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Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 1

Die Riesen in der Mark

Es ist eine alte deutsche Sage, dass es vor den Menschen Riesen und Zwerge auf Erden gegeben habe. Auch in der Mark Brandenburg geht diese Sage um. Am Wandlitzer See – etwa drei Meilen nördlich von Berlin – liegt zum Beispiel auf dem Stolzenhagenschen Feld ein gewaltiger Stein, der noch etliche Fuß in die Erde hineingeht, oben aber den Eindruck von einer sehr starken Mannshand zeigt. Wie man in Wandlitz erzählt, hat der Stein früher diesseits des Sees gelegen. Da ist einmal ein Riese des Wegs gekommen und hat sich an demselben gestoßen.

Ärgerlich rief er:

Hebb ik mii stooten an miine groote Teh (Zehe),
Will ik dii ook smeeten ööwer de Wandelitzsche See!

Damit ergriff er den großen, schweren Stein und warf ihn über den See, dass er dort hinfiel, wo er noch heute liegt. Wo der Riese aber zugegriffen hatte, haben sich seine Finger eingedrückt, und diese fünf Löcher haben sich noch bis auf den heutigen Tag erhalten und sind deutlich am Stein zu sehen.

Solcher Felsblöcke, welche von den Riesen herrühren sollen, finden sich überhaupt noch viel auf den Feldmarken des Havellandes und der Uckermark. Bald sagt man, ein Riese habe den Dom zu Havelberg oder Brandenburg, bald die Marienkirche in Prenzlau, welches die ältesten Kirchen im Lande sind, mit einem solchen Stein einwerfen wollen, da sei er ihm aus der Hand geglitten oder gesprungen und nun da niedergefallen, wo er jetzt noch liege. An vielen dieser Steine sieht man auch noch die Spuren der Finger, wo der Riese zugegriffen hatte, so an dem Stein, der dicht vor Brandenburg am Exerzierplatz liegt. Südlich von Berlin liegen auch noch viele solcher Steinblöcke bei den Dörfern Ziethen, Selchow und Rotzis. Dort haben nämlich auch Riesen gewohnt, die haben mit denen von den Müggelbergen in Kampf gelegen, und da haben die Müggelbergischen diese Steine herübergeworfen.

Auch Berge haben die Riesen aufgeschüttet. So liegt zum Beispiel im Havelland zwischen Kotzen und Landin ein kleiner Hügel, welcher der Riesenberg heißt. Ein Riese wollte nämlich einst einen in der Nähe befindlichen kleinen See, der ihm unbequem war, zudämmen und trug dazu Erde in seiner Schürze herbei. Als er aber zwischen den beiden Dörfern kommt, reißt ihm das Schürzenband und die ganze Erde fällt hin. Das ist der Riesenberg zwischen den genannten Dörfern.

In dem Pohlschen (oder Polzschen Luch) liegt auch ein Berg, welcher sich kegelförmig aus der ihn umgebenden Niederung erhebt und auf dem oben ein tiefes Loch ist. Der stammt gleichfalls von den Riesen oder Hünen, wie man sie auch nennt, her und heißt der Teufelsberg. Da wohnte nämlich auf dem hohen Rott ein Hüne und auf den Rüthschen Bergen ein Hünenmädchen. Da aber zwischen beiden Höhen das Luch war, musste der Riese immer einen großen Umweg machen, um auf den rüthschen Berg zu gelangen. Endlich fiel dem Hünenmädchen ein, wie sie das ändern könnte. Sie nahm eine Schürze voll Sand, tat einen mächtigen Schritt in das Luch hinein und ließ die Erde fallen. Nun konnte der Hüne vom Rott mit zwei Schritten zu ihr hinüberkommen. Da, wo er aber mit dem einen Fuß auf dem Teufelsberg auftrat, entstand das tiefe Loch, was noch jetzt auf dem Berg zu sehen ist.

Namentlich gab es aber in der Uckermark am Paarsteiner See solche Riesen. So rühren die beiden Landzungen zwischen Brodewin und Bölkendorf von einem Riesenmädchen her, welches hier einen Damm herüber bauen wollte und ein Paar Schürzen Erde herbeischleppte. Als sie aber mit der dritten ankam, fiel sie und brach ein Bein, die Erde aber ließ sie dabei mitten in den See fallen und es entstand die Insel, welche noch dort in der Nähe jener Landzungen zu sehen ist.

Übrigens erzählt man hier, die Riesen seien so groß gewesen, dass sie, wenn sie ihre Schweine austreiben wollten, die größte Buche oder Eiche aus dem Wald ausgerissen und als Rute gebraucht hätten. Einmal hätte hier auch ein Riesenmädchen einen Bauer samt Pflug und Ochsen wie ein Spielzeug in ihre Schürze gepackt und aus Verwunderung zu ihrem Vater gebracht. Der soll ihr aber gesagt haben, sie solle nur alles wieder hintragen, wo sie es hergeholt hatte. Das feien die Erdwürmer, welche nach ihnen kommen und so klein sie auch seien, sie vertreiben würden. Nach anderen ist dies bei dem Dorf Ritz unweit Brandenburg geschehen, und da hat das Hünenmädchen denn, nachdem sie den Pflug und alles wieder an seinen Ort getragen, den Rietzer Berg aufgeschüttet, damit die Vertreiber nicht allzu schnell nach Rietz kämen, und der liegt noch heutigen Tags da.

Die Riesen haben auch Könige gehabt, wenigstens erzählt man noch von einem Paar Gräbern, in denen ein Riesenkönig bestattet sein soll. Eins liegt bei Kemnitz in der Nähe von Pritzwalk, eins bei Zühlen unweit Rheinsberg, ein anderes endlich bei Rotzis im sogenannten Hünenberg, denn in dem Kampf mit den Müggelbergischen Riesen ist der Riesenkönig gefallen. Da hat man ihn denn dort im Hünenberg bestattet, und zwar hat man seine Gebeine in einen goldenen Sarg gelegt und den wieder in einen silbernen und dann in einen eisernen gesetzt. Gefunden hat ihn aber, soviel man auch nachgegraben hatte, noch niemand.

Aus: W. Schwartz: Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg für Jung und Alt. Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin, 1871