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Der Detektiv – Band 22 – Das Armband der Lady Melville – Teil 4

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 22
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Das Armband der Lady Melville

Teil 4

Es war bereits völlig dunkel, als unser Kutter mit fünf Mann an Bord den kleinen Hafen von Klampenborg verließ. Außer Harst, dem Lord und mir waren noch der alte Göllpaart und sein Sohn Gunnar mit von der Partie.

Der Fischkutter KI 16 (dies war die Fischerei-Registernummer des alten Göllpaart) besaß einen Motor, wie heute die meisten Hochseefänger. Der Abendwind kam von Nordwest, also für uns günstig. Die Luft war diesig, klarte aber später auf.

Harst hatte Göllpaart-Vater, der am Steuer saß, befohlen, die Nordspitze der Insel Saltholm zunächst anzusteuern. Die beiden Fischer wussten nicht, worum es sich bei dieser Fahrt handelte, fragten auch nicht weiter. Sie erhielten für jeden Tag 100 Kronen. Das genügte ihnen.

Die Insel Saltholm liegt im Øresund 30 Kilometer südlich von Klampenborg, ist 15 km2 groß, größtenteils unbewohnt und wird nur im Sommer als Weideland benutzt. Das einzige Dorf Holmegd befindet sich an der Nordostküste. Ich nehme diese Angaben vorweg, um sie nachher nicht an unpassender Stelle einflechten zu müssen.

Wir drei Landratten und Pseudofischer hatten eine Weile an Deck auf der Kajütluke gesessen. Dann war der Lord aber immer ungeduldiger geworden und hatte Harst gebeten, ihm nun endlich mitzuteilen, wohin es ginge.

»Nicht weit, Mylord«, erwiderte Harst. »Ich hoffe wenigstens, dass meine Kombinationen stimmen.« Er sprach Deutsch, damit die beiden Göllpaarts ihn nicht verstanden. »Den halben Briefumschlag fand ich in einem Buch über die dänischen Inseln. Es war ein Spezialwerk. Der Umschlag lag als Lesezeichen dort, wo der Artikel über Saltholm begann. Dieser Abschnitt hatte 16 Seiten. Das Buch war so gut wie gar nicht benutzt worden. Wer liest auch rein geographische Werke? Auf Seite 102 und 103, dort, wo die winzigen Inseln an der Südspitze Saltholms besprochen sind, fand ich sowohl am Rand Fingerabdrücke als auch Durchdrücke von Worten und Zahlen, die jemand aus dem Buch, es als Unterlage benutzend, mit Bleistift abgeschrieben hatte. Diese Durchdrücke waren leicht zu entziffern und entsprachen den Tiefenangaben der Kanäle zwischen den auf Seite 102 und 103 beschriebenen Inselchen. Da doch nur Busley-Palperlon den Briefumschlag als Lesezeichen benutzt haben kann, da er ferner nur mit einem Motorboot jetzt unterwegs ist, also das Ziel seiner Fahrt in der Nähe liegen muss, vermute ich, dass die Jacht Albatros zwischen jenen Eilanden in geringer Wassertiefe zum Sinken gebracht worden ist.«

Lord Melville drückte Harst die Hand. »Ich wünschte, ich könnte auch so leicht aus Tatsachen Schlüsse ziehen wie Sie!«, meinte er. »Ich möchte Ihnen noch mitteilen, dass ich nur hier in der Ostsee seit drei Wochen kreuze, um nach meiner Mutter zu suchen. Die letzte Nachricht von ihr war ein Brief aus Stockholm, in dem sie nichts von Bedeutung mitteilte, nur das eine, dass sich zwei verdächtige Menschen stets in ihrer Nähe hielten. Den einen beschrieb sie als groß und hager mit einer Nase mit auffallend aufgeblähten Nasenflügeln und schwarzem Spitzbart. Der Kleinere sah wie ein Seemann aus. Sie hat sich schließlich an die Stockholmer Polizei gewandt, da sie argwöhnte, die Leute hätten es auf das Brillantarmband abgesehen, das sie nie ablegte, wie es in unserer Familie seit fast drei Jahrhunderten Brauch ist. Der Schmuck stammt aus Indien und ist sehr alt. Heute mag er mit seinen acht großen, wasserklaren Brillanten von Haselnussgröße einen Wert von gut zwei Millionen Mark haben.«

Harst rauchte schweigend seine Zigarette. Auch der Lord starrte düster vor sich hin.

Wir begegneten vielen Fischkuttern und mehreren Seedampfern, die nach Kopenhagen wollten. Gegen halb 9 schlief der Wind völlig ein. Dafür war die Luft so klar geworden, dass wir beim Licht des vorhin erschienen Vollmondes recht deutlich in der Ferne Land erblickten.

