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Dämonopathie der Nonnen der heiligen Brigitte zu Lille

Das 17. Jahrhundert

7. Dämonopathie der Nonnen der heiligen Brigitte zu Lille (1613)

Gaufridi war kaum tot, als die Nonnen der heiligen Brigitte zu Lilie, die natürlich die Geschichte der Magdalene von Mandouls erfahren hatten, sich ihrerseits ebenfalls für besessen hielten. Die Symptome ihrer Krankheit sind nicht genau beschrieben.

Lenormand sagt: »Einige waren vom Teufel besessen, andere in ihrem Geist gestört, andere hatten Abscheu vor der Beichte, einige wurden ruhelos umhergetrieben, andere dagegen welkten und starben langsam hin. Kaum war ein Mädchen in das Kloster eingetreten, als man an ihr eine auffallende und bedenkliche Veränderung wahrnahm; kaum entfernte sie sich aus dem Kloster, so befand sie sich auch schon in voller Genesung.«

Als man sich bemühte, die Ursachen der verschiedenartigen Zufälle aufzufinden, wurde Marie de Sains, eine Schwester, die bis dahin sich des tadellosesten Rufes erfreut hatte, der Zauberei verdächtigt und in das Gefängnis des geistlichen Gerichts geworfen. Ein ganzes Jahr lang beteuerte sie ihre Unschuld; man konnte sie nicht überführen. Im Frühjahr 1613 aber exorzisierten Michaelis und Domptius drei von bösen Geistern besessene Nonnen. Diese Wahnsinnigen erklärten, Marie de Sains wolle das ganze Kloster ins Verderben stürzen. Marie war zuerst durch diese Anklage erschüttert und überrascht, dann aber legte sie ohne Rückhalt ein volles Geständnis ab, so wunderbare Dinge, dass der Erzbischof von Malines, ein siebzigjähriger Greis, laut gestand, er habe nie etwas dem Ähnliches vernommen. Die Verbrechen von Marie de Sains überstiegen jede Einbildung.

Sie legte folgende Erklärung ab: »Ich habe dem Teufel meinen Leib und meine Seele, ich habe ihm alles gegeben, was nur eine Kreatur ihrem Schöpfer bieten kann. Ich habe unter die Kleider der Nonnen und unter ihre Kissen einen Zauber versteckt, den mir der Teufel gegeben hat und der sie alle vernichten sollte. Louis Gaufridi hat auf dem Sabbat diesen Zauber erfunden. Der Teufel hat ihm dafür zur Belohnung den Titel Fürst der Hexen verliehen und mir fürstliche Ehren zugesagt, weil ich darein gewilligt habe, ihn zu brauchen; die Schwestern Imbert, Bolonnais. Fournier, Vandermotte, Lannoy und Peronne haben die Wirkung dieses Zaubers zuerst erfahren. Sie zeigten zuerst die Zeichen der Besessenheit. Er ist zusammengemischt aus Hostien und geweihtem Blut, aus Bockpulver, menschlichen Gebeinen, Kinderschädeln, Haaren, Nägeln, dem Fleisch und dem Samen eines Zauberers, mit Stücken von Leber, Milz und Gehirn. Luzifer hat diesem Gemisch noch eine besondere Kraft verliehen. Ich habe den Nonnen giftige Pulver eingeflößt, die Äbtissin und den Bischof von Tournay und alle seine Diener töten wollen. Ich habe dem Pater Michaelis Pulver gegeben, die auf den Magen und auf das Gehirn wirken, dem Pater Domptius Pulver, die eine Läusesucht verursachen, die Vicomtesse Dain unfruchtbar gemacht, die Gräfin Destairres an der Schwindsucht sterben lassen. Ich habe einen Zauber auf die übrigen Nonnen geworfen, der den Geist in Verwirrung setzt und vom Denken abwendet. Ich habe die eine mit Widerwillen gegen ihren Beruf erfüllt, sie so unruhig gemacht, dass sie laut schreien musste, anderen einen Geist der Unzucht, anderen Melancholie, Zorn und Ungeduld in das Herz hineingesetzt. Ich habe mich bemüht, die Beichte zu verhindern, und den Nonnen, welche Buße tun wollten, das Gedächtnis genommen, sodass sie zitternd und stumm am Beichtstuhl stehen mussten.«

