Download-Tipp
Band 4

Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Detektiv Schaper – Das stille Haus – 3. Kapitel

M. v. Neuhof
Detektiv Schaper
Das stille Haus

3. Kapitel

Als Edgar Bornemann mittags gegen ein Uhr seine Wohnung betrat – sie bestand aus der ersten Etage eines vornehmen, in der Tiergartenstraße gelegenen Hauses, das er von seinem Vater, einem durch Grundstücksspekulationen zu Reichtum gelangten Bauunternehmer, geerbt hatte -, meldete ihm der Diener, dass ein Herr im Salon auf ihn warte, und reichte ihm gleichzeitig die Karte des Besuchers.

»Fritz Schaper, Schauspieler«, stand darauf.

Bornemann warf dem Diener plötzlich sehr eilig Hut und Paletot zu und betrat schnellen Schrittes den Salon, wo auf einem der Seidensessel ein jüngerer, nicht gerade übermäßig elegant gekleideter Herr saß.

»Fritz Schaper – bist du es wahrhaftig?«

Der Millionär schüttelte dem alten Schulfreund, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, warm die Hand.

»So, nun mache es dir aber zunächst einmal bequem«, meinte er nach der ersten Begrüßung in seiner herzlichen Art zu dem leicht verlegenen Schauspieler, dessen Gesicht trotz der jugendlichen Züge manche Leidensfalte aufwies. »Bitte, herunter mit dem Mantel. So, und gib auch deinen Hut her.«

Er klingelte nach dem Diener und gab diesem die Sachen. »Du bleibst doch zu Tisch hier, Fritz? Keine Ausrede. Und nun komm mit in mein Arbeitszimmer hinüber, dort ist es behaglicher.«

Dann saßen sie sich in zwei bequemen Klubsesseln gegenüber.

»Wie ist es dir denn in der Zwischenzeit gegangen, Fritz?«, begann Bornemann ungezwungen die Unterhaltung und füllte dabei die grünen Römer, die auf dem kleinen Tischchen vor ihnen standen, mit einem köstlich duftenden Breisgauer. »Zunächst aber: Prosit, Fritz, unsere Jugenderinnerungen sollen leben!«

Der Schauspieler blieb trotz des liebenswürdigen Entgegenkommens seltsam bedrückt. Sein intelligentes, glatt rasiertes Gesicht bedeckte sich mit einer verlegenen Röte, als er nun ehrlich herausplatzte. »Ich will dir gleich die Wahrheit sagen, Edgar, ich komme als Bittsteller zu dir.«

»Ändert das etwas daran, dass wir alte Freunde sind?«, meinte Bornemann ernst. »Sprich dir dein Herz frei. Ich sehe es dir an, Fritz, dass dir das Schicksal offenbar übel mitgespielt hat.«

Schaper nickte traurig. »Du weißt, dass ich erst eine Weile Apothekerlehrling war«, fing er zögernd an. »Mir behagte der Beruf aber nicht. So wurde ich gegen den Willen meines Onkels, der mich nach dem Tod meiner Eltern zu sich genommen hatte, Schauspieler. Mich lockte einmal das ungebundene Künstlerleben, dann aber glaubte ich auch – das tun ja alle angehenden Mimen – ganz besonderes Talent für die Bühne zu besitzen. Sieben Jahre habe ich mich nun in kleinen und kleinsten Theatern herumgedrückt, habe bisweilen, durch die Not getrieben, auch andere Arbeiten auf mich genommen, Schnee schaufeln, Adressen schreiben und ähnliches. Zuletzt war ich in Rathenow in Brandenburg an einer Sommerbühne verpflichtet. Aber die Schmiere, anders kann ich dieses Kunstinstitut nicht bezeichnen, verkrachte schon nach vierzehn Tagen. Seit einer Woche bin ich nun brotlos. Meine Bemühungen, anderswo unterzukommen, scheiterten. Da dachte ich an dich …« Schaper schwieg und trank hastig sein Glas leer. »Ja, an dich, nachdem ich gestern hier in Berlin in der großen Abfütterungsanstalt bei Aschinger meine letzte Mark für einen warmen Bissen ausgegeben hatte.«

»Aber Fritz, ich begreife dich nicht. Warum kamst du denn nicht früher zu mir?«, unterbrach ihn Bornemann vorwurfsvoll. »Fürchtest du etwa, dass ich dich abweisen würde? Kennst du mich wirklich so wenig?«

