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Das Gespenst im alten Schloss – Kapitel II

Das Gespenst im alten Schloss
Oder: Ein Verbrecher verrät sich selbst

II.

Ein herrlicher Morgen brach an. Noch waren erst die Höhen der Berge von den Sonnenstrahlen beleuchtet. Da plätscherte etwas im Wasser, da teilte sich das Röhricht am Ufer, eine rüstige Mannesgestalt sprang, ein totes Reh auf starken Schultern tragend, auf den Feldweg und lief in gebückter Haltung um die Biegung des alten Turmes. Nun erschütterte ein Schuss und ein zweiter die Luft. Darauf folgte ein Hohngelächter und der Verfolger blickte ärgerlich und scheltend nach allen Seiten, ohne den Gegner oder seine Spur zu entdecken. Aber einen Schrei, einen lauten Schrei hatte er auf seine verfehlten Schüsse gehört. Ein Mädchen, das sich ängstlich umsah und besann, ob es wache oder träume, stand dem Jäger gegenüber, der es staunend betrachtete.

Ein paar Augenblicke lang standen sich beide schweigend gegenüber, dann wischte sich der junge Mann, der kaum zwanzig Jahre zählte, den Schweiß von der Stirn und sagte zum Mädchen: »Habt Ihr nicht den Wilddieb gesehen, der dort vom Seeufer heraufgesprungen ist? Hart an Euch muss er vorbei sein. Ist er dort hinüber ins Gebirge oder da hinüber dem Turm zu gelaufen?«

»Ich kann es nicht sagen. Vor Müdigkeit war ich eingeschlafen. Erst Euer Schießen hat mich aufgeschreckt und bin dann daher gesprungen. In der Nähe hörte ich wohl die Zweige aneinander schlagen, weiter aber weiß ich mich nicht zu besinnen.«

»Also wieder entkommen«, rief missmutig der Jäger und ballte die Hand vor Zorn. »Es ist zum rasend werden! Aber wie kommt denn Ihr daher, Ihr müsst wohl den Ort gar nicht kennen, wo Ihr geschlafen habt, denn kein Mensch bleibt da gern in der Nähe, der von diesem Ort weiß.«

»Ach!«, antwortete das Mädchen, »aus der weiten Welt komme ich daher und in die weite Welt führt mein Weg. So geht es jedem, der keine Heimat mehr hat, so wie ich. Ob es unheimlich ist da herum, kann unsereins nicht fragen, aber ich hoffe, in der Jägerei einen Unterstand zu finden.«

»Das wäre wohl möglich, wenn Ihr Euch ausweisen könnt, wo Ihr bisher in Dienst gestanden seid.«

»Bald dort, bald da, aber Zeugnis habe ich keines, doch wird man es mir nicht so glauben, dass ich keine Landstreicherin bin?«

»Wer Euch so ins Gesicht schaut wie ich«, meinte der Jägerbursche, »der dürfte wohl kaum zweifeln, dass Ihr ein ehrliches Herz, ein gutes Gewissen habt, aber der Förster Simon ist gar ein strenger, argwöhnischer Mann, mit dem es sich nicht so leicht spricht, wie man glaubt.«

»Sei es, wie es ist«, sprach das Mädchen, »versuchen muss ich es. Der Förster wird mich doch nicht umbringen. Ich habe keine Auswahl und Furcht auch keine.« Ihr Auge ruhte treuherzig auf dem Burschen, als wollte es ihn bitten, ihren Worten zu glauben. Zuletzt schossen ihr die Tränen in die Augen, sodass sie sich abwenden musste.

Der Jäger warf das Gewehr über die Schulter und trat dem weinenden Mädchen näher, indem er sprach: » Siehe, dort bin ich daheim – in der Försterei – Caspar ist mein Name und ich stehe als Jägerjunge bei dem Förster Simon im Dienst. Der Herr ist wohl streng und oft bösartig aber seine Frau ist die Gutheit selbst. Lasst den Alten reden, wenn er auch schimpft und flucht, dass eine Christenseele erschreckt. Ihr seid doch einmal fürs Erste versorgt und kommt doch unter ein Obdach. Wenn Euch die Leute da herum allerlei Unheimliches und Schlechtes vom alten Schloss und der Försterei vorschaudern, so lasst sie reden und kehrt Euch nicht daran. Es ist allerdings ein verrufener Ort, aber ich habe noch nichts erlebt, was mir Gefahr für Leib und Seele gebracht hätte. So werdet auch Ihr es bei uns aushalten, wenn Ihr nur ein gutes Gewissen habt. Ich führe Euch auf und zweifle keinen Augenblick, dass Ihr in den Dienst kommt, denn Herr und Frau brauchen zufällig eine junge rüstige Magd, da ihnen die Letzte mit einem fremden Kerl durchgegangen ist. Seid ihr einverstanden damit?«

