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Die Gespenster – Zweiter Teil – Vierundfünfzigste Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Vierundfünfzigste Erzählung

Die spukhafte Auferstehung von den Toten. Keine Rückkehr gebundener Lebenskraft.

Im Jahre 1704 mietete ein vornehmer und reicher Engländer in einem Haus zu Soho Square einige Zimmer und bewohnte sie mit seinem Gefolge. Nach einigen Wochen verlor er seinen zu Hamstead wohnenden Bruder, der sterbend verlangt hatte, bei seinen Verwandten im Kloster zur Westminster Abbey feierlich begraben zu werden. Der Fremde erbat sich von seinem Wirt die Erlaubnis, den Leichnam seines Bruders vom Land hereinholen lassen und ihm von seiner Wohnung aus ein feierliches Leichenbegängnis veranstalten zu dürfen. Der Wirt fand kein Bedenken, in dies Gesuch zu willigen.

Die weiß gekleidete Leiche kam in einem prächtigen Sarg an und wurde im großen Speisezimmer des Wirtes aufbewahrt. Niemand dachte daran, dass der Verewigte es sich einfallen lassen würde, zu spuken und den gefälligen Wirtsleuten eine unruhige Nacht zu machen. Und doch geschah beides.

Die Vorbereitungen für das auf den folgenden Morgen anberaumte Leichenbegängnis waren Veranlassung, dass der ausgefahrene fremde Herr mit seiner Dienerschaft bis spät in die Nacht hinein ausblieb, welches auch ohnehin nichts Seltenes war. Der Wirt und die seinen fanden daher auch dieses Mal keinen Beruf, seine Rückkehr abzuwarten, sondern gingen gegen Mitternacht zu Bett. Eine einzige Magd, die in der Küche auf die Nachtschwärmer warten musste, blieb auf, weil der Fremde bei seiner Rückkehr noch Teewasser vorzufinden gewünscht hatte. Er war noch nicht zu Hause, da erschien ihr in der Küche plötzlich ein langes Gespenst, welches sich ihr gegenüber auf einen Stuhl niedersetzte.

Die Magd gehörte keineswegs zu den Furchtsamen, aber das Entsetzen, welches die Einsame bei diesem unerwarteten Anblick überfiel, war dennoch über alle Beschreibung groß. Sie tat einen einzigen lauten Schrei und flog wie ein Pfeil durch eine Seitentür zur Schlafkammer ihres Brotherrn. Kaum hatte sie ihre Herrschaft geweckt und durch ihre sichtbare Angst die ganze Familie mit Bangigkeit erfüllt, so erblickten sie alle auch schon den Geist im Sterbehemd und mit Totenblässe im Angesicht. Er saß auf einem Sessel der Schlafkammer, ohne dass sie bemerkt hatten, wie er dahin gekommen war. Das Schrecklichste bei diesem Anblick war der Umstand, dass dieser Sessel dicht an der einzigen Tür zum Schlafgemach stand, sodass niemand entfliehen konnte, ohne dicht vor dem Geiste vorbeizugehen. Das Gespenst rollte die funkelnden Augen so schrecklich im Kopf umher und machte so grässliche Muskelverzerrungen, dass der Anblick einfach unerträglich fiel. Der Herr und die Frau vom Hause schwitzten unter der Bettdecke um die Wette, indessen die verstummte Magd halb besinnungslos vor dem Bett hingesunken war.

Übrigens schien das ganze Haus in Aufruhr zu sein, denn die Schwitzenden vernahmen, ungeachtet sie in Betten gehüllt waren, ein immer währendes Poltern und Lärmen.

Endlich wurde alles mäuschenstill im Haus. Man wagte nun wieder einen Blick zum Sessel an der Kammertür hin. Und siehe – der Geist war verschwunden.

»Die Stunde der Gespenster«, so flüsterte der Wirt seiner schwitzenden Ehehälfte ins Ohr, »scheint nun vorüber zu sein.«

Mit ihrer Flucht schien die kalte, ruhige Vernunft unter die Bettdecke zurückzukehren. Anhaltendes Rütteln und Mut einsprechen rief auch das Bewusstsein der armen Magd wieder herbei. Man wagte es endlich, das Schlafzimmer zu verlassen und Untersuchungen im Haus anzustellen, denn man fürchtete Unordnung vorzufinden. In der Tat, sie hatten sich nicht geirrt. Kostspieliger als die gegenwärtige Unordnung konnte hier keine stattfinden. Das ganze Haus war von listigen Dieben ausgeräumt worden und der fremde vornehme Mietsmann hatte die Flucht ergriffen, ohne die Rechnung berichtigt zu haben. Er war ein Verbündeter vom berüchtigten Engländer Arthur Chambres, der im Jahre 1706 zu Tyburn auf dem Richtplatz starb. Im Sarg der vorgeblichen Leiche lag dieser Erzgauner selbst, der seinem Gesicht und den Händen Weiß aufgelegt und sich nur tot gestellt hatte. Um Mitternacht verließ er im Sterbehemd den Sarg und erschien der Magd in der Küche. Als diese zum Schlafgemach ihrer Herrschaft eilte, schlich er ihr auf dem Fuß nach, und machte auf dem Sessel gleichsam die Schildwache, sodass seine geschäftigen Helfershelfer ganz ungestört das Haus ausräumen konnten.

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