Der Schauspieler schüttelt ernst den Kopf. »Das wohl nicht. Aber der Plan, den ich dir unterbreiten will, ist erst heute Morgen in meinem Kopf entstanden, als ich mich nach einer schlaflos verbrachten Nacht vom harten Lager erhob, das ich in der Volksherberge in der Müllerstraße vorsichtigerweise gleich für acht Tage vorausbezahlt hatte. Um mit der Hauptsache sofort herauszurücken: Ich möchte dich um ein Darlehen zur Begründung eines Detektivinstitutes bitten. Dein erstauntes Gesicht sagt mir, dass dir diese Idee etwas stark phantastisch vorkommt. Trotzdem hat sie einen ganz vernünftigen Hintergrund. Vor einem Jahr, als ich wieder einmal ohne Stellung war, habe ich in Frankfurt am Main vier Monate lang in Diensten eines solchen Instituts gestanden und dabei nicht nur den Geschäftsbetrieb ordentlich kennen gelernt, sondern persönlich auch Erfolge erzielt, die, wie der damalige Inhaber, ein Kriminalkommissar a. D., wiederholt betonte, weit über dem Durchschnitt standen. Deshalb beabsichtige ich jetzt, mir eine neue Existenz als Detektiv zu gründen. Alles ist so weit vorbereitet, nur das Geld fehlt mir. In der Dresdener Straße gibt es eine billige Parterrewohnung, die sich für meine Zwecke eignen würde, einen Bürovorsteher habe ich in der Person eines Kollegen Lemke, dem es ebenso miserabel wie mir geht, auch schon gewonnen. Die Zeitungsanzeigen sind im Entwurf fertig, durch die Berlin von der Gründung einer neuen Detektei Kunde erhalten soll. Mit einem Wort: Ich könnte morgen Eröffnung feiern, wenn … Und wegen der Beseitigung dieses Wenn kam ich zu dir. Nun weißt du alles.«

Eine Viertelstunde später hatte Fritz Schaper ein Päckchen Banknoten in seiner Brieftasche, die, solchen Inhalts ungewohnt, sich vor Stolz ganz gehörig aufblies.

Nachdem die alten Schulfreunde dann noch zusammen ein Mittagsmahl in Bornemanns fürstlich eingerichtetem Speisesaal zu sich genommen hatten, wie der neugebackene Detektiv es seit Jahren nicht einmal von Weitem gesehen hatte, trennten sie sich, da Schaper auch nicht eine Stunde länger mit der Verwirklichung seiner Pläne zögern wollte.

 

***

 

Bert Matra ließ noch an demselben Tag seine Habseligkeiten zu seinem neuen Heim herüberschaffen. Am nächsten Morgen stellte er sich auch den übrigen Hausbewohnern in seiner Eigenschaft als Verwalter vor. So erfuhr er denn, dass sowohl der Rechnungsrat Schwarz als auch die Damen Bernhard erst vor einem Vierteljahr eingezogen waren und das Gebäude bis dahin seit längerer Zeit leer gestanden habe.

Am Nachmittag erhielt er dann einen Rohrpostbrief von Bornemann, in dem dieser ihn bat, abends bestimmt zu ihm zu kommen. Als er zu der verabredeten Zeit des jungen Millionärs Arbeitszimmer betrat, fand er diesen eifrig damit beschäftigt, eine Anzahl von mit einzelnen Buchstaben bedeckten Zetteln zu ordnen.

»Was tust du denn da, du Allerweltsgenie?«, fragte der Schriftsteller, nachdem sie sich wie immer herzlich begrüßt hatten.

Bornemanns volles, rundes Gesicht verzog sich zu einem vielsagenden Lächeln.

»Bitte, setz dich, Bert. Zigarre gefällig? So, und nun höre und staune, was ich festgestellt habe. Kein anderer als Heidersen hatte dir damals die Annonce zugeschickt!«

Matra starrte den Freund ungläubig an. Er begriff nicht sofort, wie außerordentlich wichtig diese Mitteilung war und welche Folgerungen sich leicht daran knüpfen ließen.

»Woher willst du das wissen?«, meinte er unsicher. »Und welches Interesse sollte Heidersen haben, gerade mich …«

»Bitte, zerbrich dir nicht unnötig den Kopf«, fiel Bornemann ihm ins Wort. »Hinter dieser Geschichte steckt meines Erachtens irgendein Geheimnis. Davon war ich gleich fest überzeugt, als du mir erzähltest, welch eigenartige Wünsche der Alte hinsichtlich seines geschäftlichen Verkehrs und wegen der Bilder in deinem Zimmer geäußert hatte. Absichtlich sagte ich dir jedoch nichts von dieser meiner Vermutung. Ich wollte mir erst Gewissheit verschaffen.«

