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Der Wolfmensch Band 3

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Der Alte vom Berge – Kapitel 11

C. F. Fröhlich
Der Alte vom Berge
Oder: Taten und Schicksale des tapferen Templers Hogo von Maltitz und seiner geliebten Mirza
Ein Gemälde aus den Zeiten der Kreuzzüge
Nordhausen, bei Ernst Friedrich Fürst, 1828

XI.

Verdrießlich lehnte Hugo eben an einer Marmorsäule, als ein neu geworbener Waffenträger verstohlen seine Blicke auf ihn richtete. Es wurde dunkel. Gedankenvoll blieb Hugo bei dem Käfig des Alten stehen und blickte, die Hände faltend, nach ihm.

»Guter Hugo«, lispelte ihm eine feine Stimme zu.

Er blickte um sich, aber schon war die Gestalt im nächsten Säulengang verschwunden. »Welche Stimme war das?«, fragte Hugo sich selbst und eilte nach einigem Zögern in den Säulengang, wo er jedoch weder Brüder noch Waffenträger antraf.

In seiner Zelle ankommend, öffnete er das Fenster, schaute an das blaue Firmament, wo der bescheidene Mond und die vielen tausend Sterne prangten, und lispelte leise den Namen: »Mirza! Mirza!« Die Brust war ihm so voll, so beengt, und doch war ihm so unaussprechlich wohl. Kein Schlaf kam ihm in die Augen, denn die jugendliche geschäftige Fantasie bildete die herrlichsten Luftschlösser. Mitternacht konnte nicht mehr fern sein. Da streckte er die Arme aus und rief voller Begeisterung wiederum den Namen der Geliebten.

Eine sanfte liebliche Stimme antwortete: »Mein Hugo! Mein Hugo!«

»Geliebte Mirza!«, schrie Hugo durch die Stille der Nacht und blickte nach ihr umher. Aber niemand war zu sehen und zu hören. Vergebens lispelte er wieder ihren Namen und keine Antwort erfolgte. Missmutig hierüber suchte er bald seine harte Lagerstelle auf.

Ein Reiter sprengte eben in den Tempelhof, worauf eine dumpfe Glocke drei Malerklang. Hugo sprang auf und kleidete sich an, weil dies das Zeichen war, dass sich die Häupter des Ordens im Kapitelsaal versammeln sollten.

Als Hugo in den Saal trat, fehlte nur noch der Großmeister. Mit niedergeschlagenen Blicken erschien er endlich. Seine Mienen waren die sprechendsten Beweise seiner inneren Gedanken.

»Soeben habe ich die traurige Kunde erhalten«, begann er, »dass der Feind durch einen Überfall fast hundert Johanniterritter teils gefangen, teils erschlagen hat.«

»War es nicht unsere Schuldigkeit, diese braven Ritter zu unterstützen?«, fiel Hugo rasch ein.

»Unterstützen?«, wiederholte der Großmeister spöttisch und setzte dann streng hinzu: »Ich hielt eine Unterstützung höchst nachteilig für unseren Orden, weil wir dadurch leicht viele redliche Kämpfer verlieren konnten. Käme es auf Euch an, junger Pannerer, so wäre binnen einem Jahr der Orden ganz vernichtet, weil Ihr allen helfen wollt. Glaubt es mir, sobald die Ordensritter vernichtet sind, so ist der Feind auch wieder Herr des mit so vielem Blut erkauften Heiligen Landes.«

Beschämt blickte Hugo zur Erde, während der nun hier anwesende Unterturkopolier Brömser mit Schadenfreude auf ihn blickte.

Der Großmeister fuhr fort: »Die Veste am Tal Josaphat, die wir mit so vielen Kosten haben bauen lassen, ist nur schwach besetzt, und der Feind hat in dieser Nacht schon einen heftigen Sturm unternommen. Es ist daher nötig, dass 30 Ritter mit wenigstens 60 Waffenträgern sogleich dahin aufbrechen. Das Unternehmen ist gefährlich und gewagt. Wer will die Anführung übernehmen?«

Die Versammelten schwiegen mehre Minuten.

