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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 4. – 6. Bändchen – Kapitel V

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Viertes bis sechstes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

V. D’Artagnan kommt gerade zu rechter Zeit

D’Artagnan nahm in Blois die Summe in Empfang, welche Mazarin, bewogen durch sein Verlangen, ihn wieder bei sich zu sehen, demselben für seine zukünftigen Dienste zu geben sich entschlossen hatte.

Von Blois nach Paris waren es vier Tagesreisen für einen gewöhnlichen Reiter. D’Artagnan kam um vier Uhr nachmittags am dritten Tag vor der Barrière Saint-Denis an. In früheren Zeiten hätte er nur zwei gebraucht. Wir haben bereits gesehen, dass Athos drei Stunden nach ihm abgereist, aber vierundzwanzig Stunden vor ihm angekommen war.

Planchet hatte die Gewohnheit forcierter Ritte verloren. D’Artagnan machte ihm seine Weichlichkeit zum Vorwurf.

»Ei, Monsieur, vierzig Meilen in drei Tagen, ich finde, das ist sehr hübsch für einen Menschen, der mit gebrannten Mandeln handelt.«

»Bist du wirklich Kaufmann geworden, Planchet, und gedenkst du im Ernst, jetzt, da wir uns wiedergefunden haben, in deinem Laden zu vegetieren?«

»Ach«, versetzte Planchet, »Ihr allein seid für ein tätiges Leben geschaffen. Seht Monsieur Athos an; wer sollte glauben, es sei der abenteuerliche Rittersmann, als welchen wir ihn gekannt haben. Er lebt jetzt als wahrer Landedelmann, als wahrer Bauernbeherrscher. Gnädiger Monsieur, es gibt in der Tat nichts Wünschenswerteres als ein ruhiges Dasein.«

»Heuchler!«, sprach d’Artagnan, »man sieht wohl, dass du dich Paris näherst und dass es in Paris für dich einen Galgen und einen Strick gibt.«

Als sie so weit in ihrem Gespräch gelangt waren, erreichten die zwei Reisenden die Barrière. Planchet drückte seinen Hut in das Gesicht, bedenkend, dass er durch Straßen ziehen sollte, wo er sehr bekannt war. D’Artagnan strich seinen Bart in die Höhe, sich erinnernd, dass ihn Porthos in der Rue Tiquetonne erwarten müsste. Er dachte an die Mittel, ihn seine Herrschaftswürde in Bracieux und die homerischen Küchen in Pierrefonds vergessen zu machen.

Als er sich um die Ecke der Rue Montmartre wandte, erblickte er an einem von den Fenstern des Gasthauses Zur Rehziege Porthos in ein herrliches, himmelblaues, überall mit Silber gestieltes Wams gehüllt und gähnend, dass er sich beinahe die Kinnbacken ausgerenkt hatte. Alle Vorübergehende betrachteten mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Bewunderung diesen so schönen und reichen Edelmann, den sein Reichtum und seine Größe so sehr zu langweilen schien.

Kaum waren d’Artagnan und Planchet um die Ecke gebogen, als Porthos sie erkannte.

»Ah, d’Artagnan!«, rief er, »Gott sei gelobt! Ihr seid es.«

»Ei, guten Tag, lieber Freund«, antwortete d’Artagnan.

Eine kleine Schar von Müßiggängern bildete sich bald um die Pferde, welche die Knechte des Hauses bereits am Zügel hielten, und um die Reiter, die sich noch einen Augenblick miteinander besprachen, aber Stirnfalten von d’Artagnan und einige schlimme Gebärden von Planchet, welche von den Umstehenden wohl begriffen wurden, zerstreuten den Haufen, der umso dichter zu werden anfing, als er noch nicht wusste, warum man versammelt war.

Porthos stand bereits auf der Schwelle des Gasthauses.

