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Dreizehn Jahre im Wilden Westen – Kapitel VI

Dreizehn Jahre im Wilden Westen
Oder: Abenteuer des Häuptlings Sombrero
Nürnberg, 1877

VI. Eintritt bei der regulären Kavallerie. Nach Texas.

Als ich kräftig genug dazu war, ging ich im Monat Juni nach New York, hielt mich da einige Zeit auf und ließ mich nachher zur regulären Kavallerie anwerben. Ich kam zu dem Rekruten-Depot in Carlisle, Pennsylvania, wo ich einige Bekannte traf und wir recht gute Zeiten hatten. Wir waren täglich auf der Reitschule und mussten oft eine Stunde lang ohne Sattel herumtraben. Doch wurden wir mit der Zeit alle gute Reiter.

Nach Verlauf eines Monats gingen zweihundert Mann via New York nach Betlows Island, einer kleinen Insel im Hafen von New York, wo wir eine Woche verbrachten. Darauf kamen wir auf ein großes Dampfschiff und fuhren die Küste hinab in den Golf von Mexiko, wo es auch gleich sehr unterhaltend wurde; denn das Tierleben in den Gewässern des Golfes ist sehr mannigfaltig. Hier waren Seevögel aller Art, besonders Pelikane, Haifische, Schweinsfische und die kleinen fliegenden Fische, von welchen hier und da einer auf das Verdeck fiel. Bald waren wir an der Mündung des Mississippi, welchen Fluss wir eine Strecke zu befahren hatten. Als wir aber einfuhren, blieben wir auf einer Sandbank mitten im Strom stecken. Es wurde die ganze Dampfkraft angewandt, was aber nichts half. Wir waren eben einmal fest. Ein Flussdampfboot kam von New-Orleans, spannte sich an ein langes Seil und arbeitete mit allen Kräften, um uns herauszuziehen, was aber wieder nichts half. Inzwischen kam das große Dampfschiff Heghes den Fluss herab und fuhr geradewegs in unseren Schleppdampfer hinein, sodass dieser sogleich sank. Der größte Teil der Mannschaft wurde jedoch aus dem Wasser gefischt. So blieben wir fest. Als gegen ein Uhr nachts die Flut am höchsten war, wurden Sämtliche Soldaten und Mannschaft auf die eine Seite des Verdecks aufgestellt. Auf ein gegebenes Zeichen liefen alle auf die andere Seite, dann wieder zurück und so fort, bis wir das Schiff in eine schwankende Bewegung gebracht hatten. Die Schraube arbeitete furchtbar. Endlich arbeitete sich das Schiff durch den Sand, bis wir mit einem lauten Hurra ins tiefe Fahrwasser gelangten. Am Morgen, als wir stromauf fuhren, schwammen eine Menge großer Alligatoren um das Schiff, die alles aufschnappten, was über Bord fiel. Einige sehr große alte Kerle schwammen vorbei, nichts wie die lange Schnauze über dem Wasser, aber immer bereit, jemanden Arm oder Beine abzubeißen. Doch ziehen sie Negerbraten dem Europäer vor, denn wenn ein Neger unter hundert Weißen im Wasser ist, so nehmen sie jedes Mal den Neger heraus. Wahrscheinlich ist das Fleisch etwas feiner, jedenfalls aber ist der Geruch viel stärker.

Bei Jackson Barracks, New Orleans, legten wir an und landeten, wo wir acht Tage Rast hatten. Wir vertrieben uns die Zeit damit, in der Stadt New Orleans umherzulaufen. Des Abends badeten wir im Mississippi, gingen aber immer in größerer Menge ins Wasser, weil dann der Alligator etwas scheu ist.

Wir schifften uns wieder ein, fuhren flussab in den Golf und erreichten den Hafen von Galveston, Texas, wo wir einige Stunden vor Anker lagen. Sogleich war wieder alles im Meer, um zu baden. Als aber die Rückenflosse eines großen Haifisches in der Entfernung auftauchte, fing ein schreckliches Klettern an. Jeder wollte der Erste aus dem Wasser sein; wir kamen auch alle glücklich aufs Verdeck.

