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Nick Carter – Das Entführungssyndikat – Kapitel 5

Nick Carter
Das Entführungssyndikat
oder: Nick Carter gegen das Syndikat
Kapitel 5

Chick ist völlig erledigt

Chick Carter war verblüfft.

Wo war der Verdächtige so schnell hingegangen? Nicht aus dem Fenster hinaus, denn das war geschlossen und verriegelt. Nicht durch den Fußboden, denn der war intakt, ebenso wie die Decke. Dasselbe galt für die beiden verputzten Wände.

Da er nicht an schwarze Magie glaubte, wandte sich Chick natürlich in die einzige andere Richtung, um eine Erklärung für das blitzartige Verschwinden des Mannes zu finden – zu der Tafel, die die einzige verbliebene Wand vollständig bedeckte.

Ihre gesamte Oberfläche war mit kleinen, mit weißer Farbe markierten Rechtecken gesäumt, die inzwischen grau und undeutlich geworden waren. Fast alle Räume enthielten mit weißer Kreide geschriebene Figuren, und Chick erkannte schnell, dass es sich um ausländische Kursnotierungen handelte, an denen die Kunden der Firma nur ein gleichgültiges Interesse hatten. Es war ebenso offensichtlich, dass der Raum nur selten benutzt wurde.

Chick sah auch etwas Bedeutenderes – dass die Figuren in einem der Rechtecke teilweise ausradiert waren, sodass ein Kreidefleck und der Abdruck einer Männerhand zurückblieben. Als er sich beeilte, es genauer zu untersuchen, stellte er eine zweite Entdeckung fest – dass die Tafel einen Riss hatte, der parallel zu einer der gemalten vertikalen Linien verlief, wodurch sie fast unmerklich war.

Chick drückte sofort verdächtig seine Hand auf die teilweise ausgelöschten Figuren und stellte fest, dass ein Teil der Tafel leicht nachgab und er dann die Fingerspitzen in den Riss einführen konnte.

»Bei Jupiter, hier ist eine Geheimtür«, sagte er zu sich selbst. »Damit ist das Geheimnis gelüftet. Das war der Weg, den der Bursche ging.«

Als er den beweglichen Teil des Brettes nach außen zog, stellte Chick fest, dass es auf Scharnieren schwang, eine Tür, die so kunstvoll konstruiert war, dass man sie kaum sehen konnte, wenn sie geschlossen war,

Auf der Rückseite befand sich eine zweite Tür mit einem Abstand von etwa 15 cm zwischen den beiden, der Dicke der Wand und den Holzarbeiten. Es war eine fest verschlossene Eichentür, und Chick schloss zu Recht daraus, dass sie sich in einen angrenzenden Raum öffnete.

In eine tiefe Hocke gehend, spähte er durch das Schlüsselloch. Er bemerkte das Glühen eines elektrischen Lichts, und die Stimmen der Männer waren schwach zu hören. Noch näher heran pressend, blickte er auf die gegenüberliegende Wand des Raumes, auch einen Arm und eine Schulter des Mannes in einer Botenuniform, und konnte das Gesagte unterscheiden.

»Nan wird es schon schaffen, na gut, glauben Sie mir«, sagte der Mann.

»Wann hast du sie verlassen?«

Die Stimme des Fragestellers war kalt, unheimlich und knallhart.

»Vor einer Stunde, nachdem sie das Mädchen nach Ihren Anweisungen angezogen hatte. Sie schickte mich, um Ihnen mitzuteilen, dass sie die Dinge in Ordnung gebracht hat, und um zu sehen, ob das Mädchen sich gut macht.«

»Glauben Sie, sie ist es?«

»Aber sicher! Sie ist gerade bei ihrem Vater.«

Bei Jupiter, das Mädchen, von dem sie sprechen, ist Claudia Morton, dachte Chick. »Sie haben sie reingelegt, was? Es gibt also einen Job, zu dem ich besser einen Hinweis geben sollte.«

»Ich habe sie vor fünf Minuten in sein Büro gehen sehen«, fügte der Kollege schnell hinzu. »Was aber für uns nicht so schlimm ist, wenn ich mich nicht irre, war ich nicht der Einzige, der sie gesehen hat«.

»Was meinst du?«, kam die Frage, so schnell wie ein Blitz.