»Nicht nur einverstanden, sondern ich nehme es mit herzlichem Danke an. Wenn Ihr mich unterbringt, mag geschehen, was will. Ich heiße Genovefa – Vefe nannte man mich gewöhnlich – und will mich schon umsehen, dass ich den Gebrauch in der Försterei treffe und dem Dienst ordentlich vorstehe.«

»Dann ist beiden Teilen geholfen,« bemerkte der Jägerjunge. Und mir auch, dachte er sich.

Vefe hatte aber auch den letzten Gedanken: Bin ich einmal beim Förster Simon Magd, so hoffe ich, das zu erreichen, weswegen ich eigentlich den weiten Weg gegangen bin, in diesen öden Ort mich begeben und mir vorgenommen habe, alles zu wagen.

Um von dem Ort aus, wo sie standen, in die Försterei zu kommen, mussten sie wegen Felsen und Gestrüpp einen Umweg machen. Sie kamen dabei ziemlich aufwärts, sodass sie auf den See und den Bogengang des Schlosses sehen konnten.

Vefe blieb stehen und sagte: »Ihr habt freilich vorhin alles Gerede über das alte Schloss als nichts bedeutend erklärt, aber ich habe nicht geträumt und vorher nichts gewusst und doch in der hellen Mondnacht einen geisterhaften Schatten gehen gesehen. Es muss also doch etwas davon wahr sein, was die Leute erzählen. Ich habe ihn so lebhaft gesehen, dass es mich jetzt noch schaudert. Wisst Ihr denn wirklich nichts davon und wohnt doch da unten seit Jahr und Tag?«

»Wisst Ihr, Vefe, von solchen Dingen rede ich nicht gern. Ich verstehe sie zu wenig und habe die Ansicht, dass man sich in hundert solchen Fällen von Geister- und Gespensterspuk neunundneunzigmal täuscht. Leugnen kann ich es aber doch nicht, dass ich einmal auf einer Höhe beim Mondlicht auch so etwas im Schloss gesehen habe. Ich schlich nämlich einem Wilddieb nach und war ihm schon auf zehn Schritte nahe im Waldschatten. Ich schlug den Stutzen auf ihn an und rief: ›Lege ab die Flinte oder ich schieße!‹ Er aber lachte wild auf, deutete auf das Schloss und schrie: ›Hüte dich, Caspar! Sonst holt dich der Geist da unten und dreht dir den Kragen um.‹ Erschrocken blickte ich auf das Schloss und sah in dem vom Mond hell beleuchteten Bogengang einen Schatten wandeln. Mir verging fast Hören und Sehen. Im nächsten Augenblick war der listige Wilddieb verschwunden, aber auch der Geist war nicht mehr zu sehen, denn Wolken verhüllten den Mond. Mit verstörtem Gemüt über den entschlüpften Wilddieb und über die geisterhafte Erscheinung bin ich heimgekommen und konnte in derselben Nacht kein Auge schließen.«

»Und habt Ihr davon nichts zum Förster gesagt und seiner Frau?«

»Das wohl, aber die Frau ist heftig erschrocken, hat sich dreimal bekreuzigt und aus tiefer Brust aufgeseufzt, ohne ein Wort zu sprechen. Der Förster warf mir einen grimmigen Blick zu, schlug ein höhnisches Gelächter auf, schimpfte mich einen versoffenen Tagedieb, warf das Gewehr über die Schulter und eilte in den Wald. Wir haben seither kein Wort mehr darüber verloren.«

