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Aus dem Wigwam – Das Mädchen und der Vogel

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig. 1880

Vierzig Sagen
Mitgeteilt von Chingorikhoor

Das Mädchen und der Vogel

etontuaga, ein Häuptling der Tuscarora, lag in einer Nacht im Monat der reifen Beeren in seinem Wigwam und konnte keinen Schlaf finden, obwohl er den Schlafgott mehrmals inbrünstig darum ersucht hatte. Da bemerkte er plötzlich, dass ein fremder Häuptling in vollem Kriegsschmuck leise wie der Fall des Schnees in seine Hütte trat und ihn mit vielfragenden Blicken anstarrte. Augenblicklich sprang er auf und griff nach seinem eschenen Bogen. Doch als er den Pfeil darauf gelegt und eben abdrücken wollte, war die Gestalt spurlos verschwunden. Er ging hinaus und weckte die anderen Krieger in seiner Nachbarschaft, aber keiner hatte von einem fremden Eindringling weder etwas gesehen noch gehört.

Danach wickelte er sich in seine Büffeldecke und legte sich abermals nieder. Nach kurzer Zeit erschien der geheimnisvolle Krieger wieder. Tetontuaga betrachtete ihn dieses Mal etwas genauer. Er war noch ein halb mal so hoch wie der höchste Mann der Irokesen und seine schwarzen Augen waren größer als die des Büffels, aber so glanzlos wie die eines Toten. Um seine Schultern hatte er ein eigentümlich gefärbtes Tuch geschlungen und am Hals mit einem glänzenden Stern befestigt. Seine Mütze bestand aus einem Tierfell, wieder nie ein ähnliches gesehen hatte. Seine Sprache war fremd, aber dem Tuscarora-Häuptling doch verständlich. Er erzählte von den Allegewi, wie sie von den Vorvätern der Irokesen besiegt und in eine Gegend getrieben worden seien, über die nur der große Geist und die Manitus Auskunft geben könnten. Dann beschrieb er ein Volk von Zwergen und eins von Riesen, deren Gräber man noch überall bemerkte.

Danach kam er auf ein anderes Thema und erzählte vom Land der Seelen, das die Guten nach dem Tod bewohnten.

Endlich gab er folgende Geschichte zum Besten:

Es war in einer mondhellen Nacht, als ein Jüngling und eine Jungfrau erschöpft aus dem Wald traten.

»Ruhe dich aus«, sagte er, »denn nun sind wir gerettet. Unser Pferd hat uns pfeilschnell durch das Dickicht getragen. Deine Brüder und dein Vater werden wohl ohne dich zurückkehren müssen. Setze dich ruhig hin. Ich werde mich inzwischen nach einem Kanu umsehen, das uns über den Fluss vor uns bringen soll.«

»O, bleibe hier«, seufzte das Mädchen darauf, »denn deine Abwesenheit erfüllt mein Herz mit Furcht und Sorge.«

»Es droht dir nun keine Gefahr mehr. Bald werden wir in meiner Heimat und bei meinen Brüdern sein!«

Danach ging er ans Ufer und war ihr bald war aus den Augen entschwunden. Eine Wolke verhüllte den Mond, und die Tränen des ängstlichen Mädchens flossen in Strömen. Doch sobald die Wolke vorüber war, stand auch ihr Geliebter wieder vor ihr und sprach: »Beeile dich, geliebte Mekaia, das Boot steht bereit!«

Sie setzten sich hinein und fuhren ab. Da er weder Segel noch Ruder gebrauchte, so sagte das Mädchen: »Merkst du nicht, dass wir dem schrecklichen Oniagara zufahren?«

»Beruhige dich, Geliebte, ich bringe dich sicher ans Ufer!«

Mekaia schwieg. Immer schneller ging es stromabwärts.

»Sage mir doch«, rief sie zitternd nach einigen Minuten, »wohin führst du mich? Wir entfernen uns immer mehr und mehr vom Ufer. Der Donner kommt doch nicht vom Himmel, an dem ja doch keine einzige Wolke steht!«

»Sei ruhig, Mekaia, dein Geliebter leitet das Kanu!«

Sie fuhren weiter und lauter tönte der Wasserfall. Das Boot flog pfeilschnell, und Mekaia rief: »Geliebter, wir fahren ins Land der Seelen! Nur der Große Geist kann uns noch retten!«

»Wenn er es auch wollte«, erwiderte der Jüngling, »er könnte es nicht und wenn ihm alle Manitus der Welt behilflich wären!«

Sie sank an seine Brust und erwartete den Tod. Da wurde der Manitu des Kataraktes auf dem von Wellen umtobten Felsen sichtbar und freute sich seines Opfers. Kurze Zeit darauf verschwand das Kanu.

Als der Jüngling wieder zu sich kam, fand er sich in einer hohen Felsenhöhle, in der ihm ein leuchtender Vogel als Wegweiser vorausging. Die Wände glitzerten wie Eis und auf dem blendenden Boden lag eine hilflose Frau, neben welcher der hässliche Manitu von Oniagara kniete.

»Schöne Mekaia«, sprach er, »der mächtige Geist des Kataraktes bittet um deine Liebe. Alle Diamanten und alles Gold der Tiefe bietet er dir zum Geschenk an. Auch wird er eine schönere Gestalt annehmen und dich nur mit Gewalt freien, wenn du seinen Antrag verschmähst!«

Darauf verließ er das Felsenzimmer und der Vogel mahnte zur schnellen Flucht. Sie folgten seinem Wink und waren am Ufer, ehe der grimme Manitu ihre Flucht entdeckt hatte und ihnen nacheilen konnte. Er reckte seine riesigen Hände nach ihnen aus, aber sie hatten die Grenze seines Reiches bereits überschritten. Da er derselben nicht achtete, so fiel er in die Hände der guten Geister, die ihn knebelten und den Wasserfall hinunterstürzten.

Der Geistervogel verlor sich danach wieder in der Höhe. Die beiden Liebenden begleiteten ihre Retter in ihre Heimat, dem See der tausend Inseln.

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