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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 29

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman, Zweiter Band
XXIX. Der rechte Mann

Staelswerd hatte bisher bei seinen letzten Be­strebungen, den Freischiffer in seine Gewalt zu bekommen, allein gestanden; doch er fühlte im Verlauf seines Nachdenkens, wie nötig es sei, sich zur Habhaftwerdung desselben eines Gehilfen zu bedienen, der ebenfalls ein Interesse an der Gefangennahme desselben habe.

Der Oberst ließ in Gedanken alle Personen, die er kannte, zu diesem Zweck vor seinem Geist Revue passieren, ohne indessen zu finden, was er brauchte.

Zwar gab es sicher viele von denen, an die er gedacht, die es sich zur Ehre gerechnet hätten, Schweden von einem so gefährlichen Gegner zu befreien; doch damit hörte jedes Interesse, welches sie haben konnten, auf, und es war anzunehmen, dass ihre Energie bei wiederholten Schwierigkeiten erlah­men werde.

Hass und Rache waren es, was der Oberst als Motive zu einer Verfolgung des Menschen bei sei­nem Gehilfen wünschte; auf sie konnte er sicherer rechnen, das wusste er von sich selbst. Wiederum ließ er eine Anzahl von Personen an sich vorüberziehen und plötzlich fuhr er auf.

»Ja!«, rief er, »das ist der rechte Mann, ihn hatte ich fast vergessen; zwar ist er mir nicht eben zum Dank verpflichtet, doch er weiß ja nicht, welch ein Urteil ich über ihn abgegeben habe. Wenn ich ihm jetzt Aussichten eröffne, wird er sicher umso lieber zugreifen, als ihm fast alle Aussichten auf Beförderung genommen sind.«

Staelswerd griff nach seinem Hut, verließ das Haus und eilte durch die Straßen nach der Gegend des neuen Marktes zu, über diesen hinaus und in eine der jenseits des Platzes gelegenen engeren Straßen. Hier betrat er ein Haus und nach einigem Suchen eine Wohnung, wo ihm unser alter Bekannte Dalström entgegentrat.

Dalström war immer noch Leutnant und gehörte zu den Offizieren, die während der Winterzeit außer Tätigkeit und auf ein Drittel ihres Sol­des gesetzt waren.

Dies war für den braven Offizier ein großer Übelstand, denn einmal musste deshalb seine zahl­reiche Familie darben; andererseits war dies ein Beweis, dass man ihn nicht zu den tüchtigeren Offizieren rechnete, weil man diesen, obwohl sie auch fast so gut wie untätig während des Winters wa­ren, ihr Gehalt ließ.

Dalström erschien deshalb im gegenwärtigen Moment verdrießlich, was wohl aus jenem Umstand entspringen mochte. Die Art, wie er seinen bis­herigen Vorgesetzten empfing, war wohl achtungs­voll, doch sehr wenig herzlich.

»Ich muss in einer wichtigen Angelegenheit mit Ihnen sprechen!«, sagte der Oberst, »doch durch­aus allein.«

»Geh hinaus, Frau, nimm die Kinder mit!«, sagte Dalström fast widerstrebend. Die Frau machte Miene, dieser Weisung zu folgen.

»Halt, einen Augenblick!«, sagte jedoch Stael­swerd, »Sie haben vermutlich nur ein geheiztes Zimmer. Es wäre unrecht, die Kinder der Kälte auszusetzen. Wir werden besser ohne Wärme aus­halten; bitte lassen Sie uns in jenes Zimmer treten!«

Dalström errötete und verbeugte sich. »Sie sind sehr gnädig, Herr Oberst!«, sagte er mit sichtbarer Verlegenheit, »Frau danke dem Herrn für diese Rücksicht!«

Die Frau kam diesem Wunsch mit sichtlicher Beklommenheit nach, und der Oberst folgte dem vor­anschreitenden Leutnant in eine Kammer, die augen­scheinlich der Familie als Schlafgemach diente.

Staelswerd warf nur einen flüchtigen Blick umher und setzte sich dann ohne Weiteres auf ein bereits schadhaftes Sofa.

»Sie sind also wieder nicht zur Schiffsführung für den nächsten Sommer designiert!«, sagte er.

