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Der Hexer 34

Robert Craven (Wolfgang Hohlbein)
Der Hexer, Band 26
Die Gruft der Weißen Götter

Horror, Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 01. April 1986, 64 Seiten, 1,70 DM, Titelbild: Espinosa

Swen Liefenstahl hatte seine Runde beendet, verharrte einen Moment lang regungslos auf der Stelle und ging dann denselben Weg zurück, den er gekommen war. Er war groß, selbst für einen Mann seines Volkes, und seine mächtigen Schultern sprengten beinahe den dunklen Lederharnisch. Sein Gesicht wirkte müde und übernächtigt, aber die dunklen Augen unter dem Helm blickten aufmerksam und wach. Drei Tage war es her, dass Erik ihn und die anderen Ratsmitglieder zusammengerufen hatte, um seine düsteren Vorahnungen mit ihnen zu teilen. Seid wachsam, hatte er gemahnt, denn das Ende unserer Herrschaft steht bevor. Hätte ein anderer Mann als Erik Weltuntergangsstimmung verbreiten wollen, hätte er sich Swens beißenden Spott zugezogen. Nicht so Erik. Seine Ahnungen hatten noch nie getrogen. Und das erfüllte Swen mit einer ungewissen nagenden Furcht.

Leseprobe

Die Welt des Hexers

Trotz der schrecklichen Zugkatastrophe haben die meisten der Passagiere überlebt, paradoxerweise durch die Kokons gerettet, in die der Shoggote sie eingewoben hatte. One-Shot Bodine aber, der die Lok vor ihrem Sturz in den Abgrund von den übrigen Waggons abkoppelte, ist mit ihr zu Tode gestürzt. Buffalo Bill, Sitting Bull, Annie Oakley und Robert Craven sind unter den Überlebenden.

Trotzdem schweben sie in Lebensgefahr. Ralph Teagarden, der Spieler, der dem Hexer die Schuld am Tod seines Bruders gibt, hat mit seiner Killertruppe den Zug verfolgt und sinnt auf blutige Rache. Nur der Umstand, dass Teagarden angesichts der über hundert Augenzeugen nichts unternehmen kann, rettet den Freunden das Leben.

Das ändert sich, als ein Hilfszug eintrifft, um die Menschen zurück nach San Francisco zu bringen. Noch bevor Teagarden handeln kann, machen sich die Gefährten aus dem Staub. Begleitet werden sie von einem verschrobenen Cambridger Wissenschaftler, der in der Schlucht sein Lager aufgeschlagen hatte, und dem beinahe die Lokomotive auf den Kopf gefallen wäre: Lancelot Postlethwaite.

Er ist auf der Suche nach einer Legende, von der er fest glaubt, dass sie existiert: einem Berg, in dem weiße Götter leben sollen, von einem schrecklichen Drachen bewacht. Robert hat Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Weiße Götter? Ein Drache? Necrons Drachenburg!

Postlethwaite schließt sich den Freunden an, und sie versuchen gemeinsam, Teagardens Meute zu entkommen – vergebens. Am nächsten Tag holt er sie ein. Die Revolvermänner wollen Sitting Bull töten, da er damals am Little Bighorn General Custers Armee vernichtete. Doch bevor sie ihn aufknüpfen können, werden sie von Indianern überfallen – von einem Stamm, der bislang völlig unbekannt war.

Sitting Bull redet in einer uralten, überlieferten Sprache mit ihnen, und halb überrascht, halb erschreckt ziehen sich die Roten zurück. Das Blatt aber hat sich gewendet – Teagarden ist nun der Gefangene.

Und doch soll es noch ganz anders kommen. Plötzlich taucht hinter den Männern eine Bestie auf – ein Drache! Die Legende vom Berg der Weißen Götter ist also wahr!

Der Gigant wütet furchtbar unter den Männern. Keiner von ihnen hat eine Chance.

Sitting Bull aber erkennt den Berg aus alten Überlieferungen, erinnert sich an eine Formel – und öffnet die Pforte in den Berg der Weißen Götter. Bevor der Drache über die Gefährten herfallen kann, dringen sie in den Berg ein, und hinter ihnen schließt sich das gewaltige steinerne Portal wieder. Sie sind gefangen …

 

*

 

Die Dunkelheit war absolut, aber trotzdem spürte ich, wie gigantisch die Höhle sein musste, in der wir uns befanden. Da war nichts von dem Gefühl irgendeiner Begrenzung, nichts von dem Eingesperrt- oder Lebendig-begraben-Sein, das man fühlt, wenn man in kleinen Räumen eingeschlossen ist. Die Atemzüge und kleinen Geräusche, die die anderen verursachten, verklangen ohne das mindeste Echo in der Schwärze, und ich hatte das Gefühl, mich in einem großen, saugenden Nichts zu befinden. Selbst der glasharte Fels, auf dem ich lag und der unangenehm und spitz durch meine Kleider und in meine Haut stach, erschien mir seltsam irreal.