Sie gestand weiter, eine Menge von Kindern getötet zu haben, vergiftet, erstickt, ihnen den Schädel an der Wand zerschmettert, sie an den Füßen aufgehängt, sie verbrannt und geröstet, ihre Eingeweide aus dem Leib herausgezogen, sie zerquetscht oder wilden Tieren vorgeworfen zu haben. Sie gestand den Koitus mit Dämonen und Gaufridi, auch Sodomie mit Pferden, Hunden und Schlangen. Die Formel, durch die sie sich dem Teufel verschrieben, war Ich verspreche dir, o Beelzebub, dass ich dir mein Leben, mein Herz und meine Seele mit all ihren Fähigkeiten, alle meine Werke, meine Wünsche, Hoffnungen und Tränen, meine Liebe und all meine Gedanken hingebe. Ich gebe dir meine Sinne, alle Teile meines Körpers, alle Tropfen meines Blutes, meine Nerven, meine Gebeine; selbst wenn ich tausend Leben hätte, so würde ich dir sie geben, denn du bist es wert, du willst es, und ich liebe dich. Ferner erzählte sie, dass ihr Jesus erschienen sei und ihr verkündet habe, dass er die Nonnen beschützen wolle, und die Schläge der Zauberer von ihnen abwenden, dass die Jungfrau Maria sie beschworen habe, wieder zu Christus zurückzukehren. Sie aber schmähte beide; ja bei einem neuen Besuch schlug sie den Erlöser ins Gesicht und versuchte ihn mit einem scharfen Eisen zu durchstechen.

Auch der heilige Dominikus, Bernhard u. A. sind ihr erschienen. Sie hat sie mit ihren eigenen Augen erblickt. Als sie in einem Wutanfall die Schwester Peronne mit einem Messer durchbohren wollte, da traten die Heiligen, den tödlichen Streich abwehrend, herbei. Sie beschreibt Tag für Tag alle Vorgänge der Feste der Teufel mit einem merkwürdigen Zynismus, sodass es unmöglich ist, ihre Schilderungen zu wiederholen; alle dort ausgesprochenen Verwünschungen, Gebete und Litaneien. Die Dreieinigkeit der Hölle besteht nach ihrer Schilderung aus drei Teufeln: Luzifer ist der Vater, Beelzebub der Sohn und Leviathan der Heilige Geist. Sie erzählt vom Antichrist, von dem Gericht, von der Apokalypse. Der Antichrist ist der Sohn einer Jüdin und eines Incubus, und Gaufridi hat ihn auf dem Sabbat getauft. Sie selbst ist seine Pate gewesen und Beelzebub hat ihn als seinen Sohn angenommen. Er heißt: der wahre Messias. Der Sonnabend ist der Sabbat zur Verehrung der Jüdin, welche den Antichrist geboren hat, und dieses Kind spricht alle Sprachen der Welt. Sein Vorgänger (précurseur) ist ein Sohn von Magdalene von Mandol, gezeugt mit ihr von Gaufridi oder Beelzebub. Er ist älter als der Antichrist. Er wird auf der Erde mit einem Gefolge von Teufeln erscheinen, die in menschliche Formen eingehüllt sind, und sie alle werden den Völkern der Erde die Ankunft des Antichristen oder den Aufgang einer neuen Sonne verkünden. Dann wird das Christentum von der Erde verschwinden, die Tempel und Klöster zerfallen. An ihrer Stelle werden sich Synagogen erheben, wo man das Bild des Teufels verehren wird, anbeten in Hohn und Gemeinheit.

Marie de Sains hält sich ferner für schwanger; der Fürst des Sabbats hat sie geschwängert. Schon zwei Kinder hat sie früher geboren, die von Dämonen erzogen werden.

Zuweilen vergoss die Unglückliche Tränen; sie hatte den Wunsch, aber nicht den Mut, sich zu töten. »Es ist fürchterlich«, rief sie aus, »das Bewusstsein Gottes zu haben und sich nicht enthalten zu können, ihn zu schmähen.«

Sie klagt sich an, dass die Liebe des Herrn in ihr erstorben sei. Der Teufel wiederholt ihr unaufhörlich, sie sei von Gott und den Menschen verworfen. Sie bittet Gott flehentlich, ihr zu Hilfe zu kommen, wieder von ihrer Seele Besitz zu nehmen und ihr anstatt des Hasses, der an ihr nagt, wieder Liebe einzupflanzen; aber der Teufel erwidert ihr, ihr Flehen sei unnütz und er werde nicht von seinem Platz weichen.