»Ah, mein lieber Freund«, sagte er, »wie schlecht sind meine Pferde hier!«

»Ja, in der Tat!«, versetzte d’Artagnan, »es tut mir unendlich leid für diese schönen Tiere.«

»Und ich auch«, sprach Porthos, »ich war auch schlecht hier. Wäre nicht die Wirtin«, fuhr er, sich mit seiner selbstzufriedenen Miene auf den Beinen wiegend, fort, »welche ziemlich zuvorkommend ist und einen Spaß versteht, so würde ich anderswo ein Lager gesucht haben.«

Die schöne Madeleine, die sich während dieses Gespräches genähert hatte, machte einen Schritt rückwärts und wurde bleich wie der Tod, als sie die Worte von Porthos hörte. Sie glaubte, die Szene mit dem Schweizer würde sich wiederholen, aber zu ihrem großen Erstaunen veränderte d’Artagnan keine Miene und sagte, statt sich zu ärgern, lachend zu Porthos: »Ja, ich begreife, lieber Freund, die Luft der Rue Tiquetonne ist nicht so viel wert wir die im Tal von Pierrefonds. Aber beruhigt Euch, Ihr sollt eine bessere bekommen.«

»Wann dies?«

»Meiner Treu, bald, hoffe ich.«

»Ah, desto besser!«

Aus diesen Ausruf erfolgte ein tiefer, langer Seufzer, welcher aus der Ecke einer Tür hervorkam. D’Artagnan, der abgestiegen war, erblickte nun als Relief aus der Mauer den ungeheuren Bauch von Mousqueton, dessen trübseligem Mund dumpfe Klagen entstiegen.

»Und Ihr auch, mein armer Monsieur Mouston, Ihr seid auch nicht an Eurem Platz in dieser gebrechlichen«, sagte d’Artagnan mit dem spöttischen Ton, der ebenso wohl Mitleid als auch Hohn sein konnte.

»Er findet die Küche abscheulich«, antwortete Porthos.

»Nun, »versetzte d’Artagnan, »warum macht er es nicht wie in Cantill?»

»Ah! Gnädiger Monsieur, ich hatte hier nicht mehr wie da unten die Teiche des Monsieur Prinzen, um die schönen Karpfen darin zu fischen, und die Waldungen Seiner Hoheit, um die fetten Rebhühner darin am Kragen zu fassen. Den Keller habe ich auch sehr genau untersucht und in der Tat, es ist sehr wenig darin.«

»Monsieur Mouston«, sprach d’Artagnan, »ich würde Euch wirklich beklagen, wenn ich für den Augenblick nicht etwas viel Dringenderes zu tun hätte.«

Dann Porthos beiseite nehmend, fuhr er fort: »Mein lieber Du Vallon, Ihr seid ganz angekleidet, und das trifft sich glücklich, denn ich führe Euch auf der Stelle zum Kardinal.«

»Bah! Wirklich?«, fragte Porthos, die Augen weit aufreißend.

»Ja, mein Freund.«

»Eine Vorstellung?»

»Erschreckt Euch das?«

»Nein, aber es bringt mich in Verwirrung.«

»Oh! Seid unbesorgt, Ihr habt es nicht mehr mit dem früheren Kardinal zu tun, und dieser wird Euch nicht durch seine Majestät niederschmettern.«

»Gleichviel, Ihr begreift, d’Artagnan, der Hof!«

»Ei, mein Freund, es gibt keinen Hof mehr.«

»Die Königin!«

»Ich wollte sagen, es gibt keine Königin mehr. Die Königin? Beruhigt Euch, wir werden sie nicht sehen.«

»Und Ihr sagt, wir gehen auf der Stelle in das Palais Royal.«

»Auf der Stelle. Nur werde ich, um nicht zögern zu müssen, eines von Euren Pferden entlehnen.«

»Nach Belieben, sie stehen Euch alle vier zu Diensten.«

»Ah, ich bedarf in diesem Augenblick nur eines.«

»Nehmen wir unsere Bedienten nicht mit?«

»Ja, nehmt Mousqueton, das wird nicht übel sein. Planchet hat seine Gründe, nicht an den Hof zu gehen.«

»Und warum dies?«

»Er steht schlecht mit seiner Eminenz.«

»Mouston«, sprach Porthos, »sattelt Vulcan und Bayard!«

»Und ich, gnädiger Monsieur, soll ich Rustand nehmen?»