Da trat Hugo vor und sagte mit fester Stimme: »Wenn Ihr es erlaubt, Hochwürdigster, so mache ich den Anführer!«

»Wagling«, entgegnete jener freundlich, »ich kann Euch die Anführung nicht anvertrauen, denn Eurer Hitze ist es schon zuzutrauen, dass Ihr Euch in eine förmliche Schlacht einlasst. Ich kann Euch hier besser gebrauchen!« Nun, wendete er sich zu den Übrigen. »Wer von Euch hat Lust? Keine Antwort? Gut! So will ich den Anführer machen!«

»Nein, nein! Übergebt mir das Kommando!«, schrien nun fast alle Ritter.

Aber der Großmeister gebot Ruhe. »Es bleibt dabei«, herrschte er, »ich mache den Anführer und ernenne in meiner Abwesenheit den Komtur von Wallis zum Großmeister.« Mit stolzen Schritten entfernte er sich, ohne auf die Bitten der Versammlung zu achten.

Alles war im Tempelhof wach geworden und ehe eine halbe Stunde verging, stürmte der Großmeister mit seinen Untergebenen über die donnernde Zugbrücke. »Wo ist der Mut meiner Ritter geblieben«, klagte er, »nur in den Stunden der Gefahr sieht man sie noch streiten wie die alten echten Templer. Der verwegene Hugo macht allein eine Ausnahme, doch durfte ich ihm dies Unternehmen nicht anvertrauen, weil er gewiss die ganze feindliche Armee angegriffen hätte.« Einen Waffenträger schickte er mit dem Befehl an den einstweiligen Großmeister, nur im Notfall der nächsten Schlacht beizuwohnen.

Ungehindert kamen die Templer bis in die Nähe der Veste, wo sie aber vom Feind auf mehreren Seiten angegriffen wurden. Nach einem mörderischen kurzen Kampf erreichten sie glücklich die Veste, wo sie mit Jubel aufgenommen wurden.

Noch saßen die Templer beim Morgenimbiss, als die schmetternden Trompeten Bewegung im Lager des Feindes verkündigten. Der unermüdliche Großmeister wies jeden Krieger seinen Posten an und stellte sich selbst dahin, wo ein Angriff des Feindes zu erwarten war.

Die vielen schönen Zelte, 40.000 Mann Reiterei und 20.000 Mann Bogenschützen, welche im Tal Künoe aufgestellt waren, gewährten einen furchtbar schönen Anblick. Der Sultan in einer silbernen Rüstung, mit prächtigem Turban, ein köstliches arabisches Pferd reitend, führte seine Leute zum Sturm gegen die Veste.

Steine, Pfeile, Bolzen, siedendes Wasser und Pech wurde auf die Stürmenden herabgegossen, aber jede Anstrengung schien vergebens. An die Stellen der Gefallenen traten frische Krieger und versuchten auf ihren Körpern die Mauer zu ersteigen, da eine Leiter nicht gut angelegt werden konnte.

Mit wahrem Heldenmut verteidigten sich aber die Templer und brachten es dadurch bald soweit, dass die Feinde mit dem Sturm nachließen und sich zurückzogen. Da stürmte aber der Sultan wütend herbei, führte sie wieder zum Sturm und schwor beim Bart des Propheten, dass die Veste sein werden müsse.

Der Kampf dauerte fast ununterbrochen bis an den Abend, wo endlich der Sultan das Zeichen zum Abzug geben ließ. Wohl 2000 Feinde waren getötet und verwundet, aber die Besatzung der Veste hatte auch einen bedeutenden Verlust. Mit Gewissheit konnte man sagen, wenn die Kreuzfahrer nicht am nächsten Tag bis hierher vorrückten, um eine Schlacht zu wagen, die Veste nicht zu retten sei.

Der neue Großmeister war durch Späher genau von der Lage der Dinge unterrichtet worden. Leicht wäre es ihm geworden, dem Oberfeldherrn zu einer Schlacht bei der Veste zu bewegen, damit der Großmeister und mancher brave Templer gerettet werde, allein er wünschte im Herzen nichts sehnlicher, als dass der Gebieter nicht wiederkehre, damit er dies Amt behalte.

Mit den ersten Strahlen der jungen Sonne begann auch schon der Kampf wieder. Es fehlte in der Veste bald an den nötigsten Verteidigungsmitteln, nämlich an Steine, aber doch kam der Mittag herbei, ehe die feindlichen Mauerbrecher ein Loch in die Mauer gestoßen hatten. Vergebens blickte der Großmeister vom höchsten Turm nach Jerusalem zu, keine Staubwolke verkündigte ihm Rettung.

