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Die Büffeljäger am Lagerfeuer – Kapitel 10

Thomas Mayne Reid
Die Büffeljäger am Lagerfeuer
Reisebilder und Naturschilderungen aus dem Westen
Verlag Schmidt & Spring. Stuttgart.1858

Zehntes Kapitel

Die Moskitos und ein Mittel gegen sie

Unsere nächste Tagereise führte uns wieder in dichte Waldung, und zwar in eine andere Bachniederung. Der Boden war fruchtbar und lehmig, und der Weg, welchen wir verfolgten, feucht und an einigen Stellen sehr unbequem für unseren Wagen, denn dieser blieb mehrere Male im Schlamm stecken. In solchen Fällen sah sich die ganze Gesellschaft genötigt, abzusteigen und ihre Schultern gegen die Räder zu stemmen. Wir kamen nicht ohne einigen Lärm und Verwirrung vorwärts. Der beständige Spektakel, den der Neger Jake machte, indem er mit seinem Gespann sprach, sein lautes, schallendes Hist, wenn es zum Stillstand gebracht wurde, und das muntere Hot, wenn es sich weiterbewegen sollte, scheuchte alles Wild lange, ehe wir in seine Nähe kamen, hinweg. Überdies waren wir natürlicherweise gezwungen, beim Wagen zu bleiben, bis wir die sumpfige Ebene hinter uns hatten.

Unterwegs wurden wir von den Moskitos fürchterlich gepeinigt, besonders der arme Doktor, dessen Blut sie vorzüglich zu lieben schienen! So sonderbar es ist, so gewiss ist es auch, dass von zwei in demselben Zimmer schlafenden Personen, die eine manchmal von den Moskitos gebissen oder vielmehr gestochen und halb tot geschröpft wird, während die andere völlig unbelästigt bleibt. Worin der Vorteil liegt, ob vielleicht in der Beschaffenheit des Blutes oder in der Dicke der Haut, lässt sich schwer entscheiden.

Dieser Punkt wurde mehrfach von uns besprochen, wobei der Doktor fest behauptete, dass es immer ein Beweis guten Blutes sei, wenn man den Angriffen der Moskitos mehr als gewöhnlich ausgesetzt wäre. Er selbst, sagte er, sei ein gutes

Beispiel dafür – eine Bemerkung, welche indessen natürlicherweise ein allgemeines Gelächter und vonseiten der Gegner seiner Theorie einige Sticheleien auf Kosten des Doktors hervorrief.

Sonderbarerweise wurde auch der alte Ike von den kleinen Blutsaugern grimmig angegriffen. Dies schien ein Beweisgrund gegen die Ansicht des Doktors zu sein, denn in dem dickhäutigen alten Trapper konnte das Blut weder sehr zart noch sehr reichlich vorhanden sein. Die Mehrzahl von uns rauchte unterwegs, in der Hoffnung, dadurch den blutgierigen Schwarm zu vertreiben. Aber obwohl der Tabakdampf den Moskitos unangenehm ist, so kann man sich ihrer durch Pfeife oder Zigarren doch nicht ganz entledigen. Wenn man eine beständige, dichte Rauchwolke um sein Gesicht erhalten könnte, möchte es wohl wirksamer sein, so aber hilft es nicht viel. Eine gehörige Menge Tabakrauch tötet die Moskitos geradezu, wie ich mehr als einmal durch eine vollständige Räucherung meines Schlafgemachs erprobt habe.

Diese Insekten sind nicht, wie man oft glaubt, nur den Tropengegenden von Amerika eigentümlich. Sie finden sich in großer Anzahl und ebenso zudringlich und blutdürstig wie dort auch an den Küsten des Polarmeeres – natürlicherweise nur zur Sommerzeit, wo die Wärme in diesen nördlichen Gegenden nicht selten zu einer bedeutenden Höhe steigt. Ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben sie an den Ufern der Flüsse, besonders wenn diese langsam und träge fließen und von sumpfiger Beschaffenheit sind.

An den Ufern einiger der südamerikanischen Flüsse ist das Leben wegen dieser Plage fast unerträglich, während sie auffallender Weise an anderen Gewässern unter dem nämlichen Breitengrad ganz unbekannt sind. Dies sind die Rios negros oder Flüsse mit schwarzem Wasser, eine eigentümliche Art von Flüssen, zu welchem viele Nebenflüsse des Amazonas und des Orinoco gehören.