Er machte eine kurze Pause. »Sag mal, Bert«, fuhr er dann fort, »ist es dir gar nicht aufgefallen, dass Heidersen dich als Mieter annahm, während er Belling, gegen den doch auch nichts einzuwenden ist, ohne jede Angabe von Gründen ablehnte?«

»Allerdings, seltsam kam mir das vor«, meinte Matra. »Aber ich habe nicht weiter darüber nachgedacht.«

»Ich aber!«, versicherte der Millionär eifrig. »Und schon damals tauchte der Verdacht in mir auf, dass es Heidersen gerade um deine Person als Mieter für sein Zimmer zu tun war. Er wollte dich in seiner Nähe. Deshalb der billige Preis, deshalb die Anzeige, die er dir zuschickte, um dich zu veranlassen, zu ihm zu kommen.« In Bornemanns Worten lag es wie ein versteckter Triumph über diese seine Entdeckungen.

»Alles doch nur Vermutungen, Alterchen«, meinte der Schriftsteller daraufhin achselzuckend. »Ich wiederhole, was ich schon vorhin sagte. Welches Interesse kann Heidersen an mir nehmen?«

»Auch das werden wir herauskriegen, Bert. Verlass dich darauf. Jedenfalls ist die Adresse auf dem Kreuzband und die Notiz am Rande des Anzeigenblattes von derselben Hand geschrieben, die auch die Visitenkarte an deines Wirtes Flurtür anfertigte – eben von der Heidersens. Bitte, betrachte dir diese Blätter hier. Es sind genaue Zeichnungen einzelner Buchstaben nach fotografischen Vergrößerungen. Siehst du, wie auffallend sich diese beiden großen H ähneln, trotzdem der Schreiber sich alle Mühe gab, das H bei Herrn auf der Adresse des Kreuzbandes anders zu formen! Aber die merkwürdige Art, die Schleifen dieses Buchstabens auszurunden, vermochte der Schreiber doch nicht ganz loszuwerden. Die Gewohnheit war eben stärker als sein Wille. Derartige Ähnlichkeiten zwischen der verstellten und der wirklichen Handschrift habe ich im Ganzen achtmal gefunden. Das genügt mir. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, dass Heidersen dieser geheimnisvolle Gönner war, der dich auf die Anzeige, die er nur deinetwegen eingerückt hatte, aufmerksam machte.«

Matra war nun auch von der Richtigkeit dieser Feststellungen seines Freundes überzeugt.

»Also deshalb ließest du dir die Zeitung und das Kreuzband noch an demselben Tag von mir geben, an dem ich bei Heidersen gemietet hatte«, meinte er nachdenklich. Offenbar suchte er nach einer Erklärung, weshalb der alte Sonderling ihn auf diese Weise in sein Haus gelockt hatte.

»Ja, und aus demselben Grund habe ich auch vorgestern, als du umzogst, mit meiner Westentaschenkodak, die so haarscharfe Bilder liefert, von der Visitenkarte einige Aufnahmen gemacht und von diesen wieder Vergrößerungen hergestellt, was für mich bei meinem reichen Material an fotografischen Apparaten aller Art ein leichtes ist«, fuhr Bornemann fort. »Es handelt sich also nicht mehr um bloße Vermutungen, wie du vorhin annahmst, sondern um eine einwandfrei erwiesene Tatsache von weittragender Bedeutung, nämlich darum, dass Thomas van Heidersen ein großes Interesse daran gehabt hat, dass du, und zwar gerade du, zu ihm ziehst!«

»Die Sache ist mir vollkommen unerklärlich«, meinte der Schriftsteller kopfschüttelnd und starrte den Freund ganz ratlos an. »Was hältst du davon, Edgar? Ich werde daraus nicht klug.«

»Glaube ich gern. Aber es kommt noch besser. Ich habe nämlich noch mehr entdeckt, Bert. Du weißt, dass ich dir vorgestern beim Einrichten deiner neuen Behausung half und während du deine Bücher auspacktest, die Bilder und Fotografien annagelte. Wie ich nun oben auf der Trittleiter stand und deine vortreffliche Kopie des Rembrandtschen Gemäldes Nachtwache neben dem riesigen alten Ölbild, das mit nicht weniger als acht Eisenhaken an die Mauer befestigt ist, aufhing, bemerkte ich etwas, das mir sofort höchst verdächtig vorkam. Das alte Ölbild des in die Tracht des 16. Jahrhunderts gekleideten Mannes hat nämlich nicht gemalte, sondern Glasaugen, die tadellos eingesetzt sind und bei flüchtigem Hinsehen von unten aus niemandem auffallen würden. Anders bei mir, der ich mich auf der Leiter in gleicher Höhe mit dem Kopf des Porträts, das sicher einen reichen Kaufherrn darstellt, befand. Ahnst du, was diese sicherlich leicht zu entfernenden Glasaugen für ein Zweck haben, Bert?«

