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Schauernovellen 2 – Das Leichenhaus

Ferdinand Kleophas
Schauernovellen Band 2
Verlag Franz Peter, Leipzig 1843

Das Leichenhaus

Wenn mein Herz an frischen Wunden blutet, tauche ich die tintenschwarze Feder hinein und schreibe; was Wunder, wenn die Geschichte dann traurig wird!
Als ich noch Knabe war, vielleicht erst acht Jahre zählte, besuchte ich zum ersten Mal L. Wie gewann ich doch schon damals diese Stadt so lieb, diese Stadt, die mir später so viele Täuschungen bereitete und mir heute noch teuer ist. Mit welchem Vergnügen entsinne ich mich der täglichen Landpartien, an denen ich teilnehmen durfte. Wie freundlich lächelt mich das Bild der kleinen Selma an, die als Tochter einer befreundeten Familie meiner Verwandten oft meine Gespielin wurde, wenn wir nach dem Dorf Sch… pilgerten und des Abends langsam wieder heimkehrten. Sie war mir hold und ich liebte sie, wie ein achtjähriger Knabe lieben kann, kindisch, aber doch mit Eifersucht. Denn Tränen rollten über des Knaben Wangen, wenn der große Vetter Carl sie meinem Arm entführte und Vetter Albert darüber lachte.
Kurz, Selma war meine erste, wenn auch kindische Liebe.

 

*

 

Jahre vergingen und ich zählte deren einundzwanzig, als ich die Universität L. bezog. Seit jener ersten Liebe zu Selma hatte ich manchem weiblichen Wesen meines Herzens Neigung geschenkt – und hatte mich oft und bitter getäuscht. Aber der kleinen Selma Bild verblasste nicht; es war mit soliden Farben in mein Inneres gezaubert.
Einst sah ich auf einem Ball in der Nähe meiner Verwandten eine blühende Jungfrau sitzen.
»Wer ist sie?«, fragte ich mich leise. »Die solltest du doch kennen?«
Eine dunkle Ahnung erwacht; ich erkenne ein Leberfleckchen, das sie schon ehedem auszeichnete.
Ja sie ist es! Selma, des Knaben freundliche Gespielin, seine liebe, kleine Braut.
Ich weiß nicht, ob sie auch an diesen zärtlichen Namen dachte. Sie errötete, als ich mich ihr näherte.
»Darf ich Sie bitten?«
›Mit Vergnügen.«
Wir flogen in die Reihen der Tanzenden. Mein Arm lag um ihren schlanken Leib. Ihr Busen wogte, mein Herz klopfte.
Aber ihres Busens Wallen kam vom stürmischen Galopp; mein Herzklopfen von der Erinnerung an das Jugendverhältnis.
Bei Tafel saßen wir nebeneinander. Der Champagner floss, die Augen leuchteten. Wir stießen an.
»Der Erinnerung«, sagte ich.
Sie lächelte. Hatte sie mich verstanden? Ich weiß es nicht; aber sie war eine Weltdame geworden. Ich suchte die holde, freundliche Selma. Fade Gecken umschwärmten die erwachsene Jungfrau.

 

*

 

Wiederum sind Jahre vergangen, wohl drei oder vier. Ich war mit den Verwandten zerfallen. Sie mochten es nicht leiden, dass ich mein Herz an eine Frau gehangen habe, die mich aus langer Weile und andere fürs Geld liebte.
Hätte mich doch Selma geliebt; aber sie war eine Weltdame und ich – Libertin geworden. Ich begegnete ihr zuweilen auf der Straße. Sie hatte die Manier meiner Verwandten – sie sah mich nicht. Liederliche Neffen und verschollene Liebhaber sieht man gewöhnlich nicht.
Einst ging ich einer Dame nach. Und weil ich Damen lieber von Gesicht als im Rücken sehe, eile ich ihr voraus. Keck schaue ich ihr unter den Hut.
Es war Selma. Sie sah mich an, errötete und schlug die Augen nieder. Ist sie keine Weltdame mehr, hat sie wieder Interesse an Jugendfreunden gewonnen?
Täusche dich nicht, armes Herz! Frage Amor, frage Hymen, wer wohl Selmas schlanken Wuchs zerstört?
Ach! Also das war ihres Errötens Grund.
Sei glücklich, Selma, und beglücke deinen Gatten.

 

*

 

Nicht Jahre, nur Wochen sind seit dieser Begegnung vergangen. Ich wandelte auf dem Gottesacker, dem Lieblingsspaziergang jener traurigen Gemüter, die gern in ihren Schmerzen wühlen.
Es ist ungewöhnlich lebhaft auf diesem stillen Ruheplatz unserer Lieben. Man steht, geht, läuft, gestikuliert, die Frauen zumal sprechen und rufen: »Unerhört! Schrecklich! Ein so hübsches Mädchen, so brave Eltern!«
»Wie, was?«, plärrt ein altes Weib, »meine Tochter soll mir nicht sagen, sie habe die Wassersucht, wenn …«
»Was gibt es denn, Madame?«, unterbreche ich sie.
Die Alte fühlt sich geschmeichelt, Madame genannt zu sein und erwidert: »Ja, junger Herr, Sie sind gewiss Doktor. Sagen Sie doch da meinen Gevatterinnen, ob sich nicht
unterscheiden lässt, wenn ein Mädchen die Wassersucht hat, oder wenn …«
»Ich bin kein Doktor«, erwiderte ich ärgerlich, weil die Gevatterinnen mich plötzlich in einem Kreis umstanden.
Dem Strom der Menge folgend, gelange ich endlich vor das Leichenhaus. Ich kann nicht eintreten, denn das Gedränge war zu arg. Die Ausrufungen aber sind so lebhaft, dass ich am Ende das Begebnis erfahre.
»Denken Sie«, ruft die eine. Es sind fast lauter Weiber, junge Frauen und Mädchen. »Denken Sie nur, sie hat ihre Umstände bis auf den letzten Augenblick verborgen und ist heimlich …«
»Ach und an einem so hässlichen Ort.«
»Und hat das Kind in die Schleuse geworfen.«
»Grässlich!«
»Glücklicherweise hat man unten geräumt …«
»Ein Plump, ein Schrei – gewiss der erste Schrei des Lebens – hat es gerettet.«
»Unerhört!«
»Die Arbeiter haben das Würmchen, schlammbedeckt, aber lebend, den entsetzten Eltern gebracht.«
»Ach, und die Mutter?«
»Die hat man in Blut schwimmend in ihrem Bett gefunden, wohin die schreckliche Spur geführt hat.«
»Und nun liegt sie da drinnen und soll wieder erwachen.«
»Ach, dass sie nicht wieder erwache zum schmachvollen Leben«, sagte ich. Kalt rieselte es durch meine Glieder.
In diesem Augenblicke tritt eine Gruppe Frauen, die mir den Anblick der Leiche verdeckt hatten, auf die Seite.
»Wie heißt sie denn?«, fragt eine Stimme.
Ehe die Antwort erfolgte, wird mir der Anblick … welche Ahnung, welche Züge! Barmherziger Gott, das Leberfleckchen!
»Selma … heißt sie«, kreischt draußen die Antwort, und ich wanke vernichtet zwischen den Gräbern.

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