»Nein, nehmt ein Luxuspferd, Phöbus oder Superbe. Wir reiten in Zeremonie.«

»Ah«, sprach Mousqueton aufatmend, »es handelt sich also nur um einen Besuch.«

»Ei, mein Gott, ja, Mouston, um nichts anderes. Nur steckt für jeden möglichen Fall Pistolen in die Halfter. Ihr findet die meinen geladen an meinem Sattel.«

Mouston stieß einen Seufzer aus. Er verstand nichts von den Zerermonienbesuchen, die man bis an die Zähne bewaffnet macht.

»Ihr habt im Ganzen recht«, sprach Porthos, der mit Wohlgefallen seinem alten Diener nachschaute. »Ihr habt recht, d’Artagnan, Mouston genügt, Mouston hat ein hübsches Aussehen.«

D’Artagnan lächelte.

»Und Ihr?« sagte Porthos, kleidet Ihr Euch nicht um?«

»Nein, ich bleibe, wie ich bin.«

»Aber Ihr seid mit Schweiß und Staub überzogen und Eure Stiefeln sind ganz schmutzig.«

»Dieses Reisenegligé wird zum Beweis für den Eifer dienen, mit dem ich dem Befehl des Kardinals Folge leistete.«

In diesem Augenblick kam Mousqueton mit den drei Pferden zurück. D’Artagnan schwang sich in den Sattel, als ob er seit drei Tagen ausgeruht hätte.

»Oh«, sagte er zu Planchet, »meinen langen Degen!«

»Ich?«, versetzte Porthos, auf einen kleinen Paradedegen mit einem vergoldeten Stichblatt deutend, »Ich habe meinen Hofdegen.«

»Nehmt Euren Raufdegen, mein Freund.«

»Und warum?«

»Ich weiß es nicht, aber nehmt ihn immerhin, glaubt mir.«

»Meinen Raufdegen, Mouston«, sprach Porthos.

»Aber das ist ja ein ganzer Kriegsaufzug, gnädiger Monsieur«, erwiderte dieser. »Ziehen wir denn in das Feld? Dann sagt es mir sogleich und ich werde meine Vorsichtsmaßregeln dem gemäß nehmen.«

»Bei uns, Mouston«, erwiderte d’Artagnan, »sind die Vorsichtsmaßregeln immer sehr anzuempfehlen, denn wir haben nicht die Gewohnheit, unsere Nächte auf Bällen und mit Serenaden hinzubringen.«

»Ach! Das ist wahr«, sprach Mousqueton, sich von den Zehen bis zum Scheitel bewaffnend, »aber ich, hatte es vergessen.«

Sie entfernten sich im raschen Zug und gelangten gegen ein Viertel auf acht Uhr zu dem Palais-Kardinal. Es trieb sich eine Menge von Menschen in den Straßen umher, denn es war gerade das Pfingstfest. Und diese Menge sah mit Erstaunen die zwei Kavaliere vorüberziehen, von denen der eine so frisch war, dass er aus einer Schachtel gekommen schien, und der andere so bestaubt, dass man hätte glauben sollen, er kehre unmittelbar von dem Schlachtfeld zurück. Mousqueton zog ebenfalls die Blicke der Müßiggänger auf sich, und da der Roman Don Quixote damals sehr viel gelesen wurde, so sagten einige, es wäre Sancho Pansa, der, nachdem er einen Herrn verloren, zwei gefunden hätte.

Als sie in das Vorzimmer gelangten, fand sich d’Artagnan wieder im bekannten Land. Musketiere von seiner Kompanie hielten gerade Wache. Er ließ den Huissier rufen und zeigte ihm den Brief des Kardinals, der ihm einschärfte, ohne eine Sekunde zu verlieren, zurückzukehren. Der Huissier verbeugte sich und trat bei Seiner Eminenz ein.

D’Artagnan wandte sich gegen Porthos um und glaubte ein leichtes Zittern an ihm wahrzunehmen. Er lächelte, näherte sich seinem Ohr und sagte zu ihm: »Guten Mutes, mein braver Freund, lasst Euch nicht einschüchtern. Glaubt mir, das Auge des Adlers ist geschlossen und wir haben es nur mit einem einfachen Reiher zu tun. Haltet Euch aufrecht, wie an dem Tag der Bastille Saint Gervais, und verbeugt Euch nicht zu tief vor diesem Italiener. Das würde ihm einen armseligen Begriff von Euch geben.«

»Gut, gut«, antwortete Porthos.