Matra nickte zerstreut. »Natürlich! Das Bild hängt ja an der Wand zum Nebenzimmer hin, das zu Heidersens Wohnung gehört. Du glaubst, dass es in der Mauer eine Öffnung gibt und der Alte mein Tun und Treiben durch die Augenlöcher beobachten will?«

»Genau dasselbe nehme ich an – genau dasselbe«, erklärte Bornemann eifrig, um dann hinzuzufügen: »Wenn wir nun noch in Betracht ziehen, dass Heidersen dir ausdrücklich verboten hat, die ihm gehörigen Bilder des Zimmers anzurühren, so gewinnt diese unsere Vermutung über den Zweck der Glasaugen bedeutend an Wahrscheinlichkeit. Eines der Bilder verdeckt eben eine geheime Vorrichtung, die dir auf jeden Fall verborgen bleiben soll. Merkwürdigerweise sind nämlich all die anderen Stahlstiche usw. nur des Scheines wegen mit drei oder vier Haken an der Wand befestigt, wie ich mich vorsichtig überzeugt habe. Nur das große Porträt mit dem breiten Goldrahmen hat die acht Eisenhaken als Stützpunkte erhalten, obwohl schon drei von diesen klobigen Dingern genügt hätten, um das Gemälde für alle Ewigkeit zu tragen.«

Matras Zigarre war längst ausgegangen. Er war so vollständig von seinen Gedanken in Anspruch genommen, dass er für nichts anderes mehr Sinn hatte. Unaufhörlich irrte sein Denken im Kreise: Heidersen der Absender des Zeitungsblattes, Heidersen der, der ihn durch diese raffinierte Maßregel gewonnen, der das Zimmer ganz neu eingerichtet, der das Gemälde für seine Absichten besonders präpariert hatte – und wozu das alles, wozu?

»Du hast also ebenfalls noch nicht die geringste Ahnung, wozu ich diesem Menschen dienen soll, Edgar?«, fragte der Schriftsteller nun missmutig.

»Nein. Aber das wird die Zukunft schon zeigen. Ist heute noch etwas geschehen, was mit Heidersen irgendwie zusammenhängt?«

Matra dachte nach. »Ja. Ich habe heute die erste schriftliche Benachrichtigung von ihm in meinem Briefkasten gefunden, und zwar, kurz bevor ich zu dir kam.«

Bornemann richtete sich interessiert in seinem Schreibsessel auf. »Hast du den Brief mitgebracht?«

»Leider nein. Ich wusste ja nicht, dass er für uns so wichtig sein würde. Der Alte teilte mir auf einem offenen, nur zusammengefalteten Zettel mit, dass er morgen früh verreisen will, und dass der neue Mieter, ein gewisser Ewald Pickler, bereits diesen Sonnabend einzieht – also übermorgen.«

»So. Und das wäre alles?«, forschte Bornemann nochmals.

»Eigentlich ja. Aber vielleicht legst du Gewicht darauf, zu erfahren, dass Heidersens Aufwärterin, die ja auch meine Zimmer reinigt, taubstumm ist«, erwiderte Matra nach kurzem Besinnen.

»Taubstumm? So, so! Nun, das dürfte kein bloßer Zufall sein – wenigstens meines Erachtens. Ein dienstbarer Geist, der nicht horchen kann und sich zudem nur schwer mit anderen zu verständigen vermag, ist ein sehr bequemer Hausgenosse. Meinst du nicht auch, Bert?«

»Für Heidersen vielleicht – für mich weniger. Ich muss der Frau nämlich alle meine Wünsche aufschreiben. Lesen kann sie zum Glück.«

Bornemann lachte belustigt. »Ein recht gemütliches Heim, weiß der Himmel! Man verkehrt schriftlich miteinander, beobachtet sich durch die herausgeschnittenen Augen eines Porträtgemäldes, hat so ein kleines Dutzend anderer Heimlichkeiten voreinander, alles für zehn Mark monatlich! Mehr kann der Mensch nicht verlangen! Doch Scherz beiseite, wenn man alle diese Seltsamkeiten, die mit deiner neuen Wohnung zusammenhängen, einzeln betrachtet, so schauen sie nicht gerade bedenklich aus, zusammengenommen dagegen sehr, womit ich nur sagen will, dass eine gewisse Vorsicht immerhin am Platze ist. Deshalb kann es nichts schaden, Bert, wenn du jederzeit die Augen hübsch offenhältst. Irgendein Geheimnis liegt hier vor, darüber sind wir uns wohl einig. Um nun dieser Sache auf den Grund zu gehen, habe ich einen Bekannten von mir, der sich seit heute hier in Berlin als Privatdetektiv niedergelassen hat, beauftragt, den alten Heidersen scharf zu beobachten.«

