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Nick Carter – Arizona-Jack als Detektiv – Kapitel 8

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Arizona-Jack als Detektiv
Ein Detektivroman

Ein neues Komplott

Der Detektiv verließ das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und ging – nicht zum Parterre. Im Gegenteil schlüpfte er in das rückwärts gelegene Schlafzimmer des Hausherrn und durch dieses in ein zwischen beiden Räumen befindliches, korridorartiges Waschzimmer. Als er das Letztere betrat, sah er die zum Frontzimmer stehende Tür offen. Sein Blick fiel auf die beiden ihm mit zugewendetem Rücken stehenden Männer.

Schnell trat Nick geräuschlos in dasselbe Zimmer und im nächsten Moment hatte er sich hinter einer dicht neben der Tür befindlichen Polsterottomane derart verborgen, dass er vom Zimmer aus nur gesehen werden konnte, wenn man sich über das Ruhebett beugte und hinter dieses zur Wand schaute.

Er hatte rein instinktiv gehandelt. Nun, da er in seinem Versteck lag, stiegen in ihm Zweifel auf, ob er daran weise gehandelt hatte, denn erging nun ein Klingelzeichen, so konnte er diesem in seiner Rolle als Kammerdiener nicht entsprechen.

»Haben Sie die Leute beieinander?«, hörte er eben Macklyn fragen.

»Gewiss. Sie warten an den bestimmten Plätzen auf weitere Instruktionen«, entgegnete Gould.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren. Hören Sie darum meinen Plan«, meinte der Hausherr eilig. »Miss Ransom ist die intimste Freundin von Miss Armory. Sie wohnt nahe der 5th Avenue in der 63th Street, also östlich vom Park. Ich war heute Abend dort und erfuhr, dass ihr Zustand ein sehr kritischer ist und dass sie unausgesetzt nach ihrer Lieblingsfreundin verlangt. Schon vor einigen Tagen gelang es mir, Briefpapier mit dem Wappen der Ransoms zu erhalten. Nun schrieb ich einen angeblich von Mr. Ransom herrührenden Brief, in welchem dieser Miss Armory im Namen seiner im Sterben liegenden Tochter anfleht, unverzüglich zu der Letzteren zu kommen. Diesen Brief will ich durch einen Boten nach dem Armory’schen Hause schicken. Ich bin dann gewiss, dass Grace Armory sich beeilen wird, dem Ruf sofort zu entsprechen. Wie ich ferner weiß, erwartet Mr. Armory etwas Ähnliches, denn er hat seinem Kutscher Befehl gegeben, in Bereitschaft zu sein, um nötigenfalls zu jeder Nachtstunde einspannen zu können. Natürlich fahren sie durch den Park und benutzen hierzu den 86th Streeteingang von Central Park West aus, um quer durch den Park zu fahren und diesen am östlichen Eingang vor der 63th Street zu verlassen. Natürlich kann die Kutsche, sobald sie den zur Nachtzeit verlassenen liegenden Park erreicht hat, leicht überfallen werden. Man schlägt den Kutscher einfach vom Bock, zerrt den alten Armory aus dem Wagen, und mit Grace in diesem fährt man zum Ausgang zu der 110th Street, wo ich mit einer anderen Kutsche bereits warten und Miss Armory übernehmen werde.«

»Wenn auf ihr Hilfegeschrei doch Policemen herbeieilen sollten, was dann?«, wandte der aufmerksam lauschende Gould ein. »Übrigens muss der Wagen nicht durch den Park fahren, sondern kann auch den geringen Umweg über die 59th Street, die den Central Park südlich begrenzt, nehmen … In solchem Fall ist alles vergebens gewesen.«

Macklyn lächelte geringschätzig. »Zum Hilfeschreien darf es nicht kommen … Ich denke, Sie haben die richtige Sorte Leute besorgt?«

»Well, sie wissen mit Sandsäcken zu arbeiten«, brummte jener. »Doch die Hauptsache ist, dass der Kutscher nicht schreit – es ist nicht so leicht, wie es aussieht, auf den Kutschbock zu springen und so einen Kerl zu betäuben, ehe er dazu kommt, den Mund aufzureißen … Well«, brach er ab. »Ich denke schon, ich kann es machen. Der Kutscher darf nicht schreien und muss durch den Park fahren – All right.« Er erhob sich.

»Wie wollen Sie denn das anfangen, Gould?«

Der Gefragte lachte. »Überlassen Sie das ruhig mir, Macklyn. Zufällig weiß ich, dass Armorys Kutscher aus der 10th Avenue stammt – das Übrige wird sich finden.«

»Gut, ich will läuten, damit ein Bote geholt wird.«

Nick Carter wurde siedend heiß in seinem Versteck, denn nun war seine Entdeckung unausbleiblich; doch zu seiner großen Erleichterung hörte er Gould ärgerlich sagen: »Sie sind und bleiben ein Narr, Macklyn … Sie werden einen solchen Brief von Ihrem Haus aus abschicken, damit die natürlich gleich morgen eingeleiteten Recherchen Sie als Absender ergeben. Damit wären Sie geliefert, wissen Sie das auch? Nichts da, wir gehen zusammen fort, und ich besorge den Brief … Und jetzt schenken Sie noch mal ein!«

Als beide Männer aufstanden und wieder an den Tisch traten, mit dem Rücken zur Ottomane, nutzte Nick die unverhofft günstige Gelegenheit. Mit einem Satz, der jedem Akrobaten Ehre gemacht haben würde, turnte er über das Ruhebett. Es gelang ihm, unbemerkt von den beiden, seinen Rückzug aus dem Zimmer zu vollziehen. Keine Sekunde zu früh, denn er hatte kaum die oberste Treppenstufe erreicht, als es auch schon wieder klingelte.