Der Huissier erschien wieder und sagte: »Tretet ein, Monsieur, Seine Eminenz erwartet Euch.«

Mazarin saß in seinem Kabinett und arbeitete daran, so viel wie immer möglich, Namen von einer Pensionen- und Unterstützungsliste zu streichen. Er sah aus einem Winkel seines Auges d’Artagnan und Porthos eintreten. Obwohl sein Blick bei der Meldung des Huissier gefunkelt hatte, so schien er doch nicht im Geringsten bewegt.

»Ah, Ihr seid es, Monsieur Lieutenant?«, sagte er. »Ihr habt Euch beeilt; gut, seid willkommen.«

»Ich danke, Monseigneur. Ich bin hier auf Befehl Eurer Eminenz, und ebenso Monsieur Du Vallon, derjenige von meinen ehemaligen Freunden, welcher seinen Adel unter dem Namen Porthos verbarg.«

Porthos verbeugte sich vor dem Kardinal.

»Ein herrlicher Kavalier«, sprach Mazarin.

Porthos drehte den Kopf rechts und links und machte Schulterbewegungen voll Würde.

»Der beste Degen des Königreichs, Monseigneur«, sprach d’Artagnan. »Dies wissen viele Leute, welche es nicht sagen und nicht sagen können.«

Porthos verbeugte sich vor d’Artagnan.

Mazarin liebte die schönen Soldaten beinahe ebenso sehr, wie sie später der König Friedrich von Preußen liebte. Er bewunderte die nervigen Hände, die breiten Schultern und das feste Auge von Porthos. Es kam ihm vor, als hätte er das Heil seines Ministeriums und des Königreichs aus Fleisch und Knochen geschnitten vor sich. Das erinnerte ihn an die alte Verbindung der Musketiere, welche aus vier Personen bestanden hatte.

»Und Eure zwei anderen Freunde?«, fragte Mazarin.

Porthos öffnete den Mund, denn er glaubte, es wäre für ihn jetzt Zeit, auch ein Wort anzubringen. D’Artagnan machte ihm aus dem Augenwinkel ein Zeichen.

»Unsere anderen Freunde sind in diesem Augenblicke verhindert; sie werden später mit uns zusammentreffen.«

Mazarin hustete leicht. »Und dieser Monsieur ist wohl freier als sie und tritt gerne wieder in den Dienst?« ,fragte Mazarin.

»Ja, Monseigneur, und zwar aus reiner Ergebenheit, denn Monsieur de Bracieux ist reich.«

»Reich?«, sagte Mazarin, dem dieses einzige Wort stets große Achtung einflößte.

»Fünfzigtausend Livres Renten«, sagte Porthos.

Dies war das erste Wort, welches er ausgesprochen hatte.

»Aus reiner Ergebenheit«, versetzte Mazarin mit seinem seinen Lächeln, »aus reiner Ergebenheit?«

»Monseigneur glaubt vielleicht nicht viel an dieses Wort?«, fragte d’Artagnan.

»Und Ihr, Monsieur Gascogner?«, sagte Mazarin, seine zwei Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und sein Kinn aus seine zwei Hände stützend.

»Ich«, erwiderte d’Artagnan, »glaube an die Ergebenheit wie an einen Taufnamen zum Beispiel, auf den natürlich ein irdischer Name folgen muss. Man hat allerdings eine mehr oder minder ergebene Natur; aber am Ende jeder Ergebenheit muss immer irgendetwas sein.«

»Und Euer Freund zum Beispiel, was würde er am Ende seiner Ergebenheit wünschen?«

»Monseigneur, mein Freund hat drei herrliche Güter: das Gut Du Vallon bei Corbeille, Bracieux bei Soissens und Pierrefonds in Valois. Er wünschte nun, Monseigneur, dass eines von diesen drei Gütern zu einer Baronie erhoben würde.«

»Nicht mehr als dieses?«, fragte Mazarin, dessen Augen vor Freude glänzten, als er sah, dass er die Ergebenheit von Porthos belohnen konnte, ohne die Börse zu öffnen. »Nur dieses? Die Sache wird sich machen lassen.«

»Ich werde Baron!«, rief Porthos und tat einen Schritt vorwärts.