»Einen Bekannten?«, fragte Matra verwundert. »Wer ist dieser Herr? Kenne ich ihn?«

»Soweit ich weiß, nicht. Er heißt Fritz Schaper und war früher Schauspieler. Gestern suchte er mich auf und bat, ich möchte ihn doch so etwas begünstigen. Da kam es mir also recht gelegen, dass ich ihn nun gleich ein wenig in Nahrung setzen könnte.«

Davon, dass er dem alten Schulfreund mit Geld ausgeholfen und ihm so erst die Gründung einer neuen Existenz ermöglicht hatte, erwähnte der in solchen Dingen überaus vornehm denkende Millionär kein Wort.

Im selben Moment hörte man an der Tür das ungestüme Kratzen und leise Winseln eines Hundes.

Eilfertig sprang der sonst etwas bequeme Bornemann auf. »Hallo, da ist ja auch Hektor von seinem Spaziergang zurück. Ich hatte ihn mit dem Chauffeur ein paar Stunden ausgeschickt.«

Kaum war die Tür geöffnet, als auch schon ein schlanker, schön gezeichneter Wolfshund ins Zimmer stürmte und seinen Herrn vor Freude bellend umsprang.

»Ruhig, Hektor, kusch dich! So, und nun geh, begrüße den Onkel Matra.«

Gehorsam legte das kluge Tier seinen feinen, edlen Kopf mit den großen, verständigen Augen dem Schriftsteller in den Schoß. Und Matra, der dem Hund sehr zugetan war, begann ihm sofort das weiche Fell zu kraulen.

Gegen halb zehn verabschiedete sich Matra.

Bornemann, welcher seinen Freund noch bis zur Flurtür begleitete, flüsterte ihm noch im letzten Moment zu: »Heute Nachmittag sind meine Schwiegereltern eingetroffen. Und morgen – ja morgen schon kommt sie, meine Frau Hadwig …!«

»Wirklich? Wann denn? Darf ich mich nicht wenigstens zur Begrüßung auf dem Bahnhof einfinden?«, bat der Schriftsteller, dem anderen warm die Hand drückend.

Bornemann schüttelte lachend den Kopf. »Nein, Bert, die Feier morgen geht im allerengsten Familienkreis vor sich. Aber übermorgen, da bist du herzlich nach Wannsee eingeladen. Gute Nacht, auf Wiedersehen!«

Matra versuchte dann daheim noch etwas zu arbeiten. Aber es fehlte ihm die nötige Stimmung, um das begonnene Romankapitel zu vollenden. Eine nervöse Unruhe ließ ihn immer wieder aufstehen und das Zimmer mit schnellen Schritten durchqueren. Öfters schaute er dann unwillkürlich zu dem großen Porträtgemälde mit den matt glänzenden Augen empor.

Wie eine geheimnisvolle Macht ging es von diesen Augen aus. Matra, gewss nicht abergläubisch, drehte schließlich das Licht der dreiarmigen Krone an, da die Schreibtischlampe in den Ecken des Zimmers nur ein ungewisses Halbdunkel verbreitete, das den Schriftsteller heute störte. Er musste wirklich alle Energie anwenden, um sich wieder an seine Arbeit zu setzen. Doch bereits nach der ersten halben Seite machte sich der Einfluss des Bildes, das in seinem Rücken an der Wand hing, wieder fühlbar. Es ging nicht. Die Glasaugen waren stärker als er.

Unmutig legte der die Feder hin, erhob sich und nahm in einem der Sessel am Mitteltisch Platz, um die Abendzeitung durchzusehen. Bald merkte er aber auch nun, dass seine Blicke über die Zeilen dahinglitten und er nichts von dem Gelesenen begriff. Seine Gedanken waren bei dem Gemälde, hinter dem nun vielleicht der magere Totenkopf Heidersen lauerte und neugierig auf ihn herabstierte. Und diese Vorstellung ließ sich durch keinerlei Mittel verscheuchen.

Endlich gab Matra den Kampf auf und suchte im Schlaf Vergessen zu finden. Auch das half nicht viel. Stundenlang lag er noch wach und horchte mit angespannten Sinnen auf jedes Geräusch im Haus.