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Elbsagen 46

Elbsagen
Die schönsten Sagen von der Elbe und den anliegenden Landschaften und Städten
Für die Jugend ausgewählt von Prof. Dr. Oskar Ebermann
Verlag Hegel & Schade, Leipzig

46. Der Meißner auf dem Glücksrad

Zwölf Landsknechte kamen aus dem Krieg und hatten wenig vor sich gebracht. Da sie nun traurig und kleinmütig im Land umherstrichen und nicht wussten, was sie morgen zu beißen hatten, begegnete ihnen ein Grauröcklein.

Das tat seinen Gruß und fragte: »Woher des Weges und wohin?«

Sie aber sagten: »Daher aus dem Krieg und dahin, wo wir reich werden sollen, können aber den Ort nicht finden.«

Das Grauröcklein entgegnete: »Die Kunst soll euch offenbar werden, wenn ihr mir folgen wollt. Ich will auch keinen Lohn dafür haben.«

Die Landsknechte fragten, was es denn wäre.

»Man heißt es das Glücksrad, das steht mir zu Gebot, und wen ich darauf bringe, der lernt wahrsagen den Leuten und graben den Schatz aus der Erde. Doch nicht anders vermag ich euch darauf zu setzen, als mit der Bedingung, dass ich Macht und Gewalt habe, einen aus eurem Haufen mit mir wegzuführen.«

Sie begehrten nun zu wissen, welchen von ihnen er nehmen wollte.

Der Graurock antwortete. »Zu welchem ich Lust habe, das wird sich danach zeige. Im Voraus weiß ich es nicht.«

Darauf nahmen die Landsknechte eine lange Überlegung, sollten sie es tun oder lieber lassen. Endlich beschlossen sie: »Sterben muss der Mensch doch einmal, wie nun, wenn wir im Krieg gefallen wären in einer Schlacht oder die Pest uns weggerafft hätte; wir wollen dies wagen, was viel leichter ist und nur einen Einzigen trifft.«

Sie ergaben sich also miteinander in des Mannes Hand mit der Bedingung, dass er sie aufs Glücksrad brächte und dafür zum Lohn einen von ihnen hinnehmen könnte, der ihm dazu gefiele.

Nach diesem, so führte sie der Graurock hin an die Stelle, wo sein Rad stand, das war so groß, dass, als sie alle daraufkamen, jeglicher drei Klafter weit vom anderen entfernt saß. Eins aber verbot er ihnen, dass ja keiner den anderen ansehe, solange sie auf dem Rad säßen. Wer das tue, dem bräche er den Hals. Als sie nun ordnungsgemäß aufgesessen waren, packte der Meister das Rad mit den Klauen, die er an Händen und Füßen hatte, und hob an, zu drehen, bis es umgedreht war, zwölf Stunden nacheinander und alle Stunden einmal. Innen aber deuchte, als ob unter ihnen helles Wasser sei, gleich einem Spiegel, worin sie alles sehen konnten, was sie vorhatten, Gutes oder Böses. Wen sie von Leuten da sahen, die erkannten sie und wussten ihre Namen zu nennen. Über ihnen aber war es wie Feuer, und glühende Zapfen hingen herab.

Wie sie nun zwölf Stunden ausgehalten hatten, rückte der Glücksmeister einen feinen jungen Menschen vom Rad, der eines Bürgermeisters Sohn aus Meißen war, und führte ihn mitten durch die Feuerflammen mit sich hin. Die elf anderen wussten nicht, wie ihnen geschehen war, und sanken betäubt nieder in tiefen Schlaf. Als sie etliche Stunden lang unter freiem Himmel gelegen hatten, wachten sie auf, aber ihre Kleider auf dem Leib und ihre Hemden waren ganz mürbe geworden und zerfielen beim Angreifen, wegen der großen Hitze, die auf dem Rad gewesen war.

Darauf erhoben sie sich und gingen jeder seines Wegs, in der Hoffnung, ihr Lebtag alles genug und eitel Glück zu haben, waren aber nach wie vor arm und mussten das Brot vor anderer Leute Haustüren suchen.

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