Es war die Nordspitze von Saltholm. Harst ließ den Kutter nun in 100 Meter Entfernung von der Ostküste nach Süden laufen. Auf dem Wasser wurde es einsamer und einsamer. Der schwache Wind trug uns das Blöken der Herden von der öden Insel zu. Träge Möwen schwebten kreischend vorüber. Und wieder einmal genoss ich die sanften Reize einer nächtlichen Fahrt auf einem unter Motorgeknatter dahinziehenden Schifflein.

Der Lord wurde nun mit jeder Minute nervöser. Er schritt auf dem kleinen Deck auf und ab, lehnte sich an den Mast, nahm sein Fernglas zur Hand, kam wieder zu uns, sprach mit den biederen Fischern, fragte Harst gleichgültige Dinge, bis er dann plötzlich leise herausplatzte:  »Herr Harst, mir ist es ganz unbegreiflich, wie der Albatros versenkt worden sein kann! Und gerade noch dort zwischen den Inseln. Was hatte die Jacht dort zu suchen? Überhaupt, die ganze Katastrophe ist mir so unverständlich, dass ich vor einem unfassbaren Rätsel stehe.«

Harst rief dem jüngeren Göllpaart zu, er solle seine Ziehharmonika an Deck bringen und spielen. »Wir wollen auch nur noch mit halber Kraft fahren«, meinte er zu Göllpaart-Vater. »Damit Sie es wissen: Wir sind hinter Leuten her, die sehr misstrauisch sein dürften und vielleicht an Land Wachen ausgestellt haben. Wir müssen möglichst harmlos tun.«

Der alte Fischer lachte kurz auf. »Dachte ich mir schon, dass ich keine Malers an Bord hätte! Sie sind von der Polizei, meine Herren, Detektive, wie man das so nennt.«

»Mag stimmen!«, erwiderte Harst.

Die Ziehharmonika, ein Schifferklavier von ansehnlicher Größe, dudelte einen Walzer.

»Muss das sein?«, fragte der Lord leicht gereizt.

»Ja, es muss sein«, erklärte Harst sehr ernst. »Bedenken Sie, Mylord, wir haben es mit einem James Palperlon zu tun. Der Mann sichert sich nach allen Seiten hin. Wir haben die Eilande jetzt fünfhundert Meter vor uns. Ich wünschte, es wäre dunkel und nebelig. Mylord, das Rätsel des Unterganges des Albatros hat nur eine Lösung. Vielleicht hat sich Folgendes ereignet – nein, es muss sich etwa Folgendes ereignet haben: Die Jacht musste auf dem Weg nach Kopenhagen dicht an Saltholm vorüber. Ein angeblich Schiffbrüchiger wird von dem Albatros dann aufgefischt worden sein, hat irgendein Märchen erfunden, wodurch Ihre Frau Mutter bewogen wurde, die Kanäle der Eilande anzulaufen. Und hier wird der Genosse Palperlons die Jacht dann durch eine Höllenmaschine in die Tiefe geschickt haben, so plötzlich, dass weder Ihre Frau Mutter noch sonst jemand der Besatzung sich retten konnte. Jedenfalls: Die Leiche der Lady Anastasia Melville muss sich im Inneren der Motorjacht befinden, und mit ihr das Armband. Wozu sonst der Taucheranzug?«

»Entsetzlich!«, stöhnte der Lord auf. »Sie werden mit alledem wohl recht haben. Wie anders sollte sonst wohl auch …«

Irgendwo von Süden her kam der dumpfe Knall eines Schusses über die nur leicht bewegte See. Lord Melville schwieg jäh mitten im Satz. Wir alle waren zusammengezuckt.

»Volle Kraft, Göllpaart!«, rief Harst. »Da vor uns ist irgendeine Teufelei im Gange!«

Der Kutter durchschnitt schneller die trägen Wogen. Der alte Fischer legte die Ruderpinne weiter nach links. Gehorsam beschrieb der Kutter einen Bogen.

Vor uns im Mondschein tauchten etwas wie niedrige Hügel aus der See auf: die Eilande!

Harst hatte Lord Melvilles Fernglas an den Augen. Jetzt sprang er auf das Dach des kleinen Aufbaus.

Zwischen den Inseln schillerten die schmalen Kanäle im Mondlicht. Und dort, weiter nach Süden, dort bewegte sich auf einem dieser silbern glänzenden Wasserstreifen ein dunkler, großer Fleck.

»Stoppen!«, befahl Harst ganz heiser. »Stoppen, Göllpaart! Das Motorboot kommt auf uns zu.«

Harst hatte sich doch in der Richtung getäuscht. Das Boot wäre gut dreihundert Meter südlich an uns vorbeigefahren. Der alte Fischer übersah die Situation hier besser. Aus eigenem Antrieb warf er den Motor wieder an, steuerte dann so, dass wir schließlich dem Boot im Bogen von vorn den Weg abschnitten.

Drüben jedoch keine lebende Seele; das Deck leer. Der Platz am Steuer leer.

»Göllpaart – Bord an Bord – ich springe hinüber!«, rief Harst in einer Erregung, wie ich ihn nicht oft sah.