Gleich darauf traten Macklyn und Gould aus dem Zimmer.

»James!«, rief der Erstere seinen vermeintlichen Diener zu. »Ich gehe nochmals aus, verstanden?«

»Gewiss, gnädiger Herr«, entgegnete Nick und lief die Treppe voran hinunter, um unten die Tür zu öffnen.

»Mag sein, ich bleibe eine Stunde aus, aber erwarte meine Rückkunft«, erklärte Macklyn beim Passieren der Haustür.

»Yes, Sir«, sagte Nick respektvoll, schleunig die Tür hinter den beiden verriegelnd.

Als er in den Diningroom zurückkehrte, erblickte er den unglücklichen Diener, der vor Mattigkeit kaum länger die Arme hochstrecken konnte. Arizona-Jack dagegen hatte die Whiskeyflasche ausgetrunken und erklärte überselig, dies sei die schönste Nacht seines Lebens. »Ich will eine Rothaut sein«, knurrte er, »bleib ich nicht zeitlebens Detektiv in New York!«

Nick antwortete nicht. In einer Ecke des Zimmers befand sich ein Wandbecken mit heißer und kalter Wasserleitung darüber. Schnell entledigte er sich seiner Verkleidung. Als er wenige Minuten darauf wieder er selbst geworden war, wendete er sich an den Diener. »Well, ich will es dir nicht unnötig schwer machen«, sagte er zu ihm. »Doch leider sehe ich mich genötigt, dich zu fesseln, damit du mir nicht ins Handwerk pfuschen kannst, mein Sohn, wie ich es soeben dir gegenüber tun musste.«

Trotz seines Sträubens wurde der Diener durch einen Wink des Detektivs dazu genötigt, Platz in einem Schaukelstuhl zu nehmen. Gleich darauf war er sicher an diesen gebunden und durch einen Mundknebel an jeglichem Hilferuf gehindert.

»Das genügt!«, brummte der Detektiv, dann winkte er dem erstaunt zuschauenden Jack und sagte schnell zu ihm: »Kommt, Jack, wir haben alle Hände voll zu tun und müssen uns beeilen!«

Auf der Straße teilte er seinem Begleiter alles Notwendige mit und hatte Mühe, einem neuen Entrüstungsausbruch des braven Mannes aus Arizona vorzubeugen. »Wir wollen uns später darüber aussprechen, wenn wir die Kerle beim Wickel haben«, meinte Nick lachend. »Das ist nämlich die Hauptsache, und darum muss das Attentat auch wirklich ausgeführt werden, sonst brauchten wir ja einfach nur Mr. Armory in Kenntnis zu setzen, um die Geschichte ins Wasser fallen zu lassen.«

Damit begannen die beiden Männer einen Dauerlauf zum Parkeingang an der 86th Street. Der Detektiv wollte früher dort sein als Gould und dessen Leute. Am Ziel angelangt, verbargen sie sich hinter hohem Buschwerk. Sie hatten nicht lange zu warten, da hörten sie auch schon rasch sich nähernde Schritte.

»Sie scheinen zu kommen«, flüsterte der Detektiv, seinem Gefährten zu. »Rührt euch ja nicht, doch habt die Augen offen und den Finger am Revolverabzug!«

Kaum hatte Nick ausgesprochen, als es schon dicht neben ihnen im Gebüsch raschelte. Schon wollte Jack Feuer geben, und es wäre dann um den plötzlich vor ihnen Auftauchenden geschehen gewesen, aber Nick hielt den Wildwester noch rechtzeitig an der Hand fest und raunte ihm zu: »Es ist Patsy.«

Derselbe war es tatsächlich. »Ich sah euch hinters Gebüsch schlüpfen und folgte euch darum«, erklärte er leise. »Gleich hinter mir kommen vier Männer.«

»Da sind sie. Sie wollen Miss Armorys Kutsche aufhalten. Doch still, sie kommen!«

Eben erschienen vier Männer auf dem Fahrweg. Einer von ihnen schien der Führer zu sein. Er schaute sich suchend, wie nach einem passenden Versteck, um.

Langsam schritten die vier darauf weiter, bis sie von den Detektiven kaum mehr gesehen werden konnten.

»Ihnen nach«, gebot Nick leise, »doch so lautlos wie möglich!«

Das geschah. Die mitten in dem von einem Kreuzweg durchschnittenen Fahrdamm stehenden vier Männer hatten keine Ahnung davon, dass sie beobachtet wurden. Ihr Führer sprach eben eindringlich, doch so leise, dass keiner der Verfolger auch nur ein Wort verstehen konnte, auf seine Begleiter ein; dann ließ er den einen auf der nördlichen, die beiden anderen auf der südlichen Wegseite hinter deckenden Büschen Aufstellung nehmen. Er selbst aber verließ alsbald in augenscheinlicher Eile wieder den Park.

»Wir konnten keinen günstigeren Platz wählen!«, raunte Nick seinen Begleitern zu. »Nun aufgepasst! Sobald die Kutsche in Sicht kommt, nicht nach dieser, sondern nach den Kerlen hinter den Büschen ausgeschaut. Wir müssen genau im selben Augenblick zur Hand sein, wenn der Wagen angehalten wird. Übrigens habe ich so eine Ahnung, als käme Chick auf irgendeine Weise mit der Kutsche … Und das wäre gut, denn wir werden alle Hände voll zu tun bekommen.«

»Well«, raunte Arizona-Jack voll Selbstvertrauen. »Die drei Kerle frühstücke ich ganz allein.«

Doch die beiden Detektive lächelten nur belustigt. Sie wussten, dass die nächsten Augenblicke dem braven Jack eine ganz andere Meinung beibringen würden.