»Ein anderer Mann hat sie beim Betreten des Gebäudes beobachtet, als sie zum Büro ihres Vaters kam.«

»Ein anderer Mann? Jemand, den Sie kennen?«

»Nicht das ich wüsste.«

»Woher weißt du, dass er sie beobachtet hat, Murdock?«

»Ich war die ganze Zeit in seiner Nähe. Er behielt sie im Auge, bis sie den Aufzug nahm. Danach rannte er nach oben, um zu sehen, ob sie sie auf diesem Stockwerk liegen ließ. Ich war klug, in Ordnung – was ist los? Ist es so schlimm?«

Der andere Mann hatte ein Grollen, einen halb erstickten Schwur, abgelassen und war auf die Füße gesprungen. Chick hörte, wie er einen Stuhl zurückschleuderte, hörte, wie er einige Momente lang heftig hin- und her geschritten war, und erhaschte dann einen kurzen Blick von ihm, als er durch das Schlüsselloch in Reichweite kam.

»Heiliger Bimbam!«, kam es Chick in den Sinn. »Manuel Vasca!«

Er war nicht zu verwechseln, auch nicht mit einem flüchtigen Blick. Sein finsteres, dunkelhäutiges Gesicht, seine dunklen Brauen, seine durchdringenden schwarzen Augen, sein Bulldoggenkiefer und sein dünner, grausamer Mund, seine kompakte, muskulöse Gestalt, die sich dann in bedrohlicher Hocke verneigte, als die vermischte Angst und Wut des geschürten Verdachts auf ihn zukam – nein, man konnte ihn nicht verwechseln mit jemandem, der Manuel Vasca unverkleidet und in seiner schlimmsten Form gesehen hatte, wie die Carters ihn gesehen hatten.

»Es ist schlimm genug«, knurrte er mit unterdrückter Grausamkeit auf Murdocks lapidare Frage. »Warum sollte jemand sie beobachtet haben? Welcher Mann kann zu diesem Zeitpunkt ein Interesse an ihr gehabt haben? Bleiben Sie – beschreiben Sie ihn! Welche Art von Mann?«

»Oh, er ist nicht so ein großer, was das Aussehen betrifft«, antwortete Murdock. »Ein aufrechter, stämmiger Kerl, mittlerer Teint, mit braunem Schnurrbart und Ziegenbart.«

»Ein Kinnbart-bah!«, knurrte Vasca. »Wer trägt heutzutage noch einen Spitzbart? Nur ein Mann unter Millionen. Es steht also eins zu einer Million, dass es nicht seiner war – dass er verkleidet war.«

»Das stimmt, du gerissener Schurke, und jetzt ist es in meiner Tasche«, dachte Chick.

»Verkleidung!« Murdock echote und glotzte. »Du glaubst doch nicht …«

»Ich denke«, sagte Vasca und unterbrach. »Ich glaube, er war alles, was Sie sich vorstellen, und noch mehr! Ich glaube, er war ein Detektiv, möglicherweise einer der Carters. Wer sonst hätte sie beobachtet? Wen müssen wir noch fürchten? Er hat Sie vielleicht beobachtet, ebenso wie das Mädchen, und ist Ihnen vielleicht gefolgt.«

»Verfolgte mich – große Geschütze!«, rief Murdock aus. »In diesem Fall …«

»Schweigen Sie!«, befahl Vasca scharf und huschte zu einem Schreibtisch, an dem er gesessen hatte. »Nehmen Sie meine Anweisungen entgegen. Wir müssen uns vergewissern. Ziehen Sie diese Verkleidung an und schleichen Sie auf dem Weg hinaus, den Sie betreten haben. Sehen Sie nach, ob er an Dudleys Platz ist oder noch immer auf dem Korridor beobachtet. Wenn er …«

Großer Schotte! Das ist ein Fluchtweg für mich, dachte Chick, ohne darauf zu warten, mehr zu hören.

Angesichts dessen, was er entdeckt und bereits gehört hatte, sah er seine sofortige Flucht als zwingend notwendig an. Er zog sich durch die Tafeltür zurück und war im Begriff, die Tür zu öffnen und wieder zu schließen, als er durch das plötzliche Klicken eines Schlosses, gefolgt von einem scharfen, bedrohlichen Befehl, vernahm.

»Hände hoch, junger Mann, und seien Sie still! Was machen Sie da?«

Chick fuhr herum. Die Tür, durch die er den Raum betreten hatte, war geschlossen und verriegelt worden. Ein großer, rot gekleideter, mächtiger Mann von fünfzig Jahren stand, finster blickend und mit einem Revolver auf den Kopf des Detektivs gerichtet, im Raum und versperrte ihm den Weg.