Die drei Schwestern, welche Marie de Sains angeklagt hatten, waren ebenfalls geistig gestört und litten an Dämonomanie. Von Peronne wird berichtet, dass sie beim Abendmahl sich mehrmals erlaubt habe, ihren Mund von dem Genuss desselben wegzuziehen. Alle drei gaben, wenn sie auch nicht dieselben Täuschungen vorbrachten wie Marie, durch ihre ausschweifenden Fantasien doch den Exorzisten vielfach zu Betrachtungen über den Antichrist, über seinen Vorgänger, über den Sabbat Veranlassung. Marie de Sains wurde ihrer geistlichen Würden entkleidet und bis an ihr Lebensende in den Gefängnissen des heiligen Gerichts in Tournay eingeschlossen.

Kaum war das Urteil über sie gesprochen, als man schon eine zweite Kommission zusammenberief, um über Simone Dourlet zu richten. Auch sie war von den Besessenen angeklagt worden, eine Hexe zu sein, eine Menge von Kindern getötet, den Versammlungen des Sabbats beigewohnt zu haben. Marie de Sains selbst war ihre wütendste Anklägerin. »Ich bin eine Zauberin, ich bin die erbärmlichste Kreatur, die es gibt, ich habe die schrecklichsten Verbrechen begangen«, rief sie ihr zu, »aber gestehe, dass du mindestens ebenso sehr schuldig bist wie ich.«

Simone verteidigte sich mit ruhiger Geistesgegenwart und beteuerte ihre Unschuld; aber bald hatte sie ihren Henkern, die mit unerbittlicher Grausamkeit auf sie losstürmten, nur Tränen entgegenzusetzen. Man warf ihr vor, fortwährenden Umgang mit einem Teufel Namens Luzem zu haben, die Sakramente mit Füßen zu treten, sich mit den Teufeln im Schlamm der Gemeinheit zu wälzen. Man zog sie nackt aus, um die Teufelsmarken an ihr zu entdecken, man stach in ihre Brust, Füße und Hände spitze Nadeln, bedrohte sie mit den Martern der Tortur, mit den Qualen der ewigen Verdammnis. Am sechsten Tag wurde sie beim Eintritt in den Saal des Verhörs von einem allgemeinen Zittern befallen. Sie brach in Tränen aus, verlor ihre Fassung, ließ sich das Sakrament auf den Kopf legen und begann den Anklagen der Wahnsinnigen beizustimmen. Ließ sie sich an diesem Tag von der Macht der das ganze Kloster beherrschenden Ideen unterjochen oder gab sie der Verzweiflung nach, die bei dem Einstürmen auf sie nicht gut ausbleiben konnte, der Verzweiflung, dass Gott doch das Opfer ihrer Ruhe, ihrer Ehre und vielleicht ihres Lebens fordere? Es scheint, dass Simone von einer inneren, gleichsam unwiderstehlichen Gewalt getrieben wurde. »Es scheint mir«, sagte sie, »als sei mir alles im Traum begegnet und dass ich nur Lügen vorbringe. Und doch fühle ich, dass es nicht von meinem Willen abhängt, zu schweigen oder eine andere Sprache zu führen.«

Es kommt dieser innere Widerstreit noch bei einer anderen Nonne aus dem Kloster der heiligen Brigitte vor, die in kurzen Zwischenräumen alles widerrief, was sie in den vorhergehenden Verhören gestanden hatte. Wir haben früher dieselben Erscheinungen schon öfter gefunden. Man kann noch immer annehmen, dass die Bekenntnisse zum Teil frei gewesen seien, wenn sie auch durch die nach einem bestimmten Typus formulierten Anklagen, durch das von Martern und Foltern der Richter unterstützte Hineinexaminieren hervorgerufen wurden, dass die Unglücklichen in dem Augenblick, wo sie ihre Geständnisse ablegten, selbst von der Wahrheit ihrer Frevel überzeugt waren. Es ist das Wesen vieler in dem Gemüt wurzelnden Geistesstörungen (der sogenannten affektiven Krankheiten), dass sie an immerwährenden Gegensätzen sich fortbilden.

Die Krankheit der Nonnen der heiligen Brigitte scheint beinahe zehn Jahre gedauert zu haben. Es waren zum Teil dieselben Ideen, die im Labourd und Bastan geherrscht hatten, zum Teil der Wahn, besessen zu sein. Die meisten konnten lange Gespräche mit den bösen Geistern improvisieren. Mehrere starben, andere schleppten in Schmutz und Elend, von Insekten verzehrt, noch lange ihr sieches Leben hin, von Unwissenden verlacht oder vom abergläubischen Volk als Gottlose verdammt.

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