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Der Detektiv – Der Löwe von Flandern – Teil 6

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 20
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Löwe von Flandern

Die Horna-Fee Teil 1

Der Oktober war damals mild und zahm wie ein Frühlingsmonat. Unsere kleine Jacht Optimus hatte daher auf dem Weg nach Island nur ein einziges Mal raues Wetter zu überstehen. Motor und Segel gaben ihr eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 16 Knoten, sodass wir am Abend des siebenten Reisetages in Sicht der Ostküste dieser so hoch nördlich gelegenen dänischen Inselkolonie zu kommen hofften.

Am Nachmittag des sechsten Tages nach unserem Auslaufen aus Cuxhaven saßen wir zu dritt auf Klappstühlen auf dem kleinen Achterdeck, gegen den Wind durch den Kajütaufbau gut geschützt. Kapitän Tiessen bediente das Steuer, was bei dem stetigen Wind nicht viel Aufmerksamkeit erforderte. Harst rauchte und hatte unseres alten Todfeindes Palperlons seltsame Zeichnung in der Hand. Ich wieder las im einem Spezialwerk über Island, das Harst in Hamburg gekauft hatte.

Da meldete sich plötzlich vom Vorschiff unseres jungen Freundes Karl Malkes helle Stimme: »Der große Fischkutter dort winkt. Die Flagge fliegt nur so auf und nieder. Er hält auf den Optimus zu.«

Tiessen spähte hinüber, drehte das Steuerrad und fünf Minuten darauf lagen wir Bord an Bord mit dem Emdener Heringsfänger Anna Gilpe.

So lernten wir dessen Besitzer, den alten Traugott Gilpe, kennen. Er freute sich, Landsleute hier getroffen zu haben. Man merkte es ihm an. Er saß in unserem Wohnsalon und ließ sich den Begrüßungsgrog schmecken. Aber er wurde sehr bald recht einsilbig, druckste und druckste, fragte dann wieder: »Also eine Vergnügungsfahrt machen die Herren. Hm, … und Sie haben nur die Absicht, sich Island so ein bisschen anzusehen. Hm, … da … da …«

»Sie haben eine Bitte«, half Harst nach. »Raus damit. Was gibt es denn? Was bedrückt Sie? Sie scheinen nur heiter. In Ihren Augen liegt Kummer …«

Gilpe nickte. »Ja, es ist so, Herr … Herr. Wie war doch der Name?«

»Harald Harst. Ich bin Liebhaberdetektiv. Vielleicht haben Sie von mir …«

»Herrgott … welch ein Glück!«, rief Gilpe dazwischen. »Also der Harst sind Sie! Ja, dann … dann kann ich wohl noch hoffen, den Jan Schmeling wiederzusehen. Er ist nämlich mit meiner Ältesten verlobt, der Jan.« Er seufzte. »Und nun … nun bringen wir ihn nicht mit heim. Das … das wird Tränen geben!«

»Er ist also verschwunden«, meinte Harst. »Wäre er tot, brauchten Sie meine Hilfe nicht!«

»Ja, das ist nun eigentlich für Barnjaröp gar nichts so Seltenes, dass dort ein Mann der See wegen auf die Felsen steigt und nachher nicht mehr zu finden ist«, begann Traugott Gilpe mit traurigem, ins Weite schweifendem Blick.

»Sie sprechen da von einer Fee, Landsmann«, fragte er kurz. »Ist das der Spuk?«

»Das ist er. Und … selbst in Kopenhagen weiß man davon. Die Regierung hatte voriges Jahr einen Detektiv geschickt, so einen ganz berühmten. Aber … der blieb den Sommer über in Barnjaröp, nahm 25 Pfund zu und das ungelöste Rätsel mit heim. Das war alles, was er erreichte.«

Er sog an der Stummelpfeife. »Hm, … vielleicht glauben Sie den ganzen Schnack nicht, Herr Harst«, meinte er dann trübe. »Und doch ist es Wahrheit. Sonst wäre nicht der Detektiv aus Kopenhagen gekommen im vorigen Mai.«

»Pardon, Landsmann«, sagte Harst nun. »So wird das nichts. Ich werde fragen. Bitte um recht genaue Antworten. Also: Wann zeigte sich diese Fee zum ersten Mal? Wo zeigt sie sich? Weshalb hatte die dänische Regierung Veranlassung, einen Beamten dorthin zu senden?«

»Im Herbst vor zwei Jahren begann der Spuk. Ich bin jedes Jahr in Barnjaröp. Es liegt an der Ostküste im tiefsten Winkel des Horna-Fjords.«

»Horna-Fjords?«, ertönte es von Tiessens und meinen Lippen gleichzeitig »Das ist ja …«

»… ja, das ist unser Ziel!«, ergänzte Harst mit warnendem Blick. »Wir wollten nämlich zunächst zu diesem Fjord, der landschaftlich so sehr viel bieten soll.«

»Na, dann hätten Sie ja fraglos auch den kleinen Hafen Barnjaröp besucht, Herr Harst. 500 Einwohner gibt es dort, meist reinblütige Isländer. Nur wenige Deutsche, Engländer und Franzosen haben sich da angesiedelt.«

