubikfuß eingeteilt wird, darf der eine nicht mehr beanspruchen als der andere, und die Räumlichkeit eines Schiffes ist nicht die eines Hauses mit so und so viel Stuben, Kammern und Böden. Hat der Auswanderer also viel Gepäck, so suche er sich vor allen Dingen das, was er unter­wegs notwendig bei sich führen muss (und je weniger das ist desto angenehmer ist es für ihn und die anderen) und packe das in eine kleine Kiste, die am bequemsten drei Fuß lang, zwei Fuß breit und anderthalb oder zwei Fuß hoch sein kann und mit einem verschließ­baren Deckel (weniger zweckmäßig sind Vorlegeschlösser, die leicht unter­wegs abgestoßen werden können) versehen ist. Die Kojen sind gewöhn­lich nur sechs Fuß und vielleicht einige Zoll lang, und hat man nur drei Fuß lange Kisten, die aber, der unteren Kojen wegen, nicht zu hoch sein dürfen, bei sich, so können vor der eigenen Koje zwei nebeneinanderstehen, dienen, wenn geschlossen, als Sitz und nehmen nicht viel Raum, in dem ohnedies engen Zwischendeck ein. Das andere Gepäck muss aber in den unteren Raum und aus dem Weg weggestaut und, was oben bleibt, durch Taue und vorgenagelte Holzkeile so befestigt werden, dass es bei noch so starkem Schaukeln des Schiffs nicht imstande ist, zu weichen oder überzuschlagen und Gliedmaßen wie selbst das Leben der Passagiere zu bedrohen.