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Im Zauberbann des Harzgebirges – Teil 39

Im Zauberbann des Harzgebirges
Sagen und Geschichten, gesammelt von Marie Kutschmann

Die Venediger und der Hirtenknabe

In der Nähe des Weingartenlochs weidete einst ein Hirt seine Kühe.

Da die Sonne so sengend heiß herniederstrahlte, dass selbst das Vieh sich Schutz im Schatten einiger Bäume suchte, legte auch ihr Hüter sich müde hinter ein dichtes Gebüsch. Schon wollten ihm die Augen zufallen, als er Schritte hörte und durch die Zweige spähend ein paar Männer gewahrte, die aus dem Weingartenloch kamen und sich dicht davor auf einen großen Stein setzten. Aus einem Krug tranken sie abwechselnd. Als sie den Hirten in seinem Versteck gewahrten, riefen die beiden, er solle nur kommen und mittrinken.

Anfangs fürchtete sich der Hirte, denn die Männer sahen so seltsam aus, so ganz anders wie die Leute im Harz; doch Räuber schienen es nicht zu sein, dazu waren ihre Gesichter viel zu gut und freundlich. Da fasste denn der Hans sich ein Herz. Ein wenig neugierig war er doch, was wohl der Krug enthalten mochte. Und so trat er näher heran. Die beiden hießen ihn sich setzen und tranken dem Hirten so wacker zu, dass ihm ganz schwindlig wurde. Als die Männer darauf fortgehen wollten, legte Hans sich wieder hinter seinen Busch und schlief bald darauf ein. Als er aber erwachte, erschrak er heftig, denn es war schon Dämmerung um ihn her. Wo mochten nur seine Kühe sein? Er wollte aufspringen und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Doch was war das? Da sah er plötzlich, dass er nicht mehr auf dem Rasen, sondern in einem kostbaren Bett lag, welches in einem wunderschönen Zimmer stand. Vor seinem Lager, auf samtenem Stuhl, lagen prächtige Kleidungsstücke. Da seine Hirtenkleidung verschwunden war, musste Hans wohl oder übel die prachtvolle Gewandung anziehen. Als er dann fertig angekleidet sein Bild in dem großen Kristallspiegel erblickte, erkannte er sich selbst kaum wieder, so vornehm und stattlich sah er aus. Doch was nun beginnen? Keine menschliche Seele ließ sich blicken. Der Hirte war doch begierig zu erfahren, was eigentlich mit ihm vorgegangen sei. Leise pochte er an die Tür. Gleich darauf erschien ein Mädchen, das ihn schweigend durch mehrere Prunkgemächer und dann hinab auf einen weiten Flur führte. Nun erkannte Hans, dass er sich in einem großen Kaufmannshaus befand. Hinter dem Ladentisch aber saßen die beiden Männer, mit denen er getrunken hatte.

Wie der eine Hans erblickte, trat er zu ihm, wünschte ihm einen Guten Morgen und sagte, er solle ihm folgen. Dann sprach er kein Wort mehr, führte den Hirten aber durch eine Stadt, worin die prächtigsten Häuser und Kirchen standen, sodass Hans ganz verblüfft war von all dem Schönen, das er zu sehen bekam. Sein Führer sagte ihm, das sei Venedig. Danach zeigte der Fremde ihm auch noch das ganze Haus, in dem er geschlafen hatte. Und der einfache Hirt kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Als das der Kaufmann sah, fragte er, ob er Lust habe, bei ihm zu bleiben, oder ob er lieber in seine Heimat zurückzukehren wünsche.

Da antwortete Hans, dass es ihm in der prächtigen Umgebung zwar außerordentlich gut gefalle, dass er sich trotzdem aber sehr zu seinen Eltern zurücksehne.

Die Antwort schien dem Mann zu gefallen, denn mit freundlichen Worten versprach er für Hans’ Rückkehr zu sorgen, gab ihm außerdem die Erlaubnis, sich aus dem Kaufmannshaus etwas mitzunehmen, was ihm besondere Freude mache. Wenn er seinen Rat befolgen wolle, solle er einen goldenen Hirsch oder einen goldenen Hasen wählen.

Da entschloss sich der Hirt für den goldenen Hasen. Er erhielt außerdem noch einen grauen Stein, vor welchem, wie der Venediger sagte, sich die verborgenen Räume des Weingartenlochs auftun würden. Ihn hindere dann nichts, mit Schätzen beladen die Höhle zu verlassen. Hierauf musste Hans wieder das kostbare Bett besteigen und, kaum ausgestreckt, war er schon fest eingeschlafen.

Als er erwachte, lag er in seinem alten Zeug hinter dem Gesträuch, wo ihn gestern der Schlaf übermannt hatte; aber den goldenen Hasen und den grauen Stein hatte er neben sich.

Gleich sah er nach seinen Kühen; aber die waren alle fort. Als er im Dorf Osterhagen ankam, erzählten ihm die Leute, dass sie am gestrigen Tag jeder sein Vieh hätten zusammenholen müssen. Es sei ihnen so vorgekommen, als habe es jemand auseinander getrieben. Auch der Kuhhirte fand seine Tiere an den verschiedensten Orten verstreut.

Den Hasen hat Hans später verkauft und zweitausend Taler dafür bekommen. Mit dem Stein wollte er nun auch ins Weingartenloch gehen. Und da sein bester Freund Lust hatte, mit hinabzusteigen, schlug der Hirt den Stein auseinander und gab seinem Kameraden die eine Hälfte. Der aber verlor Hans in der Finsternis und war so töricht, den Stein fortzuwerfen. Nun konnte er nicht zurückfinden und kam in der Höhle elendiglich um.

Der Hirt aber hat seinen Stein sorgsam gehütet, ist mit Schätzen reich beladen zurückgekommen und später noch oftmals im Weingartenloch gewesen.

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