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Ein Ostseepirat Band 2 – Kapitel 17

Carl Schmeling
Ein Ostseepirat
Historischer Roman, Zweiter Band
XVII.
 Ein Husarentanz

Der Jarmer Herr also wollte sich von den Besuchen des jungen Blücher befreien; Wardow und seine Leute waren ausgezogen, denselben zu fangen.

Lorenz wusste von dem Jarmer, dass der Schwede niemals über die Brücke hinter seinem Gut, sondern über die bei Bengin oberhalb oder bei Bagenow unterhalb Jarmen komme.

Hierauf basierte Wardow seinen Plan. Er besetzte die Wege am Flussufer entlang zu den beiden genannten Orten, ebenso die Brücke hinter Jarmen durch zwei Mann, für den Fall einer Flucht des Einzufangenden über dieselbe und platzierte sich mit vier Mann in der Nähe des Gartens, nachdem er noch zwei absitzen lassen und in den Garten selbst geschickt hatte. Zu ihnen gehörte Freund Lorenz mit seinen heimlichen Gedanken, welche nun dahingingen, den Liebeskranken zu retten, wenn ihm nämlich derselbe Uhr und Börse zu überlassen geneigt sein werde.

Es war ein recht schöner Herbstabend, nur etwas dunkel und dadurch eben zu Unternehmungen, wie sie sowohl Blücher als auch seine Aufpasser vorhatten, ganz geeignet.

Wardow hatte natürlich keine Ahnung davon, dass der einzufangende Vogel sein Freund Blücher sei.

Es mochte ungefähr zehn Uhr sein, als derselbe im ziemlich scharfen Trab von Benzin aus daherkam und ohne den aufgestellten Posten zu bemerken, um den Garten bog.

An der hinteren Seite desselben saß er wie gewöhnlich ab, band sein Pferd an und sprang über die Einfriedigung. Mit schnellen Schritten näherte er sich in einem Gang dem Haus.

In diesem gab es zwei Personen, welche den Moment mit Herzklopfen erwarteten; nämlich den Jarmer Herrn und dessen Tochter Ulrike.

Jener hatte offenbar eine bedeutende Unvorsichtigkeit begangen und bei ruhigerer Überlegung sah er solches auch recht gut ein. Er wagte deshalb kein Wort über den Handel zu den seinen zu sprechen, sondern ging mit Sorgen umher. Misslang das Unternehmen der sicher erscheinenden Preußen, so musste Verdacht auf ihn fallen, und was dann geschehen konnte, war nicht abzusehen.

Als es Abend geworden war, wechselte er seinen Aufenthalt mehrmals im Haus, um bald einen Blick auf die Straße, bald in den Garten werfen zu können. Als er im Letzteren nahe dem Haus eine menschliche Gestalt entdeckte, hoben sich ihm die Haare auf dem Haupt.

Dieselbe Gestalt hatte indessen auch die den Geliebten erwartende Ulrike entdeckt und eilte hinab wie gewöhnlich, demselben entgegen. Sie wunderte sich, dass sie ihn nicht auf dem gewöhnlichen Platz des Zusammentreffens fand. Doch gleich darauf trat jemand aus dem Gebüsch hervor und Ulrike, welche glaubte, Blücher vor sich zu haben, trat schnell näher. Gleich darauf stieß sie jedoch einen Schrei aus.

»Still!«, sagte jedoch eine unterdrückte Stimme, während sie sich von kräftigen Fäusten ergriffen fühlte. »Ihr Vater hat den jungen Herrn uns verraten oder verkauft, wie sie wollen, doch was können Sie daran wenden, wenn ich ihn rette!«

Man kann sich leicht die schreckhafte Überraschung des jungen Mädchens denken, doch es gibt wohl kaum ein weibliches Wesen auf der Welt, das gänzlich den Kopf verliert, wenn es gilt, den Geliebten zu retten.

Schnell besonnen, unterdrückte Ulrike daher ihren Schreck und sagte: »Fordert – ich habe eine Summe Geld und will gehen, sie zu holen!«

»Nein das nicht!«, sagte der Husar, »wie hoch aber ist die Summe?«

»Hundert schwedische Taler!«

»Gut – ich werde dieselben morgen abholen. Sie gehen dagegen in das Haus zurück und still zu Bett, Kind – wenn nicht Papa ebenfalls auf der Lauer liegt und Sie daran hindert.«

Ulrike antwortete nicht, sondern eilte, sobald sie sich losgelassen fühlte, davon. Sie wusste selbst nicht, ob sie an die Rettung des Geliebten glauben sollte oder nicht.

Was den Vater betraf, so lag derselbe, wie wir wissen, allerdings auf der Lauer und beobachtete die Bewegungen der Gestalten, welche er nicht erkennen konnte.

Als er eine derselben dem Haus wieder zueilen sah, glaubte er schon, die Zusammenkunft habe wie gewöhnlich stattgefunden, und war eben im Begriff, fortzueilen, um sein ungehorsames Töchterlein zu empfangen.

Doch das Auftauchen einer dritten Gestalt fesselte sofort seine Aufmerksamkeit und er sah, wie ebenfalls eine Begegnung mit der Verbliebenen stattfand.

