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Die Gespenster – Dritter Teil – 28. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Achtundzwanzigste Erzählung

Das winselnde Registraturgespenst

Als ich noch zu V… lebte, bewohnte ich den linken Flügel eines großen Gebäudes, dessen Lage und innere Einrichtung für einen, der Gespenster fürchtet, ziemlich schaudererregend war. Des Nachts befand ich mich in diesem Flügel allein. Mehrere Zimmer umgaben meine Stube. Ich konnte jedoch sie alle öffnen, ein kleines Kabinett ausgenommen, worin sich eine Registratur befand und welches zunächst an meine Schlafkammer und den Vorsaal meiner Stube grenzte. Diese war verschlossen und der Eigentümer derselben schon seit mehreren Jahren tot. Man hielt daher mein Wohnzimmer, insbesondere aber das angrenzende Kabinett, für verdächtig. Kein Furchtsamer wagte sich des Abends allein dahin. Man erzählte mir manches wunderbare Geschichtchen, welches sich hier zugetragen haben sollte. Ich leugne nicht, der Wunsch, auch dergleichen zu erleben und mich selbst von dem zu überzeugen, was ich bis dahin nicht glaubte, wurde oft bei mir rege. Einst saß ich des Abends spät in der Nacht noch am Studiertisch. Alles war ruhig im Haus und eine Totenstille hatte sich über die ganze umliegende einsame Gegend verbreitet. Nur ein kalter Nordwind sauste zuweilen in den vor meinem Fenster sich befindenden hohen Erlen.

Plötzlich wurde meine Ruhe unterbrochen. Ich hörte vernehmlich die Stimme eines sich in Not befindenden Menschen. Ein ängstliches Winseln und Seufzen erschütterte zu wiederholten Malen mein Ohr und mischte in das Mitleid, das in meiner Seele sich regte, zugleich ein schauderhaftes, banges Gefühl, eine Art von Furcht. Sorgfältig überlegte ich, was wohl die Ursache von den Klagetönen sein könnte. Vor Tieren war ich gesichert und welcher hilfsbedürftige Mensch würde mitten in der Nacht meine Ruhe stören und um meinen Beistand flehen? Ich untersuchte indessen den Vorsaal und die nächsten Zimmer – aber vergebens. Alles fand sich in der besten Ordnung. Natürlich fiel nun mein Verdacht auf das Kabinett. Spukgeschichten, deren natürliche Aufschlüsse uns verborgen blieben, lassen, und wären sie auch noch so abgeschmackt, immer einen je einmal wieder erwachenden beängstigenden Eindruck in unserer Seele zurück, welchen auch die vernünftigsten späteren Vorstellungen nicht ganz zu verwischen imstande sind. Dies schien genau auch bei mir der Fall zu sein. Ich horchte aufmerksam. Dem Schall nach zu urteilen, konnte das ängstliche Winseln nirgend anders als in jener Kammer sein. Meine Neugierde wurde ausnehmend gespannt. Viel hätte ich darum gegeben, wenn es mir möglich gewesen wäre, gleich den Schlüssel zur Kammer zu erhalten. Die Umstände machten indessen diesen Wunsch unerfüllbar, und ich machte mich wieder ruhig an meine Arbeit. Das mir unerklärbare Seufzen ließ sich nach Verlauf einiger Zeit abermals, und zwar in vermehrter Stärke hören. Es beunruhigte mich einigermaßen.

Noch einmal untersuchte ich Tür und Fenster und alles, was einen Schall zu erregen imstande war. Da auch nun meine Hoffnungen getäuscht wurden, so entschloss ich mich, solange vor der Tür des Kabinetts zu warten, bis einmal jenes Wimmern daraus hervortönen würde. Beinahe hatte ich hier schon eine Viertelstunde verweilt. Und eben war ich ungeduldig, im Begriff, hoffnungslos zu meiner Stube zurückzukehren, als die spukende Stimme sich aufs Neue hören ließ und mir zugleich ihren natürlichen Ursprung verriet. Es war nämlich in der gegenüberstehenden Wand ein Kamin, vor welchem ein Schirm stand, den ein kleiner Schrank verbarg. Von der Zugluft wurde der Schirm gegen den Schrank getrieben und wieder zurückgezogen. Hierdurch entstand ein in der Tat der menschlichen Stimme auffallend ähnliches Geräusch. Indessen gestehe ich gern, dass das, was dieser Ähnlichkeit abging, die Fantasie ersetzte. Alles Untersuchen würde hier vergebens gewesen sein, wenn sich nicht zufälligerweise in meiner Gegenwart der Schirm einmal geöffnet und wieder zugezogen hätte.