Unser englischer Kamerad, der ganz Südamerika durchreist hatte, machte uns diese Mitteilung, während wir weiterritten. Er sagte, dass er es oft als eine große Erleichterung, als eine Art von Entrinnen aus dem Fegefeuer betrachtet habe, wenn er auf seinen Reisen von einem der Flüsse mit gelbem oder weißem Wasser zu einem der Rios negros gekommen sei.

Viele Indianerstämme lassen sich an den Ufern der Letzteren nur deshalb nieder, um der Plage der Moskitos zu entgehen. Die Indianer, welche in den Moskitogegenden wohnen, pflegen sich den Körper zu bemalen und sich zum Schutz gegen den Biss mit Öl einzureiben. Es ist unter den Eingeborenen etwas sehr Gewöhnliches, dass sie, wenn sie von irgendeinem Ort sprechen, sich zu allererst nach dem Charakter seiner Moskitos erkundigen.

An wenigen Nebenflüssen des Amazonas sind die Moskitos wirklich eine Landplage. Die unglücklichen Geschöpfe, welche solche Orte bewohnen, vergraben häufig ihren Körper bis an den Mund in den Sand, um nur einschlafen zu können. Selbst die Farben, mit welchen sie sich einreiben, werden vom vergifteten Stachel ihrer Peiniger durchdrungen. Besanyon und der Kentuckyer stellten überhaupt in Abrede, dass irgendeine Art von Einreibung Schutz gegen die Moskitos gewähren könne. Der Doktor stimmte ihrer Behauptung bei. Sie erklärten, dass sie gelegentlich alles Erdenkliche versucht hätten — Kampfer, Äther, Hirschhorngeist, Terpentinöl und dergleichen mehr – aber immer ohne Erfolg.

Einige von ihnen waren anderer Meinung. Ike entschied die Sache bald darauf durch einen praktischen Beweis zugunsten der Widersprechenden. Der alte Trapper  war, wie erwähnt, die Zielscheibe der grimmigsten Angriffe, wie aus dem Klatschen, welches er oft auf seinen Wangen erschallen ließ, und einem fast fortwährenden Murmeln bitterer Verwünschungen geschlossen werden konnte. Er sagte, er kenne ein Gegenmittel in einem gewissen Kraut, wenn es ihm nur unter die Pfoten käme. Auch bemerkten wir, dass beim Weiterreiten seine Augen den Boden nach allen Richtungen durchforschten. Endlich verkündete uns ein Freudenruf, dass das Kraut glücklich gefunden sei.

»Da ist es endlich, das verwünschte Ding«, murmelte er, indem er sich auf die Erde warf und die Stängel eines niedrigen Krautes zu sammeln begann, welches in reicher Menge rings umher wuchs.

Es schien ein einjähriges Gewächs zu sein, mit Blättern, welche in Größe und Gestalt jungem Buchsbaum glichen, aber ein viel helleres Grün zeigten. Wir erkannten es nun recht gut als das gewöhnliche Flohkraut, denn es gibt im Westen fast keine Gemeindewiese, welche nicht damit bedeckt wäre. Redwood sprang nun ebenfalls rasch vom Pferd und machte sich daran, das Kraut zu pflücken, denn auch er kannte dessen Kräfte aus Erfahrung. Wir anderen zogen alle die Zügel an und beobachteten unsere Führer. Beide verfuhren auf gleiche Weise. Nachdem sie eine Anzahl der zartesten Blätter gesammelt hatten, rieben sie dieselben kräftig zwischen ihren rauen Händen und dann mit diesen die bloße Haut ihres Halses und Gesichtes ein. Ike nahm dann auch zwei kleine Büschel der Stängel, zertrat sie mit seinen Hacken und steckte sie dann unter seine Mütze, sodass sie ihm rechts und links über die Wangen herabhingen. Danach stieg er mit seinem Gefährten ruhig wieder zu Pferde und ritt weiter.

Einige von uns – der Naturforscher, der Engländer und ich – stiegen nun gleichfalls ab und folgten dem Beispiel Ikes natürlicherweise zum lauten Gelächter und Spott des Freundes Besanyon, des Kentuckyers und des Doktors, aber wir waren noch keine 200 Schritte geritten, als der Spaß auf einmal eine andere Richtung nahm. Kein einziger Moskito näherte sich uns mehr, während unsere drei Freunde ebenso heftig und fast noch jämmerlicher als zuvor von ihnen gestochen wurden.