»Habt Ihr sonst auch nichts weiter mehr entdeckt?«

»Seither habe ich nichts mehr gesehen. So oft ich versucht habe, von der Försterei oder vom Turm am See unten in den Gang zu kommen, ich habe niemals Einlass gefunden. Und wenn mich der Förster beim Spionieren ertappt hat, hat es allemal ein Donnerwetter und Hundstage für mich gegeben. Ich dachte mir dann: Blase nicht, was dich nicht brennt. Die Försterei hat im ersten Stock nur ein großes Zimmer, wo der Herr ganz allein wohnt und schläft. Die Stiege ist durch ein hölzernes Gatter abgesperrt. Nur die Frau kommt da hinauf, um Ordnung zu halten, sonst hat niemand den Schlüssel dazu. Einmal nur bin ich in den schwarzen Turm gekommen und habe beobachtet, dass eine alte halb verfallene Stiege aufwärts führt, welche an einer Mauer ihr Ende hat. Dabei hat mich der Förster ertappt und es mir unter allerlei Vorwänden derb verwiesen. Das Richtige wird wohl sein, weil die Wilddiebe und mitunter auch Schwärzer im ehemaligen Burgverlies unter dem Turm einen Schlupfwinkel haben.

»Das wäre aber gerade der rechte Posten für Euch als Jäger«, bemerkte das Mädchen.

»Wäre schon recht«, erwiderte er, »wenn alles in der Försterei in Ordnung wäre. Aber der Loisl ist der Anführer von allem und den lässt er tun, was er will. Gegen diesen hat er keinen Mut. Einige sagen, derselbe sei sein leibliches Kind, andere meinen, der Alte hätte einmal mit dem Loisl in Gemeinschaft ein Verbrechen verübt und er halte im Stillen noch immer zu ihm. Doch lass uns heim eilen. Wer weiß, ob es nicht auch Verleumdung ist.«

Aber Vefe stand in Gedanken versunken. Die letzten Worte brachten sie in eine solche Aufregung, dass sie vor sich hin flüsterte: »Verleumdung? Nein, es kann sein, es wird wahr sein. Er ist ein böser, harter, herzloser Mensch und ich denke, er hat eine größere Last auf sich, als ein Christenmensch verantworten kann.«

Caspar hatte etwas davon vernommen und fragte erstaunt: »Wie, kennt Ihr schon den Förster?«

Verlegen, dass sie unüberlegt sich verraten haben sollte, sagte das Mädchen: »Ich, ich habe nur gemeint, dass er etwas auf dem Gewissen haben muss, wenn er Wilddieben und Schwärzern eine Zuflucht gestattet und es Euch verwehrt, sie zu verfolgen, wie es doch seine und Eure Pflicht wäre.«

»Ihr habt wohl recht. Ich kann es auch nicht mehr länger ertragen, dass mir die Burschen keck ins Gesicht lachen und mich verspotten. Entweder muss es anders werden oder ich sage den Dienst auf und suche mir einen anderen Platz. Mir ist nur um die gute Frau leid, die nicht loskommen kann und genug weint. Ihr Leben ist eine Marter, aber sie ist ihrem Mann doch ein treues ehrliches Herz.«

»Hat ihm das Gericht gar niemals einen Anstand gemacht?«

»Seit ich da bin, ist wohl einmal eine Kommission dagewesen, hat alles durchsucht und den Förster, seine Frau und mich scharf verhört, aber ich habe nicht einmal recht entnehmen können, um was es sich handeln soll. Die Fragen betrafen alle den Förster. So viel schien mir klar zu sein, dass es sich um eine große Geldsumme und einen wertvollen Schmuck handelte, der in einem vornehmen Haus verschwunden war, auch um den Nachweis, wo sich der Förster Simon in der und der Zeit aufgehalten habe. Man tat sehr geheimnisvoll. Der Förster konnte sich gut ausweisen und von dem Gesuchten war hier keine Spur. Er erhielt danach eine Ehrenerklärung und seine Gegner wurden als Verleumder bestraft. Seither blieb alles still und kein Mensch wagt es, ihm ein unbeschaffenes Wort zu sagen.«

»Als Verleumder erklärt – o mein Vater!«, flüsterte Vefe in sichtbarer Aufregung vor sich hin. »Verleumder warst du keiner: O hilf mir, Vater im Himmel, damit ich es beweisen kann, dass mein unglücklicher Vater rechtschaffen war! Nun aber wollen wir in Gottes Namen uns in die Försterei begeben«, mahnte sie, zu Caspar gewendet.