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Deutsche Märchen und Sagen 56

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

57. Geist erlöst

Im Jahre 1459 auf Allerseelentag wurde zu Ypern ein wiederkehrender Geist erlöst. Es hatte nämlich ein gewisser Gerhard Middendorf, ein Bäckermeister, ein Haus gemietet, welches seit Langem gänzlich verlassen gewesen war, weil es darin spukte. Nun war seiner Frau erste Arbeit, das Haus vom Söller bis zum Keller zu putzen und zu fegen. Da kam sie denn auch unter anderem an einen alten Schrank. Währenddessen sie den reinigte, fand sie ein heimliches Kästchen, das brach sie auf und sah, dass ein Säckchen voll Geld darin lag. Erfreut rief sie ihren Mann und zeigte dem den gefundenen Schatz.

Gerhard war nicht weniger zufrieden darüber als seine Frau und sprach: »Nun ist der Geist erlöst, der hier umging. Lass uns nun zum Goldschmied und zum Gewandschneider gehen und für uns alle etwas Neues kaufen.«

Das taten sie auch und kehrten ganz glücklich und seelenvergnügt nach Hause zurück. Abends ging Middendorf in die Schenke und die Bäckersfrau blieb allein in der Kammer, wo sie sich mit Nähen die Zeit vertrieb. Da schlug es elf Uhr. Nach dem letzten Schlag hörte sie in dem alten Schrank einen entsetzlichen Knall, als ob der ganze Schrank in Stücke wäre geschlagen worden. Sie schaute nach der Ecke hin, wo er stand, und sah, wie die Türen sich öffneten und ein junges ganz altfränkisch gekleidetes Mädchen daraus trat, welches sich zu ihr wandte und sprach: »Frau, das Geld, welches ihr heute gefunden habt, hatte ich in den Schrank gelegt und davon muss ein Gelübde vollbracht werden, welches ich getan habe, aber nicht vollbringen konnte.«

Martinchen, die Bäckerin, war so erschrocken über der Erscheinung, dass sie bewusstlos von ihrem Stuhl sank und auf dem Boden liegen blieb, bis ihr Mann zurückkam.

Noch oft kehrte der Geist der Jungfrau wieder, sagte ihr endlich auch, welches das Gelübde sei, was sie für die Genesung ihres Vaters getan habe. Martinchen erfüllte dasselbe; sie kaufte nämlich zwei silberne Leuchter für den Altar unserer Lieben Frau, eine silberne Krone für das darauf stehende Marienbild und ein Messgewand. Das alles opferte sie am Altar in einer feierlichen Messe auf. Als diese Messe zu Ende war und der Geistliche das de profundis anstimmte, da rauschte es in der Kirche wie von einem starken Wind. Man sah einen großen schneeweißen Vogel, einem Schwan gleich, vor dem Altar fliegen und gleich darauf verschwinden, woraus man schloss, dass der Geist nun erlöst sein müsse.

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