Sie wurden am Ende anderer Meinung, und da die Marterwerkzeuge der Moskitos sich zuletzt stärker erwiesen, als ihre Furcht vor unserem Auslachen, so sprangen sie alle drei aus dem Sattel und stürzten sich auf die nächsten Flohkrautbüsche, welche sich zeigten. Ob es nun der außerordentlich aromatische Geruch des Flohkrauts ist, welcher die Moskitos verscheucht, oder ob der Saft ihnen an den zarten Nerven ihrer Füße empfindlich ist, wenn sie ihn berühren, kann ich nicht sagen. Soviel aber steht fest, dass die Blutsauger sich nicht auf die Haut setzen, wenn diese reichlich damit eingerieben worden ist.

Ich habe seit jener Zeit oft den nämlichen Versuch mit gleichem Erfolg gemacht und bin seitdem nie ohne einen Vorrat von Flohkrautessenz durch eine Moskitogegend gereist. Diese ist noch besser als das Kraut selbst und bei jedem Apotheker zu bekommen. Ein bis zwei Tropfen, auf die Handfläche gegossen, genügen, um alle bloßgestellten Teile einzureiben, und man sichert sich dadurch einen ruhigen Schlaf, welcher ohne solche Tropfen schwerlich gefunden würde. Oft habe ich so mit eingeriebenem Gesicht gelegen und dem lauten Summen eines Moskito gelauscht, stets in der Erwartung, dass ich im nächsten Augenblick seine leise Berührung auf Wange oder Stirn fühlen würde. Sobald er jedoch in den Duftkreis des Flohkrautes gelangte, drehte er sich plötzlich wieder um und flog davon, sodass das widerwärtige Summen seiner Flügel nicht länger zu hören war.

Das einzige Unangenehme beim Gebrauch des Flohkrautes ist ein brennendes Gefühl, welches der Saft auf die Haut hervorbringt. Dies ist in einem heißen Klima allerdings kein geringes Hindernis für den Gebrauch des Mittels.

Die Anwendung desselben bei der erwähnten Gelegenheit stellte indessen die gute Laune unserer Gesellschaft, welche durch die fortwährenden Angriffe der Moskitos etwas beeinträchtigt worden war, bald wieder her. Ein aufregender, kleiner Vorfall, der sich nicht lange darauf ereignete, nämlich die Jagd und Tötung eines Waschbären machte uns alle ganz heiter.

Der Waschbär streift, obwohl er ein nächtliches Tier ist, zuweilen auch am Tage umher, besonders an Orten, wo hohe Bäume stehen und der Wald dunkel und düster ist. Diesem da waren wir auf dem Marsch so plötzlich über den Hals gekommen, dass er keine Zeit fand, zu seinen Baume zu flüchten, in dessen tiefer Höhlung er sich bald vor uns verborgen haben würde. Er war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen – nämlich mit dem Nest eines wilden Truthahnes unter einigem Gebüsch und Blättern, dessen zerbrochene Eier bewiesen, welches köstliche Mahl er gehalten hatte. Da er unversehens überrascht worden war – denn die Führer hatten ihn fast niedergeritten – so galoppierte er zum nächsten Baum, der glücklicherweise weder Spalte noch Höhlung enthielt, worin er sich verbergen konnte. Ein gut gezielter Schuss aus Redwoods Büchse brachte ihn mit schwerem Fall wieder auf die Erde zurück.

Wir wurden durch diesen an sich unbedeutenden Vorfall alle ein wenig aufgeregt, da der ungewöhnliche Mangel an Wild selbst das Geringste zu einem Ereignis für uns machte. Niemand empfand jedoch mehr Vergnügen, als unser schwarzer Wagenlenker Jake, dessen Augen beim Anblick des Waschbären munter umherrollten. Der Waschbär war für Jake ein sehr wohlbekanntes natürliches und willkommenes Wild, denn er zog jederzeit einen Waschbärenbraten selbst geschmortem Speck vor. Da Jake wohl wusste, dass keinem von uns daran liegen würde, von dem Waschbären zu essen, so war er seines Abendbrotes gewiss. Das Tier wurde sorgfältig in einer Ecke des Wagens untergebracht. Gleichwohl sollte Jake das Vergnügen doch nicht ganz allein für sich behalten, denn auch die Trapper waren Freunde von frischem Fleisch, wenn es auch Waschbärenfleisch war, und beanspruchten infolgedessen ihren Anteil. Niemand aber von der übrigen Gesellschaft trug das geringste Verlangen, ihnen ihren so fuchsähnlichen Braten streitig zu machen.

Nach dem Abendessen wurde der Waschbär mit einer Beschreibung beehrt. Viele von den Einzelheiten seiner Geschichte verdankten wir unserem schwarzen Jake selber.

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