Die Not stieg mit jeder Minute. Die Mauer war an verschiedenen Stellen vom Feind schon erstiegen und die letzte Kraft rang mit der Verzweiflung. Da verschwanden plötzlich die Feinde wieder von der Mauer. Eine allgemeine Unordnung riss ein und selbst der Sultan kam in Gefahr, erdrückt zu werden.

»Meine braven Templer kommen gewiss uns zu retten«, meinte der Großmeister und starrte in die waldige Gegend. Siehe, da sprengten einige hundert Ritter in blauen Rüstungen, silbernen Kreuzen und roten Schärpen daher. »Die braven Johanniter kommen mir zu Hilfe«, sagte er »und meine Templer nicht?«

Jene hundert Johanniterritter hatte er nicht unterstützen lassen, und nun kamen ihre großmütigen Brüder, um ihn zu retten.

Gar wacker um sich hauend drangen sie zwar vor, doch bald sahen sie das ganze Heer des Feindes vorrücken und zogen sich nach dem schrecklichsten Kampf wieder zurück, denn was vermochten einige hundert Menschen gegen ein großes Heer!

Die Templer sahen nun wieder alle Hoffnung schwinden und ergaben sich in ihr Schicksal. Der Großmeister riss selbst das Panier des Ordens vom Turm und verbrannte es.

»Brüder! Gefährten des Todes!«, redete er die Ritter an, »auch der letzte Hoffnungsstrahl ist verschwunden. Wir werden hier untergehen. Lasst uns aber als Helden sterben, denn was kann uns ein Leben in Sklaverei nützen? Ich scheide freudig aus dieser Welt, weil ich ohne Sorgen vor den Richterstuhl des Allmächtigen treten kann. Nur das eine schmerzt mich, dass meine Templer in Verbindung der Johanniter nicht versuchten, ihren Großmeister, ihre Brüder und das Panier des Ordens zu retten. Ihr aber, meine Brüder, nehmt meinen herzlichsten Dank für Eure bewiesene Tapferkeit. Hier lasst uns kämpfen und fallen!«

Auch die Waffenträger schlossen sich an die Ritter an, und ungehindert erstieg der Feind die Mauer. Mit blanken Schwertern, ohne eine Miene zu verziehen, standen die Ritter gleich Statuen aus der alten Zeit.

Erst als einige tausend Feinde im Burghof sich versammelt und durch das geöffnete Burgtor Reiter und Fußvolk bunt untereinander hereinstürmten, erfolgte der erste Angriff auf die Ritter, welcher abgeschlagen wurde.

Der zweite war kräftiger und endete nicht eher, bis alle Ritter und Waffenträger mit ihren Körpern die Erde bedeckten. Der Großmeister lag schwer verwundet an der Spitze seiner Leute. Kaum bemerkte ein wilder Sarazene, dass noch Leben in ihm sei, so befreite er ihn von der Rüstung und trug ihn in das Innere der Veste.

Als der Sultan sah, wie auch hier die Ritter gekämpft hatten, so äußerte er zu dem ihn begleitenden Aga: »Wahrlich, wenn alle Christen so streiten, dann müsste mein Heer zehn Mal größer sein, um sie besiegen zu können.«

Der Großmeister wurde gut verpflegt, denn man ahnte, welch einen hohen Posten er bekleidete und dies an seiner Rüstung erkannte. Sein erstes Erwachen war schrecklich, als er sich von Sarazenen umgeben und seine Wunden verbunden sah.

Er raffte seine Kräfte zusammen, um seine Verbände aufzureißen, aber man hinderte ihn daran.

Während dieses vorging, streiften die Sarazenen bis an die Tore von Jerusalem, ohne dass die Kreuzfahrer dies wagten, zu verhindern.

Endlich, nachdem die Gegend verwüstet worden war, rückte das ganze Heer aus höchstens 40.000 Mann bestehend in Begleitung des Patriarchen Johannes und vieler Geistlichen aus.

Der Anführer des Kreuzheeres war ein Mann von Mut und Einsicht, doch hing er zu sehr von der Laune und den Willen des Königs ab.

Der Feind nahm eine Schlacht an und rückte vor

Die Templer und Johanniter, unterstützt durch Bogenschützen und Waffenträger, eröffneten die Schlacht gegen die fast unabsehbare Linien der feindlichen Reiterei. Bald wurde die Lage allgemein. Lange blieb der Kampf ausgewogen. Man kämpfte auf beiden Seiten hartnäckig. Die Menge der feindlichen Reiterei konnte gegen die durch Harnische und die vom Kampf belebten Ritter nichts ausrichten.