»Nein!«, antwortete Dalström bitter, »ich bin ein Edelmann, nicht reich und ohne Gönner, das sind Gebrechen, die man in gewissen Kreisen nicht verzeiht. Ich werde nie mehr als Leutnant werden!«

»Gönner!«, meinte Staelswerd gedehnt, »ich glaube für Sie so etwas zu sein, wenigstens habe ich Sie warm empfohlen. Sie müssen in der Admirali­tät Feinde haben!«

»Ich nannte sie bereits, Herr Oberst!«, sagte Dalström, »es ist unnötig, noch andere zu suchen!«

»Ich meine aber dennoch, Sie könnten alle Hindernisse besiegen, mein guter Dalström, wenn Sie sonst Lust haben, sich durch Ausführung einer besonderen Tat bemerklich zu machen!«

»Ich habe mich bereits oft genug bemerkbar gemacht, Herr Oberst. Sie wissen dies selbst. Aber aus dem vorigen Sommer hat man nur gut befun­den, die Schlappe der Fortune zu beachten; es war allerdings ein dummer Streich, doch mehr Unglück als sonst etwas dabei im Spiel!«

»Da haben Sie recht. Wie Sie das Schiff, so verlor ich den Gefangenen, doch den eben denke ich, Ihnen jetzt zu überlassen, und es müsste wirklich unverantwortlich zugehen, wenn man Ihnen für die Ergreifung des Piraten nicht besondere Anerkennung zuteilwerden ließe! Der Kerl ist nämlich hier in der Stadt!«

»Hier!«, rief Dalström aufspringend.

»Wie ich Ihnen sage!«, fuhr der Oberst fort, »Sie wissen, dass die Grieben’schen Frauen hier in Haft sind!«

Der Offizier verzog das Gesicht, er wusste von der Sache, doch es fiel seinem graden ehrlichen Sinn nicht ein, die Art auch nur entfernt zu billigen, wie man die Damen hierhergelockt hatte und wie man mit denselben verfuhr. »Allerdings!«, murmelte er daher unwillig.

»Nun, der Bursche macht Pläne, jene zu befreien, und ich meine, es wird gelingen, ihn dabei zu er­wischen, wenn Sie also wollen …!«

Der Leutnant blickte einige Zeit sinnend vor sich zur Erde nieder, dann schlug er mit der flachen Hand heftig auf sein Knie. »Das alles kümmert mich nicht!«, sagte er, wie im Selbstgespräch, »für mich ist er nur der Feind, welcher sich tollkühn dem Löwen in den Rachen wagt. Er mag die Folgen seines Übermutes tragen!«

»Das meine ich auch!«, sagte der Oberst, »Sie gehen also auf meinen Vorschlag ein!« »Gewiss; was habe ich zu tun?«

»Darüber später, halten Sie sich nur jeden Augenblick meines Winkes gewärtig!« »Ich stehe zu Diensten!«

»Übrigens erlauben Sie wohl einem alten Freund, Ihnen einen Vorschlag zu machen. So oder so werden Sie nächstens wieder unter mir dienen und mir, wenn sie mein Schuldner bis dahin sein wollen, eine Summe Geld zurückerstatten, die ich Ihnen vorstrecken werde!«

Dalström errötete wiederum. »Ich muss dies Anerbieten annehmen!«, sagte er endlich mit einem tiefen Seufzer, »meine Lage und meine Familie machen es mir zur Pflicht!«

»Recht so, alter Freund!«, sagte Staelswerd freundlich, »keine falsche Scham!«

Der Oberst erhob sich, legte eine Rolle Geld auf den Sitz, welchen er eben eingenommen hatte, und reichte dem Leutnant die Hand, der sie zwar be­rührte, doch nicht drückte. Hiernach begleitete Dal­ström den Obersten, der sich auch bei der Frau freundlich verabschiedete, hinaus. Als er zurückge­kehrt war, ging er in die Kammer, holte das Geld, und warf es in der Stube mit den Worten auf den Tisch: »Es ist ein Jammer, dass ehrliche Leute so oft Schuften zu ihren niederträchtigen Zwecken dienen müssen!«