Wir fuhren weiter nach Indianola, von wo wir mit kleineren Segelschiffen nach Port Lavaca gingen, dort landeten und wiederum einige Tage verbrachten. Port Lavaca ist auf einer Seite von einer Meerbucht, auf der anderen von niedrigen Prärien umgeben. Es ist berühmt wegen seiner Moskitos, welche dort die Größe einer Schnepfe erreichen, sowie wegen der großen Pferdefliegen und anderem Ungeziefer, welche Nachkommen der alten Drachen zu sein scheinen. Hier fingen wir viele Lobster und Seekrebse sowie auch schöne Fische. Es ging ein langes Wharf in das Wasser, wo Schiffe anlegten und Neger täglich angelten. Die Fische hingen sie an einer Schnur ins Wasser, um sie frisch zu erhalten, bis sie nach Hause gingen. Hier amüsierten wir uns, indem wir unter dem hohen Wharf hinausschwammen, wenn ein schöner Büschel Fische da hing, die Schnur abschnitten und mit unserer Beute den Heimweg antraten. Als wir dieses Kunststück am dritten Tag wiederholten, wären wir bald in Verlegenheit gekommen. Zwei von uns nämlich, Smith und ich, schwammen vergnügt hinaus. Ein besonders schöner Büschel Fische hing herab. Smith, der mir etwas voraus war, streckte eben die Hand danach aus, als ein großer Garfisch, ungefähr zwölf Fuß lang, aus dem Wasser sprang und die ganze Geschichte, Fische, Schnur und alles in seinem Rachen verschwand. Es geschah so schnell, dass wir beide den Garfisch für einen Hai hielten und daher etwas erschrocken waren. Ich kletterte an einem Pfeiler des Wharfes hinauf wie ein Eichhörnchen, wo der Neger saß, der vor Schrecken ganz grün aussah. Er hatte auf dem oberen Ende der Schnur gesessen und wäre beinahe mit ins Wasser gezogen worden. Smith lag auf dem Wasser und konnte sich vor Schrecken nicht rühren, bis ihm eine Menge Seewasser in den offenen Mund floss, was ihn zur Besinnung brachte. Er schwamm eiligst dem Land zu.

Wir sollten nun per Bahn zur Stadt Victoria am Guadalupe River fahren. Es wurde daher alles Gepäck geladen und wir nahmen auf offenen Wagen Platz, wo uns die Moskitos mit solcher Stärke angriffen, dass sie zwei bis drei Mann von den Wagen zerrten, welche sofort spurlos verschwanden. Der Weg ging durch niedere sumpfige Prärien, die dicht von Hasen, Antilopen und Präriehühnern belebt waren. Die Schienen waren an vielen Stellen in den Schmutz versunken, sodass wir alle Augenblicke aussteigen mussten, um die Waggons aus dem Sumpf zu ziehen. Fuhren wir dann wieder, so ging es so langsam, dass einige von uns von den Wagen sprangen, Hafen nachliefen, bis sie so müde waren, dass sie sich fangen ließen, und dann doch noch dem Zug nachkamen, um wieder aufzuspringen. Eine Strecke von dreißig englischen Meilen legten wir in zwei Tagen zurück. In Victoria machten wir Camp am Fluss, wo einer von unseren Leuten ertrank. Hier mussten wir warten, bis Bagagewagen von San Antonio kamen, um dann unsere Fußreise nach San Antonio anzutreten, was hundert Meilen entfernt war und wo das Regiment gegenwärtig lag.

Sobald die Transportation kam, wurde aufgeladen und alles fertig gemacht, um früh am Morgen die Reise anzutreten. Gegen fünf Uhr wurde aufgebrochen, als plötzlich Bock Taylor, ein Texas-Desperado, mit seiner Bande erschien, die Wagen anhielt, sechs gute Maultiere ausspannte und sich wieder entfernte. Da wir keine Waffen hatten, so fühlten wir uns nicht angezogen, das Eigentum der Regierung zu verteidigen, sondern machten ruhig den Zuschauer.

Weil uns das Marschieren mit dem Kommando nicht gefiel, so ging ein vierblättriges Kleeblatt, worunter ich mich befand, voraus. Wir schlugen aber aus Versehen den falschen Weg ein, sodass wir am Abend vergeblich auf das Kommando warteten. Es gehen nämlich drei Fahrstraßen von Victoria nach San Antonio. Wir waren auf der einen, während unser Departement auf der anderen war. Da wir die ganze Nacht hätten marschieren müssen, um den Zug zu treffen, so beschlossen wir, auf eigene Faust nach San Antonio vorzurücken. Hunger stellte sich ein und Nachtessen musste herbeigeschafft werden. Da nahm ein unternehmender Geist seine Jacke und verkümmelte sie um verschiedene Fressalien, wovon wir speisten und uns dann zur Ruhe legten.

Am nächsten Morgen brachen wir frühzeitig auf und erreichten gegen acht Uhr eine Plantage, wo wieder eine Jacke herhalten musste, um für das Frühstück zu zahlen. Mittags verschwand die dritte und abends die vierte Jacke, sodass wir nun sämtlich in Hemdsärmeln waren. Am nächsten Tag kamen wir an eine Schnapsschänke, wo unser Irländer McGee es nicht übers Herz bringen konnte, vorüberzuziehen. Er verkümmelte seine Hose für eine Flasche Schnaps und einen Sack getrocknetes Fleisch, worauf er, obwohl in ziemlich schmutzigen Unterhosen, doch im Triumph zu uns zurückkehrte. Am San Antonio River wurde für die Nacht Halt gemacht. Ein Teil des Fleisches sowie ein Restlein in der Flasche lieferten ein frugales Abendmahl. Unsere Schuhe und Stiefel waren ausgetragen. So machten wir von den Stiefelröhren Sandalen, welche wir mit Streifen, von unseren Hemden gerissen, befestigten.

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