»Keiner rührt sich von der Stelle«, sagte eine Stimme neben mir. Es dauerte einen Moment, bis ich sie als die Buffalo Bill Codys erkannte. Das war ein Effekt unserer unheimlichen Umgebung, den ich noch weitaus stärker kennenlernen sollte: wo es keine Echos gab, klangen selbst bekannte Stimmen sonderbar fremd und unvertraut.

Dann ein Rascheln und Hantieren, schließlich hörte ich das Klicken von Metall, und plötzlich glomm dicht neben mir eine winzige gelbe Flamme auf. Sie verbreitete nicht viel Licht; eigentlich nur eine flackernde Kugel gelblicher Helligkeit, kaum viel größer als ein Kinderkopf. Aber in der fürchterlichen Schwärze, die uns umgab, erschien sie mir trotzdem blendend wie eine winzige Sonne.

Es war Buffalo Bills Sturmfeuerzeug, das da einen Schimmer von Licht in die ewige Nacht unter der Erde brachte. Einen Moment lang stand Bill reglos da, blinzelte ein paarmal und wartete offensichtlich, bis sich seine Augen wieder halbwegs umgestellt hatten. Dann drehte er sich herum, hielt sein Feuerzeug ein wenig höher und näherte sich, die freie Hand tastend wie ein Blinder in den Bereich weiter Schwärze jenseits der winzigen Lichtkugel vorgestreckt, dem Tor.

Oder der Stelle, wo das Tor einmal gewesen war.

Selbst jetzt ließ mich der Gedanke an das, was jenseits der meterdicken Felswand lauerte, noch innerlich schaudern. Es war erst wenige Augenblicke her, seit der Felsen mit einem ungeheuren Krachen wieder zugeschlagen war; nicht mehr weit vom gierig aufgerissenen Maul des Sauriers entfernt, der uns hier hineingejagt hatte, und eine absurde Furcht stieg in mir empor.

Für einen Moment musste ich mich mit aller Macht gegen die aberwitzige Vorstellung wehren, der Schein von Codys Feuerzeug allein könne schon ausreichen, das Tor abermals aufzustoßen und die Bestie einzulassen, der wir mit knapper Not entronnen waren. Natürlich wusste ich mit einem Teil meines Bewusstseins, dass das völliger Blödsinn war. Aber die Nerven spielen einem sonderbare Streiche, wenn man ein gewisses Maß von Furcht erreicht hat.

Ich verscheuchte den Gedanken, stand auf und beeilte mich, Cody zu folgen. Die Vorstellung, allein in der Dunkelheit zurückzubleiben, war mir unerträglich. Und ich schien nicht der einzige zu sein, dem es so erging. Auch Lancelot Postlethwaite und Annie schlossen sich Buffalo Bill an, während Sitting Bull sich ohnehin die ganze Zeit nicht vom Tor weggerührt hatte.

Was ich im flackernden Licht des kleinen Feuerzeuges sah, ließ die dumpfe Furcht in meiner Seele abermals aufflackern. Der Anblick war so absurd, dass sich mein Verstand für einen Moment einfach weigerte, ihn als wahr zu akzeptieren. Es war vollkommen verrückt: Vor nicht einmal fünf Minuten waren wir alle durch ein gewaltiges steinernes Tor gestolpert.

Aber jetzt war hier kein Tor mehr. Der Fels vor uns war massiv, künstlich geglättet zwar und kunstvoll bearbeitet, so dass die Umrisse eines Tores noch immer darauf sichtbar waren, komplett mit den gigantischen Scharnieren und einem ins Riesenhafte vergrößerten Riegel.

Aber es waren eben nur die Umrisse eines Tores; nicht mehr. Der Fels war in Wahrheit so massiv, wie er nur sein könnte …

»Da ist eine Fackel«, sagte Cody plötzlich. Seine Hand wies auf einen rostigen schmiedeeisernen Halter, der – ebenso wie sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite – in Augenhöhe neben dem Tor hing. Tatsächlich befand sich noch der Stumpf einer Pechfackel darin, wenn er auch so dick mit Staub verkrustet war, dass er sicherlich schon ein Jahrhundert hier hing; wenn nicht länger. Cody griff danach, blies den Staub herunter, so gut er konnte, und hielt die Flammen seines Feuerzeuges an den Stumpf. Er fing fast sofort Feuer.

