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Neue Gespenster – 34. + 35. Erzählung

Samuel Christoph Wagener
Neue Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit
Erster Teil

Vierunddreißigste Erzählung

Die Verlassene zu Stadt am Hof

Zu Stadt am Hof, einem an der Donau gelegenen Städtchen, Regensburg gegenüber, fiel im Jahre 1785 ein junges, blühendes Mädchen, wahrscheinlich vom Schlag gerührt, plötzlich vor ihrem Kleiderschrank zu Boden. Da auf die in der Eile angebrachten Mittel kein Zeichen des Lebens erfolgte, so wurde die Verstorbene als wirklich tot den Tag darauf auf dem Domkirchhof begraben.

In der Nacht darauf hörte der Totengräber, der eben beschäftigt war, ein in der Eile bestelltes Grab zu machen, ein unterirdisches, dumpfes Getöse. Dieses rätselhafte Geräusch, welches mit keinen anderen Tönen zu vergleichen war, schien aus der Gruft des am Morgen des vergangenen Tages beerdigten Mädchens zu kommen. Den Mann ergriff darüber ein ihm sonst fremdes Grausen und Entsetzen. Er flüchtete so schnell wie möglich in seine Wohnung.

Indessen ging er bald darauf in Gesellschaft eines anderen beherzten Mannes aufs Neue an seine Arbeit. Man horchte im Vorbeigehen bei dem Grabhügel der Unglücklichen, weil sein Gefährte sich nicht hatte überzeugen können, dass er wirklich jene Schreckenstöne von daher vernommen habe. Wie sehr entsetzten sich beide, als sie auch jetzt noch, wiewohl viel schwacher, das unterirdische Geräusch vernahmen. Nun erst kamen sie auf den Gedanken, ob es nicht gar möglich sei, dass die gestern Begrabene nur scheintot gewesen und wieder zu sich gekommen sei.

Man zeigte die Sache von Berufswegen sogleich höheren Ortes an und bekam Befehl, das Grab zu öffnen. Es geschah. Dass unglückliche Mädchen lag auf der Brust, hatte die Finger blutig gekratzt, das Gesicht zerfleischt, den Mund voll Blut und war nunmehr nach tausend Höllenqualen, wirklich verschieden.

Fünfunddreißigste Erzählung

Frau Schocke zu Marburg

Ami Schocke, die Ehefrau des Invaliden Schocke zu Marburg, war gestorben und wie gewöhnlich, auf Stroh gelegt worden. Hier hatte sie schon einige Tage gelegen, als der Hauswirt den Invaliden fragte, ob er denn noch immer nicht an die Beerdigung seiner seligen Frau dächte.

»Ich habe wohl daran gedacht«, meinte er, »aber es ist noch zu früh, sie in die Erde zu begraben.«

»Nun«, erwiderte der Wirt, »will Er denn das Begräbnis anstehen lassen, bis sie in Gestank übergeht und uns Lebende aus dem Haus hinaustreibt?«

»Das wohl nicht«, gab der zärtliche Gatte zum Bescheid, »aber bis sie nach dem wirklichen Tod riecht, will ich doch warten. Ich wäre nicht wert, die gute Frau besessen zu haben, wenn ich es früher einscharren lassen wollte.«

»Glaubt Er denn«, fragte spöttelnd der Wirt, »dass Seine verstorbene Frau, wie Jungfer Jairus zu Kapernaum einstweilen nur einmal ausschläft?«

»Nun, es schlief schon eher ein Toter und erwachte wieder«, war die Antwort.

Dem Hausherrn waren dies unverständliche Worte, aber der Invalide erklärte sich ihm folgendermaßen deutlicher: »Ich bin in Gemünden, einem Flecken auf dem Hundsrück, geboren und erinnere mich noch sehr gut, dass dort in meiner Jugendzeit ein Toter einstweilen auch nur einmal ausschlief. Gerade als man den Sarg, in welchen man ihn gelegt hatte, fest vernageln wollte, um ihn einzuscharren, hatte er ausgeschlafen und erwachte vom Scheintod zum neuen Leben. Von dergleichen Dingen hätte Er, Herr Wirt, noch nie etwas gehört? Er ist wohl nie aus Marburg gewandert?«

Der Hausherr schämte sich nicht, sondern spottete des guten Glaubens des alten Mannes, der seine gute Ehefrau so gern ins Leben hätte wiederkehren sehen. Indessen rechtfertigte diesen Glauben einigermaßen der merkwürdige Umstand, dass die Gestorbene, ungeachtet der nicht kalten Jahreszeit, selbst am vierten Tag nach dem Tod noch nicht im Geringsten roch.

Und wirklich sollte der vorsichtige Alte die Freude haben, seine Frau zu ihm zurückkehren zu sehen. Sie erwachte nun vom Scheintod und verlebte mit ihm noch vier vergnügte Jahre.

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