»Ich habe es Euch gesagt«, versetzte d’Artagnan, indem er ihn bei der Hand zurückhielt, »und Monseigneur wiederholt es Euch.«

»Und Ihr, Monsieur d’Artagnan, was wünscht Ihr?«

»Monseigneur«, sprach d’Artagnan, »im nächsten Monat September sind es zwanzig Jahre, dass mich der Monsieur Kardinal von Richelieu zum Lieutenant bei den Musketieren gemacht hat.«

»Und Ihr wollt, dass Euch der Kardinal Mazarin zum Kapitän mache?«

D’Artagnan verbeugte sich.

»Nun wohl, all dies ist nicht unmöglich. Man wird sehen, Messieurs, man wird sehen. Sagt nun, Monsieur Du Vallon«, sprach Mazarin, »welchen Dienste zieht Ihr vor? Den in der Stadt? Den im Felde?«

Porthos öffnete den Mund, um zu antworten.

»Monseigneur«, sagte d’Artagnan. »Monsieur Du Vallon ist wie ich, er liebt den außerordentlichen Dienst, d. h. die Unternehmungen, welche man für toll und unmöglich erachtet.«

Diese Gasconnade missfiel Mazarin nicht.

»Doch ich gestehe, dass ich Euch habe kommen lassen, um Euch einen sitzenden Posten zu geben. Ich hege eine gewisse Unruhe. Nun, was ist das?«, sprach, Mazarin.

Man vernahm in der Tat einen gewaltigen Lärmen im Vorzimmer, und beinahe zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür des Kabinetts und ein mit Staub bedeckter Mann stürzte herein und schrie: »Monsieur Kardinal! Wo ist der Monsieur Kardinal?«

Mazarin glaubte, man wollte ihn ermorden, und wich, seinen Stuhl vor sich schiebend, zurück. D’Artagnan und Porthos machten eine Bewegung, welche sie zwischen den Eindringling und den Kardinal stellte.

»Ei, Monsieur«, sagte der Kardinal, »was gibt es denn, dass Ihr hier eintretet wie in die Hallen?«

»Monseigneur«, erwiderte der Offizier, an welchen dieser Vorwurf gerichtet war, »ich wünschte Euch sogleich und insgeheim zu sprechen. Ich bin Monsieur de Poins, Offizier bei den Wachen im Dienste des Gefängnisses von Vincennes.«

Der Offizier war so bleich, so entstellt, dass Mazarin, überzeugt, er wäre der Überbringer einer wichtigen Nachricht, d’Artagnan und Porthos durch ein Zeichen bedeutete, sie sollten dem Boten Platz machen.

D’Artagnan und Porthos zogen sich in einen Winkel des Kabinetts zurück.

»Sprecht, Monsieur, sprecht geschwind«, sagte Mazarin, »was gibt es?«

»Monseigneur«, antwortete der Bote, »Monsieur von Beaufort ist so eben aus dem Schloss Vincennes entwichen.«

Mazarin stieß einen Schrei aus und wurde noch bleicher als derjenige, welcher ihm diese Nachricht überbrachte. Er fiel beinahe vernichtet in seinen Lehnstuhl zurück.

»Entwichen!«, sagte er, »Monsieur von Beaufort entwichen?«

»Monseigneur, ich habe ihn von der Terrasse herab entfliehen sehen.«

»Und Ihr habt nicht auf ihn schießen lassen?«

»Er war außerhalb der Schussweite.«

»Aber was tat Monsieur von Chavigny?«

»Er war abwesend.«

»Und La Ramée?«

»Man fand ihn gebunden in dem Zimmer des Gefangenen, einen Knebel in seinem Mund und einen Dolch neben ihm.«

»Aber der Mensch, den er sich beigegeben hatte?«

»Er war ein Kumpan des Herzogs und entsprang mit ihm.«

Mazarin stieß einen Seufzer aus.

»Monseigneur, sagte d’Artagnan und machte einen Schritt gegen den Kardinal.

