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Review: Wer zuletzt lacht …

Alfred Wallon
Wer zuletzt lacht …
Eine Horror-Kurzgeschichte
Erstveröffentlichung auf dem alten Geisterspiegel am 15. Januar 2007

Meine Laune sank auf den sprichwörtlichen Nullpunkt, als ich im Autoradio die Verkehrsnachrichten hörte. Ein Stau auf der A 5 in Richtung Kassel – und das schon kurz hinter Bad Homburg. Wie jeden Abend um diese Zeit!

Als ich dann noch erfuhr, dass der Stau jetzt schon eine Länge von 10 Kilometern hatte, beschloss ich, erst gar nicht auf die Autobahn zu fahren, sondern den Weg über den Taunus nach Bad Nauheim zu nehmen. Aber diese Idee hatten außer mir noch etliche andere Autofahrer. So kam es kurz nach der Abfahrt Bad Homburg erneut zu einem Stau, was mich fast wieder eine Stunde Zeit kostete.

Den Termin mit der Ärztin konnte ich nun vergessen. Ich rief sie vom Handy aus an, um ihr zu sagen, dass es später werden würde; nur um dann zu erfahren, dass durch diese Verspätung kein weiteres Gespräch mehr erforderlich war. Manche Kunden reagieren eben so. Erst recht in der Pharmabranche, wo man öfters auf gereizte Ärzte trifft …

Seufzend fuhr ich auf einen der Parkplätze der gemütlichen Kneipe Postwagen. Hier hätte ich ohnehin noch einmal vorbeigeschaut – nach meinem Termin, um den Tag vernünftig ausklingen zu lassen und später noch einmal mit Jürgen zu telefonieren. Ich rief ihn immer abends an, wenn ich auf Geschäftsreise war, weil ich wusste, dass sich Jürgen darüber freute und ich ihm auf diese Weise zeigen wollte, dass ich immer an ihn dachte.

Wir sahen uns leider fast immer nur am Wochenende. Mein Job verlangte von mir häufige Geschäftsreisen, und Jürgen hatte das notgedrungen akzeptieren müssen. Denn ich hatte die letzten beiden Jahre sehr hart gearbeitet und alles andere erst einmal als zweitrangig betrachtet. Aber ohne das Jürgen spüren zu lassen. Denn er war ein verständnisvoller und auch sehr zärtlicher Partner, der mir einen guten Rückhalt und die Stärke gab, die ich in meinem Aufgabenbereich auch täglich beweisen musste.

Er selbst hatte auch einen gut bezahlten Job in Hannover, den er niemals aufgegeben hätte. Deshalb hatten ein Umzug und eine berufliche Neuorientierung von Anfang an nicht zur Diskussion gestanden. So tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass unsere Beziehung durch diese Entfernung immer wieder neu belebt wurde und nicht so schnell abflauen würde.

Wenige Meter von der Kneipe entfernt fand ich einen freien Parkplatz und saß nur kurz darauf schon an einem der Tische und bestellte mir einen Chefsalat und einen lieblichen Wein. Ich hatte nun wirklich Hunger und freute mich darauf, zumindest die nächste Stunde hier draußen gemütlich zu sitzen, den Sonnenuntergang zu genießen und den Tag dabei noch einmal Revue passieren zu lassen.

Natürlich bemerkte ich die Blicke einiger Männer an den Nachbartischen, die mich schon längst registriert hatten. Ich wusste, dass ich gut aussah mit meinen blonden glatten Haaren und der modischen Kleidung.

Ich kannte solche Blicke, aber sie interessierten mich nicht. Ich liebte Jürgen wirklich von ganzem Herzen und hatte deshalb keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es jemals anders sein könnte. Darum war ein One-Night-Stand für mich niemals ein Thema gewesen. Auch wenn es viele Kollegen und Kolleginnen in meiner Branche gab, für die so etwas fast schon zum guten Ton gehörte.

Während ich auf das Essen wartete, hörte ich an einem der Nachbartische plötzlich ein helles Lachen. Ich wusste selbst nicht, warum ich kurz den Kopf wandte und hinüberschaute. Es war eine junge attraktive Frau mit langen schwarzen Haaren und einer sportlichen Figur, die mit einer Freundin zusammen am Tisch saß. Sie lachte erneut und fuhr sich dabei durch die widerspenstige Mähne. Allein diese Geste hätte ausgereicht, um so manchen Mann schwach zu machen. Ich bemerkte das, aber es war nur eine winzige Momentaufnahme für mich. Irgendwie war ich auf einmal aber trotzdem neugierig geworden.

»… ich sage dir, er ist absolute Spitzenklasse«, hörte ich die Stimme der Schwarzhaarigen. »So etwas habe ich noch nie erlebt. Zärtlich und leidenschaftlich – und er hat eine Ausdauer, die mich förmlich schwach macht …«

»Wie lange kennst du ihn schon?«, fragte nun die andere Frau. »So habe ich dich ja noch nie schwärmen sehen …«

»Jürgen ist es wert, Dagmar«, kam dann die Antwort, und ich zuckte zusammen. »Er kennt eine Menge Dinge, die eine Frau träumen lässt. Sein Körper ist durchtrainiert. Er hat nur eine kleine Narbe an der rechten Schulter. Ein Motorradunfall vor einigen Jahren …«

Auf einmal wurde mir schwarz vor den Augen und meine Hände begannen zu zittern. Mir war übel, ich hätte mich beinahe übergeben. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf, während der Kellner mein Essen brachte und auf dem Tisch abstellte. Aber ich hatte auf einmal keinen Hunger mehr – von einer Sekunde zur anderen!

