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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 57

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

57. Wie Rübezahl armen Leuten übers Gebirge hilft.

Ja, die Leute aus den großen Städten und da unten aus dem Land herauf, glauben manchmal vom Gebirge gar dummes und verkehrtes Zeug. Die Gebirgsführer tun aus mancherlei Gründen noch viel dazu, sie darin zu bestärken; aber das denken sie sich nicht, mit welchen Beschwerden hier die Menschen zu kämpfen haben und wie sauer sie es sich müssen werden lassen. Sie schauen das Gebirge mit offenem Mund an, beneiden die Bewohner um diese schöne Natur und denken, weil diese reinlich und ordentlich Haus, Hof und Garten halten, während sie selbst zu Hause nichts als Mistfinkelei sehen, die armen Leute müssten sich des größten Wohlstandes erfreuen. Aber in dem Stück sind sie auf einem Holzweg, denn selbst ihre Freuden und Festlichkeiten müssen die armen Leute bisweilen teuer bezahlen.

Früher, wie das ganze Gebirge noch kaiserlich war, bestand der Gebrauch, dass zur Weihnachtszeit die Böhmen oft mit dem Stern, Joseph, Marien und dem Kindlein Jesu über das Gebirge gingen und drüben in Schlesien ihr Spiel aufführten, was seitdem verboten ist. Also gingen auch 1569 dergleichen übers Gebirge. Aber zu der Zeil sah es freilich betrübt aus auf dem Wege, denn der Schnee lag damals, wie Schriftgelehrte berichten, auf 14 Ellen hoch auf dem Hochgebirge, und es war weder Weg noch Steg. Hatten die armen Leute also bei ihrem Übergang gar sehr zu kämpfen. Bald siel der Joseph in eine Wehe, bald das Kindlein Jesu auf die Nase, der anderen geringeren Leute gar nicht zu gedenken. Manchmal kugelte gar die halbe Gesellschaft im Schnee aufeinander herum.

Am schlimmsten aber hatte es die Jungfrau Maria, ein feiner, langer Knabe, von wegen der orientalischen Röcke, die etwas ausgefallen waren, und musste sie sich dieselben gar hoch hinaufbinden lassen, wenn sie steigen und waten wollte, und sah auf diese Art weder wie ein Mann noch wie eine Frau aus, sondern vielmehr wie ein ganz fremdes Wunderwerk, und manchmal sogar wie ein Heupferd, wegen der langen Beine. Dieser fror auch unter allen am meisten. Da die Leute endlich einer Baude ansichtig wurden, die mit dem Dach noch ein Stück über den Schnee herausragte, so baten sie da um Herberge.

Dort befanden sie sich bald gar wohl, und der Baudenmann, der sich nicht beglückter hatte fühlen können, wenn der wahre Joseph mit Maria und dem Kindlein bei ihm eingekehrt wäre, suchte alles hervor, den armen Leuten ihr Ungemach vergessen zu machen. Besonders dauerte ihn die heilige Jungfrau Maria, die auf dem Weg so elendiglich gefroren hatte. Er wusste gar nicht, wie er ihr sollte ihr Leid genug versüßen. Er ließ Warmbier machen, dass sie sich erholen sollte, hieß ihr sich auf den Ofen legen und ihre Röcklein trocknen, auch die Schuhe und Strümpfe ausziehen und sich die Füße wärmen.

Den übrigen armen Leuten, die an dieser Auszeichnung von selbst sämtlich Anteil nahmen, war das natürlich ganz lieb. Sie verwunderten sich nicht wenig über diese so stattliche Aufnahme in einer so ärmlichen Baude und ließen es sich da ganz wohl sein.

Sie schliefen nun die Nacht über gar gut in dem warmen Häuslein da drinnen. Als sie früh erwacht waren, bat sie der Wirt sehr freundlich, sie möchten ihm doch ihr Stück hier einmal spielen. Das taten sie auch gern, und es gefiel dem Wirt nicht wenig. Besonders erfreute ihn ihr Gesang:

Kleenes Kindla, grußer Goot
Dar die Welt aim Hendla hot.
Blai ock do, du kleener Schotz,
Host mer doch aim Hoisla Plotz.
Doi Gesichtla es su roth,
Dass es ball gefreißet hot,
Doine Hendla sein su roth
Wie dar Krabes noch dam Sot.
Kum ze mir ais Stiebla nai,
War dir häz aim Ufa ai,
War dir kocha Hirschebray,
War dir thun viel Putter nai.
Ruh un schlof dorieber ai,
Bis D’ mich nimmst aim Himmel nai.

Hierauf bewirtete er sie noch mit einem guten Frühstück, verehrte jeden, der Männer drei Groschen, der Jungfrau Maria aber sechs Groschen und dem Knäblein Jesu gar einen Taler, worauf er den erfreuten Leuten den Weg zeigte.

Als diese aber in Hermsdorf unterm Kynast in ihrer Freude ihre Groschen beschauten, so waren diese in lauter Dukaten und der Taler in einen Portugaleser verwandelt. Der Kräuterklauber – er ist ein armer Teufel – meint, wenn ihm alle Tage so was passierte und nur ein Portugaleser aus den Wolken fiele, so wäre es ihm schon recht.

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