Auch wir anderen – wieder mit Ausnahme von Sitting Bull – nahmen uns jeder eine Fackel, von denen ein großer Vorrat unter der Halterung lag. In dem zusammengebackenen Staub, der den Stapel umgab, waren Spuren. Cody und Annie Oakley mussten sie so deutlich erkennen wie ich, denn einige davon waren noch nicht sehr alt. Aber sie zogen es offensichtlich vor, zu schweigen.

Das Licht der Pechfackeln trieb die Dunkelheit hinter eine acht oder zehn Schritt entfernt liegende Grenze zurück, und wir konnten das Tor in seiner vollen Größe erkennen.

Es war gigantisch. Der Fels war, mittels einer Technik, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte, so glatt wie Glas geschliffen worden und über und über mit unverständlichen Buchstaben und kunstvoll aus dem Stein gehauenen Basreliefs bedeckt. Manche davon zeigten Dinge, die mir schlichtweg unverständlich waren, aber bei einigen der Zeichnungen hatte ich auch ein sonderbares Gefühl von Erkennen.

Da waren Schiffe – vielleicht auch schwimmende Ungeheuer –, bemannt von hochgewachsenen Gestalten mit mächtigen Hörnerhelmen, riesige Seeschlangen und andere, höchst beunruhigende Dinge.

»Mein Gott!« flüsterte eine Stimme neben mir. »Es ist wahr! Alles ist wahr!«

Wie zuvor bei Bill hatte ich auch jetzt Schwierigkeiten, die Stimme zu identifizieren.

Postlethwaites Gesicht wirkte im flackernden Licht der Fackeln unnatürlich bleich; seine Augen waren so groß, als wollten sie jeden Moment aus den Höhlen quellen. Ich versuchte nachzuempfinden, wie er sich in diesem Moment fühlen mochte, aber ich war nicht sicher, ob es mir wirklich gelang. Sein Leben lang war er einem Traum nachgejagt, und auch, wenn er es niemals zugegeben hätte, hatte er sicher im stillen mehr als nur einmal gezweifelt. Jetzt hatte sich sein Traum erfüllt. Er hatte den legendären Berg der Weißen Götter nicht nur gefunden, er war sogar mittendrin.

Ich hoffte nur, dass es nicht zu einem Alptraum für ihn wurde. Und für uns andere auch.

»Alles ist wahr!« flüsterte er. »Es ist genauso, wie es die Spanier beschrieben haben. Er existiert.« Plötzlich fuhr er herum und starrte mich an. »Wissen Sie überhaupt, was das bedeutet, Robert?« keuchte er.

»Ja«, antwortete Buffalo Bill an meiner Stelle. »Dass wir in der Falle sitzen, und zwar gründlich.«

Postlethwaite hörte seine Worte gar nicht. »Wenn dieser Berg existiert und der Drache und die Wächterindianer, dann gibt es auch die Götter, die er beherbergen soll!« fuhr er erregt fort. »Wir werden das größte Geheimnis dieser Welt lüften, Robert! Wir haben es entdeckt!«

Ich antwortete nicht. Es hätte manches gegeben, was ich hätte sagen können, und eine Menge davon hätte Postlethwaite nicht gefallen, da war ich sicher. Aber ich war auch sicher, dass er meine Worte in diesem Moment überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hätte.

So verzichtete ich darauf, ihn aus seinen Träumen zu reißen und in die Wirklichkeit zurückzuholen, sondern wandte mich statt dessen um und sah Sitting Bull an, der noch immer in der gleichen, verkrampften Haltung neben dem Tor stand. Sein Gesicht war starr wie eine Maske. Ein Schrecken stand darauf geschrieben, der mich schaudern ließ.

»Ich glaube, Sie haben uns einiges zu erklären, Häuptling«, sagte ich leise.

Sitting Bull schien wie aus einem Traum zu erwachen. Einen Moment lang blickte er mich an, als erkenne er mich gar nicht, dann drehte er sich halb herum und warf Buffalo Bill Cody einen fast flehenden Blick zu. Aber zum ersten Mal überhaupt, seit ich dieses sonderbare Trio kennengelernt hatte, sprang ihm Cody nicht zur Hilfe, sondern wich seinem Blick aus.