Ich wollte gar nicht wahrhaben, was ich da gerade gehört hatte. Und doch war es die bittere Wahrheit.

»Ist er verheiratet?«, fragte die Freundin der Schwarzhaarigen. »Das sollte man schließlich wissen – selbst wenn es nur eine längere Beziehung sein sollte. Oder dachtest du nur daran, dass …?«

»Es ist mehr als das – ich muss immer an ihn denken. Selbst jetzt hier …«, hörte ich dann die Antwort, die mich schockierte. »Aber es ist nur eine Wochenendbeziehung mit Jürgens Frau. Im Moment ist sie auch wieder in Südhessen unterwegs. Sie arbeitet für einen Pharmakonzern im Außendienst. Irgend so eine Karrieretussi. Was weiß ich? Wenn ich in seinen Armen liege, redet Jürgen nicht von ihr. Ich wünschte, ich wäre jetzt noch in Hannover bei ihm.«

»Wann siehst du ihn wieder?«

»So schnell wie möglich«, kam prompt die Antwort. »An diesem Wochenende kommt Jürgens Frau wieder zurück. Aber gleich am Montag muss sie schon wieder los nach Hamburg. Soll sie nur. Ich werde mir die Zeit mit Jürgen auf bessere Weise vertreiben. Verlass dich drauf.«

Erneut musste sie lachen, und ihre Freundin schloss sich an. Die beiden hielten das wohl für eine tolle Sache. Einerseits hätte ich nun aufstehen, zu der Schwarzhaarigen gehen und sie zur Rede stellen sollen. Aber meine Gedanken kreisten ausschließlich um Jürgen und um den Verrat, den er begangen hatte. Nur durch eine Laune des Zufalls hatte ich davon erfahren. Aber vielleicht war es ja gar kein Zufall, dass ich in den Stau geraten war, deshalb eine Umleitung hatte nehmen müssen und dann hier in Bad Homburg gelandet war.

Die Welt ist klein, grübelte ich vor mich hin und hatte Mühe, meine Tränen angesichts dieser Katastrophe zurückzuhalten. Und manchmal zerbricht sie in tausend Scherben. Selbst wenn sie noch so perfekt für mich war.

Ich winkte den Kellner herbei und zahlte die Rechnung. Verwundert registrierte der Mann, dass ich das Essen gar nicht angerührt hatte. Aber ich hatte keine Lust auf eine solche Diskussion, sondern stand rasch auf und verließ die Kneipe. Meine Blicke streiften die Frau nur ganz kurz, die meine heile Welt zum Einsturz gebracht hatte.

Ausgerechnet Jürgen spielte dieses gemeine Spiel auch noch mit. Alles hinter meinem Rücken! Mein Gott, was für eine niederträchtige Sache!

Ich stieg in mein Auto und fuhr einfach los. Auch wenn es noch Stunden dauern würde, bis ich in Hannover war. Wahrscheinlich würde ich erst um Mitternacht dort ankommen. Das spielte aber keine Rolle für mich. Denn ich brannte förmlich darauf, Jürgen gegenüberzustehen und ihm einige Fragen zu stellen. Oh ja, ich freute mich auf seine völlig überraschten Blicke und wie er sich dann verzweifelt bemühen würde, eine passende Erklärung für all das zu finden, was ich ihm ins Gesicht schreien würde!

 

*

 

Zwei Jahre sind seitdem vergangen, und ich habe mich mittlerweile an die Einsamkeit dieser engen Zelle gewöhnt. Ich schaue sehr oft durch das kleine vergitterte Fenster hinaus auf die Straßen der nächtlichen Stadt, die so nahe und dennoch unendlich weit entfernt sind. Aber im Grunde genommen ist es mir gleichgültig, weil es keine Rolle mehr spielt.

Alles, an was ich mich noch erinnern kann, ist diese entscheidende Nacht, in der ich in einem tranceähnlichen Zustand durch die nächtlichen Straßen meines Wohnviertels lief, bis mich eine Polizeistreife aufgriff. Ich weiß nur eines ganz bestimmt: Jürgen hat keine zweite Gelegenheit mehr, mich noch einmal zu betrügen. Denn die Medikamente meiner Firma sind äußerst wirksam, wenn man sie in diesen Mengen dosiert.

Sie haben mich zwar erwischt, aber für mich ist nur noch wichtig, dass sich meine Rache erfüllt hat. An dem Mann, den ich zu lieben glaubte und der mich auf so schreckliche Weise getäuscht hat.

Manchmal glaubt man eben, dass ein solch gemeines Spiel nicht auffliegt. Jürgen hat es am eigenen Leibe erfahren müssen, dass dem nicht so war.

Ich bin es, die nun lacht – auch wenn das Echo dieses Gelächters meine Zellennachbarn schon manche Nacht gestört hat.

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