Die letzte Erscheinung war der junge Blücher. Durch die Dunkelheit getäuscht, wie seine Geliebte, wäre er fast in die Arme des ihn erwartenden Lorenz gestürzt, ergriff aber sofort zum Säbel, als er seinen Irrtum gewahr wurde.

»Donnerwetter, Preußen!«, entfuhr ihm in seiner ebenfalls nicht geringen Überraschung.

»Still, Herr!«, sagte der Husar, »und lasst die Plempe stecken oder zieht sie doch nur, wenn jemand anders als ich kommt. Ich meine es gut mit Euch. Ihr seid verraten, die junge Dame, welche Euch hier erwartete, habe ich eben zurückgeschickt!«

»Wer seid Ihr?«, fragte der Kornett.

»Ein preußischer Husar!«, lautete die Antwort, »aber ich bin nicht allein, Garten und Wege sind besetzt. Der Herr des Hauses hat uns Eure Besuche entdeckt, doch ich will Euch retten, wenn Ihr mir dafür ein kleines Andenken hinterlasst!«

»Ich verstehe!«, murmelte Blücher, »aber der Satan hat mir die Karten in die Hand geführt. Ich bin kahl wie eine Kirchenmaus!«

»Keine Uhr? He!«, fragte der Husar.

»Alles zum Geier!«

»Das ist fatal, doch ich will Euch auf Ehrenwort gehen lassen. Wie hoch wollt Ihr es einlösen?«

»Eine Monatsgage!«

»Verdammt wenig, Herr!«

»Dann muss dieser hier!« Blücher schlug an den Säbel.

»Nutzt Euch nichts!«, unterbrach ihn der Husar, »lasst den Sarras in Ruhe. Mir seid Ihr schwerlich gewachsen und sicher nicht den anderen. Ich will indessen zufrieden sei. Euer Name!«

»Kornett von Blücher!«

»Ihr Ehrenwort, Herr von Blücher?«

»Ihr habt es!«

»Nun gut; der beste Weg ist eilig zurück. Schnell zu Pferde und mit Hurra über die Brücke, auf der ein Doppelposten steht – ich werde warten, bis Sie im Sattel sind, ehe ich Lärm mache. Einen zweiten Mann habe ich so gestellt, dass der Ihnen nicht in den Weg kommt!«

»Wie heißt Ihr!«

»Lorenz ist mein schlichter Name!«

»Ich danke, Lorenz!«

»Nicht nötig – sollte ich indessen einmal zu den Schweden gehen, werde ich mir gutes Quartier bei Ihnen erbitten, Herr!«

»Und nicht umsonst!«, sagte Blücher, sich schnell entfernend.

Eine Minute später ertönte die Stimme des rufenden Husaren durch die Nacht. Gleich darauf antworteten andere, man hörte Gepolter und Rufe auf der Brücke hinter dem Garten, ebenso Säbelklirren, dann den Galopp vieler Pferde von verschiedenen Seiten.

Gleich hinter der Brücke stand eine schwedische Vedette. Auf diese eilte der Flüchtling zu, ihm nach die preußischen Husaren. Die Schweden gaben Feuer und jagten zu ihrer Feldwache zurück. Diese war alarmiert, andere Vorposten kamen herbei. Die heranstürmenden Preußen fanden eine doppelt so starke Truppe und wendeten um, die Schweden verfolgten sie über die Brücke fort bei Jarmen, vorbei bis an die preußischen Vorposten. Diese verstärkten wiederum die Preußen und die Jagd ging abermals der Peene zu und über dieselbe fort zur schwedischen Seite.

Bei dieser Gelegenheit trafen Wardow und Lorenz aufeinander.

»Dummkopf!«, sagte Ersterer, »Er hat sich übertölpeln lassen!«

»Oder auch nicht!«, antwortete der Husar. »Hat der Herr Oberstleutnant nicht befohlen, einen gewissen Herrn von Blücher vorkommendenfalls zu schonen!«

»Allerdings!«

»Nun der junge Herr heißt von Blücher!«

»Ah – wirklich!«

Sie konnten nicht weitersprechen, das Gefecht riss sie voneinander. Es regnete Säbelhiebe, auch fielen Schüsse und hin und wieder die Getroffenen aus dem Sattel.

Inzwischen waren die Vortruppen beider Armeen alarmiert. Griebens Schwadron rückte aus und eilte im Galopp herbei. Von schwedischer Seite kam ebenfalls eine Eskadron zu Hilfe. Die Schweden, welche wiederum diesseits der Peene waren, wurden geworfen, jenseits der Brücke attackierte man gegenseitig, doch die Schweden kamen auseinander und jagten in wilder Flucht zurück bis fast nach Gutzkow.

Das hier liegende schwedische Dragoner-Regiment war inzwischen alarmiert, rückte aus und warf sich auf die Preußen, die nun ihrerseits wieder in wilder Flucht umwendeten.

Während dieser Bewegung fielen eine Menge Einzelgefechte vor, bei denen mancher tapfere Reiter ins Gras beißen musste. Die Schweden folgten den Preußen wieder über die Brücke, doch nur die aufgelösten Husaren, das Dragoner-Regiment stellten sich jenseits auf.

Unterdessen war aber auch Belling mit einem ganzen Bataillon Husaren auf dem Platz angelangt, das er schnell zwischen die verfolgenden Schweden und die Brücke schob; jene waren daher abgeschnitten.