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Aus dem Wigwam – Garanga

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig. 1880

Vierzig Sagen
Mitgeteilt von Chingorikhoor

Garanga

nter die Indianer am Sank-Lorenz-Strom kam einst ein junger Mann vom Geschlecht der Blassgesichter, dessen Weisheit und Klugheit ihn zur Würde eines Häuptlings berechtigte. Er war der schönste und größte Mann jenes Stammes und wegen seiner Schnelligkeit und Stärke allgemein geachtet.

Die Mädchen verglichen seine Haut mit der Farbe der Wasserlilie und seine Augen mit dem tiefen Blau des Himmels. Manches junge Mädchen scheute einen langen Umweg nicht, wenn es ihm nur begegnen und sich über seine Schönheit freuen konnte. Unter jenen Jungfrauen zog Garanga, die Tochter eines irokesischen Häuptlings, die Aufmerksamkeit des Jünglings in solchem Grade auf sich, dass er ihr einen Heiratsantrag machte, der auch augenblicklich angenommen wurde. Da ihrem Vater diese Verbindung nur angenehm sein konnte, so wurde auch alsbald die Hochzeit gefeiert.

Als nach einem Jahr ein schöner Knabe im Wigwam des jungen Paares schrie, fragte der Häuptling seine Gattin: »Liebst du deinen Gemahl auch wirklich?«

»Der Große Geist nur weiß es allein, wie sehr ich dich liebe!«

»Freust du dich auch über die hellen Augen und die frischen Wangen unseres Söhnleins?«

»Wie kannst du so fragen? Oft, wenn du schläfst, füllen sich meine Augen mit Tränen, denn der Gedanke, dass es dereinst sterben muss, lässt mich selten den Schlaf finden!«

»Grämt es dich nicht, dass wir, die wir uns so sehr lieben, uns nicht im Land der Geister wiederfinden werden?«

»Du durchbohrst mein Herz, Geliebter! Was sollen diese Reden?«

»Unsere Götter sind nicht dieselben, und das Paradies des weißen Mannes ist weit entfernt von dem des roten!«

»Aber warum willst du dich dort von mir trennen? Du liebst doch die Jagd, und unsere paradiesischen Gründe sind mit dem fettesten Wild überfüllt!«

»Garanga, ich kann dich nicht dahin begleiten. Der Himmel der Christen ist nicht mit dem der Heiden zu vergleichen.«

»Dann gehe ich mit dir, denn die Trennung von dir würde mir jeden Ort zur Hölle machen. Unterrichte mich also, wie ich deinen Gott verehren soll.«

So kam es, dass Garanga die Religion ihres Volkes abschwor und sich ein silbernes Kreuz um den Hals hing. Ihre Eltern gaben sich alle mög­liche Mühe, sie von diesem Schritt zurückzuhalten, aber es war vergebens. Endlich verfiel Mekumeh, ihr Bruder, auf eine List.

Der weiße Häuptling war einstmals auf die Jagd gegangen und war länger als sonst ausgeblieben. Garanga saß auf einer Anhöhe und wartete ängstlich auf den Flintenschuss, der gewöhnlich seine Ankunft verkündete. Endlich hörte sie den Schuss. Als sie sich aber umsah, stand ihr wilder Bruder mit einigen Kriegern neben ihr. Mutter und Sohn wurden gewaltsam in zwei Kanus geschleppt und zu einem entfernten Wald gebracht. Dort banden sie Garanga an einen Baum und setzten den Knaben mit der Weisung, kein Glied zu rühren, zu ihren Füßen nieder. Dann machten sie ein großes Feuer an, kochten ein junges Reh und aßen es. Als sie damit fertig waren und sich noch einmal versichert hatten, dass Garanga sich unmöglich losmachen konnte, legten sie sich nieder und schliefen ein.

Aber den beiden Gefangenen kam kein Schlaf. Als der Knabe alle bewusstlos im Gras liegen sah, schlich er sich leise an seinen Oheim heran, nahm ihm das Messer aus dem Gürtel und schnitt damit die Fesseln seiner Mutter durch. Danach eilten beide geräuschlos ans Ufer, setzten sich in ein Kanu und fuhren in ihrer Heimat zurück.

Bald darauf erwachten die Indianer und verfolgten die Fliehenden. Ehe sie jene indessen einholen konnten, kam der weiße Häuptling zur Rettung der seinen herbei. Nach kurzem Kampf flohen die Feinde. Mekumeh indessen fiel in seine Hände. Die edle Behandlung, die er in seiner Gefangenschaft genoss, ließ ihn seine Vorurteile und seinen Groll gegen die christliche Religion vergessen. Ja, später wurde er der treueste Freund der Weißen und nahm auch ihren Glauben an.

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