»Hände hoch und antworten Sie mir«, fügte er ernsthaft hinzu. »Was machen Sie da?«

Chick war sich der plötzlichen, ernsten Wendung der Dinge und der Notwendigkeit der Eile bewusst, packte den Stier bei den Hörnern und versuchte, sich zu rechtfertigen.

»Warten Sie, Sir; schießen Sie nicht«, bat er und gab vor, sehr beunruhigt zu sein. »Richten Sie die Waffe in eine andere Richtung. Ich bin weder ein Gauner noch mache ich etwas Unrechtes.«

»Ist das so?«, höhnte der andere ungläubig.

»Ja, exakt zutreffend«, beteuerte Chick.

»Hände hoch, sonst brauchen Sie einen Leichenbestatter. Was haben Sie an dieser Tür gemacht?«

»Ich war nicht an der Tür, Sir. Ich sah eine Kante der Tafel hervorstehen und dachte, sie sei weggebrochen. Ich versuchte nur, sie zu reparieren, als ich feststellte, dass ein Teil der Tafel in Türangeln schwang. Das ist alles, Sir, ehrlich. Ich werde sofort verschwinden, Sir, und …«

»Sie bleiben genau da, wo Sie sind«, sagte der Mann mit der Waffe. »Ob Sie am Leben bleiben oder tot sind, liegt bei Ihnen. Ich habe genug von Ihren Taten gesehen, um diese Geschichte zu widerlegen. Sie haben an der Innentür gelauscht und durch das Schlüsselloch geschaut.«

»Sagen Sie! Sie würden dafür doch keinen Kerl erschießen, oder?«, fragte Chick kühl.

»Nein. Aber ich würde ihn erschießen, wenn er sich bewegt, nachdem ich ihm befohlen hatte, stehen zu bleiben.«

»Man würde Sie im Vorzimmer hören und verhaften, bevor Sie fliehen könnten.«

»Und würde behaupten, dass ich Sie für einen Gauner halte, der in diesen Raum eingebrochen ist. Das würde mich entlasten, in Ordnung. Wenn Sie sich bewegen, schieße ich, glauben Sie mir.«

»Ich würde lieber den Blick in Ihre hässlichen Augen richten«, erwiderte Chick und sah deutlich, dass der Mann meinte, was er sagte. Dann fügte er ungeduldig hinzu: »Was wollen Sie denn überhaupt machen? Mich hier stehen lassen wie ein hölzernes Zigarrenschild. Kommen Sie mit nach draußen und regeln Sie das.«

»Wir regeln das drinnen.«

»Drinnen?«

»Ich werde Ihre Neugierde auf diesen Raum befriedigen und gleichzeitig herausfinden, wer Sie sind«, warf der Mann ein. »Gehen Sie zurück! Ich nehme Sie nicht beim Wort. Gehen Sie zurück zur Tür. Ich werde sie schon öffnen.«

Chick hatte keine vernünftige Alternative. Er zog sich zurück, bis seine Schultern fast die Eichentür jenseits der Tafel berührten.

Zur gleichen Zeit rief der Mann mit der Pistole heftig: »Murdy! Hilf mir hier mal, Murdy.«

Murdock öffnete die Tür fast sofort von innen.

Chick Carter ging sofort ein verzweifeltes Risiko ein. Er dachte, es könnte noch eine andere Tür in dem Raum geben, durch die er möglicherweise entkommen könnte, und warf sich rückwärts gegen Murdock, packte ihn schnell und wirbelte ihn herum, um als Schutz vor den Kugeln des anderen zu dienen, falls er schießen sollte, und griff gleichzeitig nach seinem eigenen Revolver.

Es war ein mutiger Schritt, typisch für Chick, und er hätte mehr Erfolg verdient, als ihm widerfahren ist. Denn es erwies sich als völlig aussichtslos, denn sowohl Murdock als auch Vasca hatten während des kurzen Interviews an der Tür gelauscht, jeder mit einer Waffe, die für den offensichtlichen Notfall gezogen wurde.

Als Chick nach hinten sprang und sich mit Murdock herumschlug, sprang Vasca einfach zur Seite, mit einem Blick von satanischer Entschlossenheit auf seinem dunkelhäutigen Gesicht. Als Chick sich umdrehte und Murdock packte, ergriff Vasca den Lauf seines Revolvers und versetzte dem Detektiv einen einzigen, heftigen Schlag auf den Hinterkopf.

Es war nur ein solcher Schlag nötig. Die angespannten Muskeln Chicks erschlafften, als ob sie plötzlich gelähmt wären. Seine Knie knickten unter ihm zusammen, und er sank sinnlos auf den Boden, träge wie ein Sandsack.

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