Die Turkopolen zeichneten sich auch hier wieder durch Verwegenheit und Mut aus. Es fehlte wenig, so wäre der Sultan von ihnen getötet oder gefangen worden.

Die Johanniter, unter Anführung eines redlichen Großmeisters, jagten aber einem Teil der feindlichen Reiterei in das nahe Gebirge nach, als der einstweilige Großmeister der Templer das Zeichen zum Rückzug gab, wodurch die Johanniter in die äußerste Gefahr gerieten. Nur mit Mühe und durch Verlust entgingen sie dem gänzlichen Untergang.

Von nun an blieben die Templer müßige Zuschauer der Schlacht. Hugo ärgerte sich mit seinem Freund Hunfred und anderen darüber und war gleich bereit., mit dem Gebieter zu sprechen.

»Verzeiht, Herr Komtur von Wallis«, begann er, »die meisten Brüder haben Lust zu streiten und nicht müßig den Ausgang der Schlacht abzuwarten.«

»Der letzte Befehl unseres würdigen Großmeisters lautete, »nur im Notfall der nächsten Schlacht beizuwohnen«, entgegnete der Komtur mit unterdrücktem Grimm. »Sobald die Not groß ist, werde ich Euch in den Kampf führen!«

»Und dann den Befehl zum Rückzug geben, wenn die tapferen Johanniter in Gefahr sind?«, fragte Hugo spöttisch.

»Im Kapitel sollt Ihr Rechenschaft von Euren Worten geben«, schrie der Komtur und warf höllische Blicke auf den Jüngling.

Die Feinde jauchzten und drangen eben siegend vor. Noch gab der Komtur keinen Befehl zum Angriff.

Da sprengte der Oberfeldherr herbei. »So müßig, Ihr Tempelherren«, schrie er, »wenn der Feigste des Heeres zum Helden wird?«

Der Komtur antwortete nicht und blickte ruhig auf den erzürnten Oberfeldherrn. Indem wurden auch die Johanniter zurückgeworfen. Der von Staub und Blut bedeckte Großmeister sprengte auf den Komtur zu. »Seid Ihr von den Sarazenen bestochen?«, fragte er ihn.

»Ich lasse mich nicht bestechen«, entgegnete er wütend.

»So seid Ihr ein feiger Bube, den ich hierdurch entehre!«, brüllte der Großmeister der Johanniter, indem er ihn mit der flachen Klinge über die Schulter schlug.

»Dies war zu viel«, knirschte der Komtur, gab das Zeichen zum Angriff und trieb in Verbindung der Johanniter den vordringenden Feind weit zurück. Von Neuem lebte der Mut der Kreuzfahrer wieder auf und auf allen Seiten musste der Feind weichen. Es bedurfte nur noch einer geringen Anstrengung und der Feind hätte die Flucht ergriffen. Aber in eben diesem Augenblick ließ der Komtur das Zeichen wieder zum Rückzug geben, doch nur wenige befolgten diesen Ruf. Mit kriegerischem Mut drangen sie weiter vor und beschämten dadurch den Komtur so sehr, dass er bald wieder an der Spitze der Templer focht.

Hugo raste mit dem Schwerte unter den Feinden, drang zu weit vor und geriet daher in die Gefahr, gefangen zu werden. Da stürmte durch den dichten Haufen der Feinde sein Freund Hunfred und ein Waffenträger von frischem jugendlichen Ansehen zu seiner Rettung herbei, wodurch er gerettet wurde.

Der Abend nahte. Beide Heere ruhten vom Kampf aus. Da ließ der Komtur abermals das Zeichen zum Rückzug geben, aber indem erneuerten die unermüdlichen Johanniter mit dem Geschrei Heiliger Johannes, sei mit uns! wieder den Kampf. Ein Teil der Templer folgte den Johannitern und bald sah sich der Komtur von Wallis genötigt, mit den Übrigen dem Beispiel zu folgen.

Der Angriff verbreitete sich mit dem Geschrei Gott will es! auf der ganzen Linie.

Die Feinde flohen in wilder Unordnung und ihr kostbares Lager fiel in die Hände der Sieger.

Die Nacht hindurch blieb man unter den Waffen, und am Tag darauf ließ sich weder in der Nähe noch in der Ferne ein Feind blicken.

Mit Beute beladen und unter allgemeinen Jubel zog das Heer wieder in Jerusalem ein.

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