»Sie wissen mehr über diesen Berg und seine Geheimnisse, als Sie uns glauben machen wollten, Sitting Bull«, sagte ich, sehr leise, aber in einem Ton, der ihm klarmachen musste, dass ich mich diesmal nicht mit Ausflüchten und geheimnisvollen Andeutungen abspeisen lassen würde.

»Ich habe es nicht geglaubt«, murmelte er.

»Was hast du nicht geglaubt?« mischte sich Cody ein.

Sitting Bull sah auf, blickte ihn einen Moment verstört an und machte eine Geste, die den ganzen Berg einschloss. »Die Legende vom Berg der Götter«, sagte er leise. »Sie ist uralt; älter als unser Stamm, vielleicht älter als unser Volk. Es heißt, dass die wahren Herrscher dieses Landes sich vor Urzeiten hierher zurückgezogen haben, um auf den Tag zu warten, an dem sie erwachen und ihre Herrschaft aufs neue antreten werden.«

Cody blickte zweifelnd auf den alten Häuptling, und Postlethwaite schob sich erregt an mir vorbei. Sein Blick hing gebannt an den Lippen des alten Indianers, um nur ja keine Silbe zu verpassen, die er sprach.

Der einzige, der Mühe hatte, seine Beherrschung nicht vollends zu verlieren, war ich.

Uralt… älter als unser Volk… die wahren Herrscher dieses Landes … auf den Tag, an dem sie erwachen, um ihre Herrschaft aufs neue anzutreten …

Das waren Worte, die ich ein paarmal zu oft gehört hatte, um sie noch einfach als leeres Gerede abzutun. Mit einem Male fiel mir wieder ein, wie unheimlich und bedrückend schon der Weg hierher gewesen war, wie sonderbar falsch und fremd mir selbst so etwas Banales wie ein Felsen vorgekommen war …

Und alles passte so verdammt genau zusammen!

Der Drache, von dem diese Burg ihren Namen ableitete. Die Wächter, die jeden töteten, der auch nur in seine Nähe kam. Der Hauch übler Magie, der so deutlich in der Luft lag, dass selbst Annie und Cody ihn spüren mussten, wenngleich auch nur als vage Beunruhigung, deren eigentlichen Grund sie sich nicht zu erklären vermochten.

Ich war sicher – wir hatten Necrons Drachenburg gefunden.

Und wo sie war, da war auch Necron selbst nicht fern.

Und Pri.

Der Gedanke war so naheliegend, dass er mich wie ein Schlag traf. Ich hatte diese ganze verdammte Reise ins Unbekannte hinein aus keinem anderen Grund unternommen, um Necron zu stellen und meine geliebte Pri zu befreien, und jetzt hatte ich sie schlichtweg vergessen!

Aber dann begriff ich, dass es nur Selbstschutz gewesen war. Etwas in mir hatte eifersüchtig jeden Gedanken an Priscylla verbannt, damit ich wenigstens noch zu klarem Denken fähig war.

Aber jetzt funktionierte dieser Schutzmechanismus nicht mehr.

Pri war hier, irgendwo hinter der Wand aus saugender Finsternis, die am Licht unserer Fackeln nagte – und ich würde sie finden!

Wie von weit, weit her hörte ich Sitting Bull weiterreden: »Ich sprach in der Alten Sprache mit den Wächtern. Sie ist eines der größten Geheimnisse unseres Volkes. Es heißt, vor vielen hundert Jahren wäre ein weiser Magier zu unseren Vorfahren gekommen und hätte sie die Sprache der Götter gelehrt, und seither haben wir sie und alles Wissen, das er uns gab, von Medizinmann zu Medizinmann und Häuptling zu Häuptling weitergegeben.«

»Und das Tor?« keuchte Postlethwaite.

»Auch das gehört zu jenem verbotenen Wissen«, erklärte Sitting Bull. »Der magische Spruch, der es öffnet.«

»Nur von einer Seite?« hakte Cody nach.

Sitting Bull schwieg.

»So wie es aussieht, spielt das sowieso keine Rolle«, sagte Postlethwaite plötzlich. »Oder hat einer der Herren Lust, hinauszugehen und nachzuschauen, ob der Saurier noch da ist?«

Keiner von uns antwortete.

Aber wenige Augenblicke später machten wir uns schweigend auf den Weg, das Innere des Berges zu erkunden.

Es wurde eine Reise in den Wahnsinn.