Harst hüstelte. »Im Herbst vor zwei Jahren fing der Spuk an. Gut.«

»Und der Kopenhagener Detektiv kam dann im Mai, weil inzwischen vier junge Leute aus Barnjaröp verschwunden waren.«

»Die vier Leute wollten also wohl zu der blonden Fee emporklettern«, sagte Harst langsam. »Sind wohl auch die Steilküste hinaufgelangt, dann aber …«

»… dann verschwanden sie eben!«, vollendete der alte Gilpe dumpfen Tones. »Ihre Freunde, die unten im Boot alles beobachteten, sahen, wie der Spuk die Arme sehnsüchtig ausstreckte, wie die Ärmsten auf die Gestalt zueilten und … urplötzlich wie weggeblasen waren. Dasselbe spielte sich jedes Mal ab. Und nun sind es mit Jan gerade zehn, die die Fee sich geholt hat.«

»Zehn?«, riefen Tiessen und ich ganz entsetzt. »Das ist doch …«

»… unglaublich …!«, führte Gilpe den Satz zu Ende. »Es ist aber wahr! Aus Barnjaröp sind fünf Leute auf diese Weise abhanden gekommen und von den fremden Fischern auch fünf, drei Franzosen und zwei Deutsche.«

Harst lehnte sich wieder zurück in seine Sofaecke, langte mechanisch nach einer neuen Zigarette und starrte vor sich hin.

Der alte Gilpe blickte ihn forschend an.

»Herr Harst!«, sagte er dann leise. »Herr Harst … wollen Sie nicht helfen, den Jan wiederzufinden?«

Harsts Augen waren plötzlich geschlossen.

»Ich suche ja schon nach ihm«, meinte er zerstreut. »Wann verschwand Ihr Schwiegersohn?«

»Am 8. August also vor etwa zwei Monaten … Es war ein Sonntag. Ich wusste nichts davon, dass die vier Freunde, der Jan und drei andere Matrosen von den deutschen Fischkuttern, sich verabredet hatten, dass einer von ihnen, den das Los traf, der Fee so etwas auf den Leib rücken sollte. Nur dass die vier in das Trugbild rein vernarrt waren, das merkte man so an ihren Reden. Auch der Jan war ganz anders geworden. Aber bei ihm war es mehr so die Abenteuerlust. Er hat Schneid, der Jan! Furcht kennt er nicht Und weil doch der neunte Verschwundene der Steuermann Wilhelm Jasper vom Fischdampfer Weser 5 sein Schulkamerad war, hatte er schon immer gedroht: Der Fee von der Horna-Insel dreh ich das Genick um! Na, die vier Freunde nahmen ein Boot, ruderten bis unter die Steilküste, würfelten, und der Jan warf nur eine zwei, musste also hinauf. Und … alles kam wieder wie immer …«

»Tolle Geschichte!«, brummte Tiessen. »Na, Herr Harst, was sagen Sie dazu?«

»Sehen geht vor Sagen, bester Tiessen! Ohne Zweifel aber steckt dahinter eine ungeheure Schurkerei. Von Spuk keine Rede. Die Zeiten, wo Damen à la Lorelei Schiffer und Kahn in Strudel lockten, sind gewesen.«

Gilpe zuckte die Achseln. »Ich hab das Weib ja selbst viermal gesehen«, meinte er widerwillig. »Die Küste ist dort gegen 150 Meter hoch. Die Felsterrasse, über die sich das nackte Gestein wölkt, also mehr eine flache offene Grotte, liegt etwa 90 Meter über dem Meer. Mein Fernglas brachte mir die Gestalt nah heran. Ein Prachtweib ist es. Blond, etwas dunklere Augenbrauen, dunkle Augen, ein Gesicht wie Milch und Blut. Und der Körper … wie für eine Schönheitskonkurrenz geschaffen! Kein Wunder, dass die jungen Burschen rein des Teufels danach sind!«

»Noch eine letzte Frage, Landsmann: Sind diese zehn Verschwundenen sämtlich gerade dann oben auf der Felsterrasse gewesen, wenn die Gestalt zu sehen war? Sind auch mal gleichzeitig mehrere Leute so spurlos abhanden gekommen?«

»Für beides ein … ja«, erwiderte Gilpe. »Einmal sind zwei französische Matrosen gleichzeitig oben gewesen. Beide kehrten nicht zurück.«

»So … dann weiß ich vorläufig genug. Sie können sich darauf verlassen, Landsmann, dass von mir aus alles geschehen wird, diese Schurkerei zu enthüllen. Nur eine Bedingung: Sie geben mir Ihr Wort, dass niemand erfährt, wer ich bin und dass die Herren auf dem Optimus Ihnen versprochen haben, dieses immerhin etwas gefährliche Geheimnis zu ergründen!«

»Ich werde schweigen, Herr Harst!« Gilpe streckte ihm die Hand hin.

Traugott Gilpe verabschiedete sich dann nach dem zehnten Glas Grog, den er halb auf halb trank. Seine Stimmung hatte sich wesentlich aufgebessert. Am liebsten hätte er Harst umarmt.

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