»Was?«, fragte Mazarin.

»Es scheint mir, Eure Eminenz verliert kostbare Zeit.«

»Wieso?«

»Wenn Eure Eminenz Befehl erteilte, dem Gefangenen nachzusetzen, so könnte man ihn vielleicht noch einholen. Frankreich ist groß und die nächste Grenze sechzig Meilen entfernt.«

»Und wer wird ihm nachsetzen?«, rief Mazarin.

»Ich, bei Gott!«

»Und Ihr würdet ihn festnehmen?«

»Warum nicht?«

»Ihr würdet den Herzog im Felde bewaffnet festnehmen?«

»Wenn Monseigneur mir Befehl erteilte, den Teufel zu verhaften, so fasste ich ihn bei den Hörnern und führte ihn hierher.«

»Ich auch«, sprach Porthos.

»Ihr auch?«, versetzte Mazarin und schaute die zwei Männer voll Erstaunen an.

»Aber der Herzog wird sich nicht ohne einen blutigen Kampf ergeben?«

»Es sei!«, rief d’Artagnan, dessen Augen sich entflammten. »Zur Schlacht! Wir haben uns seit langer Zeit nicht mehr geschlagen, nicht wahr, Porthos?«

»Zum Kampf!«, sprach Porthos.

»Und Ihr glaubt, ihn wieder einzuholen?«

»Ja, wenn wir besser beritten sind als er.«

»Dann nehmt, was Ihr von Wachen hier findet, und eilt ihm nach.«

»Ihr befehlt es, Monseigneur?«

»Ich unterzeichne«, sprach Mazarin, nahm ein Papier und schrieb einige Zeilen.

»Fügt bei, Monseigneur, dass wir alle Pferde nehmen können, die wir auf dem Weg treffen.«

»Ja, ja«, sagte Mazarin; »Dienst des König. Nehmt und eilt!«

»Gut, Monseigneur.«

»Monsieur Du Vallon«, fügte Mazarin bei, »Eure Baronie sitzt hinter dem Herzog von Beaufort auf dem Ross. Ihr braucht ihn nur zu fassen. Was Euch betrifft, mein lieber d’Artagnan, Euch verspreche ich nichts, aber, wenn Ihr ihn zurückbringt, tot oder lebendig, so mögt ihr fordern, was Ihr haben wollt.«

»Zu Pferde, Porthos!«, rief d’Artagnan und fasste seinen Freund bei der Hand.

»Hier«, antwortete Porthos mit seiner erhabenen Kaltblütigkeit.

Und sie stiegen die große Treppe hinab, nahmen die Wachen mit, welche sie auf ihrem Weg fanden, und riefen: »Zu Pferde! zu Pferde!«

Etwa zehn Mann fanden sich versammelt.

D’Artagnan und Porthos schwangen sich, der eine auf Vulcan, der andere auf Bayard, Mousqueton setzte sich auf Phöbus.

»Folgt mir«, rief d’Artagnan.

»Marsch«, sprach Porthos.

Sie stießen die Sporen in die Flanken ihrer edlen Renner, und diese flogen wie der Sturmwind durch die Rue Saint-Honoré.

»Nun, Monsieur Baron, ich hatte Euch Leibesübung versprochen, Ihr seht, dass ich Wort halte.«

»Ja, mein Kapitän«, antwortete Porthos.

Sie wandten sich um; Mousqueton hielt sich, mehr schwitzend als sein Pferd, in schuldiger Entfernung. Hinter Mousqueton galoppierten die zehn Garden.

Die erstaunten Bürger traten auf ihre Türschwellen und die zornig werdenden Hunde folgten bellend den Reitern.

An der Ecke des Saint-Jean-Kirchhofes warf d’Artagnan einen Mann nieder, aber es war dies ein zu geringfügiges Ereignis, um Leute, welche so große Eile hatten, aufzuhalten. Die galoppierende Truppe setzte ihren Weg fort, als hätten ihre Pferde Flügel.

Ach! Es gibt keine kleinen Ereignisse in der Welt, und wir werden sehen, dass durch dieses beinahe die Monarchie verloren gegangen wäre.

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