Dann ein dumpfer Krach; die Fahrzeuge waren leicht aneinander geprallt. Und Harst war auch schon drüben, brüllte förmlich: »Das Steuer ist festgebunden. Ein Toter liegt hier …!«

Dann hatte er das Steuer in der Hand; dann liefen unsere Boote hintereinander in den Kanal ein.

»Da – dort treibt etwas auf dem Wasser!«, meldete der Lord.

Die Motoren stoppten. Melville und der junge Göllpaart fischten das unförmige Etwas mit Bootshaken heraus, zogen es an Deck des Kutters.

Das Motorboot kam längsseits. Harst stand neben uns. Und in unserer Mitte lag ein Taucher mit luftgefülltem, aufgeblähtem Anzug. Der Luftschlauch, der am Kupferhelm angeschraubt war, hatte nur sechs Meter Länge, war glatt abgeschnitten.

»Runter mit dem Helm – losschrauben!«, befahl Harst, kniete nieder. Der junge Göllpaart half ihm.

Jetzt war die letzte Schraube gelöst …

Der Mond bestrahlte ein bleiches, bärtiges Gesicht, geschlossene Augen und einen Ausdruck so wahnwitzigen Entsetzens in den starren Zügen, wie ich es selten beobachtet habe.

Harst hatte sich tief über den Mann gebeugt. »Er lebt noch«, meinte er. »Wir sind noch zur rechten Zeit gekommen. Reibt ihm die Schläfen mit Wasser, gebt ihm Kognak ein! Er wird bald wieder zu sich kommen.«

Er untersuchte dann den Toten, der zusammengeduckt auf der kleinen Kajütentreppe des Motorbootes lag. Eine Kugel war dem Manne von hinten in den Schädel gedrungen.

Der Taucher (es war jener angebliche Kapitän Houston Plampool) erlangte nach fünf Minuten die Besinnung wieder. Wie er in Wahrheit hieß, hat er nie angegeben. Dass er einer von Palperlons Bande war, räumte er ohne Weiteres ein. Ebenso legte er auch ein umfassendes Geständnis über die Tragödie der Motorjacht Albatros ab. Seine Wut und sein Hass gegen Palperlon, der ihn so schmählich betrogen und so kaltblütig hatte ermorden wollen, hatte geradezu etwas Dämonisches an sich.

Es zeigte sich, dass Harsts Vermutungen über die Art und Weise, wie die Motorjacht in den Kanal zwischen den südlichsten Inselchen gelockt war, in allen Punkten zutrafen. Tatsächlich war ein Schiffbrüchiger an Bord des Albatros geschmuggelt worden, hatte der Lady Melville eine rührende Geschichte von seinem in jenem Kanal auf Grund geratenen Fischkutter erzählt und gebeten, den Kutter abzuschleppen.

Was weiter geschehen war, ergab sich aus dem Zustand des Albatros, der schon am nächsten Vormittag gehoben wurde. Der Schiffbrüchige hatte die ganze Besatzung in den Wohnsalon gelockt und dann durch eine Bombe die Steuerbordwand der Jacht am Heck derart zerstört, dass diese im Augenblick wegsackte und die in der Kajüte Befindlichen mit in die Tiefe nahm. Und dieser Schiffbrüchige war derselbe Mann, den Palperlon hinterrücks niedergeschossen hatte, damit er sodann ungehindert den zweiten Schurkenstreich gegen den Taucher ins Werk setzen könnte.

Als Plampool nämlich das Armband von der Hand der Leiche der Lady Melville gelöst hatte und an der Strickleiter wieder an Deck des über dem Wrack verankerten Motorkutters gestiegen war, hatte Palperlon ihm das Armband abgenommen und ihm befohlen, nochmals in den Wohnsalon zurückzukehren und dort nach Geld zu suchen. Kaum hatte Plampool die Kajüte mit den dort unter der Decke im Wasser schwimmenden Leichen betreten, als er merkte, dass die Luftzufuhr durch den Luftschlauch aufhörte. Er hatte noch die Bleigewichte von den Taucherschuhen loshaken können, war auch wie ein Ball an die Oberfläche geschnellt, hatte hier jedoch das Bewusstsein sehr bald verloren.

Harst selbst stellte dann noch fest, dass Palperlon zu der nächsten Insel hinübergeschwommen war, wo er ein kleines, offenes Motorboot schon vorher zur Fortsetzung seiner Flucht versteckt gehabt haben musste. Er war wieder einmal entkommen, dieser raffinierte Verbrecher.

Die versteckten Vorwürfe, die Lord Melville damals Harst machte, weil dieser die ganzen Inseln durch Boote hätte umstellen lassen sollen, waren jedoch unberechtigt. Palperlon wäre trotzdem entschlüpft. Davon war ich und bin ich noch heute fest überzeugt.

Welche Rolle der Talisman der Familie Melville bei unserem nächsten Abenteuer spielte, will ich in der folgenden Erzählung berichten, in

Um die Millionenbeute.